Adelheidsdorf vor 100 Jahren

Das Ehrenmal steht vor der Friedhofskapelle in Adelheidsdorf. Die Inschrift im oberen Bereich erinnert an die acht Männer aus der Gemeinde, die während des Ersten Weltkriegs in Frankreich, Galizien und Flandern ums Leben kamen. Foto: Matthias Blazek

Vor hundert Jahren wurde in Adelheidsdorf ein neuer Ortsteil, der heutige Straßenzug Kükenkamp, fertiggestellt. Ein Jahr später wurden die Männer zu den Waffen gerufen. Der Erste Weltkrieg brach aus, acht junge Männer aus Adelheidsdorf verloren ihr Leben.

Beiläufig erwähnte die Hannoversche Ansiedelungsgesellschaft in einem Schreiben am 11. Juni 1913 ihre bereits abgeschlossene Rentengutsgründung der Ansiedlungen Höfermann, Möhrke und Rieckenberg sowie der noch nicht besetzten vierten Stelle, die dem Pächter Knoll aus Abbendorf vorbehalten sei. Auch äußerte sie die Absicht, ihr Adelheidsdorfer Siedlungsunternehmen westlich der Chaussee von Hannover nach Celle fortzusetzen. Zuvor (am 14. Mai 1913) hatte das Königliche Konsistorium in Hannover festgelegt, dass die jungen Ansiedlungen wie das Vorwerk Müggenburg zur Kirchengemeinde Nienhagen gehören sollten. Dafür sollte die Ansiedelungsgesellschaft für jede Ansiedlerstelle eine Vorausleistung in Höhe von 100 Mark an die Kirchengemeinde Nienhagen zahlen.

Am 13. September 1913 überschrieb die Witwe Johanne Nabe die Anbauerstelle Nummer 10 auf ihren Sohn Carl. Vertraglich wurde unter anderem vereinbart: „Es ist zu liefern (...) freies Essen und Trinken an des Wirtestisch, ferner Licht, freie Feuerung, freier Arzt und Apotheker, freie Wäsche, Hege und Pflege in gesunden und kranken Tagen, wöchentlich ein Taschengeld von 1 Mark.“

„Unterschlagung“
von 65 Mark

Am 4. Dezember 1913 wurde der Bauunternehmer August Pape aus Adelheidsdorf beim Kreisausschuss des Landkreises Celle vorstellig und erklärte Folgendes: „Der Gemeinde-Vorsteher führt in der Gemeinde-Versammlung kein Protokoll und liest auch in der folgenden Gemeinde-Versammlung das Protokoll von der letztvergangenen Versammlung nicht vor. Das Vorlesen der Protokolle ist übrigens wie ich bemerke noch niemals von den in den Versammlungen Anwesenden verlangt worden. Der Gemeindevorsteher hat mir selbst gesagt, er sei von dem Abbauer Fischer in Adelheidsdorf beschuldigt, 65 M die er für den Verkauf von Heide für die Gemeinde vereinnahmt habe, unterschlagen zu haben. Der Vorsteher fügte hinzu, mit Rücksicht auf die Familie des Fischer würde er gegen letzteren wegen dieser Verläumdung nicht vorgehen. Der Vorsteher hat mir dies aus eigenem Antriebe erzählt, ich habe ihn dieserhalb nicht etwa zur Rede gestellt. Nachdem der Vorsteher mir die Eröffnung gemacht hatte, habe ich auch von dem Anbauer Gustav Holle und dem Plantagenbesitzer Voß beide in Adelheidsdorf gehört, daß Fischer die Beschuldigung gegen den Vorsteher in öffentlicher Gemeinde-Versammlung erhoben habe.“

Friedrich Evers hatte sich zu rechtfertigen. Er berichtete dem Vorsitzenden des Kreisausschusses am 14. Dezember 1913 in einem Schreiben: „Auf die dort gegen mich, seitens des Maurers Pape hier, gemachten Angaben, erwiedere ich ergebenst, daß ich zur Wahrung meiner Ehre, den p. Pape als Vormund nicht nötig habe. Bezüglich der 49 Mark, nicht 65 Mark, wie Pape angegeben, hat sich zur Verwendung derselben bisher keine Gelegenheit geboten, ich habe wiederholt in Gemeindeversammlungen die Sache in Erwähnung gebracht. Die Gemeinde wird voraussichtlich in nächster Zeit die Verwendung des Geldes zur Herstellung des an den hiesigen Siedelungen vorbeiführenden Weges beschließen.“

Seitens des Landratsamts war die Angelegenheit damit erledigt.

