Mutige Jeverser verzögerten 1945 Sprengung der Allerbrücke

Die heutige Brücke über die Aller bei Jeversen wurde 1968 eingeweiht. Foto: Anne Friesenborg

Was hat sich 1945 in den letzten Kriegstagen in Jeversen abgespielt? Seit dem CZ-Bericht über die unsinnige Brückensprengung vor 70 Jahren in Winsen beschäftigt diese Frage mehrere ältere Bürger im Allertal.

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JEVERSEN. Sie erinnern daran, dass die Wehrmacht die Bürger in Jeversen am 9. April 1945 aufforderte, in der Mittagszeit die Kellerräume oder Bunker aufzusuchen. Begründung: Die erst vor acht Monaten fertiggestellte Brücke über die Aller wird gesprengt, um den Vormarsch der alliierten Truppen aufzuhalten. Doch der angekündigte große Knall bleibt aus – an diesem Tag.

So heftig die Soldaten auch auf den Auslöser der Sprengladung drückten, die Zündung konnte nicht funktionieren, denn zwei Jeverser Bürgern war es in einer Nacht- und Nebelaktion gelungen, die Wache abzulenken, das explosive Material von der Brücke zu entfernen und es in Sicherheit zu bringen. Die beiden „Täter“, beide bei der DEA im Ölfeld Thören beschäftigt, wollten die Brücke unbedingt erhalten, weil sie ihnen auf dem Weg zur Arbeit die mühselige Kahnfahrt über die Aller ersparte und – was noch wichtiger war – sich für die Verbindung zwischen dem DEA-Hauptbetrieb in Wietze und der Nebenstelle auf der anderen Flussseite ausgezeichnet bewährt hatte.

Zeitzeugen sind sich nicht ganz sicher, ob der Sprengstoff in einen Graben nördlich der Brücke gekippt wurde, um ihn unschädlich zu machen, oder ob er in Jeversen versteckt wurde. Es heißt, in einer längst abgerissenen Scheune an der Allerstraße hätten noch Jahre später „gefährliche Töpfe mit brisantem Inhalt“ gelegen. Ob und wie sie schließlich entsorgt wurden – niemand weiß es.

Die Wehrmachtsoldaten ließen trotz der gescheiterten Sprengung keine Ruhe, sondern setzten den von Oberst Erich Totzeck erteilten Befehl mit knapp 24 Stunden Verspätung in die Tat um: Am 10. April wurden die Jeverser erneut in die Schutzräume geschickt. Genau um 8.30 Uhr, als die Soldaten sich selbst und die Bürger in Sicherheit wähnten, flog die Brücke in die Luft – bevor die Wehrmacht nördlich des Flusses bei Bannetze eine neue Verteidigungslinie aufbaute.

Für eine Fahndung nach den Sprengstoffdieben blieb den deutschen Soldaten angesichts der vorrückenden Alliierten keine Zeit. Wäre sie erfolgreich verlaufen, da waren sich die Zeitzeugen in Thören und Jeversen immer sicher, hätte an standrechtlichen Erschießungen kein Weg vorbeigeführt. Dies schien auch den Tätern bewusst zu sein. Sie weihten nur wenige Vertraute ein und berichteten nach dem Krieg noch nicht einmal ihren Kindern von ihrem Versuch, die Brückensprengung zu verhindern.

Übrigens entstand die erste Jeverser Allerbrücke allein auf Druck der DEA und gegen den entschiedenen Willen des Jeverser Gemeinderates. Ihre Zustimmung zum Bau machten die Kommunalpolitiker davon abhängig, dass allen Jeverser Bürgern die Benutzung der neuen Allerquerung jederzeit kostenfrei erlaubt wurde.

Nach der Zerstörung machten sich britische Soldaten noch im April 1945 daran, das gesprengte Bauwerk provisorisch zu reparieren. Doch Anfang der fünfziger Jahre war die erst im Sommer 1944 errichtete Brücke auch für Fußgänger nur noch unter Lebensgefahr passierbar. Erneut auf Betreiben der DEA wurde der Bau einer neuen Brücke vorangetrieben. Britische Einheiten transportierten schwere Stahlträger vom Jeverser Bahnhof zur Baustelle an der Aller. Handwerker der Firma Otto Greve aus Winsen bauten darauf eine solide Flussquerung. Widerwillig beteiligte sich die Gemeinde Jeversen an den Kosten. Am 23. Mai 1953 berichtete die CZ ausführlich über die Fertigstellung und die Freigabe „bei herrlichem Sonnenschein“.

Doch eine lange Lebensdauer war auch der zweiten Brücke nicht beschieden. Schon nach 13 Jahren war sie altersschwach. Erneute rückten Bautrupps an – und am 26. August 1968 gab es wieder ein Brückeneinweihungsfest. Aber auch dieses Mal fand kein Redner anerkennende Worte für den Widerstand, den couragierte Jeverser im April 1945 dem zerstörerischen Befehl der Wehrmacht entgegensetzten.

Klaus von der Brelie Autor: Klaus von der Brelie, am 19.04.2015 um 19:00 Uhr
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