7: Über die Eisgeschichte der Stadt Bergen

Günther Kohrs (links) hat den alten Eiswagen instand gesetzt. Michael Lipnicki, Jutta Stankewitz und Karl-Heinz Lindhorst (von rechts) wissen einiges über das Berger Eis zu berichten. Lipnicki möchte den Wagen in den Bestand des Berger Museums aufnehmen. Foto: Andreas Babel

Was man anhand eines alten Eiswagens alles so erfahren kann... In der CZ hatten wir ein Foto aus dem Jahr 1948 gedruckt. Es zeigte einige Männer hinter einem aus Holz gezimmerten Hand-Eiswagen. Mit Hilfe von Zeitzeugen haben wir einen Teil der Berger Stadtgeschichte beleuchtet.

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BERGEN. Günther Kohrs ist ein bescheidener Mann. Er redet nicht viel. Aber er betätigt sich gerne als Handwerker. Als er sich vor vier Jahren von seiner großen Werkstatt trennen musste, weil er ins „Alten- und Pflegeheim Bergen“ zog, war er schon sehr traurig. Jetzt hat der Rentner eine neue Beschäftigung gefunden: Seit Oktober vergangenen Jahres hat er einen alten Eiswagen instand gesetzt, der in einem Schuppen an der Kirchgasse gefunden worden war.

Jutta Stankewitz, Ergotherapeutin und Leiterin des begleitenden Dienstes des Heimes, hatte das Suchbild in der CZ gesehen, das Eisverkäufer hinter einem Eiswagen im Jahr 1948 zeigte. Sie hatte zuvor dafür gesorgt, dass Kohrs den Eiswagen im Keller des Heimes reparieren durfte.

Michael Lipnicki vom Bauamt der Stadt Bergen und mit zuständig für das Berger Museum, hatte vor dem Abriss des Schuppens an der Kirchgasse dort den Eiswagen und 274 Stück Geschirr entdeckt. Die abgetragenen Eichenbalken des Schuppens, das Geschirr und den Eiswagen bewahrt er für die museale Arbeit auf. Der Schuppen befand sich direkt neben dem Wismerschen Haus, das dort stand. Daran erinnert sich der 89-jährige Heimbewohner Karl-Heinz Lindhorst. Er schließt die Augen, während er den Wismer-Stammbaum „herunterbetet“. Wilhelm Wismer soll einst in dem ersten Haus Bergens gelebt haben. Dort, wo heute die „Sansibar“ untergebracht ist, war die Adresse Bergen Nr. 1, weiß Lindhorst. Zum Vergleich: Das Haus, das sein eigener Vater Ende 1927 an der Ringstraße fertigstellte, trug die Adresse Bergen Nr. 366. Erst Mitte der 1930er-Jahre wurden in Bergen die Hausnummern den Straßennamen zugeordnet.

Die Familiengeschichte der Wismers zu ergründen, ist ein schier unlösbares Unterfangen. Fest scheint jedenfalls zu stehen, dass Hermann Wismer am Friedensplatz im Erdgeschoss Eis und Süßigkeiten verkaufte und im zweiten Obergeschoss ein Café betrieb, das man über eine Wendeltreppe erreichte. Friedrich Wismer betrieb an der Kirchgasse eine Bäckerei und verkaufte mindestens seit den 40er-Jahren auch Eis. Gustav Brosda (Jahrgang 1919) heiratete eine Wismer-Tochter und führte das Geschäft bis mindestens in die 60er-Jahre fort, erinnert sich seine zweite Frau. Sie lebt noch in Bergen. Als Eisverkäufer kannte Lindhorst nur Kurt Möschler, der aber von Hermann Wismers Geschäft aus Eis verkaufte. Auf dem in der CZ veröffentlichten Foto erkannte Ortschronist Karl Heitmann seinen verstorbenen Bruder Claus als Zweiten von rechts und als Dritten von links den ebenfalls schon verstorbenen Paul Glenewinkel. Die beiden Männer ohne Eisjacken kannte Heitmann nicht. Das seien sicher „keine Berger“, meint er.

Während Lipnicki vom „herrlichen Blick über Bergen“ aus dem Café-Fenstern schwärmt, erinnert sich Lindhorst noch an die frühen 1930er-Jahre. Da kamen nämlich die Eisverkäufer von Talamini mit einem motorisierten Dreirad aus Celle nach Bergen. Auf dem Friedensplatz wurde dann Eis verkauft. Lindhorst schließt wieder die Augen. „Es gab vier Sorten: Vanille, Schoko, Erdbeer und Zitrone. Kugeln in Tüten kosteten 5 und 10 Pfennig, für 20 Pfennig gab es Muscheln voller Eis“, sagt er. Als Wismers begannen, das „Berger Eis“ anzubieten, lohnte sich für Konkurrent Talamini die weite Fahrt nach Bergen nicht mehr.

Für Günther Kohrs war sein Einsatz beim Bau des Elbe-Seiten-Kanals der Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn als Maschinenschlosser und Fahrer der damals weltgrößten Caterpillar-Maschinen. Wenn er demnächst den Eiswagen an das Berger Museum übergeben wird, folgt ein Höhepunkt seines Lebensabends.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.05.2015 um 11:37 Uhr
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