104: Celle hatte schon mal eine Hochschule

Rechts von der Altstädter Schule und oberhalb davon sind Baracken zu erkennen, die von 1946 bis 1953 wie der obere Flügel der Schule von der Pädagogischen Hochschule (PH) Celle genutzt wurden. Foto: Stadtarchiv Celle (2); Ausschnitte: CZ

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Celle eine kurze Phase intensiver pädagogischer Ausbildung und zwar an der Pädagogischen Hochschule (PH) Celle. Im Spätsommer 1953 wanderte die PH nach Osnabrück ab. Der reformpädagogische Ansatz in Celle wurde noch bis 1956 fortgeführt, ehe auch er aufgegeben wurde. Er ist noch heute wegweisend.

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CELLE. „Celle hatte nie eine Hochschule, sondern nur eine Lehrerbildungsanstalt unterhalb des Hochschulniveaus. Das waren Leute, die vorher einen anderen Beruf hatten und nur an Volks- und Grundschulen unterrichteten.“ Dieses Zitat eines ansonsten gut informierten Cellers des Jahrgangs 1935 soll verdeutlichen, dass es sich bis heute wenig verbreitet hat, dass immerhin acht Jahre lang eine Pädagogische Hochschule (PH) in Celle ansässig war. Nahezu 500 Studenten absolvierten diese Hochschule, die im Spätsommer 1953 nach Osnabrück verlegt wurde, weil die Stadt Celle keine geeigneten Räumlichkeiten zur Verfügung stellen konnte.

Die Lehrerbildungsanstalt hat es tatsächlich gegeben, aber früher, denn sie war zeitweise bis 1945 im Westflügel der Altstädter Schule untergebracht, wo auch später die Pädagogische Hochschule unterkam. Der Zeitzeuge, dessen Namen wir nicht nennen möchten, besuchte von 1941 bis 1946 diese Schule, ehe er ans Ernestinum wechselte. Er meint, dass die Lehrerbildungsanstalt die „Keimzelle“ für die Pädagogische Hochschule Lüneburg gebildet habe.

Volker Schmidt (Jahrgang 1949) hat seinen gleichnamigen Vater (1919 bis 1963) auf dem unteren Foto der Studenten des Jahrgangs 1946/47 erkannt, die wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten. Sein Vater starb 14 Tage vor der Konfirmation seines Sohnes an den Folgen eines Herzinfarkts. Er war zunächst Hilfslehrer und dann zweiter Lehrer in Hornbostel. Er hat die erste bis vierte Klasse gemeinsam in einem Raum der Bäckerei Segelke unterrichtet. Ab 1955 hatte er alle acht Jahrgänge der einklassigen Volksschule in Bostel und ab 1960 war er Leiter der zweiklassigen Adelheidsdorfer Schule. Mit den Lehrern Paul Borstelmann und Alfred Drews hatte er während seiner Wietzer Zeit eine musikalische Spielgemeinschaft. Schmidt spielte Geige, Klavier und Orgel. „Aushilfsweise gab er auch in der Wietzer Kirche den Organisten“, sagt sein Sohn.

Ihre Eltern hat Allmut Taxer-Achenbach (Jahrgang 1944) auf diesem Bild entdeckt. „Meine Mutter wurde mit 22 Jahren Witwe. Von daher brauchte sie allen Mut und hat mich so genannt“, sagt die Frau, die ebenfalls Lehrerin wurde. Ihr Großvater war Heinrich Pröve, nach dem die Winser Mittelschule benannt worden war. Er hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen überliefert, wie er gleich nach dem Krieg entscheidend mithalf, die Pädagogische Hochschule hier in Celle aufzubauen. Pröves Tochter Annegret lernte ihren aus Dresden stammenden Mann Walter Arbeiter in der Celler Stadtkantorei und in der PH kennen. „Mein Stiefvater trägt auf dem Foto den gefütterten Offiziersmantel meines Vaters. Meine erste Erinnerung ist die an die Hochzeit meiner Mutter mit Walter Arbeiter im Jahr 1947“, so die Pröve-Enkelin. Bei ihrem Großvater erhielten viele Studenten einmal in der Woche ein Mittagessen. „Das war viel wert in dieser Zeit.“

Ihr Stiefvater war zunächst an der Mittelschule Am Heiligen Kreuz beschäftigt, ehe er an die Mittelschule Westercelle wechselte, wie sich ein ehemaliger Kollege (Jahrgang 1927) erinnert, der namentlich nicht genannt werden möchte: „Er war dort ab Ende der 50er Jahre ein erfolgreicher Musiklehrer und hat prima den Schulchor geleitet.“

Ihre Mutter arbeitete zunächst an der Altstädter Schule, dann an der Hehlentorschule. Anschließend pausierte sie lange, weil sich drei weitere Kinder einstellten, und nach der Familienphase lehrte sie bis zu ihrer Pensionierung an der Groß Hehlener Schule, wo das Ehepaar auch wohnte.

