111: Die vier Celler Ur-Apotheken sind passé

Alte Fotos und Postkarten aus der Sammlung von Eva Tichy; Schloßapotheke an der Bahnhofstraße Foto: Sammlung Eva Tichy; Repro: Andreas Babel

Die Schloßapotheke an der Bahnhofstraße war eine der vier alten Celler Apotheken. Heute existiert keine mehr davon. Daneben gab es ein Hutgeschäft mit Atelier. Zeitzeugen entführen uns in eine ferne Zeit, in der die Milchkannen noch mit Pferdewagen in die Lebensmittelgeschäfte kutschiert wurden.

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CELLE. Das alte Bild, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten, zeigte die Schloßapotheke an der Ecke Breite Straße/Bahnhofstraße und daneben das Hutgeschäft von Martha und Theo Schlatterer. Im Hintergrund war die Gaststätte „Zum Zillertal“ zu erkennen. Walter Tichy, Apotheker aus der Tschechoslowakei und in Wien geboren, übernahm 1951 die 1898 gegründete Schloßapotheke. Anfang der 1960er Jahre kaufte die nächste Generation, Eva und Alfred Tichy, das Nachbarhaus des älteren Ehepaars Schlatterer, das die Hutmacherei aufgegeben hatte. 1965 wurde das alte Haus abgerissen und ein neues Haus entstand. Die Apotheke wurde in Apotheke Bahnhofstraße umbenannt, weil sie zuvor öfter mit der in Schlossnähe gelegenen Löwenapotheke verwechselt wurde, berichtet Eva Tichy (Jahrgang 1925).

Bis 1991 führten sie und ihr gleichaltriger Mann die Apotheke dort, die erst vor wenigen Monaten an dieser Stelle aufgegeben wurde. „Damit sind jetzt die vier alten Apotheken alle nicht mehr“, sagt Tichy: 1991 gab es in Celle 28 Apotheken. Bärbel Hahn (Jahrgang 1934) nennt neben der Schloß- und der Löwenapotheke die Ratsapotheke an der Zöllnerstraße und die Hehlentorapotheke am Neumarkt als die vier Apotheken, die es während des Krieges und in der Nachkriegszeit gab. „Wir hatten viel Kundschaft vom Bahnhof her, denn es gab in den Dörfern keine Apotheken“, sagt Eva Tichy. Erst als 1958 die Niederlassungsfreiheit kam, änderte sich das. Hahn besorgte für ihre Großmutter, die sehr häufig unter Kopfschmerzen litt, Kopfwehpulver, das von der angestellten Apothekerin Frau Henschel angemischt und in Briefchen gefüllt wurde.

Hermann Timme (Jahrgang 1928) erinnert an die Hebamme Erna Thies, die im ersten Obergeschoss über der Schloßapotheke im Eckhaus wohnte. Da es in den 1950er Jahren viele Hausgeburten gab, war sie viel unterwegs. An ihrer Tür klebte dann immer ein Zettel, auf dem stand, wo sie zu finden war. Da musste man dann hinfahren, wenn man sie sprechen wollte.

„Die Tochter meines Cousins Helmut ist vor 62 Jahren, ein Vierteljahr vor unserer Tochter, geboren worden und ihr Vater berichtete mir, was die Hebamme alles bei und direkt nach der Geburt mit dem Kind veranstaltet hatte. Als es bei uns s oweit war, fragte ich sie: ,Haben Sie denn schon den Kopf geformt?‘“ Da hatte er aber offenbar etwas gründlich missverstanden, was die Hebamme sehr amüsierte, denn sie krümmte sich vor Lachen. Sie habe doch bei dem Kind des Cousins nicht den Kopf geformt, was dieser Hermann Timme berichtet hatte, sondern lediglich mit dem Daumen eine Geschwulst am Kopf wegmassiert.

Annegret Hirsch (Jahrgang 1947) hat bis 1971 im Arzneimittelhandel der Firma Rosenberger, Bremer Weg, gearbeitet und musste zum Ende ihrer dortigen Tätigkeit die Bestellungen von den Apotheken telefonisch einholen. „Die ganzen Mitarbeiter um das Ehepaar Tichy herum waren sehr nett“, sagt sie.

Ursula Schäfer (Jahrgang 1938) ist aus der Neustadt immer zu dieser Apotheke gelaufen, um Medikamente abzuholen. Das „Zillertal“ sei ihre „Schwoof-Kneipe“ gewesen. Auch Ursula Windweh (Jahrgang 1930) hat diese Ecke erkannt. Rudolf Peterson (Jahrgang 1931) hat als Kind den Apothekern dabei zugeschaut, wie sie in Mörsern Medikamente herstellten. Er ging jeden Schultag an der Apotheke vorbei.

Harry Schang (Jahrgang 1945) kannte Alfred Tichy als Tennisspieler von Eintracht Celle. Er und sein Bruder wurden öfter von Tichy in seinem 600er-Fiatbus mitgenommen, wenn sie den gleichen Weg hatten. Als Taxifahrer in den 70er Jahren hat er im „Zillertal“ so manches Bauernfrühstück verzehrt – nachts bis 4 Uhr.

