96: Als Polizisten in Celle noch Helme trugen

Foto: Brigitte-Carola Röhrssen

Mord und Totschlag gab es auch schon in den 1950er Jahren im Celler Land. Eines war aber anders: Die Bevölkerung hatte größeren Respekt vor den Ordnungshütern. Zeitzeugen berichten von einem Polizisten, der während des Krieges „die rote Gefahr“ genannt wurde, von einem treuen Schutzhund und von konfiszierten Fußbällen.

CELLE. Bevor die Celler Polizeiinspektion den Neubau an der Jägerstraße bezog, waren die Räumlichkeiten der Ordnungshüter bei den Stadtwerken und davor an der Ecke Bergstraße/Südwall untergebracht. Darauf weist der Celler Hänschen Röling (Jahrgang 1940) hin. Er weiß, dass der Standort an der Bergstraße günstig lag, denn in einem Nachbarhaus war die „Herberge zur Heimat“ untergebracht, in der nicht Sesshafte nächtigten. „Wenn die Hausbewohner Schlägereien anzettelten, rief der Heimleiter die Polizei und die Leute kamen zur Ausnüchterung in die Zellen an der Heringsgasse“, sagt Röling.

Weit blickt Hermann Timme (Jahrgang 1928) zurück: Während des Krieges war ein Polizeibeamter Overbeck in Celle tätig, der ein riesenhafter Kerl war, den die Kinder und Jugendlichen nur „die rote Gefahr“ nannten. „Das war ein Schweinehund, der auch Polen geprügelt haben soll und wohl deshalb nach dem Krieg aus dem Dienst entfernt worden ist. Als Timme noch Neu-Celler war, warnte ihn sein Freund Georg Müller vor der „roten Gefahr“, als die Jungs an der Ecke der Neuen Straße mit dem Markt mit einem Mädel zusammen standen. „Ich habe gedacht, dass George, so nannte ich meinen Freund, darauf anspielt, dass das Mädchen seine Tage hat und habe ihn später gefragt: ,Sag mal, wie kannst Du so darüber reden?‘ Da ist er von seinem Fahrrad abgestiegen, hat sich schlapp gelacht und mir erklärt, was er mit der ,roten Gefahr‘ meinte.“ Der Polizist war nämlich in Sichtweite, als die beiden Halbwüchsigen in der Altstadt mit dem Mädchen beisammenstanden.

Als Timme wenig später seinen Krad-Führerschein machen wollte, obwohl er noch nicht 16 Jahre alt war, holte er sich bei dem sehr väterlichen Polizei-Oberleutnant Meyer die nötigen Unterlagen ab. Diese wollte er eines Tages auf dem Polizeirevier an der Bergstraße wieder abgeben. Doch wer saß in Meyers Büro?: Die „rote Gefahr“. Polizist Overbeck schrie Timme an: „Was, du Schnösel, du willst den Führerschein haben? Scher dich sofort raus!“ Was Timme nicht wusste: Der Beamte hatte sich nur einen Scherz erlaubt. Doch Timme traute sich wochenlang nicht wieder ins Revier hinein, aus Angst, auf diesen merkwürdigen Kerl zu treffen. Eines Tages fasste er aber doch all seinen Mut zusammen und betrat die Räume. Zum Glück war Oberleutnant Meyer im Büro und Timme hatte bald seinen Führerschein in Händen, der ihn berechtigte, für die Hitlerjugend als Kradmelder tätig zu werden.

Später wurde Timme in Celle als zaubernder Lokomotivführer bekannt. In dieser Eigenschaft unterhielt er beim „Polizeivergnügen“ in der Union die Beamten und ihre Angehörigen. „Ich habe noch nie eine so üppige Dekoration wie bei diesem Vergnügen gesehen. Und es hat mir besonderen Spaß bereitet, den Kriminalbeamten auf der Bühne die Brieftasche zu stibitzen und sie ihnen vor Publikum zurückzugeben“, erzählt Timme.

Gustav Bopp (Jahrgang 1925) war ab 1946 und bis Eintritt in den Ruhestand Polizeibeamter in Stadt und Landkreis Celle, 42 Jahre lang, wie der rüstige Rentner sagt: „Und ich hätte noch 20 Jahre weitermachen können, weil es mir so gut geht.“ Bopp war mit Leib und Seele Polizist.

Die schönste Zeit verbrachte Bopp ab Ende 1952 mit seinem Schutzhund „Lex von der Sylvaburg“. Etwa acht bis neun Jahre war der Polizeihund sein ständiger Begleiter, ehe die Beine des Tieres steif wurden und er ihn schweren Herzens in andere Hände geben musste. Weil er solch ein ausgezeichneter Polizeihundeführer war, sollte er weiterhin Schäferhunde ausbilden. „Ich habe aber alle anderen Hunde mit meinem Lex verglichen und das dann aufgegeben“, sagt Bopp.

