Mitglieder von Turnvereinen diskutieren 1848 in Celle über Leibesübungen und Politik

Die Gründung der Turnvereine in Deutschland wart eng mit der Revolution im Jahre 1848 verbunden. Bei einer Tagung in Celle am 28. Mai wurde eifrig diskutiert. Insbesondere ging es dabei um die Frage, inwieweit Turnvereine auch politisch tätig sein sollen.

In Northeim ist ein interessanter Schriftverkehr ans Tageslicht gelangt, der die Rolle des Braunschweiger Turnvereins in den unruhigen Zeiten 1848/49 beschreibt. Es ist das Protokoll einer Tagung in Celle, zu der sich am 28. Mai 1848 Delegierte der Turnvereine aus Hannover, Braunschweig, Wolfenbüttel und Celle eingefunden hatten, um über den Anschluss an den in Hanau konstituierten Turnerbund zu beraten.

Im westdeutschen Raum wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts, also nach der vollkommenen Rehabilitierung des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), die Kölner Turnerschaft von 1843 und der Barmer Turnverein von 1846 gegründet. Es folgten der Aachener Turnverein, der Dürener Turnverein, der Düsseldorfer Turnverein und die Elberfelder Turngemeinde, die 1847 gegründet wurden.

Am 1. April 1847 wurde der Braunschweiger Männer-Turnverein von drei süddeutschen Männern gegründet. Drei junge Männer, der Kaufmann Hübschmann aus Frankfurt, Frisäus aus Heilbronn und Waldenburg aus Pforzheim, riefen im Frühjahr des Jahres zur Vereinsgründung auf. Unter den ersten 13 Mitgliedern war nur ein Braunschweiger, und zwar B. Siegfried, 1824 in Magdeburg geboren.

Gründung des
MTV Celle

Der MTV Celle hatte einen Vorgänger, der bereits im Juli 1847 ein Gesuch an „den wohllöblichen Magistrat und die Bürgervorsteher der Stadt Celle“ richtete. Auf dem Titelblatt verlautete: „Gehorsames Gesuch von Seiten des Dr. juris Lauenstein, des Porcellanmalers Robert Geisler und des Posamentierers C. Ellecke hieselbst, als erwählter Ausschuß und Repräsentanten mehrerer zum Turnverein zusammengetretenen Eingesessenen in Celle, Supplicanten, den hiesigen Turnverein betreffend.“ Eine nachträgliche Notiz von Dr. jur. Lauenstein vom 24. Juli 1847 besagt: „Die Anl. tit. A., die Turngesetze, zurückempfangen“. Die Gründung des MTV Celle 1847 soll das Werk zweier Heilbronner Turner und Handwerksburschen gewesen sein.

Am 9. Januar 1848 rief eine Versammlung der Turnvereine aus Frankfurt, Offenbach, Hanau, Mainz, Wiesbaden, Idstein und Höchst in Hattersheim zum gewaltsamen Umsturz auf. Als im Jahre 1848 infolge der Märztage das Recht der Versammlung und Vereinigung freigegeben war, fand am 19. März auf den Ruf des späteren Geheimen Regierungsrats Moritz Rühlmann (1811-1896), Professors an der höheren Gewerbeschule, der Buchhändler Ernst Victor Schmorl (1822-1881) und Alfred von Seefeld (1825-1893), des Konrektors am Lyzeum, Friedrich Kohlrausch (1780-1867) und anderer eine Vorversammlung auf dem Lister Turm statt, nach der am 7. April im Ballhof von fast 200 Angehörigen der mittelständischen Berufe der Männer-Turnverein Hannover gegründet wurde.

Zu Beginn der Deutschen Revolution von 1848/49, als Bürger der 39 Teilstaaten von ihren Regierungen soziale und politische Rechte, aber auch die Einheit Deutschlands, forderten, lud das Mitglied der Hanauer Volkskommission, August Schärttner (1817-1859), im März 1848 alle Turner nach Hanau zu einem Turntag ein. Unter Vorsitz von Theodor Georgii (1826-1892) aus Esslingen und in Anwesenheit Friedrich Ludwig Jahns wurde auf dem 1. Hanauer Turntag (2./3. April 1848) der Deutsche Turnerbund gegründet. In Paragraf 2 der Beschlüsse heißt es, dass es der Zweck des Bundes sei, „für die Einheit des deutschen Volkes thätig zu sein, den Brudersinn und die körperliche und geistige Kraft des Volkes zu heben“.