Dietmar Wedemeyer (Jahrgang 1944) kann sich noch gut an das große Außenthermometer der Apotheke erinnern. Bei den entfernt mit ihm verwandten Schlatterers sah sich seine Mutter nach einer neuen Kopfbedeckung für die Winterzeit um. „Ich durfte dann mit der Tochter mir den dahinter liegenden Garten ansehen. Martha Schlatterer, eine immer elegant gekleidete Frau, verstand sich perfekt auf das Umformen oder Umdampfen von Hüten jeglicher Art, so Wedemeyer, der an der Ohagen-straße wohnte.

Armin Wedemeyer (Jahrgang 1949) war als Kind von der alten Inneneinrichtung der Schloßapotheke begeistert. Das gedrechselte dunkle Holz erinnerte ihn an die Einrichtung der Löwenapotheke.

Heinrich Heuer (Jahrgang 1938) und seine etwa gleich alten Freunde Maria-Alexander Voigt und Manfred Schrader wurden von seinen beiden Schwestern im Kinderwagen durch die Triftanlagen geschoben. Seine zehn Jahre ältere Schwester Ingrid, die bereits verstorben ist, hat 1942 oder 1943 begonnen, in der Schloßapotheke Apothekenhelferin zu lernen. Sie habe dort gearbeitet, bis Tichys aufgegeben haben.

Rudolf Koppmann (Jahrgang 1938) weiß, dass sein Onkel im „Zillertal“ abends oft sein Bierchen trank. Näheres über diese Ecke wisse aber bestimmt Hänschen Röling, den er als „Geschichtsbuch von Celle“ bezeichnet.

Und genauso ist es: Hänschen Röling (Jahrgang 1940) kannte die Hebamme, die „tolle Arbeit geleitet hat und immer bereit war zu helfen“. Er musste einmal im Winter im Hutladen aus der elterlichen Bäckerei „einen Semmel“ abgeben. Da er sehr verfroren war, schenkte ihm die Inhaberin ein Paar Handschuhe. In der Schloßapotheke stand er als Knirps stundenlang vor einem Aquarium, in dem Fische schwammen. „Mich hat niemand weggejagt. ich habe oft Hustensaft für mich geholt und ich habe immer ein Extrabonbon erhalten“, sagt Röling. Die Tochter seines Feuerwehrkameraden, Ingrid Heuer, hat ihn immer in den Arm genommen, wenn er in der Apotheke war. „Sie war eine treue Hilfe“, sagt er und Eva Tichy bestätigt das.

Uta Stein (Jahrgang 1941) hat 1958 ihre Lehre als Apothekenhelferin hier begonnen. „Die zwei Jahre waren wunderbar.“ Das St.-Josef-Stift sowie viele Ärzte wurden beliefert. „Das war schon ein ziemlich großer Betrieb“, meint sie.

Der aus Ratibor stammende Ewald Juretzki (Jahrgang 1926) kam 1950 nach Celle und war von 1963 bis 1969 beim Klein Hehlener Architekten Hans Kock angestellt. Juretzki hat als Bauleiter in den 1960er Jahren den Neubau der Apotheke in dem Nachbargebäude maßgeblich mitgestaltet. Heute gehören beide Häuser dem Apotheker Klaus Körber.

Lucia Brands (Jahrgang 1930) hat von 1948 bis 1951 bei Schlatterers eine Lehre als Putzmacherin absolviert. „Ich war der letzte Lehrling zusammen mit der Tochter, die das Geschäft übernehmen sollte.Aber nach der Währungsreform haben die Leute keine Hüte mehr getragen. Nach der Prüfung wurde ich entlassen und bin nach Hannover gegangen.“ 1952 ging Lucia Brands nach Zürich, wo sie ein Jahr lang als Modistin arbeitete. Anschließend landete sie in einem Uhrengeschäft in der Schweiz, ehe sie Ende 1956 wieder nach Celle kam. Bei Schlatterers arbeitete sie in dem hinter dem Ladengeschäft gelegenen Atelier. Von dort konnte man auf einen Gang der Berufsbildenden Schulen sehen und hatte so bei der Arbeit manchmal Blickkontakt mit den Schülern.

„Zur Hengstparade war damals Hochbetrieb. Die Damen wollten Handschuhe, Handtasche, Schuhe und natürlich auch den Hut aus demselben Farbton haben“, berichtet Lucia Brands.

Dr. Paul Kühling (Jahrgang 1929) hat von 1944 bis 1949 an der Bahnhofstraße gewohnt und erinnert sich an einen Auftritt des damals vom Krieg ausgemergelten Komikers Heinz Erhardt. Er muss 1947 an der Kleinkunstbühne an der Ecke zur Breiten Straße aufgetreten sein, meint Kühling. Von Mai bis Ende November 1945 hat der Heranwachsende jeden Tag zahlreiche Milchkannen von der Molkerei am Bremer Weg zum Lebensmittelgeschäft Regenthal an der Bahnhofstraße 30 gebracht. „Morgens um 5 Uhr habe ich mir ein Pferdefuhrwerk vom Kohlenhändler Kröck an der Bergstraße gemietet. Der Gaul war ziemlich abgemagert. Manchmal ist er auf dem Blaubasaltpflaster der Bahnhofstraße ausgerutscht. Und damit er besser wieder aufstehen konnte, hatte ich immer einen Sack dabei, den ich vor seine Vorderhufe legte“, so Kühling.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 20.03.2015 um 22:32 Uhr
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