101: Rampen-Rodler und Holz-Hort in Celle

Tangente (trasse zur bahnüberführung schon aufgeschüttet) aus richtung westercelle gesehen (rechterhand ein sägewerk, das es nicht mehr gibt; kartbahn rechts ist ein orientierungspunkt Foto: Stadtarchiv Celle

Die Brücke über Straßen und Eisenbahnschienen im Zuge des Wilhelm- Heinichen-Rings ist nach 51 Jahren ununterbrochenem Straßenverkehr so marode, dass in diesem Jahr eine Generalsanierung begonnen wird. Die Anfänge, nämlich der Bau einer Sandrampe, liegen sogar schon in den 1930er Jahren.

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NEUENHÄUSEN. Der Bereich nördlich des Wilhelm-Heinichen-Rings, der im Westen von den Bahnschienen und im Osten von der Straße „Vor den Fuhren“ begrenzt wird, hat sein Gesicht in den vergangenen 30 Jahren erheblich verändert. Allerdings sind einige alte Gebäude noch erhalten geblieben. Die Brauerei Betz braut hier noch Bier und die Firma Herbert Schulz ordnet und sortiert hier immer noch Abfälle. Die im Volksmund „Tangente“ genannte Westumgehung der Celler Altstadt nahm ab 1962 ihre heutige Gestalt an und sie trennt seit Mitte der 1960er Jahre Neuenhäusen und Westercelle in diesem Bereich doch erheblich.

Von der Eisenbahnbrücke aus erkennt man einen kleinen Bunker neben den Gleisen, der noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammt und der noch viele Jahre für Kinder und Jugendliche eine beliebte Anlaufstation war. Die Brücke ist nach über einem halben Jahrhundert in Betrieb so marode, dass sie ab diesem Jahr umfassend saniert werden soll. Die breite Nord-Piste für Fußgänger und Radfahrer ist so abgesunken, dass die Fahrbahndecke geborsten ist.

„Die Sandrampe haben die Nazis bauen lassen“, weiß Hänschen Röling (Jahrgang 1940). Zeitlich fällt das Aufschütten des mageren Heidesands in den 1930er Jahren in der Tat in diese unsägliche Zeit. „Am Eichkamp hatte Muttchen Bock einen Tante-Emma-Laden. Da konnte man auch anschreiben lassen“, sagt der Celler. Auf manchem der weitläufigen Firmen-Grundstücke hat die Clique von Röling in der Nachkriegszeit „Westernspiele“ veranstaltet.

Dass die steilen Nordhänge der Sandrampe im Winter als Rodelberg genutzt wurden, berichten gleich mehrere Zeitzeugen. Walter Stratmann (Jahrgang 1944) ist am Waldweg aufgewachsen und hat diese Gegend jahrelang „genossen“. In den 1950er Jahren war die so genannte „Todesbahn“ für Stratmann und seine Freunde besonders gefragt. Hier war in der Mitte des Abhangs eine Stufe, die den Schlitten etwas abheben ließ, so dass die Kinder meist vom rasant herunterrauschenden Gefährt fielen, aber natürlich sanft im Schnee landeten. Auch Elke Junker (Jahrgang 1950) und ihre fünf Jahre ältere Schwester rodelten hier, auch wenn die Jüngere manches Mal „ein bisschen Angst hatte“ bei den Rodelpartien, denn für Flachlandtiroler ist die Rampe schon eine gewaltige Erhebung. Davon kann man sich als Fußgänger noch heute gut überzeugen.

Reinhard Eckert (Jahrgang 1946) erinnert sich noch gerne ans Rodeln. Dem am „Mondhagen“ Lebenden ist eine andere Nutzung der Rampe aber noch besser in Erinnerung: In den 1950er Jahren und bis 1962 sammelten die Kinder vor Ostern Brennholz (Eckert: „Davon lag damals nicht so viel rum wie heute.“) und stapelten dieses an exponierter Stelle auf der Sandrampe in der Nähe der Bahnanlage. „Dann mussten wir aufpassen, dass es nicht von anderen Kindern geklaut wurde, denn auch die anderen Viertel machten solche Osterfeuer.“ Als mit dem Bau der 1964 fertiggestellten Brücke über die Straße „Sandweg“/„Schildenstraße“ 1962 begonnen wurde, mussten sich die Kinder einen neuen Ort für ihr „wildes Feuer“ suchen.

Als die Tangente 1965 ihre heutige Gestalt annahm, mussten die Eigentümer der etwa 1000 Quadratmeter großen Grundstücke des „Mondhagens“ die letzten zehn Meter zur Rampe hin für den Straßenbau an die Stadt Celle verkaufen.

Hartmut Hammerschlag (Jahrgang 1952) hat besondere Beziehungen zu einem Haus, das am „Eichkamp“ steht. Seine Großeltern waren aus Pommern geflüchtet und mit ihrer Familie dort untergekommen. Auf seinem Schulweg musste er durch eine „verruchte Gegend“, wie er sie nennt. „Im Schmaul“ lebten damals „dunkle Typen“, von denen einige keiner geregelten Arbeit nachgingen. „Wir haben da lieber einen Bogen drum gemacht“, sagt Hammerschlag. Bei Oma Frenkler gab es Mittagessen für ihn und nach den Hausaufgaben tobte er auf der Sandrampe, fuhr im Winter dort Schlitten und spielte auch in dem alten Bunker an den Bahngleisen. „Wir sind da reingekrochen durch eine kleine Öffnung. Da gab es viele Räume. Ich habe hier meine ersten Zigaretten geraucht“, gesteht er.