Es folgte die Tagung in Celle vom 28. Mai 1848. Dabei waren vom Männer-Turnverein Hannover: Rühlmann, Deister, Brandes, der aus Leipzig stammende städtische Turnlehrer Franz Wilhelm Metz (1817-1891), von Braunschweig: Hübschmann, Baumgarten, Heusler, Wiegmann, von Wolfenbüttel: Günther, von Celle: Mangold, Lüderitz, Winkler und Haarmann. Diese Turner wollten über den Anschluss an den in Hanau konstituierten Turnerbund beraten. Zuerst wurde der Celler Turner Mangold zum Vorsitzenden gewählt, zudem C. Haarmann – das war wohl der Oberappellationsgerichtsanwalt Justizrat Carl Haarmann (1823-1884) – zum Schriftführer.

Verlesen wurde ein Rundschreiben an alle deutschen Turngemeinden vom Vorort (geschäftsführende Turngemeinde) zu Hanau, in dem alle Turngemeinden, auch Nichtmitglieder des Bundes, zu einem Kongress am 2. Juli eingeladen worden waren.

In der nachfolgenden Beratung traten recht unterschiedliche Ansichten zutage. Professor Rühlmann als Sprecher des Männer-Turnvereins Hannover bemerkte als erster Wortführer, er glaube, dass das Rundschreiben mit sich in Widerspruch stehe, indem darin als Zweck des Turnerbunds Deutschlands Einheit vorangeschickt „und daneben Sonderbündlerei bevorwortet werde“. Er betonte, dass er es für unzweckmäßig und unpolitisch halte, einen anderen Zweck als die körperliche Übung als den Zweck des Turnens zu bezeichnen.

„Ein kräftiger Geist
ist ein freier Geist“

Baumgarten (Braunschweig) sagte, der Zweck der Turnerei sei Ausbildung des Körpers; körperliche Stärke und Kraft bedinge die geistige, und ein kräftiger Geist sei ein freier Geist. Der Braunschweiger Turnverein erkenne an, dass der Zweck des Turnerbundes in Hanau, die Einheit Deutschlands, jedem am Herzen liegen müsse. Der Zweck der Turnvereine sei aber nur das Turnen. Dies würde nicht geschehen, wenn man einen politischen Zweck dem Turnen neben stelle. Der Braunschweigsche Turnverein wünsche einen allgemeinen Deutschen Turnerbund, aber nicht auf den Grundlagen, wie sie das Rundschreiben von Hanau enthalte.

Mangold erklärte, der Celler Turnverein habe annehmen müssen, dass der Anschluss an Hanau kein ungesetzlicher sei. Sein Verein habe den Zweck, wie er im Rundschreiben angedeutet war, für löblich und schön gehalten. Da nun der Rücktritt immer frei stehe, so habe der Celler Turnverein keine Bedenken getragen, dem Turnerbund in Hanau beizutreten. Der städtische Turnlehrer Metz schlug vor, dass die Turner aus der hiesigen Gegend zur Kräftigung erst ihrerseits in Vereine zusammentreten und abwarten sollten, was in Hanau beschlossen werden würde.

Heusler (Braunschweig) meinte, die Nebenzwecke seien undeutlich. Ehe man sie nicht deutlich kenne, dürfe man sich nicht anschließen. Sich den Austritt vorzubehalten, wenn der Turnerbund ungesetzliche Zwecke verfolge, sei eine „gravira Maaßregel“. Er müsse sich daher gegen den Anschluss an Hanau aussprechen. Baumgarten gab einige Erläuterungen über die Persönlichkeit des „Briefstellers Lion“ und hob hervor, dass derselbe „nur seine wahre Überzeugung ausgesprochen und ein höchst braver wirklich treuer Turner sei“. Justus Carl Lion (1829-1901) war Physiker, seit 1862 Direktor des Leipziger Turnwesens und Redakteur der Deutschen Turn-Zeitung.

Gegen Anschluss an Hanauer Turnerbund

Danach wurde die Debatte für geschlossen erklärt. Brandes, Heusler, Winkler, Hübschmann, Metz, Wiegmann, Deister, Rühlmann, Baumgarten, Günther, Mangold und Haarmann erklärten sich für jetzt gegen den Anschluss an den Hanauer Turnerbund. Heusler sprach sich nun entschieden für den Antrag des Turners Metz aus, dass sich die Turnvereine des alten Niedersachsens zu einem Bezirksverein zusammenschließen sollten. Brandes stimmte dem zu und stellte den Antrag, dass einer Kommission die Ausarbeitung eines Entwurfs der Statuten für den Bezirksverein übertragen werden solle. Baumgarten hob hervor, dass ein solcher Verein vielmehr ein Kreisverein zu nennen sei, welchem wieder mehrere Bezirksvereine untergeordnet werden könnten. Nachdem der Antrag von Metz und Heusler einstimmig angenommen war, beantragte Heusler, dass sofort eine Kommission, wie sie von Brandes beantragt sei, niedergesetzt werden möge. Dieser Antrag blieb unerledigt, und die Sitzung wurde geschlossen.