Die Hambührenerin Christine Schoebel (Jahrgang 1955) hat ihren Vater Johannes Heydel (1923 bis 1990) erkannt. 1949 ging er als Lehrer ins Teufelsmoor und unterrichtete in Hambergen/Heißenbüttel. Anschließend war er bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung Grund- und Hauptschullehrer in Ritterhude. Ihre aus Dörverden stammende Mutter Hildegard Habighorst (Jahrgang 1925) hat nur positiv von der Celler Zeit geradezu geschwärmt. Seine Verlobte hat ihrem Versprochenen aus Dörverden immer Kartoffeln und Wurst mitgebracht.

Bernd Liese (Jahrgang 1945) hat seinen ehemaligen Lehrer Hinderk Kramer, später Lehrer an der Mittelschule Heese (Sport und Biologie) erkannt. „Kramer war der Schwiegersohn der Kohlenhandlung Sannemann auf der Neustadt. Er ist in den 50er Jahren im Mittelmeer ertrunken, nachdem er jemanden gerettet hat“, erinnert sich Liese. Er war „jung, modern und dem Neuen aufgeschlossen“.

Marianne Timme (Jahrgang 1936) hat Ernst Wetzel auf dem unteren Bild identifiziert. Er war nach seinem Studium an der PH Celle Lehrer in Bulten (heute von Ilsede eingemeindet). Er hatte im Krieg ein Bein verloren und trug eine Prothese. „Als wir mit ihm zum Schwimmunterricht in der Peiner Badeanstalt waren, sahen wir ihn auf einem Bein humpelnd – und wir waren alle geschockt“, berichtet Timme: „Er war ein ganz lieber Lehrer und wir lernten in einer Klasse mit 34 Kindern viel von ihm.“ Durch Flucht und Vertreibung fehlten vielen Schülern zwei Schuljahre. Dennoch schafften es acht Schüler zur Mittel- beziehungsweise Oberschule. Wetzel ist in Hannoversch Münden begraben worden.

Gerhard Buhr aus Eschede hat seine ehemalige Nachbarin Auguste Weiß, geborene Weiner (1912 bis 2005) auf dem oberen Bild erkannt. Die Pädagogin war bis zum Beginn ihres Ruhestandes Lehrerin an der Grundschule in Eschede, zwischendurch abkommandiert an die damalige Sonderschule in Garßen. Sie wohnte mit ihrem Mann in Eschede, zog nach dem Tod ihres Ehemanns 1983 nach Celle und schließlich zu ihrer Nichte nach Bayern, wo sie verstarb.

Helmuth Dammeier hat Kurt Ernst Robert Dammeier (1915 in Uetze geboren, 1998 verstorben) auf dem oberen Bild erkannt. Sein Vater war der Heizungsbaumeister Heinrich Dammeier aus Westercelle. Er hat an der Christian-Schule in Hermannsburg als Realschullehrer unterrichtet. 1952 hat er als Rektor die Ludwig-Otto-Ehlers-Schule (Realschule) in Sittensen übernommen und die zunächst private Schule in eine staatliche Schule überführt. 1962 wurde er Schulrat in Osnabrück und ging dort als Schulamtsdirektor in den Ruhestand.

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) wurde unter anderem von Studenten der PH an der Altstädter Schule unterrichtet. Er erinnert sich, dass das nach dem so genannten Jena-Plan geschah. „Die Hochschule suchte Räume in Celle, aber die Stadt hatte zu der Zeit nichts zur Verfügung. So zog die Schule nach Osnabrück – leider!“, meint Röling.

