Einst besaß der südliche Bullenberg noch den Charakter eines Dorfplatzes

Die Häuse Bullenberg 15 und 16 kurz vor dem Abriss. Foto: Andreas Flick

Noch vor 60 Jahren prägten Fachwerkhäuser den Bullenberg im Zentrum Celles. Viele der historischen Gebäude wurden allerdings in den folgenden Jahren abgerissen – so auch die Häuser Bullenberg 15 und 16.

Vom 17. Jahrhundert an bis in die 1950er Jahre besaß der südliche Teil des Bullenbergs mit seinen Bäumen noch den Charakter eines Dorfplatzes,1 der fast ausnahmslos von Fachwerkhäusern umgeben war. Noch 1949 konnte Paul Alpers vom „ländlich anmutenden Bohlenberg“ sprechen.2 Die dort gelegenen historischen Gebäude wurden bedauerlicher Weise mit Ausnahme des Gebäudekomplexes Nr. 18/19 und 24 abgebrochen und durch Neubauten ersetzt, so dass nach und nach das dörfliche Ambiente verloren ging. In diesem Beitrag soll die Geschichte der 1971 beziehungsweise um 1975 abgebrochenen Gebäude Bullenberg 15 und 16 vorgestellt werden.

Haus Bullenberg 15 1971 abgebrochen

Die Geschichte des ursprünglich eingeschossigen Fachwerkhauses, das erst 1910 zu einem zweigeschossigen Gebäude mit eingeschossigem Hinterhaus ausgebaut wurde3, liegt weitgehend im Dunkeln. Das einst traditionelle Giebelhaus mit Sichtfachwerkfassade gleicht einem Haustyp, wie er beispielsweise heutzutage noch mehrfach in der Breiten Straße oder in der Hugenottenstraße erhalten ist.4 Über die ersten Eigentümer und Bewohner des Hauses Bullenberg 15 lässt sich nur wenig in Erfahrung bringen. Theodor Sprengers Einwohnerliste beginnt 1711 mit einem einen „Fridrich Kreiwitt“.5 Doch im Haus standen an einem Ofenfuß die Initialen „1651 H.K.W.“6. So nennt denn auch ein Bleistiftnachtrag in Sprengers Einwohnerliste einen Hans Kreiwitt als ersten Eigentümer, der das Gebäude bereits 1664 errichtet haben soll.7 Tatsächlich zeigt der „Idealplan“ der Westceller Vorstadt aus dem Jahr 1680 bereits eine Bebauung an dieser Stelle.8 Für das Jahr 1751 führt Sprenger einen Johann Fischer an und bereits zwei Jahre später als Eigentümerin eine Frau Eveneng, die es allerdings noch im selben Jahr veräußerte.9 Es dürfte sich um die aus Lüneburg stammende Sabina Clara Evening, geb. Gerstenkorn, handeln.10 Von 1753 bis 1799 befand sich das Haus im Besitz des Gelbgießers Johannes Kleine (bei Sprenger „Klain“), der es für 500 Reichstaler erworben hatte.11 Gelbgießer ist ein Beruf, der sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Spezialisierung aus dem Rotgießer- und Gürtlerhandwerk entwickelte. Der Gelbgießer fertigte mittels Guss in Lehm- oder Sandformen kleine Gegenstände aus Messing, die danach poliert, geschliffen, abgedreht oder vergoldet wurden. Zu den typischen Erzeugnissen gehören etwa Schnallen, kleine Leuchter, Figuren, Beschläge, Glocken und Schellen, Armaturen für die Feuerwehren sowie Knöpfe.12 Um 1800 standen auf dem Grundstück, zu dem ein kleines schmales Gartenstück gehörte13, ein Wohngebäude mit Hintergebäude und Stall.14 Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte das Gebäude mehrere Eigentümerwechsel, die hier nicht näher beschrieben werden sollen.

Am 15. März 1971 erteilte das Amt für Stadtplanung und Bauordnung der Stadt Celle die Abbruchgenehmigung für das historische Fachwerkgebäude, das durch den Neubau eines Privathauses ersetzt wurde.15