Wegen der politischen Zielsetzung – ob Republik oder Monarchie –, über die auch die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche leidenschaftlich diskutierte, entzweiten sich die Turner. Auf dem 2. Hanauer Turntag am 2. und 3. Juli 1848 – ebenfalls in Hanau – spalteten sich die Republikaner ab und gründeten einen zweiten nationalen Verband, den Demokratischen Turnerbund. In Paragraf 2 ihrer Statuten traten sie für die deutsche Republik ein, während die Turner des Deutschen Turnerbundes mit geringen Änderungen ihre Satzung bestätigten.

Es war wohl nicht die Ertüchtigung des Leibes allein, die am 4. März 1849 Burschenschaftler in Burgdorf veranlasste, unter den Farben Schwarz, Rot und Gold einen Männerturnverein zu gründen. Es waren die schicksalhaften Wochen, in der die Frankfurter Nationalversammlung ihr Verfassungswerk fertigstellte und die reaktionären Kräfte langsam wieder die Oberhand gewannen. Mit dem Scheitern der bürgerlichen Revolution und der Flucht vieler republikanisch gesinnter Turner ins Ausland verschwand der Demokratische Turnerbund. Ein Einigungsversuch beider Verbände mit der vom Braunschweiger Männer-Turnverein erfolgten Gründung des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes in Eisenach am 26. und 27. August 1849 hatte keinen Erfolg; lediglich der Deutsche Turnerbund überstand die polizeistaatlichen Unterdrückungsmaßnahmen.

Während des 2. Turntages in Eisenach im März/April 1850 beschlossen die Vertreter des Deutschen Turnerbundes erneut, ihre Satzung und den Bund frei von Politik zu halten. Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes forderten hingegen die Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit des deutschen Volkes – die Ideale der Französischen Revolution von 1789.

Viele Turnvereine, die bis 1849 politisch aktiv waren, fielen den strengen Vereinsgesetzen von 1850 zum Opfer. Das Schulturnen gewann dagegen an Bedeutung. Turnen als Schulfach wurde nach 1850 zunächst in den höheren Knabenschulen eingeführt.

Von den drei in den Revolutionsjahren gegründeten nationalen Turnverbänden hat nur der Deutsche Turnerbund die Revolution und die Verbote politischer Vereinigungen überstanden. Da aber der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Turnerbundes, der 1845 gegründete Allgemeine Turnverein zu Leipzig, wenig Aktivität entwickelte, wurde er auf Drängen des MTV Braunschweig durch den MTV Hannover per Briefwahl am 16. Januar 1850 abgelöst.

Polizei überwacht
Deutsche Turnvereine

Aufgrund der sehr regen Korrespondenz mit den Mitglieds- und anderen Turnvereinen hatte der Vorort (geschäftsführender Vorstand) Hannover die Position des Deutschen Turnerbundes zunächst festigen können. Aber aufgrund von weiteren polizeilichen Überwachungsmaßnahmen musste der Vorort Hannover seine Tätigkeiten einschränken. Er konnte beispielsweise nur alle zwei Jahre einen Turntag durchführen. Auf dem Turntag in Hannover am 6. Januar 1856 wurde der MTV Hamburg zum Vorort gewählt. Die erstmals am 17. Juli 1856 in Leipzig erschienene und von Vorturner Alwin Martens (1832-1862) begründete „Deutsche Turn-Zeitung“ wurde das neue Presseorgan, vorher waren dies „der Turner“ aus Dresden und das „Turnblatt aus Schwaben“.

Der erste Braunschweiger Männer-Turnverein bestand nur bis zum 22. April 1859. Er bestand zuletzt noch aus sechs Mitgliedern, die ihn zwangsläufig auflösten. Der Verein wurde am 2. Dezember 1860 unter anderen Voraussetzungen von Männern, wie dem Braunschweiger Arbeiterführer Wilhelm Bracke (1842-1880), neu gegründet.

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Literatur:

Matthias Blazek: Wathlingen – Geschichte eines niedersächsischen Dorfes, Band 3: Die Geschichte des VfL Wathlingen 1910-2010, Wathlingen 2009 (ISBN 978-3-00-027770-2)

Matthias Blazek Autor: Matthias Blazek, am 19.06.2013 um 16:35 Uhr
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