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Sex, Lügen und Politik

Foto: privat

Sascha Adamek arbeitet seit siebzehn Jahren als Journalist und Filmemacher für die ARD. Außerdem ist er Autor zahlreicher Fernsehdokumentationen und Besteller-Bücher, wie „Die facebook-Falle“ und „Die Atom-Lüge“. Diese Woche erscheint sein neues Buch „Die Machtmaschine“, in dem er die Skandale der Politiker kritisch unter die Lupe nimmt und von einer neuen Seite beleuchtet. CZ-Mitarbeiterin Johanna Hasse hat mit Sascha Adamek über Politik, Macht und Intrigen gesprochen.

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Herr Adamek, in Ihrem Buch „Die Machtmaschine“ geht es um Abhängigkeiten und Erpressungspotenziale im politischen Leben. Wo sehen Sie die größte Erpressbarkeit bei Politikern?

A: Die größter Erpressbarkeit liegt dort, wo man sich an der Günstlingswirtschaft beteiligt. Da wo man sich selbst verstrickt, indem man Vorteile aus der Wirtschaft und Finanzindustrie annimmt. Die Erpressungspotenziale können aber auch in der Partei selbst liegen. In dem Fall sagen es Politiker selbst: Es gibt immer die Gefahr, dass Parteifreunde Erkenntnisse aus dem Privatleben missbrauchen. Es gibt also zwei Stränge – einmal die Verstrickung mit der Wirtschaft, und die innerparteilichen Gegner.

Sie sprechen davon, dass Macht als „Aphrodisiakum“ wirkt. Inwiefern kann Macht verführen?

A: Macht verführt vor allem dazu, sie zu jedem Preis erhalten zu wollen. Deswegen sollte man sich nicht abhängig machen von der Macht. Politiker und Abgeordneten müssten so gut finanziell ausgestattet sein, dass sie nicht in die Lage geraten, Sorge um einen Jobverlust zu haben. Die Gefahr von Machtverlust verführt einige dazu, Ränkespiele innerhalb der Partei zu betreiben. Politiker machen sich zudem abhängig von Lobbyisten, indem sie sagen: „Ihr unterstützt mich mit Parteispenden und im Gegenzug unterstütze ich eure Initiativen. Am Ende der Legislaturperiode werde ich dann wieder gewählt, weil ich aufgrund vieler Spenden, guten Wahlkampf betreiben konnte.“ Solche Beispiele zeigen einfach, dass da etwas nicht im Lot ist in unserer Demokratie. Man sollte fordern, dass sich jeder Politiker unabhängig von der Macht machen muss.

Das ist eine gewagte Forderung, Herr Adamek. Politiker sind auf Macht angewiesen. Wie könnten sie sich tatsächlich davon freimachen?

A: Natürlich ist Macht die Grundlage für eine erfolgreiche Politik. Mehr aber nicht. Sie darf keine ökonomische Abhängigkeit begründen. Denn dann verselbständigt sie sich. Wir sollten nie vergessen: wir verleihen als Wähler die Macht nur auf Zeit.

Einen großen Teil Ihres Buches widmen Sie der Geschichte von Christian und Bettina Wulff...

A: Das war zwangsläufig so.

Inwiefern ist dieser Fall archetypisch für die Abhängigkeiten und Erpressungspotenziale im politischen Leben?

A: Es gibt in der jüngsten deutschen Geschichte keinen anderen Fall, wo sich in einer einzigen Person so viele Verstrickungen, Abhängigkeiten und Abgründe persönlicher Art kulminieren, wie bei Christian Wulff, und auch seiner zweiten Gattin Bettina Wulff. Es hat sich niemand so tief verstrickt wie Wulff. Zunächst als Ministerpräsident und auch schon vor seiner Ankunft im Bundespräsidialamt, wo bereits über sein Privatleben mehr als getuschelt wurde. Es sind Dossiers im Spiel, von denen ich bereits 2010 erfahren habe, die sehr unschöne private Details über ihn preisgeben. Da fragt man sich, warum eine amtierende Bundeskanzlerin einen solchen Mann in das höchste Amt hebt. Man könnte sagen, es ist für sie vielleicht praktisch einen schwachen Bundespräsidenten zu haben. Auf der anderen Seite begibt sie sich aber auch in die Gefahr, eine Bauchlandung zu erleben, und das ist schlussendlich auch geschehen.

Es geht in Ihrem Buch besonders um den „menschlichen Makel“ als Machtfaktor. Was hat Sie dazu angestoßen, die Dimension des Privaten in die politische Machtanalyse mit einzubeziehen?

