98: Celle war auch Mode-Metropole

Wilhelm Corves mit der „Miss Germany“ Susanne Erichsen. Foto: Sammlung Angelika Corves

Am Celler Markt sorgten einst der Celler Modesalon und das Haus Gödecke und Mittelmann dafür, dass modische Trends gesetzt wurden. Die neuen Kollektionen wurden bis in die 1970er Jahre hinein oft in der Union gezeigt, aber auch in den eigenen Geschäften und auf originelle Weise im Freien. Davon berichten in dieser Folge 98 der CZ-Serie "Alte Fotos erzählen" ausschließlich Cellerinnen.

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CELLE. „Das war für mich eine Sensation, dass ich da mitlaufen durfte“, sagt Renate Bergmann (Jahrgang 1940). Im Hermannsburger Textilgeschäft Hellberg gab es in den 1950er Jahren regelmäßig Modenschauen. „Die hatten ihr festes Team dort“, sagt die heutige Klein Hehlenerin. „Aber die hatten wohl niemanden so Junges und weil ich dort beschäftigt war, um Laufmaschen aufzunehmen, haben die mich angesprochen nach dem Motto: ,Du bist doch nett, hast einen Pferdeschwanz und könntest doch mitmachen, oder?‘“

Zweimal lief die damals 15-Jährige also am 21. September 1955 über den Laufsteg. Die erste Modenschau begann um 16 Uhr, die zweite um 20 Uhr. Ob denn viel los war? „Aufm Dorf ist so ein Saal ja bald voll“, meint sie. Sie präsentierte damals Cocktailmode, also Kleider, in denen die jungen Mädchen zur Tanzstunde gingen. Obwohl dieser Auftritt schon fast 60 Jahre zurückliegt, erinnert sich Renate Bergmann noch gerne und stolz daran.

Die Cellerin Helga Günther (Jahrgang 1928) besuchte die Deutsche Meisterschule für Mode in München und wollte nach dem Abschluss eigentlich in Bayern bleiben, als ihre Mutter sie anrief: „Was sollen wir denn jetzt mit dem Welpen machen?“, fragte sie ihre Tochter. „Ich hatte mir immer einen Hund gewünscht, packte sofort meinen Koffer und kehrte 1953 nach Celle zurück“, erzählt Günther,

Dort machte sie ihr eigenes Atelier auf, arbeitete mit einer Kollegin bis drei Uhr nachts an neuen Entwürfen, bis die Frau Mama im Nachtgewand vor ihr stand und die jungen Damen ins Bett schickte. In eigenen Räumen veranstaltete sie eine kleine Modenschau und war später auch bei einer großen Innungsschau in der Union dabei. „Da sind Sachen gezeigt worden, die Celle noch nicht gesehen hatte.“ Bald konnte sie sich ihre Kunden aussuchen. Juristen und Ärzte gehörten dazu, sagt sie stolz. Als sie heiratete, hängte sie ihre Modedesigner-Karriere indes an den Nagel.

Die Eltern von Roswitha Kröger (Jahrgang 1944), das Ehepaar Flentje, leitete bis 1960 das Modehaus Gödecke und Mittelmann, Zöllnerstraße 44 – 46. Neben Damen- und Herrenoberbekleidung führte das Geschäft, in dem sich heute die Drogerie Müller befindet, auch Gardinen und Teppiche.Als Kind durfte Roswitha modeln. Sie präsentierte Kleider, Mäntel und bei einer Schau hatte sie Skier auf den Schultern. Offenbar in Zusammenarbeit mit dem Landgestüt gab es auch auf dem Saarfeld eine Modenschau, bei der historische Kostüme gezeigt wurden. Bei den Modenschauen in der Union spielte die Kombo „Benstem-Naumann“ und ein Sänger trat auf.

Annemarie Leithäuser, geborene Kohlberg (Jahrgang 1947) hat als Kind bei Modenschauen von Gödecke und Mittelmann und der Damenschneiderin Hildegard Staunau auf dem Laufsteg Mode präsentiert. Die Verbindung zu der Frau, die am Südwall 18 ein „schönes Atelier“ hatte, kam wahrscheinlich über ihre Mutter, mutmaßt Leithäuser. Die Schneiderin habe vor allem für die bessere Gesellschaft Kleider angefertigt.

Angelika Corves (Jahrgang 1946) trat schon als Dreijährige bei einer Modenschau in der Union auf und war auch weiterhin dabei. Etwa als Achtjährige präsentierte sie ein vom Chefdekorateur von Dettmer & Müller gestecktes Kleid. „Ich musste von 15 Uhr bis abends in dem Kleid stehen, denn wegen der Nadeln im gesteckten Kleid konnte ich mich ja nicht hinsetzen.“ Ihr Vater Wilhelm Corves hatte Ende 1937 mit seiner ersten Frau das 300 Quadratmeter große „Modenhaus Corves“ am Markt 4 – 6 aufgezogen. Vorher hatte er zwei Läden an der Poststraße 10 und an der Runde Straße 14. Am 23. November 1937 wurde nach einem Preisausschreiben ein Slogan präsentiert: „Nicht teuer, doch fein und erlesen. – Dann sind Sie bei ,Corves‘ gewesen.“

