Krieg erreicht vor 70 Jahren Eschede

Jürgen Pralle Foto: Udo Genth

Jürgen Pralle aus Müden erlebte heute vor 70 Jahren den Luftangriff auf einen Zug in Eschede. Er erinnert sich genau, wie es damals seiner Familie erging, als schwere Explosionen den Ort erschütterten.

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ESCHEDE. Am 12. April 1945 war mit dem Einzug der Alliierten der Zweite Weltkrieg in Eschede vorbei. Wenige Wochen zuvor, heute vor genau 70 Jahren, explodierten nach einem Luftangriff auf der Bahnstrecke am Rande Eschedes die Waggons eines Munitionszuges. Es gab mehrere Tote, die Schäden im Ort durch die Druckwelle waren gewaltig.

Jürgen Pralle war damals knapp sechs Jahre alt, er lebte mit seiner Familie in der Bahnhofstraße/Ecke Sägemühlenstraße und erlebte dort die Explosion des „Pulverzugs“. Jahrzehnte später erinnert der sich heute in Müden Lebende an das Geschehen. Er spielte damals am Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein mit seinen Freunden vor dem Haus, als die Austrägerin die Cellesche Zeitung brachte. Pralle nahm ihr die Zeitung ab, um sie im Hinterhaus auf die Treppe zu legen. Dabei überraschte ihn ein donnernder Krach, rieselnder Putz von der Decke ließ ihn unter die Treppe flüchten. Durch die offene Haustür blickte er in Richtung Bahn: Dort, in etwa 500 Metern Entfernung, tat sich ein riesiges Flammenmeer auf.

Seine Freunde waren inzwischen über den Hof in den Keller gelaufen. In einer Pause zwischen den Detonationen – nacheinander explodierten sechs oder sieben Waggons mit Munition, der Himmel hatte sich verdunkelt, die Luft war voller Staub und die Druckwellen wüteten wie ein starker Sturm – lief Pralle über die Straße zum Vorderhaus. „Das war mein Glück! Denn wenn ich auch den kürzeren Weg über den Hof genommen hätte, wäre mir das Dach vom Anbau auf den Kopf gefallen. So lief ich dann durch den Dreck und Sturm und umherfliegende Glassplitter, welche wohl offensichtlich die Schaufensterscheiben vom Möbelgeschäft Frobuschs oder von unserem Haus waren, draußen an unserem Zaun auf und ab, konnte aber nicht die Eingangspforte finden“, sagt er. Auch seine Mutter lief den Zaun entlang. Als sie nahe am Haus war, flog ihr ein Fenster aus der unteren Etage in den Rücken. Von Schmerzen geplagt, musste sie langsamer laufen. Gemeinsam fanden sie schließlich die Pforte. „Als wir dann schließlich im Keller waren, war der Spuk vorbei“, erinnert sich Pralle sieben Jahrzehnte später

Sein älterer Bruder hatte sich zuvor mit seinem Freund Horst Kosbau aufgemacht, um an der Bahn Zeigestöcke für die Schule zu holen. Auf dem Rückweg wurden sie unweit des Bahnhofs vom Fliegerangriff überrascht. Bei Familie von Osten flüchteten sie durch die aufgerissene Haustür unter einen großen Eichentisch und überlebten dort die Explosionen. Nach einiger Zeit, für seine Mutter eine Ewigkeit, konnte sie ihren zweiten Sohn in den Arm nehmen, sagt Pralle rückblickend.

Von außen sah die Wohnung der Familie im Obergeschoss unbeschadet aus, während im Erdgeschoss die Fenster samt Fensterkreuzen fehlten und die Schäden unübersehbar waren. Oben ließ sich die Tür nur mit Gewalt öffnen. Die Decke war heruntergekommen, durch das kaputte Dach war der Himmel zu sehen. Das Küchenfenster war auf dem Hof gelandet. Die Dachkammer bot freie Sicht nach draußen, das Dach einschließlich Sparren war auf den Hof gestürzt. Hätte er den kürzesten Weg zum Keller gewählt, wäre es ihm wohl auf den Kopf gefallen, vermutet Pralle.

Als seine Mutter nach ersten Aufräumarbeiten eine Tasse Kaffee trinken wollte, standen keine Tassen mehr im Schrank. Sie lagen in Scherben auf dem Hof. Die Teller standen noch an ihrem Platz, doch als seine Mutter sie herausnehmen wollte, zerfielen sie in tausend Scherben.

Einen Tag später standen Dachsteine für die Reparatur auf dem Gehweg vor dem Haus. Pralle bemalte mit seinen Freunden die Pfannen mit bunter Kreide, bis ein Mitbewohner des Hauses kam und schimpfte. „Wir zogen mit hängenden Ohren ab“, sagt Pralle. Am nächsten Tag waren die Pfannen verschwunden. Da schickte der noch am Vortag verärgerte Mann die Kinder auf die Suche nach den bunten Pfannen. Ein paar Häuser weiter wurden sie fündig: Die Steine standen beim NSDAP-Ortsgruppenleiter auf dem Hof. „Nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister Brokelmann waren die Dachpfannen, schön beschmiert, wieder da und es war noch tagelang unsere Malerei auf dem Dach zu sehen“, sagt Pralle.

Joachim Gries Autor: Joachim Gries, am 20.02.2015 um 18:36 Uhr
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Vier Menschen sterben bei Angriff

Bei dem Angriff auf den Munitionszug starben vier Menschen. Drei Todesopfer wurden wenige Tage später in einer Anzeige in der Celleschen Zeitung von NSDAP-Kreisleiter Willy Milewski als Opfer der feindlichen Terrorflieger bezeichnet. „Ihr Tod bedeutet uns Verpflichtung zum Kampf und Sieg“, heißt es im damals üblichen Sprachgebrauch. Sechs Gebäude in Eschede wurden durch die Explosionen völlig zerstört, bei vielen Häuser auch in den Nachbarorten Scharnhorst, Endeholz und Habighorst zerbarsten Fenster, Türen und Dächer. Der Sachschaden allein in Eschede wurde auf 750.000 Reichsmark beziffert.


Polnische Piloten fliegen Angriff

Der Luftangriff war von polnischen Piloten der 316. Squadron der britischen Luftwaffe ausgeführt worden. Sie hatten den Auftrag, im Raum Salzwedel nach einer Produktionsstätte für Treibstoffe für die V-Waffen zu suchen und diese zu zerstören. Außerdem sollten sie Kesselwagen mit diesen Treibstoffen beschießen. Als die zwölf Piloten mit ihren Mustang III im Escheder Bahnhof Kesselwagen entdecken, schossen sie. Bei den Explosionen gerieten zwei Flugzeugen in die Druckwellen und wurden schwer beschädigt. Stanislaw Zych stürzte bei Eschede ab und verlor dabei sein Leben. 

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