A: Inspiriert hat mich dazu der Fall Guttenberg und auch der Fall Wulff. Beides sind Personen, die von vielen Medien, auch von kritischen und politischen Journalisten, zunächst einmal sehr positiv angesehen wurden. Man hat gedacht: Das sind „Anti-Politiker“ und die faszinieren uns. Genau diese Verführung (auch der Medien) durch solche Personen, hat mich persönlich sehr erschreckt. Dass diese Leute einen solch grandiosen Aufstieg mit der Hilfe großer Medienkonzerne unternehmen können, das ist ein Phänomen, das wir bis jetzt nur aus anderen Ländern kannten. Deswegen habe ich überlegt, wie das eigentlich kommt. Ich bin dann schnell darauf gestoßen, dass diese Politiker das Privatleben selbst in die Politik als Machtfaktor eingeführt haben, indem sie viele Facetten ihres privaten Daseins politisch instrumentalisiert haben. Im Grunde genommen haben sie selbst diesen Machtfaktor erst zugänglich gemacht für mich als kritischen Journalisten, und ermöglicht, dass ich darüber schreiben kann. Niemand könnte über die angebliche Rotlicht-Vergangenheit von Bettina Wulff schreiben, wenn nicht sie selbst es so breitgetreten hätte. Wir haben immer einen Bogen darum gemacht, aber ich denke, wir sollten diese Angelegenheiten nicht den Boulevard-Medien überlassen, wo häufig solche Informationen auch instrumentell eingesetzt werden zum richtigen Zeitpunkt. Ich erinnere nur an Seehofer. Als die Stoiber-Nachfolge verhandelt wurde 2007, kam prompt die Meldung in der BILD-Zeitung, Seehofer habe eine Geliebte. Dabei wusste das Blatt dies bereits sehr viele Monate zuvor, doch man hatte vereinbart nicht darüber zu schreiben. In dem Moment als es um die Nachfolge ging, kam es doch ins Blatt. Das zeigt, dass man diesen Faktor nicht leugnen kann und auch nicht sollte, weil man dann solchen Intriganten erst recht das Feld überlässt.

Wo sehen sie dann die Problematik der journalistischen Recherche? Wann werden Grenzen überschritten?

A: Wir müssen natürlich die Privatsphäre weiterhin respektieren, soweit sie von den Betroffenen selbst nicht ins Feld geführt wird. Wir haben gute Beispiele. Herr Trittin oder Frau Merkel sorgen systematisch dafür, dass ihr Privatleben weitestgehend aus der Öffentlichkeit herausgehalten wird. Wenn sich aber herausstellen würde, dass sie in irgendeiner Weise über persönliche Beziehungen Vorteile annehmen würden, die mit ihrer Amtsführung zu tun haben, dann darf es die Grenze der Privatsphäre nicht mehr geben. Das muss dann auf den Tisch und darf nicht verschwiegen werden. Deswegen fordere ich präventiv, dass solche Beziehungen offen gelegt werden. Alle Treffen mit Leuten aus der Wirtschaft, mit Lobbyisten, mit „Freunden“ (die eher Gönner sind) gehören vorab veröffentlicht.

Also sehen sie das Thema eindeutig als politisch relevant?

A: Ja selbstverständlich. Dass es politisch relevant ist, sehen wir an der Tatsache, dass wir einen Bundespräsidenten und vorher einen Ministerpräsidenten hatten, der 6 Jahre lang unwidersprochen und ohne juristische Reaktion diese Gerüchte hingenommen hat und sich damit systematische geschwächt hat, sich politisch und medial erpressbar gemacht hat, auch vor den Augen und Ohren der Kanzlerin. Das ist für mich hoch politisch.

Sie stellen sich in Ihrem Buch die Frage: Was treibt Politiker zu Fehltritten und warum versagen hier hochbezahlte Berater? Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

A: Die Politiker fragen ihre Berater einfach nicht, bevor sie sich auf Verstrickungen einlassen. Das ist das Problem. Wenn sie sie fragen würden (und auch Politiker sind beratungsresistent), dann würden diese ihnen dazu raten, die Finger von solchen Sachen zu lassen. Man wundert sich teilweise über die Naivität. Ich kenne aber auch eine Menge Politiker, die gar nicht erst auf den Gedanken kommen würden, sich zu teuren Reisen oder Partys einladen zu lassen, weil sie genau wissen, welche Abhängigkeiten das schafft.

Sie schreiben auch, dass es Zeit ist, die Machtfrage neu zu stellen. Wie meinen Sie das?

A: Wir können nicht immer nur sagen, dass wir neue Lobby-Machenschaften entdecken, und diese dann auf die Politik zurückführen. Wir müssen grundsätzlich hinterfragen, ob es ausreicht, dass wir alle vier Jahre wählen. Und wir müssen auch das politische Personal hinterfragen und nicht misstrauisch, sondern ganz offen sagen „Leute, wenn ihr das möchtet, dann statten wir euch auch mit den nötigen Mitteln aus“. Ich plädiere dafür, dass tatsächlich Spitzenpolitiker besser bezahlt werden , damit sie nicht von Lobbyisten abhängig sind. Im Gegenzug würde ich aber sagen, müssen die sich viel transparenter machen, was im Moment in keinster Weise gewährleistet ist. Ich finde es nicht mehr erträglich, dass wir nach so vielen Jahren immer noch im Bundestag über die Frage diskutieren, ob Abgeordneten-Bestechung nicht langsam mal strafbar sein müsste. Wir sind eines der letzten Länder auf der Welt, in denen das nicht strafbar ist. Das sind Sachen, da sage ich, wir müssen die Machtfrage neu stellen. Wer soll denn die Macht am Ende haben? Die gewählten Politiker oder die Gönner und Lobbyisten? Da können wir nicht immer nach der Struktur gucken, sondern wir müssen uns auch die Personen ansehen.

Sehen Sie eine Gefahr für die Demokratie?

A: Ja, selbstverständlich. Strukturen, die neben den demokratisch vorgesehenen Wegen zur Meinungsbildung existieren, sind grundsätzlich anti-demokratisch, weil sie sich ja unserer Kenntnis entziehen und weil sie Abhängigkeiten schaffen, die nichts mit der von uns demokratisch verliehenen Macht zu tun haben. Das sind andere Machtkanäle und die können nicht demokratisch sein.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Adamek.

Johanna Hasse Autor: Johanna Hasse, am 28.03.2013 um 17:02 Uhr
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