Gedenkstein erinnert
an Gefallene

Hohe Verluste an Menschenleben zog der Krieg der Jahre 1914-1918 nach sich. Erstmals war von einem „Weltkrieg“ die Rede. Ausgebrochen war er im August 1914, nachdem am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger und seine Gattin in Sarajewo erschossen worden waren. Über 40 Jahre ist es nunmehr her gewesen, dass die Deutschen ins Feld ziehen mussten. Jetzt beherrschte Kriegstreiben wieder das Tagesgeschehen in Adelheidsdorf. Wieder wurden junge Männer aus Adelheidsdorf an die Front gerufen.

In der Celleschen Zeitung vom 28. Mai 1915 ist die Todesanzeige des kriegsfreiwilligen Musketiers Karl Böse abgedruckt, der im Alter von 19 Jahren am 13. Mai im Feldlazarett „in G.“ seinen Tod gefunden hatte. Böse hatte der 10. Kompanie des Infanterieregiments 77 angehört. Es trauerten seine Eltern in Adelheidsdorf und sein Bruder Wilhelm, welcher selbst im Felde stand. Wenig später, am 19. Juni 1915, finden wir in der Tageszeitung die Todesanzeige von Emil Danneleit, der der 3. Kompanie des Infanterieregiments 92 angehört hatte und im blühenden Alter von 20 Jahren am 11. Juni im Feldlazarett infolge einer schweren Verwundung gestorben war. In tiefer Trauer blieben die Witwe Marie Willers, seine Großmutter, sowie Heinrich Willers und Frau, Erna Hemme, geborene Danneleit, Else Danneleit, Fritz Hemme und Dora Willers zurück.

Insgesamt fielen im Ersten Weltkrieg acht Männer, deren Namen auf dem Gedenkstein bei der Adelheidsdorfer Friedhofskapelle eingemeißelt sind. Da heißt es:

1914 Unsern Helden 1918

Bernhard Hamborg, Einj. Gefr. Füs. Rgt. 73, 10. Komp., gest. an s. Verw. 11.9.14 Münster i.W.

Hermann Böse, Musk. 3. Komp. Brig. Ers. Batl. 40., gef. 1. April 1915 Frankr.

Karl Böse, Musk. Inftr. Rgt. 77, 10. Komp., gef. 13. Mai 1915 Galizien

Emil Danneleit, Musk. Inftr. Rgt. 92, 3. Komp., gef. 11. Juni 1915 Galizien

Karl Fischer, Pion. Komp. 307, gef. 4. Okt. 1916 Frankr.

Bruno Siebert, Musk. Res. Inftr. Rgt. 203, 8. Komp., gef. 16. April 1916 Frankr.

Hermann Heins, Musk. Res. Inftr. Rgt. 77, 2. Komp., gef. 8. Aug. 1917 Flandern

Wilhelm Soeder, Musk. Inftr. Rgt. 169, 8. Komp., gef. 18. Nov. 1918 Frankr.

Am 5. August 1914 wurde der Plantagenbesitzer August Voß an Stelle des zur Fahne einberufenen Friedrich Evers für die Dauer von dessen Abwesenheit in einer Gemeindeversammlung zum provisorischen Gemeindevorsteher gewählt. Minna Evers teilte dem Landratsamt am 23. Juni 1915 in einem Schreiben mit, „das mein Mann der Gemeindevorsteher Evers am 18ten Juni einberufen ist, da es nun so plötzlich kam, war es ihm nicht möglich, dem Ersatzvorsteher Herrn August Voß die Gemeindegeschäfte in ordnungsmäßiger Weise zu übergeben“.