Karl-Heinz Rusack (Jahrgang 1935) hat noch ganz genaue Erinnerungen, wie der Jena-Plan des renommierten Reformpädagogen Peter Petersen in Celle in einer der Baracken auf dem Schulhof umgesetzt wurde. Petersen besuchte Celle auch mehrfach. Eine der Baracken existiert noch heute. Drei Jahrgänge wurden in einer Klasse unterrichtet. Es gab keinen Frontalunterricht, sondern jeweils vier Kinder saßen an quadratischen Tischen und beschäftigten sich als Gruppe mit einem Thema. Nur der Deutsch- und der Rechenunterricht wurden jahrgangsweise abgehalten.

Zum „Berthold-Otto-Kreis“ wurden alle Stühle im Klassenraum aufgestellt und verschiedene Themen erörtert. „Das war eine ganz tolle Gemeinschaft damals. Alle Schüler konnten sich einbringen und haben eine hervorragende Allgemeinbildung erhalten, die uns allen genutzt hat“, sagt Rusack. Ganz neu war damals an der Altstädter Schule, dass Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden. In einem Flügel der Schule war die PH bis 1953 untergebracht. Nach dem Jena-Plan wurde in Celle bis 1956 gelehrt. „Man hat sich gegenseitig geholfen. Jeder Schüler hat einen drei bis fünf Seiten langen Aufsatz schreiben müssen, über den er dann einen Vortrag vor der Klasse gehalten hat. Der Lernstoff wurde viel besser und schneller vermittelt. Das war auch viel interessanter so“, berichtet Rusack. Ihn verwundert es doch sehr, dass man danach an fast allen Schulen zum Frontalunterricht zurückgekehrt ist. Und eine Lebensweisheit hat Rusack auch noch parat: „Die Lehrer, die wir hatten, waren alle mit sich so zufrieden, dass sich das auf die Schüler übertragen hat, die dann auch alle zufrieden mit sich waren.“ – Vielleicht ein übertragbares Geheimrezept für alle möglichen Organisationen?

Die Pädagogische Hochschule Celle (Adolf-Reichwein-Hochschule) 1946 bis 1953 Eine Zusammenfassung des Aufsatzes von Konrad Klütz aus der „Celler Chronik 7“ (1996), Seiten 171 bis 221.

Professor Hans Bohnenkamp (1893 bis 1977) erhielt bereits im Sommer 1945 den Auftrag, im Norden des Landes nach einem geeigneten Ort für die Gründung einer von ihm zu leitenden Pädagogischen Hochschule (PH) Ausschau zu halten. Sein erster Weg führte ihn nach Celle, weil er die Stadt kannte. Er gewann den Leiter der Stadtkantorei, Professor Fritz Schmidt, und den damaligen Schulrat des Landkreises, Professor Dr. Heinrich Pröve als Dozenten für die PH. Pröve war während der Weimarer Republik Professor für Geschichte an der Pädagogischen Akademie Altona. Für Bohnenkamp gab es in der neuen Lehrerbildung zwingend zwei richtunggebende Kräfte, nämlich die Jugendbewegung und die pädagogische Bewegung der 1920er Jahre. Es galt für ihn, innerhalb kürzester Zeit weitere, für diese besondere Aufgabe geeignete Lehrpersonen zu finden, denn bereits im Januar 1946 sollte ein verkürztes Studium von eineinviertel Jahren beginnen, um dem akuten Lehrermangel schnelle entgegenzuwirken. Am 15. Januar 1946 wurden die ersten 60 Studenten im Celler Schlosstheater durch den Kultusminister feierlich immatrikuliert. Am Tage drauf begannen die Vorlesungen und Übungen in den Baracken der Berufsschule an der Bahnhofstraße. Von 225 aus Hannover zugeteilten Bewerbern wurden in Celle 60 ausgewählt.

Am 20. Oktober 1946, genau zwei Jahre nach der Hinrichtung Adolf Reichweins, wurde der PH der Name „Adolf-Reichwein-Hochschule“ verliehen. Bohnenkamp war mit den von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer befreundet gewesen. Der 1898 geborene Reichwein gehörte wie Bohnenkamp der Wandervogelbewegung an. Als Mitglied des „Kreisauer Kreises“ war er aktiv im Widerstand gegen das NS-Regime.

