97: Die "Bunte" produziert seit 117 Jahren in Celle Farbe

Unten rechts ist ein Teil der Klein Hehlener Schule zu erkennen, links daneben der Bau des ehemaligen Predigerseminars. Der Bremer Weg zieht sich oben von links nach rechts durchs Bild. Die Buntfarben-Fabrik hat in den vergangenen 60 Jahren ihr Gesicht erheblich verändert. Foto: Thomas Brandt Heidecopter

Wie die „Schwärze“ an der heutigen 77er Straße für die Produktion schwarzer Farben zuständig war, so wird seit weit über einem Jahrhundert in Klein Hehlen in der „Bunten“ die frische Welt der Vielfarbigkeit jeden Tag aufs Neue entdeckt. Die „Schwärze“ wurde 1977 abgerissen, die „Bunte“ existiert weiter – wenn auch bald nicht mehr unter dem Namen Hostmann & Steinberg.

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KLEIN HEHLEN. Seit 1897 werden am Bremer Weg in Klein Hehlen bunte Farben produziert, während die Schwärzefabrik noch bis 1977 an der heutigen 77er Straße existierte. Die erste in Europa 1817 vom Drogisten Joh. Ernst Holste und vom Buchdrucker Konrad Pick gegründete Farbenfabrik wurde 1828 von Carl und Christian Hostmann als Buchdruckerschwärzefabrik übernommen. 1902 traten der Berliner Fabrikant Heinrich Steinberg und sein Sohn Ernst in die Firma ein. 1908 wurde der Betrieb in „Hostmann Steinbergsche Farbenfabriken“ umbenannt.

Dieser Name soll im März oder April des kommenden Jahres endgültig Geschichte sein, denn der Celler Betrieb, der der „huber-group“ angehört, wird aus dem Handelsregister verschwinden. Gravierender werden die geplanten Umstrukturierungen sein, denn in Celle will sich das Unternehmen künftig auf Bogen-Offset und Flüssigfarben konzentrieren. Derzeit arbeiten 440 Menschen am Bremer Weg, es droht allerdings ein Stellenabbau.

Aus einer Zeit, in der Druckerzeugnisse noch weggingen wie warme Semmeln, berichtet Eva Jasper (Jahrgang 1940). Der Vater der Cellerin hatte in der Schwarzfarbenfabrik gearbeitet. „Meine Mutter ist schon mit mir als Kind auf dem Fahrrad dorthin gefahren.“ Zunächst lebte die junge Familie in einer Werkswohnung an der Kampstraße. Als die Briten die Villa am Bremer Weg für ihre Zwecke beschlagnahmten, zog der Fabrikbesitzer in eben diese Werkswohnung und die Familie von Eva Jasper musste für fünf Jahre in eine primitive Unterkunft auf dem Werksgelände umziehen, wo es nur auf dem Hof ein Klosett gab. Anschließend durfte der Firmenchef wieder in seine Villa und die Familie zurück in die Werkswohnung, wo Eva Jasper bis 1971 wohnen blieb.

Sie begann 1957 eine Lehre als Chemielaborantin in der „Bunten“, wie die Fabrik am Bremer Weg in Anlehnung an die „Schwärze“ an der Fuhse genannt wurde. Von 1978 bis 2000 arbeitete sie im analytischen Labor, wo es ihr am meisten Spaß gemacht hat. Sie musste dort unter anderem die eingehenden Rohstoffe kontrollieren und Reklamationen bearbeiten. Bis zum Ende habe sie dort „ausgesprochen gerne gearbeitet“.

Sie erinnert sich an die beiden Brüder Steinberg und an den alten Steinberg, dessen Gesicht ein weißer Bart zierte. „Die haben freiwillig Geld für die Kohle-Heizung gezahlt und Kartoffeln zur Verfügung gestellt. Als die Gewerkschaften aufkamen, war das aber alles nicht mehr“, erinnert sie sich.

Rüdiger Jurk (Jahrgang 1948) ist in dem von seinem Großvater 1934 erbauten Haus an der Straße „An der Beeke“ aufgewachsen. Bis 1969 blieb er dort. Zunächst lebte sein Opa in einer Werkswohnung schräg gegenüber, da er etwa 1920 als Buchdruckermeister bei Hostmann-Steinberg anfing. „Dann hat er wohl gemerkt, dass das etwas Längeres dort werden würde und hat das Haus auf der anderen Straßenseite erbaut. Mein Vater ist noch 1923 in der Werkswohnung geboren worden“, sagt Jurk.

