Befreiung des KZ Bergen-Belsen: "Alle um mich herum schrien Hurra"

Tom Lauenstein (von links), Ole Theodor, Jendrik Meyerhof und Maximilian Hell gucken sich auf den Tablets eine Rekonstruktion des sogenannten Ungarnlagers an. Auf dem gesamten Lagergelände waren Leichen verteilt (kleine Bilder von links). Die selbst völlig erschöpften Häftlinge tragen die Toten in Decken aus den Zelten und Baracken. Foto: Kai Knoche / Sergeant Morris / Sergeant Midgley

Am 16. April vor 70 Jahren haben britische Soldaten das Konzentrationslager Bergen-Belsen eingenommen. Damit sich Schüler die damaligen Umstände besser vorstellen können, nutzt die Gedenkstätte seit einem Jahr eine App mit einer 3D-Rekonstruktion des Lagers - und hat damit einen neuen Zugang für Jugendliche geschaffen.

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LOHHEIDE. Der Anblick, der sich den britischen Befreiern am Nachmittag des 15. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen bot, vergleicht Soldat Derrick Sington in einem Bericht mit "Dantes Inferno". Es waren Bilder, die er und seine Kameraden nie wieder vergessen sollten. Bis auf die Knochen abgemagerte Männer, Frauen und Kinder – wimmernd vor Hunger, Durst und Schmerzen – vegetierten zwischen herumliegenden Toten und Sterbenden, die durch die seit einigen Monaten im Lager wütenden Krankheiten Typhus und Fleckfieber dahingerafft wurden.

Bei Ankunft der Briten befanden sich etwa 40.000 Personen in dem völlig überfüllten Lager, hinzu kamen rund 10.000 unbeerdigte Leichen. Heute gleicht das Gelände einer Parkanlage mit Birken, Kiefern, Wacholder und großen Rasenflächen, von den Dutzenden Baracken ist heute nichts mehr zu sehen. "Um die Seuchengefahr einzudämmen, haben die Briten die Baracken komplett niedergebrannt", erklärt Besucher-Betreuerin Regina Wehrs Celler Schülern der Klasse 9b der Oberschule II.

Doch die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte wird an dem Ort wachgehalten. Seit 2007 wird in dem Dokumentationszentrum dem Leiden der Zehntausenden Opfer durch Namen, Bilder und Zeitzeugeninterviews ein Gesicht gegeben. Auf dem Außengelände ist von dem einstigen Lager mit dem bloßen Auge nur noch wenig sichtbar.

"Es ist schwierig sich ein Bild davon zu machen, wie es früher hier ausgesehen hat", sagt der 17-jährige Jendrik Meyerhof, als er über das Gelände spaziert und im Hintergrund Schüsse vom nicht weit entfernten Truppenübungsplatz zu hören sind. Genau aus diesem Grund hat die Gedenkstätte im Mai vergangenen Jahres eine App für mobile Geräte entwickelt, in der das Lager virtuell in einem 3D-Modell rekonstruiert ist.

So können Nutzer die heutige Ansicht des Geländes auf ihrem Rundgang direkt vor Ort mit der damaligen Realität abgleichen – eine 360-Grad-Ansicht ist durch GPS-Kennung und Kamera im Tablet problemlos möglich. Knapp 120 Quellen wie Audioberichte, Bilder, Zeichnungen, Fotos und Karten, die an bestimmten Orten abrufbar sind und vorher nur im Dokumentationszentrum einsehbar waren, bereichern den Rundgang. Findet auch Maximilian Hell (15): "So bekommt man ein eindrucksvolles Bild davon, welche Dimensionen das Lager wirklich hatte."

"Unsere Erwartungen haben sich voll erfüllt. Es hat sich bestätigt, dass sich Jugendliche über das eigenständige Erschließen des Geländes dem Ort und der Geschichte dahinter leichter nähern können", sagt Stephanie Billib, Pressesprecherin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Auch Wehrs zieht eine positive App-Bilanz: "Am Ende des Tages nehmen die Schüler so einfach mehr mit." Nach der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung am 26. April mit Bundespräsident Joachim Gauck soll die App, die bisher nur von angemeldeten Schüler- und Soldatengruppen genutzt werden konnte, für alle Besucher zugänglich sein.

An einer Medienstation beschreibt der Zeitzeuge Georgij Solimanow seine Eindrücke, als die Briten mit einem Lautsprecherwagen verkündeten, dass sie frei seien: "Alle um mich herum schrien Hurra". Doch die Befreiung war nicht für alle Befreiten, die zum Teil noch um ihr Leben kämpften, ein Tag der puren Freude – so wie für Arthur Lehmann. Erst bei der Ankunft der Briten erfuhr er, dass auch seine von ihm gewaltsam getrennte Ehefrau bereits seit März 1945 in dem Lager war. Doch zu einem Wiedersehen kam es nicht: "Und der Tag, der mir die Befreiung brachte, ist ihr Sterbetag geworden."

Kai Knoche Autor: Kai Knoche, am 15.04.2015 um 17:09 Uhr
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