August Voß blieb Gemeindevorsteher. Am 23. Februar 1919 wurde er für die Zeit vom 1. April 1919 bis zum 1. April 1925 wieder gewählt. Aus der Stichwahl zum Beigeordneten ging am 3. März 1919 der Landwirt Heinrich Mohwinkel junior als Gewinner hervor. Aber bereits ein Jahr später trat der Anbauer Gustav Elvers – bis dahin Schriftführer – an die Stelle des Beigeordneten.

Der Gemeindevorsteher Voß meldete dem Landrat am 16. November 1920: „Da ich durch ein körperliches Leiden gezwungen bin, ca. 3 Wochen ein Krankenhaus aufzusuchen, so habe ich deshalb dem Beisitzer Gustav Elvers die Führung der Gemeindegeschäfte für diese Zeit übertragen.“

Kurz darauf war August Voß tot. Der Beigeordnete Elvers schrieb Landrat Heinichen am 12. Dezember 1920: „Ich erfülle hiermit die betrübende Pflicht, Sie von dem Ableben des Gemeindevorstehers Herrn Voß in Kenntnis zu setzen. Er ist am Sonnabend den 11. d. Mts im Joseph-Stift in Celle verschieden.“

Gustav Elvers wurde am 2. Januar 1921 in der Gastwirtschaft zur Müggenburg vom Gemeindeausschuss zum Vorsteher der politischen Gemeinde Adelheidsdorf und Friedrich Evers zum Beigeordneten gewählt.

Der Oberlandjäger Carl Paare in Celle (dort seit dem 6. November 1885 stationiert) äußerte dem Kreissekretär Richard Stoltze gegenüber Bedenken, dass Gustav Elvers seiner Tätigkeit hinreichend nachkommen könnte. Elvers war als Buchhalter bei der Firma Continental in Hannover beschäftigt. Er ging morgens um 7 Uhr aus dem Haus und kehrte erst nach 19 Uhr aus Hannover zurück.

Gemeindevorsteher Elvers bezog am 27. Januar 1921 schriftlich Stellung. Seinen Ausführungen zufolge hätte er das Amt nahe gelegt bekommen und nur unter der Bedingung übernommen, dass er nur abends nach 19 Uhr und sonntags zu sprechen wäre. „Denn auch der verstorbene Herr Voß hat seine Sprechstunden durchweg immer nach Feierabend abgehalten, da tagsüber die Gemeindemitglieder, die doch vorwiegend Kleinbauern und Arbeiter sind, ihren Berufsgeschäften nachzugehen gezwungen sind.“

Noch einmal appellierte der Vorsitzende des Kreisausschusses (Landrat) an Gustav Elvers, die Gemeindevorstehergeschäfte unter dem Umstand der langen Abwesenheiten nicht leiden zu lassen, verpflichtete ihn aber sowie Friedrich Evers am 11. Februar 1921. Beide wurden am 18. Mai 1921 gemäß Artikel 78 der Preußischen Verfassung vom 30. November 1920 aufs Neue verpflichtet beziehungsweise vereidigt. Ab dem 1. April 1921 wurde die Entschädigung des Gemeindevorstehers von 400 Mark auf 800 Mark angehoben. Dazu kamen noch weitere Gelder für Steuererhebung, Führen der Schulrechnung und Aufstellung der Gemeinderechnung in Höhe von etwa 250 Mark.

Bei der gewerblichen Betriebszählung vom 15. August 1917 wurden in Adelheidsdorf nur zwei Gewerbebetriebe gezählt (zum Vergleich: Nienhagen 9, Westercelle 20).

Im Schöffengerichtsbericht vom 17. Oktober 1922, abgedruckt im „Burgdorfer Kreisblatt“ vom 19. Oktober 1922, heißt es: „Der Schlachter H. aus Ronnenberg hat in Adelheidsdorf Vieh aufgekauft, ohne dasselbe in das vorgeschriebene Kontrollbuch eingetragen zu haben. Der Angeklagte wurde zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt, während sein Begleiter, der Viehhändler S. aus Ronnenberg mangelnder Beweise freigesprochen wurde.“