Er hat die in den 1950er-Jahren vom Hehlentor-Gebiet nach Klein Hehlen umgesetzte Bonifatiuskirche links am oberen Rand des Bildes erkannt, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten. Er schätzt, dass das Bild etwa 1955 aufgenommen worden sein muss. Etwa 80 bis 90 Prozent der direkten Fabrik-Nachbarschaft war damals in irgend einer Weise mit dem Werk verbunden, meint er. Von der Produktion in der Fabrik habe man selbst in allergrößter Nähe wenig gehört.

Manfred Völlmer (Jahrgang 1943) hat 1958 seine Lehre als Buchdrucker am Bremer Weg begonnen und dort bis 1963 gearbeitet. Als Stift im ersten Lehrjahr hat er den Umzug von der alten Druckerei neben dem Schornstein in das damals neue Sägedachgebäude, das noch heute existiert, mitgemacht. Zwei Jahre lang hat er in der Haus- und Versuchsdruckerei entwickelte Farben getestet und Kunden bei problematischen Druckaufträgen beraten.

Vor über 50 Jahren emigrierte Völlmer in die Schweiz, wo er bis vor einem halben Jahr in Burgdorf bei Bern eine eigene Spezialdruckerei geleitet hat. „Wir haben dort zum Beispiel mit Golddruck geprägt und alle Druckerzeugnisse für Hochzeiten aus einem Guss hergestellt. Der Grundstein für mein Handwerk wurde bei Hostmann & Steinberg gelegt“, sagt Völlmer. Einmal im Jahr – zum Schützenfest – kehrt er nach Celle zurück. In diesem Jahr freute er sich, als er bei der Gelegenheit einen Oldtimer der Werksfeuerwehr von Hostmann & Steinberg erkannte, in der er auch einmal tätig gewesen ist.

Günter Bricke (Jahrgang 1941) hat von 1956 an dort Schlosser gelernt und bis 1961 in diesem Beruf in der „Bunten“ gearbeitet. Großvater und Vater hatten in der „Schwärze“ malocht. Ärgerlich waren für ihn lange Wartezeiten vor den Schranken des Bahnübergangs am Bremer Weg, wo „gefühlt 200 Züge am Tag“ vorbeifuhren.

Ausgewählte Mitarbeiter kamen am Vorabend des 2. Advents regelmäßig in den Genuss eines Besuchs der Firmenleitung. Dr. Hans Steinberg ließ sich von seinem Chauffeur zu einigen Beschäftigten fahren, klingelte und erkundigte sich nach dem Befinden der einzelnen Familienmitglieder, ehe er eine besinnliche Zeit wünschte. Die Kinder sehnten diesen Abend stets herbei, denn im Hintergrund stand der Chauffeur, der einen großen, mit vielen Überraschungen gefüllten Präsentkorb bereithielt.

Neben Betriebsschlossern wurden in der „Bunten“ auch Drucker, Laboranten und Kaufleute ausgebildet. Daneben gab es eine Malerei, Tischlerei, Schlosserei mit einem Elektriker und den Fahrzeugpark mit Kfz-Werkstatt.

Bricke begann seine Ausbildung an der Drehbank. „Meine damalige Sechs-Tage-Woche wurde oftmals auf den Sonntag ausgedehnt. Am Sonntag wurden Sonderarbeiten verrichtet, die während der Produktionszeit für Farben nicht ausgeführt werden konnten.“ Die Sonntagsarbeit begann bereits um 6 Uhr in der Frühe. Im Gasthaus Niemann am Bremer Weg und dem angeschlossenen Edeka-Laden kauften die Arbeiter für den Extradienst Stärkungen.

Die hatte vor allem Bricke nötig, denn als Mann an der Drehbank kam ihm eine Schlüsselrolle zu: Der Arbeitsdruck war dort sehr groß, denn die Kollegen, die zu reparierende Teile ausgebaut hatten, warteten sehnsüchtig darauf, dass der Lehrling die Sonderanfertigungen so instand setzte, dass sie gleich wieder eingebaut werden konnten. „Ausschuss war nicht erlaubt“, sagt Bricke. Manchmal begegnete er dabei dem Firmenchef Dr. Hans Steinberg, wie dieser mit seinem Hund das Firmengelände inspizierte und den Arbeiter verwundert fragte: „Na, was machen Sie denn heute hier?“ Und dann erklärte der junge Lehrling dem Boss eben, warum er nicht gerade freiwillig den halben Sonntag im Dienst der Firma verbrachte. Und genauso bereitwillig baute der Lehrling auch in der Vorweihnachtszeit die Eisenbahn im Hause Steinberg auf. So war das eben früher.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 05.12.2014 um 17:50 Uhr
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