Bereits im Herbst 1946 zog die PH in den Westflügel der Altstädter Schule. Neben Bohnenkamp, Schmidt und Pröve gehörten folgende sieben Dozenten zu dem Lehrkörper der ersten Stunde: Max-egon Martin, Dozent Marx, Dozent Dr. Nolte, Professor Helmuth Kittel, Professorin Dr. Birkemeyer, Dr. Heinz Vogeley und Prof. Walter Breidenbach. In den acht Celler Jahren waren insgesamt 26 hauptamtliche Lehrkräfte tätig, davon Bohnenkamp, Martin, Kittel, Vogeley und Breidenbach die gesamt Zeit über. Zum Zeitpunkt des Wegzugs lehrten 17 hauptamtliche Lehrkräfte an der Adolf-Reichwein-Hochschule. Von diesen blieben 16 der Hochschule treu und wagten den Neuanfang in Osnabrück.

Bohnenkamp war als Oberstleutnant während des Krieges zuletzt Kommandeur eines Artillerieregiments. Helmut Schmidt lernte ihn im Kriegsgefangenenlager kennen und schätzen. Er wurde Vorsitzender des Arbeitskreises Pädagogischer Hochschulen Westdeutschlands und wirkte im „Beirat der Fragen der Inneren Führung des Bundesministeriums der Verteidigung“ mit . Von 1958 bis 1963 war er in den entscheidenden Jahres des Bundeswehraufbaues Sprecher dieses Gremiums. Professor Helmuth Kittel (1902 bis 1984) war von 1954 bis 1959 Direktor der Pädagogischen Hochschule Osnabrück.

Viele Studenten besuchten in ihrer ausgeblichenen, alten Militärkleidung die Vorlesungen, übrigens auch einige der Dozenten, so auch Bohnenkamp, der tagtäglich in seinem abgewetzten blaugrauen Offiziersledermantel erschien. Zitat Bohnenkamp: „In den ungeheizten Baracken arbeitete man in die dürftigen Mäntel und in die wenigen Decken gehüllt, die aus Krieg, Flucht und Bombennot gerettet waren.“

Im Durchschnitt waren in jedem Semester nur 70 Studierende; es befanden sich also zur gleichen Zeit insgesamt jeweils 140 Studenten in Celle. Auf einen Dozenten kamen meist weniger als zehn Studenten. Das ließ unkomplizierte personale Bezüge zwischen Studentenschaft und Lehrkörper zu. Der allergrößte Teil der Celler Absolventen wurde nach der Ersten Prüfung in den Niedersächsischen Schuldienst entlassen. Ein kleiner Teil von ihnen ist in Celle oder in seiner näheren Umgebung geblieben. Der ehemalige Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans Pöppel war Absolvent dieser PH. 1948 hielt Bohnenkamp wesentliche Gedanken seines erzieherischen Wollens fest: In der Schule solle man die Kinder noch mehr lieben als Kirche und Vaterland. Aus dem Schulehalten des Lehrers soll ein freies geistiges Leben erwachsen. Das Einüben von Fertigkeiten soll viel vom Charakter des Spieles haben und dem individuellen Tempo nachgeben. Viele Erkenntnisse und Fertigkeiten sollen sich am gemeinsamen Werk der Köpfe und Hände erproben. Die Kinder müssen im freien Gespräch aktiv und eingehend zu Wort kommen. Allerdings muss der gesamte Unterricht unter dem Gesetz einer klar ausgegrenzten Sache stehen.

Pädagogische Tatsachenforschung wurde in der hierfür bereits 1947 eingerichteten Jena-Plan-Schule (nach dem Reformpädagogen Peter Petersen), untergebracht in den Baracken der ehemaligen Lehrerbildungsanstalt. Tüchtige Lehrer wie Rudolf Kahle, Rudi Grosan, Werner Lampe und Wolf D. Fuhrig wirkten hier.

Im ersten Semester hatte jeder Student ein dreiwöchiges sozialpädagogisches Praktikum, im zweiten Semester ein dreiwöchiges Stadtschulpraktikum und im dritten ein Landschulpraktikum zu absolvieren. Nach jedem Semester schrieben sie einen Praktikumsbericht, im zweiten Semester eine Semesterarbeit unter einem gänzlich freien Thema. Eine weitere verpflichtende Gemeinschaftsaufgabe für sämtliche Semester war das wöchentliche Volksliedsingen mit Instrumentalisten an jedem Mittwoch von 12 bis 13 Uhr bei Prof. Schmidt. Pflichtveranstaltung – eine weithin beachtete Besonderheit Celles und wohl einmalig in der Bundesrepublik – für jeden einzelnen war der Instrumentalunterricht, zumeist in den Privatwohnungen der Celler Musikpädagogen erteilt. Der Hochschulchor probte sonnabends von 8 bis 10 Uhr.