Lex half bei der Suche nach vermissten Kindern und alten Leuten, die sich verirrt hatten. Er fand die Leiche einer alten Frau in einem Teich. „Meine Frau hatte wieder ein gutes Essen gemacht. Aber an dem Abend hatte ich keinen Appetit.“ Auch bei einem Mann, der sich ganz oben in einem Baumwipfel erhängt hatte, schlug der Schäferhund an.

In Wietze war Bopp einmal als Erster am Tatort, als ein Mann seine Ehefrau und sich selbst erschossen hatte. Die Kripo wollte ihn als Mitarbeiter gewinnen, doch seine Frau war dagegen, dass er nur noch mit Mord und Totschlag konfrontiert war. Also blieb er einfacher Polizist. Auch in Hannover war er bei Demonstrationen im Einsatz. „Es flog nur ein Stein rüber zu uns. Und wen traf der am Helm? Natürlich mich. Der Helm war ganz schön verbeult.“ Ob ihm jemals etwas im Einsatz passiert ist? Bopp schmunzelt und sagt: „Ich hab‘ mein ganzes Leben Sport gemacht. Ich habe Handball und Faustball in der Polizeiauswahl gespielt. Wir waren die Prinzengarde. Ich hatte Muskeln wie ein Boxer.“

Früher wurden die Tore des Französischen Gartens allabendlich verschlossen. „Danach waren die britische und die deutsche Polizei aktiv und haben Liebespaare festgenommen“, meint Röling. Diese haben sich sicherlich unbefugt Zutritt zu dem Park verschafft oder sich dort länger als erlaubt aufgehalten, ob sie aber tatsächlich in Arrest kamen, ist nicht überliefert.

Unter seinen Kunden kannte Bäckermeister Röling auch einige Originale, die Polizisten waren. So kannte er einen Kripobeamten, der eine Koryphäe bei der Ermittlung von Brandursachen war. „Er hat ohne die heutigen technischen Hilfsmittel bei einem Hausbrand sofort den Brandherd erkannt.“ Ein Polizeibeamter, der an der Hattendorfstraße im Heesegebiet wohnte, durchsuchte die Mülltonnen seiner Nachbarschaft für sich und seinen Hasen nach Essbarem. Wegen dieser nicht mit seiner Dienststellung vereinbaren „Unsitte“ wurde der Mann frühzeitig in den Ruhestand versetzt. Im Alter von 54 Jahren ließ sich ein Beamter aus der Hornbostelstraße in den Ruhestand versetzen, weil er angeblich todkrank war – er wurde 94 Jahre alt.

Zudem kannte Röling einen Polizeibeamten, den er mit der Schuhstraße in Zusammenhang bringt. „Der hatte immer Durst. Er hat sich seine Schuhe ausgezogen und an der Bordsteinkante abgestellt. Dann hat er in der Gosse geschlafen. Seine Kollegen haben ihn öfter dort gefunden und nach Hause gebracht“, erzählt Röling. Einmal hat er Mitte der 1950er Jahre auch selbst Kontakt mit der Ordnungshütern im Dienst gehabt: „Im Residenz-Kino auf dem Schützenplatz lief ein Sittenfilm. Wir Vierzehnjährigen mussten dort unbedingt hin. Die Polizei kam und hat uns da rausgeholt. Als sie weg war, sind wir wieder ins Kino. So war das“, sagt Röling.

Günther Wede (Jahrgang 1940) hat ganz spezielle Erinnerungen an die Polizei, die ihm heute immer noch einfallen, wenn er durch die Blumlage oder direkt durch die Hostmannstraße fährt: „Wir Kinder hatten uns damals in der Hostmannstraße gegenüber vom schon lange verschwundenen alten Bunker mit gemopster Schulkreide ein Tor auf die Garagenwand von der Kaserne gemalt. Damals war die Kaserne noch von den Engländern besetzt, die uns bei missratenen Schüssen den Ball auch prompt zurück geschossen haben.“

Am hinteren Ende der Hostmannstraße wohnte zu dieser Zeit, Anfang der 1950er Jahre, ein Polizeibeamter, der immer mit dem Fahrrad zum Dienst fuhr. Meist hat ihn einer von den Jungs rechtzeitig gesehen. Wenn nicht, war der Ball – und das war zu der Zeit eine Kostbarkeit – in höchster Gefahr. „Da wir auf der Straße bolzten, war das natürlich nicht erlaubt und wir wurden von besagtem Polizisten immer wieder verjagt.“ Wenn die Kinder nicht rechtzeitig im Bunker verschwanden, hat er den Ball konfisziert.

Einer aus der Gruppe musste ihn dann auf der Polizeiwache, die damals noch an der Bergstraße war, abholen. „Wir haben uns dann immer abgelöst, damit jeder mal das Donnerwetter über sich ergehen lassen musste. Im Gegensatz zu heute hatten wir Kinder noch tüchtig Respekt vor den Polizisten. Was uns aber nicht davon abgehalten hat, weiter auf der Straße zu bolzen“, sagt Wede.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 12:15 Uhr
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