99: An Celler Aller rauchten einst die Schlote

fabriken auf anderer seite des hafens (aus richtung innenstadt fotografiert) Foto: Stadtarchiv Celle

Urige Fachwerkspeicher findet man heute nicht mehr an der Speicherstraße, aber der Schifferkrug weist noch heute darauf hin, dass dieses Gebiet früher teilweise zum Celler Hafen gehörte. Seit dem sehr späten 17. Jahrhundert wurde hier auch Kerzenwachs produziert, später auch Isolierstoffe.

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NEUENHÄUSEN. Von den einstigen zahlreichen Schloten rund um die Speicherstraße existiert heute nur noch einer. An die Kerzenfabrik Guizetti erinnern nur noch ein Straßenname und die dortige Pflegeeinrichtung. An die 1879 am Ende der Speicherstraße entstandene „Wärmeschutzmasse-Fabrik“ A. Haacke & Co. zumindest noch einige Gebäude. Die Ende der 20er Jahre zum größten Teil leer stehenden Speicher an der Aller wurden nach und nach abgerissen. Von ihnen kommt der Straßenname Speicherstraße. Auf dem Behördenhaus-Gelände wurde der letzte große Speicher 1935 abgerissen. Beim Abriss fand man einen Balken mit der Jahreszahl 1721.

Von der Produktion in diesem Bereich in den 1950er bis in die 1990er Jahre hinein berichten einige Zeitzeugen:

Margarete Eckert (Jahrgang 1923) weist darauf hin, dass der Zufluss von der Rathsmühle auf dem alten Luftbild, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten, vorne links zu sehen ist, rechts sieht man die ersten Schuten, die im Hafen liegen. Die 91-Jährige erinnert sich noch, dass an diesem Zufluss zwei uralte Fachwerkspeicher standen: „Einer war der ,Stechinelli-Speicher‘, leider abgerissen.“

Eckerts Großvater war 40 Jahre lang als Werkmeister in der Draht- oder Metallwerkstatt der Firma Haacke, die dort vor allem Isolierplatten aus Kieselgur, Kork und anderem Material herstellte. Mit einer Nichte des Firmeninhabers war sie befreundet und die beiden Mädchen hielten sich oft in einem Pferdestall am Nebenarm der Aller auf.

Eckert kennt auch die beiden Kerzenfabriken auf der anderen Seite der Speicherstraße, die Kerzenmanufaktur Guizetti und direkt an der Aller die von Wulkop. Beide Wachsbleichen gehen auf Gründungen 1696 beziehungsweise 1698 zurück und wurden zunächst von aus Italien angeworbenen Familien betrieben. Die Kerzenproduktion wurde im April 1995 eingestellt. Die Kerzenformen wurden aber von der Familie Voigt aus Paulmannshavekost übernommen, die die Tradition des Kerzengießens fortführt.

„Die heutige ,Guizettistraße‘ war eine Sackgasse, auch von der Trift her war sie eine Sackgasse. Heute ist sie durchbrochen. Hier wohnte die Familie des Konsuls von Rautenkranz“, weiß Eckert.

„Das war unser Revier früher“, sagt Otto Brase (Jahrgang 1934). An der Stelle, an der Schiffe von der Aller zum Hafen und zur Rathsmühle abzweigen, stand einst eine Pyramide aus drei schräg aneinandergestellten Pfählen von etwa 20 Zentimetern Durchmesser. An dieser Stelle angelten die Jungs zu Beginn der 1940er Jahre oft illegal. „Wir hatten natürlich keinen Fischereischein und die Angler haben von der anderen Seite mit uns geschimpft. Wir haben dort Barsche rausgeholt. Das Wasser war supersauber. Wir haben uns auch aus von Jagdfliegern abgeworfenen Benzinkanistern kleine Boote gebastelt und die zum Beispiel mit einer Haifischschnauze bemalt.“ Dass der Firmenname Haacke an einem oder zwei Schornsteinen angebracht war, weiß Brase, den Schriftzug Moeck hat er nicht wahrgenommen.

Der Blockflötenhersteller Moeck nutzte die helle Halle, die im Zentrum des alten Luftbildes zu erkennen ist, bis zum Umzug nach Altencelle im Jahr 1962 oder 1963, weiß Adolf Knop (Jahrgang 1934) aus Altencelle zu berichten. Er hat dort noch zwei bis drei Monate gearbeitet, ehe der Umzug nach Altencelle erfolgte, wo er noch bis 1999 weiterarbeitete. Zunächst war er als Drechsler für Flöten tätig, wo er meist aus Ahornholz, aber für Sonderanfertigungen auch aus indischen Edelhölzern die Rohformen für die Flöten anfertigte, ehe diese weiterverarbeitet wurden. Später war er als Fahrer dieser Firma tätig und brachte nahezu täglich Moeck-Flöten zum Zollamt, denn die beliebten Qualitätsprodukte gingen in alle Welt. An Adressen in Japan, Südamerika und Mittelamerika kann sich Knop erinnern. „In Spitzenzeiten haben 200 Mann bei Moeck gearbeitet“, sagt er. Knop hat sich nach Veröffentlichung des Luftbildes in dieser Woche auf dem einstigen Haacke-Gelände umgesehen und dort Gleise sowie Reste einer Drehscheibe entdeckt.