Die Gesamtwochenstundenzahlen gab Bohnenkamp mit 23 bis 30 an, de facto waren es aber wohl eher 25 bis 37 Stunden. Es gab Kolloquien zu Gegenwartsfragen sowie Tutorenkreise. Ihren festen Platz im Jahresablauf hatten nur fünf Veranstaltungen, die festlich begangen wurden: die Immatrikulation, das Sportfest, in der Regel verbunden mit dem Abschluss des Sommersemesters mit Laienspiel und Tanz, das Weihnachtssingen, die Fastnacht und Exmatrikulation. Der Abschluss des Sommersemesters begann morgens auf dem MTV-Sportplatz an der heutigen Biermannstraße mit sportlichen Wettkämpfen, wobei sämtliche Dozenten als Kampfrichter fungierten und sich hinterher einer Studentenmannschaft im Volleyball stellten.

Das Ende

Am 19.2.1951 protestierte die Lehrerschaft des Landkreises Celle gegen den Wegzug der PH nach Osnabrück, wo sie ins dortige Schloss einziehen sollte. Auch in Celle sei die Unterbringung einer Hochschule mit 360 Studierenden möglich, hieß es. Die Celler Stadtverwaltung hielt einen Hochschulneubau für die aussichtsreiche Lösung. Zunächst bot sich ein Baugrundstück am Südende der Hattendorfstraße an, später stellte sie das zentraler gelegene Gelände auf der Herrenwiese für einen Neubau kostenlos zur Verfügung. Doch das Kultusministerium lehnte beide Vorschläge ab, da ein Neubau 3 bis 5 Millionen Mark kosten würde. Das Geld stände nicht zur Verfügung.

Der dritte Vorschlag war der Bezug des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der „Mitteldeutschen Spinnhütte“, in dem heute das Landessozialgericht untergebracht ist. Bohnenkamp wäre mit dieser Lösung einverstanden gewesen. Da aber die Räume nur die Hälfte des Bedarfs gedeckt hätten, wäre hier auch ein kostspieliger Anbau nötig geworden. Nach dem Scheitern dieser drei Projekte wurden das Celler Schloss, die geräumige relativ neue Seecktkaserne an der Hohen Wende (damals noch von den Briten genutzt) sowie der Wiederaufbauplan des Osnabrücker Schlosses ins Spiel gebracht. Das Celler Schloss war denkbar ungeeignet und die Briten benötigten das Kasernengelände noch viele Jahrzehnte lang, so dass die Wahl auf Osnabrück fiel.

Bohnenkamp meinte, dass das eine gute Wahl sei, weil dem Südwesten des Landes eine PH fehlte, wohingegen es im Osten des Landes sechs der acht Hochschulen gab (in Lüneburg, Celle, Hannover, Braunschweig, Alfeld und Göttingen). Durch die Verlagerung von Celle nach Osnabrück werde dieses Ungleichgewicht ein wenig ausgeglichen.

Die Hannoversche Presse stellte am 10.2.1953 fest: „Die Stadt hat es daneben nicht einmal fertiggebracht, wenigstens Sportanlagen zu schaffen und für ausreichende Unterbringung der Pädagogen zu sorgen.“ Hätte die Stadt Celle eine Hochschule behalten können, wäre sie heute Universitätsstadt, denn in allen anderen Städten wurden die Pädagogischen Hochschulen inzwischen zu Universitäten erweitert, oder sie sind Abteilungen anderer Universitäten geworden. In Osnabrück vervierfachte sich die Studentenzahl von 1953 bis 1959 von 134 auf 558 Studenten, während sich im selben Zeitraum die Dozentenzahl nur von 17 auf 20 erhöhte. Ein persönlicher Bezug zwischen Dozenten- und Studentenschaft – wie in der Celler Zeit – war so nicht mehr möglich. Selbst der Name der Hochschule wurde im Zuge der Gründung der Universität Osnabrück aufgegeben. Auf ihn weist nur noch eine Nebeninschrift auf dem rechten Pfeiler am Eingang zur Universität hin: Pädagogische Hochschule Osnabrück Adolf-Reichwein-Hochschule 1953-1973. „Eine durchaus tragfähige, heute mehr denn je notwendige, zukunftsweisende Idee ist auf der Strecke geblieben. Die Spuren des Aufbruchs sind verweht“, stellt Konrad Klütz am Ende seines Aufsatzes resigniert fest.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 30.01.2015 um 16:36 Uhr
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