94: Bevor Bomben im Celler Bahnhofsgebiet niedergingen

Alte Fotos erzählt: Kirchstraße Foto: Sammlung Gertrud Thunert (2)

Ihre Kindheit haben sie in der Kirchstraße verbracht – dementsprechend verbinden die Zeitzeugen, die sich auf das letzte „Alte Foto“ in der CZ gemeldet haben, viele Erinnerungen mit dem Bild. Sie wussten sofort, warum der Soldatenzug ausgerechnet durch die Kirchstraße marschierte – der Feldwebel wollte seiner Freundin imponieren.

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CELLE. Was tut man(n) nicht alles, um einer Frau zu schmeicheln. Das war auch in den 1930er-Jahren schon so. Es war nämlich kein Zufall, dass auf dem Foto der CZ-Serie „Alte Fotos erzählen“ ein Soldatenzug in der Kirchstraße zu sehen war. „Dieser befand sich auf dem Rückweg von der Schießanlage im Neustädter Holz“, erinnert sich Arnold Linke (Jahrgang 1930), „auf dem Rückmarsch machte der Trupp-Kommandierende einen Umweg vom Bahnhof her über die Kirchstraße. Der Grund: An der Kirchstraße wohnte die Freundin des Kommandierenden. Durch den Vorbeimarsch vor ihrem Wohnzimmer wollte er sie huldigen.“ Er habe sogar die Soldaten strammstehen lassen, um dem Mädchen zu imponieren, ergänzt Dieter Benz (1936).

„Die Schießanlage befand sich dort, wo sich heute die Auffahrt von der Nienburger Straße auf die Westtangente gegenüber dem Eintracht-Sportplatz befindet. Zu dieser Schießanlage gehörten auch die heutige Lönsklause und das Pfadfinderhaus an der Tangente (Munitionslager und -ausgabe)“, führt Dieter Betz aus. Arnold Linke ergänzt: „Der Hinweg von der 77er-Kaserne dorthin ging meist direkt über die Bahnhofstraße und Neustadt.“ Die Freundin des Feldwebels habe immer aus dem Fenster geguckt – so ist dieses Bild entstanden, sagt Gertrud Thunert (Jahrgang 1921), die der CZ das Bild zur Verfügung gestellt hatte. „Ich bin in der Kirchstraße 17 geboren“, erzählt die heute 93-Jährige, „im ersten Haus auf der rechten Seite war Kaufmann Mahn – dort musste man immer zwei, drei Stufen herunter gehen, um in den Laden zu kommen.“ Dahinter habe sich Blumen Wichmann befunden.

„Wenn die Soldaten durch die Stadt marschierten, öffneten die Mädchen Fenster und Türen“, erzählt Dieter Betz, „das war wirklich so und wir Kinder durften mitmarschieren in der letzten Reihe. Die Soldaten nahmen uns bei der Hand. Wir waren stolz. Erst am Ende der Jägerstraße, dort, wo heute das Polizeihochhaus steht, ließen sie uns wieder los und wir rannten nach Hause zurück.“ Dieter Betz wohnte in der Kirchstraße 21. „Mein Vaterhaus liegt gegenüber dem großen hellen Haus etwas links von der Bildmitte.“

In den Ausgaben der Celleschen Zeitung vom 7. und 8. April 1995 hat er seine Erinnerungen an den Bombenangriff auf Celle am 8. April 1945 beschrieben – das Ereignis, das die Kirchstraße komplett verändern sollte. „Wir ahnten am Mittag des 8. April noch nicht, daß wir in den nächsten Wochen mit der gesamten Hausgemeinschaft Kirchstraße 21 in diesem einen Kellerraum leben mußten“, schrieb Dieter Betz. Am Abend waren große Teile der Kirchstraße zerstört worden. „Wir waren inzwischen in das Haus, das sich auf dem Bild auf Höhe der Soldaten auf der linken Seite befindet, gezogen.“, erzählt Gertrud Thunert, „im Garten, der bis zur damaligen Marienstraße reichte, hatte mein Vater einen Bunker bauen lassen.“ Doch eine Bombe traf diesen vermeintlich sicheren Unterschlupf – 18 Menschen starben. „Der Bunker war vollbesetzt, als die Bombe eingeschlagen ist – nur eine Frau hat überlebt“, sagt Egon Enghausen (1930), der damals in der Kirchstraße 13 wohnte. „Die Häuser rechts und links an der Kirchstraße in Richtung Fuhsestraße waren sämtlich wie Kartenhäuser zusammengefallen. Ihr Schutt bedeckte meterhoch die Kirchstraße. Die Einwohner, die ich zum größten Teil kannte, waren entweder alle tot oder irrten vereinzelt zwischen den Trümmern herum“, schrieb Dieter Betz dazu. Gertrud Thunert hatte allerdings Glück – sie war zwei Tage zuvor nach Schwachhausen gewandert.