Diese Drehscheibe diente dazu, Waggons, die über eine kleine Bahnbrücke vom Hafen aus aufs Werksgelände gelangten, dort hin und her zu bewegen, sagt Wolfgang Piening (Jahrgang 1944). Da sein Großvater und sein Onkel bei der Firma Haacke gearbeitet haben, weiß er, wie dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gearbeitet wurde. Er selbst begann dort 1959 eine Lehre als Isolierer. Seine Vorfahren stellten Korksteinplatten her, die auch „schwarze Schicht“ genannt wurden. Das gepresste Kork wurde in Pech getränkt und daraus entwickelte sich der Name Algostat, der für die Hartschaumplatten übernommen wurde, die später an der Braunschweiger Heerstraße hergestellt wurden.

In dem großen weißen Gebäude, das auf dem alten Luftbild links zu sehen ist, wurden die großen Hartschaumblöcke aufgeschäumt und mit Hilfe von Waggons über das Gelände in den Teil der Fabrik geschoben, in dem heute ein Möbelladen untergebracht ist. Hier wurden die Blöcke in wenige Zentimeter dicke Scheiben geschnitten. Außerdem wurden Kieselgur-Schnüre hergestellt, mit denen man Rohre isolierte. „Wir haben viel für Hostmann-Steinberg gearbeitet“, sagt Piening.

Hermann Timme (Jahrgang 1928) hat ein einziges Mal einen Waggon über die kleine Brücke mit einer P 3, einer kleinen Dampflok, geschoben. „Ich weiß noch, dass ich Lokführeranwärter war und ich kannte die Hubbrücke nur wie auf dem alten Bild, dass sie nämlich hoch war. Wir mussten die Preußische 3 nehmen, weil die das niedrigste Gewicht hatte. Vorher mussten wir die ganzen Kaliwaggons wegziehen, die im Hafengebiet abgestellt waren.“ Rudolf Peterson (Jahrgang 1931) hat als Junge beobachtet, wie ein Schaufelraddampfer einen Schutenzug bis kurz vor die Brücke zog und die Schuten durch den Schwung in den Hafen einscherten. „Jede Schute war mit einem Mann am Ruder belegt und so war sie zu steuern“, sagt Peterson. Für ihn war der auf der anderen Allerseite gelegene MTV-Sportplatz „der Spielplatz meiner Jugend“.

Neugierig wie er war, hat Timme sich damals im Haacke-Werk umgesehen. „Dort waren große Maschinen mit Riesenarmen aufgestellt, an denen lange Stahlnadeln angebracht waren, mit denen man irgendwie Jute gewebt hatte. Hier wurden so Schläuche aus Jute hergestellt, die mit Kork gefüllt waren. Mit diesen Schläuchen wurden die Heizungsrohre umwickelt, die unter den Personenwagen verliefen“, erläutert Timme.

Karl-Heinz Weigt (Jahrgang 1931) hat als Meister von 1971 bis 1990 für die Firma Ulbrich vor allem Lkw- und Planen für die Erdölindustrie hergestellt. Die Firma war in einem kleinen Gebäude direkt neben der Brücke untergebracht. Er war auch viel auf Montage und hat auf Bohrtürmen Planen angebracht. „1978 gab es viel Schnee und anschließend ein Hochwasser, da stand der ganze Betrieb, also Werkstatt, Lager und Büro 20 bis 30 Zentimeter unter Wasser“, so Weigt.

Jens Prinzhorn (Jahrgang 1944) erinnert sich noch an das Baugeschäft Becher, an eine Fischräucherei und Lagerräume der Firma Papier Tiedecke, die auf dem ehemaligen Haacke-Gelände untergebracht waren. In den Gebäuden, die heute den SB-Möbelmarkt beherbergen, war lange Zeit der „Bäckerei-Einkauf“ beheimatet. Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) weiß, dass hier auch der Großhandel C & C untergebracht war, ehe dieser an den Bremer Weg umsiedelte. Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre war damit auch eine Tankstelle verbunden, an der Kunden günstig tanken konnten.

Albert Haacke (Jahrgang 1978) lebt in der 1870 und 1871 gebauten gelben Villa an der Speicherstraße 16, die sein Urgroßvater, der Senator Albert Haacke, von seinem Freund Wilhelm Berkefeld 1885 übernahm. Die Eisenbahnbrücke diente früher den Kindern als Abkürzung zum Schützenfest oder als Badeplattform – allerdings nur an Sonntagen beziehungsweise als diese schon außer Betrieb war. „Das alte Fabrikgelände war später auch für mich als kleiner Junge ein großer Abenteuerspielplatz mit viel Platz für Radrennen, bei denen ich mir auch die eine oder andere Beule zugezogen habe“, sagt Haacke

Sein Vater Albert-Ernst (1927 bis 1988) genoss es als Kind, in der Tischlerei den Handwerkern über die Schultern zu schauen und auch mal selbst Hand anlegen zu dürfen. Die Speichergebäude waren für ihn ein toller Platz zum Toben und zum Versteckenspielen. Zu Zeiten von großen Hochwassern paddelte er auch schon mal durch den Garten direkt ins Souterrain der Villa, in der er aufwuchs.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 19.12.2014 um 14:11 Uhr
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