Adelheidsdorf feiert 100-jähriges Bestehen

Am 1. und 2. Juni 1924 hatte die Gemeinde Adelheidsdorf zur Feier des 100-jährigen Bestehens eingeladen, an der auch die evangelisch-lutherische Volksschule regen Anteil nahm. Im Festzug folgte die Jugend im blumenreichen Schmuck dem Wagen mit den ältesten Bewohnern der Gemeinde. Alte Erinnerungen lebten damals auf, als der historische Festzug vorüber zog. Die Landwirte hatten Festwagen vorbereitet und ausgeschmückt, mit denen sie einzelnen Episoden der dörflichen Entwicklung darstellten. Vor der Festversammlung verlas Lehrer Otto Müsche die von ihm verfasste Dorfchronik. In einem zweimal aufgeführten, von Gustav Elvers verfassten Dreiakter, „De Adelheidsdörper“, kamen eine Fastnachtsfeier, ein Schlachtefest und ein Richtefest aus früherer Zeit lebenswahr zur Darstellung.

Bei der Wahl zum Provinziallandtag und zum Kreistag am 29. November 1925 fungierte im Abstimmungsbezirk Adelheidsdorf Gemeindevorsteher Holle als Wahlvorsteher. Stellvertreter war der Beigeordnete Evers. Bei der Provinziallandtagswahl wählten aus Adelheidsdorf 38 die SPD, 1 das Zentrum, 2 die Deutsche Demokratische Partei, 1 die Kommunisten, 6 die D.S.P. (Völk.), 7 die Haus- und Grundbesitzer, 4 den Sparerbund und 33 den Bereich Provinz. Letztere Partei vereinigte im Landkreis Celle die meisten Stimmen vor sich (7166), gefolgt von der SPD mit 3787 Stimmen. In Adelheidsdorf gaben 96 Personen ihre Stimme ab.

Bei der Kreistagswahl fielen 40 Stimmen auf die SPD, 1 auf die Kommunistische Partei, 42 auf die Bürgerliche Einheitsliste, keine auf das Alte Amt Eicklingen, 1 auf Leinemann und 12 auf die Deutsche Volkspartei. Der kreisweite Trend folgte vorwiegend der Bürgerlichen Einheitsliste. Es ergab sich aus den Ergebnissen: 6 Sitze für die SPD, 14 für die Vereinigte Bürgerliche Liste, 2 für die Deutsche Volkspartei, 1 für die Kommunisten und 1 für Leinemann. [Quelle: Cellesche Zeitung vom 27.11.1925, 30.11.1925.]

Über eine Bettlerfrechheit wurde in der Celleschen Zeitung berichtet: „Am 26. Januar 1926 erschien bei dem Landwirt Willers in Adelheidsdorf ein Landstreicher und bat um eine milde Gabe. Von der Tochter des Hauses wurde ihm ein Stück Brot gegeben. Als er nun vom Hofe ging, warf er das Brot in den mit Wasser gefüllten Straßengraben und ging weiter. Der dort am Orte wohnende Oberlandjäger hatte dieses beobachtet und brachte den Bettler dorthin, wo das Gericht sich wohl für ihn interessieren wird.“

Am 19. Februar 1926 wurde in der Celleschen Zeitung die Todesanzeige von Otto Denecke abgedruckt. Darin heißt es: „Adelheidsdorf, den 18. Februar 1926. Donnerstag, den 18. Februar, 2½ Uhr nachm. entschlief sanft nach kurzem Leiden, infolge eines Herzschlages, unser lieber, unvergeßlicher Sohn und Bruder Otto Denecke im blühenden Alter von 16¾ Jahren. In tiefem Schmerz: Otto Denecke nebst Angehörigen. Die Beerdigung erfolgt am Sonntag, dem 21. Febr. 1926, nachm. 4 Uhr vom Trauerhause aus.“

Im Zusammenhang mit Schlachtefesten war Adelheidsdorf offensichtlich überregional bekannt. Heinrich Munk, ein bekannter Heimatkundler und Chronist des Landkreises Schaumburg, wusste den Adelheidsdorfer Chronisten gegenüber im Juni 1994 folgende Überlieferung zu berichten: „Wenn man beim Schlachtefest den Rückenknochen einsägte, wurde geäußert ,Gebe Gott, er wäre so lang wie Adelheidsdorf.‘“

Matthias Blazek Autor: Matthias Blazek, am 28.06.2013 um 13:19 Uhr
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