Egon Enghausen erlebte die drei Wellen des Bombenangriffs dagegen aus nächster Entfernung mit. „Ich habe die Bomben rausfliegen gesehen“, erzählt er, „die erste Welle habe ich auf dem Fußweg vor meinem Haus erlebt, die Zeit der zweiten und dritten Welle habe ich im Vorratskeller verbracht.“ Die Mauern hielten – nur die Hälfte des Daches wurde abgedeckt. „Nach dem Angriff habe ich mit einigen anderen eine Frau aus den Trümmern hinter der Gärtnerei befreit“, erzählt Egon Enghausen, „mit vier Mann haben wir sie auf einer Zimmertür ins Lazarett in der Berufsschule an der Bahnhofstraße gebracht – Arnold Linke war auch dabei.“ Die Häuser auf der linken Seite waren alle zerstört worden. „Auch der Laden von Frau Mahn wurde zerstört, sodass sie nicht mehr verkaufen konnte“, sagt Egon Enghausen, „sie hat dann in einem ehemaligen Lebensmittelladen an der Ecke wieder angefangen.“ Bis zu Betz seien alle Häuser unbewohnbar gewesen. Familie Enghausen kam einige Wochen in einer Gartenlaube an der Windmühlenstraße unter. Währenddessen lebte ein Zwangsarbeiter aus der Tschechoslowakei in dem kaputten Haus in der Kirchstraße, in dem nur noch zwei Räume bewohnbar waren.

„Das Haus Kirchstraße Nr. 19, das zu unserem Betriebsgelände gehörte, hatte keinen Bombentreffer, aber einen Volltreffer abbekommen. Ein riesiger eiserner Kessel war vom Gaswerk herübergeflogen und hatte die linke Hälfte des Hauses weggerissen“, schrieb Dieter Betz.

Egon Enghausen und Carsten Maehnert haben in ihrem Buch „Unterwegs in Neuenhäusen und seiner Geschichte“ auch die Zerstörungen durch die Bomben beschrieben. „Einer der großen Dampfkessel des Gaswerks war durch die ... Gebäude Kirchstraße 18 u. 19 geflogen und lag auf der Kirchstraße, so dass man kaum durchkonnte; ferner lagen meterhohe Schuttberge vor den total zerstörten Häusern Kirchstraße 1, Nr. 15/16, Nr. 17, Nr. 18, Nr. 19 u. Nr. 39 u. 40 auf der Kirchstraße“, heißt es dort.

In dem Buch ist auch das Foto abgedruckt, das Gertrud Thunert der CZ zur Verfügung gestellt hatte. In der Bildunterschrift steht: „Es ist überliefert, dass ein Zug regelmäßig diesen Weg nahm, weil die Freundin des Feldwebels in der Straße wohnte. – Im Vordergrund sind die Häuser Nr. 15/16 (links) und Nr. 41 (rechts) zu sehen, im Hintergrund das Haus Nr. 36. (Privatfoto, um 1937).“ Egon Enghausen war sehr überrascht, als er das Foto in der CZ vom vergangenen Samstag sah. „Ich habe für das Buch zwei Jahre lang nach einem solchen Bild gesucht“, erzählt der Autor, „ich habe dann ein Mini-Bild gefunden und dieses vergrößern lassen – so ist dieses Bild entstanden.“

Auch Hänschen Röling (1940) meldete sich bei der CZ und ergänzte, dass in dem Haus hinter der Gärtnerei „Kohlen Oelmann“ gewesen sei. „Im Hintergrund hatte „Schneidermeister Schorse (Georg Hornow) seine Werkstatt“, wusste zudem Margarete Eckert (1923), die sich auch an die Tischlerei (ganz vorn im Bild) erinnerte. „Dort haben wir Kinder immer gerne zugeschaut“, sagt die 91-Jährige.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 07.05.2015 um 12:21 Uhr
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