Ihre Mutter, Adele Gottschalk, machte 1945 den „Celler Modesalon“ an der Poststraße 1 auf. Die spätere zweite Frau von Wilhelm Corves begann zunächst mit einer Putzmacherei. „Die Leute brachten zwei alte Hüte und daraus wurden zwei gemacht“, sagt Angelika Corves. „Später wurde das Sortiment erweitert auf Mäntel und Kleider.“

1958 zog das Modehaus Corves in den Marstall um. Die Tochter führte das Geschäft bis 1990 dort weiter, ehe sie an die Neue Straße 9 umzog, wo sie sich bis 2005 auf das Damensortiment konzentrierte. Bis 2011 schloss sich schließlich das „Blusenparadies“ an.

Zweimal im Jahr veranstaltete Corves Modenschauen, einmal im Frühling, einmal im Herbst. Eine besondere Modenschau fand in den 1950er Jahren statt. Dabei fuhren die Mannequins mit der Straßenbahn von Haltestelle zu Haltestelle. Dort präsentierten sie die Kleidung, indem sie mehrere Male um die Tram herumliefen und schließlich weiterfuhren.

Waltraut Warnecke (Jahrgang 1934) hat 1952/53 im „Celler Modesalon“ zwei wunderschöne Kleider und einen Mantel gekauft. Ihre Chefin (sie arbeitete damals beim Bauingenieur Siegfried Dumon an der Mühlenstraße) ging in der 1950er Jahren zu sämtlichen Modenschauen in die Union. Wenn sie zurückkam, sagte sie fast jedes Mal zu ihrer Angestellten: „Waltraut, ich habe für Sie wieder etwas Tolles gesehen.“ Sie kaufte sich dann die erwähnten Stücke. „Das eine Kleid war für Tanzveranstaltungen in der Union, das andere war ein Modellkleid von der Schönheitskönigin, Mannequin und Miss Germany Susanne Erichsen“, erläutert Waltraut Warnecke. Selbst konnte sie die Modenschauen nicht besuchen, da der Eintritt für sie nicht zu bezahlen war.

Irmgard Peterson, geborene Bröckner (Jahrgang 1938) hat 1954 im Modesalon Corves als Laufmädchen begonnen und sich „hochgearbeitet“, wie sie sagt. Bis 1959 hat sie dort gearbeitet, auch im Verkauf und später in der Buchhaltung. Wilhelm Corves war „sehr nett“ zu ihr, hat ihr sogar mal einen Harz-Urlaub spendiert. Bei Modenschauen in der Union hat sie geholfen, dort auch die Schönheitskönigin Susanne Erichsen (1925 – 2002) gesehen. Bei einer USA-Reise der Berlinerin 1952 kreierten die Amerikaner den Begriff „Fräuleinwunder“. Nach der Rückkehr aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten eröffnete Erichsen in Berlin die „Susanne Erichsen Teenager Modelle GmbH“ und führte so den Begriff Teenager in die deutsche Umgangssprache ein.

Die Wathlingerin Sanna Gutzeit (Jahrgang 1933) bewahrt noch ihr Hochzeitskleid aus dem Jahr 1958 auf. Das hat ihr die Schneiderin Nowatschin aus ihrem Heimatort genäht, nachdem Gutzeit den Stoff bei Dettmer & Müller in Celle besorgt hatte. An eine Modenschau dieses Geschäfts in der Union kann sie sich auch noch erinnern. Dabei wurden auch Hüte präsentiert. „Wir waren dort mit mehreren jungen Frauen hingegangen. Wir haben uns alle ein Eis bestellt, aber es gab nur eine Sorte Eis. Und meine Nachbarin hatte nur ein bis zwei Löffel davon gegessen und bekam sofort Ausschlag am Hals und im Gesicht. Sie hatte nämlich eine Erdbeerallergie. Das verbinde ich mit dieser Modenschau.“

Petra Hälbig (Jahrgang 1959) hält das Hochzeitskleid ihrer Mutter Dorothea Braselmann in Ehren, das ihre Großmutter Maria Knaak (Jahrgang 1908) aus Fallschirmseide mit floralem Muster hergestellt hat. Sie hat es auch bei ihrer eigenen Hochzeit getragen. Sie hat noch zwei weitere Kleider, die ihre Oma genäht hat.

Hannelore Ahrens (Jahrgang 1943) kam 1965 nach der Heirat nach Celle. Sie trat im dritten Lehrjahr im Hannoveraner Karstadt-Warenhaus im dortigen Restaurant bei einer Modenschau auf. In den eher prüden frühen 1960er Jahren war es schon ungewohnt für sie, Bade-Mode zu präsentieren. Der für heutige Verhältnisse züchtige Bikini war aber von einer Bluse leicht verdeckt, erinnert sie sich. „Ich fand das alles sehr spannend.“

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.12.2014 um 12:22 Uhr
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