Detlev Glanerts „Caligula“ feiert Durchbruch an Staatsoper Hannover

Ralf Lukas verkörpert den römischen Kaiser Caligula. Dahinter der Chor in der Staatsoper Hannover. Foto: Thomas M. Jauk

Die Handlung von „Caligula“ ist so unfassbar, dass sie nur in der Oper umgesetzt werden kann. Detlev Glanert ist dieses in Hannover gelungen. Zwar hinterließ die Vertonung auch zwiespältige Eindrücke, doch der Abend in der Staatsoper war der Durchbruch für das Stück.

HANNOVER. Da hatte sich Hannover etwas vorgenommen. Statt der neuen Oper Giorgio Battistellis wurde kurzerhand Detlev Glanerts „Caligula“ ins Programm gehoben: ein Stück, das in der Frankfurter Uraufführung musikalisch überzeugen konnte, aber szenisch im Plakativen hängen blieb und seither in Deutschland nicht mehr gespielt wurde.

Der römische Kaiser Caligula meint, dass er aus einer privaten Frustration heraus für sein ganzes Volk die Spielregeln des Lebens neu festlegen kann: „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich“, so glaubt er zu erkennen. Mit „nicht glücklich“ meint Caligula vor allem „nicht frei“. Caligula will seinem Volk zeigen, was ein freier, also glücklicher Mensch ist und demonstriert ihnen seine eigene totale Freiheit, indem er Gesetze erlässt, die unweigerlich zur Vernichtung des eigenen Volkes führen müssen. Entweder er erreicht die totale Freiheit und sein Volk ist tot oder er wird getötet und das Volk bleibt aus seiner Sicht unfrei.

Diese monströse Rigorosität kennzeichnet das Stück von Albert Camus, nach dessen Vorlage Hans-Ulrich Treichel das Libretto für Glanert geschrieben hat. Es ist ein Libretto, das sich in seiner gekonnten Verkürzung wie ein Verdi-Libretto Arrigo Boitos liest.

So unfassbar die „Caligula“-Handlung zu sein scheint, so gut eignet sie sich für die Oper, die als wohl einzige Kunstform sogar das Unglaublichste noch glaubwürdig vermitteln kann. Wenn dann noch ein Komponist, wie dies hier zu vermelden ist, die passende Tonsprache dazu findet, vor kompositorischen Ideen geradezu sprüht und zudem auch begnadet ist im Schreiben für die menschliche Stimme, dann kann ein grandioses Werk entstehen. Die einzige Gefahr, die dann noch besteht, ist diejenige, dass der Komponist weniger die bewusst erhaltenen Leerstellen im Text zur eigenen musikalischen Stellungnahme nutzt, als die Textvorlage einfach klanglich verdoppelt. Leider ist Glanert zumindest teilweise dieser Gefahr erlegen, weshalb seine „Caligula“-Vertonung bei aller Faszination im Einzelnen auch zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Da kann man noch so begeistert sein von Glanerts Instrumentationskunst, seinen Fähigkeiten, Spannungsbögen zu bauen – irgendwann wirkt diese Musik im Ausschöpfen klanglicher Extreme dann doch ein wenig zu plakativ. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch das Dirigat Karen Kamenseks, die annähernd jede Klangeruption ins Schmerzhafte trieb. Das war denn doch ein wenig zu viel.

Trotz dieser kleinen Einschränkungen ist der gesamte Abend als äußerst gelungen zu bezeichnen. Die sängerische Besetzung stand dem guten Frankfurter Ensemble in keinem Punkt nach. Ralf Lukas als Caligula erwies sich sowohl musikalisch als auch darstellerisch als Idealfall. Und die Inszenierung Frank Hilbrichs versuchte sich erfreulicherweise nicht in platten Aktualisierungen oder Verdopplungen, sondern führte in einem abstrakten Raum die Figuren mit einer großen Glaubwürdigkeit durch das Stück. Ein ganz starker Abend, der den berechtigten Durchbruch für dieses Stück bedeuten sollte.

Reinhald Hanke Autor: Reinhald Hanke, am 20.01.2015 um 20:52 Uhr
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