Bullenberg 16: Wenige Eigentümer bekannt

Noch schwieriger als beim zuvor beschriebenen Nachbarhaus erweist sich die Beschreibung der Geschichte des Hauses Bullenberg 16. Hier sind zumeist nur die von Theodor Sprenger erschlossenen Eigentümernamen bekannt. Auch wenn an dieser Stelle bereits auf dem Idealplan von 1680 ein Gebäude eingezeichnet ist16, nennt Sprenger als ersten Eigentümer für das Jahr 1711 Henning Fischer, dem nachträglich mit Bleistift der Eintrag „1705 Hennige Fischer“ vorangestellt wurde.17 Es dürfte sich hier um Hennig Fischer handeln, dessen Name 1700 auch im Beweinkaufungsbuch der Neuenhäuser Kapelle und des Kirchhofs (Neuenhäuser Friedhof) eingetragen ist.18 Über den Beruf des Mannes ist leider nichts bekannt. Für 1741 nennt Sprenger den Kanzlisten Günther, der das offensichtlich bescheidene Haus für 300 Reichstaler erworben hat. Ihm folgte 1774 der Kanzlist Georg Friedrich Laue und 1795 der Prokurator Gössel. Als letzten Hauseigentümer im 18. Jahrhundert führt Sprenger J. H. C. Eggers an, der für den Hauserwerb 500 Reichstaler aufbrachte.19 Ihm gehörte das Anwesen mit großem Gartengrundstück, auf dem sich ein Wohnhaus mit einem Flügel befand, von 1798 bis 1802.20 Wie das Nachbargebäude erlebte auch das Haus Bullenberg 16 in den folgenden 170 Jahren zahlreiche Eigentümerwechsel.

Das oben gezeigte Foto des Hauses Bullenberg 16 erinnert keineswegs mehr an ein Fachwerkhaus aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Das hängt mit dem durch den Architekten Otto Freiling bis 1930 durchgeführten Umbau des Gebäudes zusammen, der eine Putzfassade zur Folge hatte.

Aus den Bauplänen des Architekten geht auch das ursprüngliche Aussehen des Hauses mit dem Anbau von 1929 hervor, dessen Gestalt damals kaum angetastet wurde. Es ist freilich davon auszugehen, dass das Haus Bullenberg 16 wie das benachbarte Gebäude Nummer 15 ursprünglich ein schlichtes einstöckiges Giebelhaus war. Als Mitte der 1970er Jahre die Abbruchbagger anrückten, ereilte das Gebäude das gleiche Schicksal wie das 1971 abgerissene Nachbarhaus. Andreas Flick

Fußnoten:

1 Egon Enghausen/Carsten Maehnert: Unterwegs in Neuenhäusen und seiner Geschichte, Celle 2002., S. 54.

2 Paul Alpers: Karl Goedeke, sein Leben und sein Werk: ein Beitrag zur Geschichte der Revolution von 1848 im Königreich Hannover, Bremen-Horn 1949, S. 19.

3 Stadt Celle, Bauaufsicht, Bullenberg 15. Diese Bauakte enthält auch einen Plan, der über das ursprüngliche Ausstehen des Gebäudes Auskunft gibt.

4 Andreas Flick/Sabine Maehnert/Eckart Rüsch/Norbert Steinau: Die Westceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung. Geschichte und Bauten (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 40), Celle 2010., S. 19.

5 Stadtarchiv Celle (StA Celle), Best. N 08 Nr. 700: „Abschrift der Rolla oder Verzeichnis der Stadt Celle sämtlicher Einwohner, angefangen und geschrieben von Rudolph Fricke, anno 1660.“ Fortgesetzt und möglichst vermehrt von Theodor Sprenger, 1894., S. 232.

6 A.a.O.

7 A.a.O.

8 StA Celle, B 4 Neustadt. Vorschlags Riß. Legende, 1680, ehemals Beilage zu Best. 23 E Nr. 12.

9 StA Celle, Best. N 08, Nr. 700, S. 232.

10 Kirchenbuchamt Celle: Stadtkirche Proklamationen 1742-1780, IV. 1, S. 15.

11 StA Celle, Best. N 08, Nr. 700, S. 232.

12 http://de.wikipedia.org/wiki/Gelbgießer – 30.10.2010.

13 Ich danke Herrn Eckart Rüsch für die Einsichtnahme in diese Karte (Celle Stadt. Gemarkungskarte in 54 Blättern, Blatt 52) und weitere ergänzende Hinweise.

14 StA Celle, Best. 22, Nr. 22: Einwohnerverzeichnis und Gebäudewerte, 1798–1833, S. 171.

15 Stadt Celle. Bauaufsicht, Bullenberg 15.

16 StA Celle, B4, ehemals Beilage zu Best. 23 E Nr. 12.

17 StA Celle, Best. N 08, Nr. 700, S. 232.

18 StA Celle, Best. 23J, Nr. 27: Beweinkaufungsbuch der Neuenhäuser Kapelle und des Kirchhofs, 1689–1836.

19 StA Celle, Best. N 08, Nr. 700, S. 232.

20 StA Celle, Best. 22 Nr. 22, S. 171.

Andreas Flick Autor: Andreas Flick, am 05.07.2013 um 14:37 Uhr
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