Bernd Schröder (Jahrgang 1949) kennt diese Gegend wie seine Westentasche. Er hat von Geburt an und bis 1975 in dem Haus seines Vaters Gottfried am Eichkamp 22 gelebt. Beim Rodeln hieß es oft „Bahn frei! Kartoffelbrei!“, erinnert er sich heute noch. Auch die Osterfeuer auf der Rampe waren Höhepunkte seiner Kindheit. Im Bunker waren ein Totenkopf und ein Reichsadler in selbstleuchtender Farbe angebracht, weiß Schröder. Dort in der Nähe hat er auch Brombeeren gepflückt und in der Nachkriegszeit leichtsinnigerweise mit zwei Granaten gespielt, die die Kinder gefunden hatten.

Neben dem Wohnhaus hatte sein Vater zwei Holzschuppen für sein kleines Taxi-Unternehmen als Garagen gebaut und das ohne Baugenehmigung –wie auch viele Behelfsheime in diesem Bereich nach und nach erweitert wurden, ohne dass es eine Genehmigung dafür gegeben hätte. Hinter diesen Garagen sind auf dem alten Luftbild, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht haben, drei Zirkuswagen zu erkennen. In einem davon hat ein Angehöriger der früher weltbekannten Achterbahn-Dynastie „Hugo Haase“ gelebt, weiß Schröder. „Der kam immer zu uns, wenn er Wasser brauchte.“ Auch Eckert erinnert sich an diesen Mann, von dem er weiß, dass er auf Schützenfesten ein Karussell betrieben hat.

Stratmann hat ab Ende der 1950er Jahre in den Sommerferien sein erstes Geld in der Holzhandlung Wirth verdient, die bis 1980 etwa auf dem Gelände angesiedelt war, auf dem heute der „Hammer“-Einrichtungsmarkt, ein Baumarkt und ein Baumarkt-Outlet untergekommen sind. Nachbar war einst wie heute der Entsorgungsbetrieb Herbert Schulz. Stratmann hat hier Bohlen und Kanthölzer gestapelt, die aus der Sägerei kamen.

Heinrich Wirth (Jahrgang 1948) berichtet, dass das Sägewerk wegen erheblicher Schwingungen vom Gewerbeaufsichtsamt dichtgemacht worden sei. Die angrenzenden Wohngebiete wurden einfach zu massiv gestört. Wirth lebte bis 1972 in seinem Elternhaus, das in dem ehemaligen Ausflugslokal Waldschlösschen“ an der Schildenstraße untergebracht war.

Hannskarl Rauterberg (Jahrgang 1935) weist in seinem Buch „,Erzähl doch was aus Westercelle!‘“ darauf hin, dass 900 Einwohner in diesem Bereich um 1939 herum in die Stadt Celle ausgemeindet wurden. Bis in die 1940er oder 1950er Jahre hinein wurde das Ausflugslokal betrieben, meint Rauterberg. Über 100 Jahre alte Postkarten zeigen ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude mit einer gepflegten Gartenanlage drumherum.

Anfang der 1960er Jahre ließen Wirths eine große Schlossereihalle bauen, in der Gitterboxen hergestellt wurden. Im Sägewerk wurden vor allem Holzpaletten gefertigt, die auf dem Gelände gestapelt wurden. In Spitzenzeiten beschäftigten Wirths bis zu 50 Mitarbeiter.

Besonders eindrucksvoll ist Wirth ein Orkan aus dem Herbst 1956 in Erinnerung geblieben. „Meine Eltern waren verreist und der Orkan brauste so stark über uns hinweg, dass wir Angst hatten, dass ein großer Behälter auf einem Holzgestell heruntergeweht werden würde“, berichtet er. Doch das schwere Teil in luftiger Höhe wurde mitsamt dem Gestell nur um einen halben Meter gedreht. Der „Zyklon“ genannte Fliehkraftabscheider, mit dem Stoffe voneinander getrennt werden, hielt dem Orkan stand.

Jürgen Piening (Jahrgang 1948) ist in einer Baracke geboren worden, in der seine Familie wohnte. Die Baracken wurden von der Stadt Celle zugewiesen und konnten dann käuflich erworben werden. Pienings Vater hat dem Haus in den 60er Jahren ein Satteldach aufgesetzt. Davor hatten die meisten Baracken noch ein Plumpsklo auf den Grundstücken und Wasser gab es nur in der Küche. Geheizt wurde mit Holz, Torf und Kohle in einzelnen Öfen. Die Schlafzimmer waren nicht beheizt und Kinderzimmer gab es recht selten. Das Wohnzimmer wurde meistens nur am Sonntag genuzt.

„Hier habe ich eine glückliche Kindheit verbracht, ohne Hektik, Neid und Missgunst. Und dann kam die Westtangente. Häuser wurden abgerissen, Menschen umgesiedelt, uralte Eichenbäume massenhaft umgesägt. Die Straße ,Am Eichkamp‘ geteilt. Lärm, Dreck und Hektik haben Einzug gehalten. Die guten Zeiten waren vorbei und für mich ein Grund, die Gegend zu verlassen“, sagt Piening.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 09.01.2015 um 19:14 Uhr
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