Schauspieler treffen in Celle Zeitzeugen, deren Leben sie spielen

Berliner Schauspieler treffen in Celle Holocaust-Überlebende Joshua Engel, Jovan und Dina Rajs und Lisa Haucke Foto: Benjamin Westhoff

Das war ein herzliches Treffen am Donnerstag in der Celler Altstadt: Zwei junge Berliner Schauspieler, die ab August in Berlin die Lebensgeschichte zweier Holocaust-Überlebender auf der Bühne spielen, trafen ihre "Vorbilder", die sich anlässlich der Gedenkfeier zur 70. Wiederkehr des Tages der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hier aufhalten, um mehr über sie zu erfahren.

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CELLE. Vor einem Jahr kam im Schlosstheater das schwedische Gastspiel „Das gelbe Stück Stoff – Har du träffat Hitler?“ zur Aufführung. Darin erzählte und spielte Jovan Rajs (Jahrgang 1933), Überlebender von Bergen-Belsen und anderer Konzentrationslager, zusammen mit seiner Ehefrau Dina Rajs (Jahrgang 1938), wie sie als jüdische Kinder den Holocaust überlebt haben. Beide haben sich 1955 kennengelernt, sind seit 1958 verheiratet und leben seit 1968 in Schweden. Nach ihrem Kennenlernen haben sie sich intensiv mit ihren Erlebnissen während des Holocaust beschäftigt und eine Reihe von Büchern darüber geschrieben.

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen kamen die Eheleute am Donnerstag auch nach Celle. Hier waren sie verabredet mit einer Delegation aus dem „Haus der Wannsee-Konferenz“ in Berlin, wo im August ein Theaterstück über das Leben von Jovan und Dina Rajs uraufgeführt wird. Zugrunde gelegt werden dabei die autobiografisch beschriebenen Erinnerungen über die Kindheitserlebnisse rund um „das gelbe Stück Stoff“.

Regisseur Christian Tietz und die auch als Übersetzerin tätige Bibliothekarin Gaby Müller-Oelrichs nutzten daher mit den beiden Schauspielern Lisa Haucke (17) und Joshua Engel (18) die Gelegenheit, die „Original-Protagonisten“, die auch selbst bei den Aufführungen mitwirken werden, mit ihren jugendlichen Darstellern bekannt zu machen: Lisa als Dina und Joshua als Jovan. Es wurde ein Zusammentreffen, das man sich herzlicher kaum hätte vorstellen können. Natürlich hatten sich Lisa und Joshua bereits mit der literarischen Vorlage vertraut gemacht. Aber „darüber zu lesen“ sei halt doch etwas anderes, als die Erzählungen direkt aus dem Mund der Betroffenen zu hören, stellten sie fest, als Jovan Rajs schilderte, wie die Familie 1941 nach Belgrad deportiert wurde, wie sein Vater bei einer Massenexekution erschossen wurde, wie seine Mutter und sein älterer Bruder „in einem Lastwagen mit fensterlosem Aufbau“ vergast wurden, und wie er selbst nach vielen Stationen schließlich 1944 als elfjähriges Kind nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Oder als Dina Rajs die rührende Episode erzählte, in der eine sterbende Frau versucht, der Nachwelt mit versagender Stimme „ein altes Familienrezept für eine Mohn-Walnuss-Schnitte“ zu erhalten.

Wie schafft man es, sich in die Rolle eines Menschen hineinzuversetzen, dessen erfahrenes Leid jenseits der eigenen Vorstellungskraft liegt? Wie kann man das Unbegreifliche, das ihm widerfahren ist, und die daraus resultierenden Emotionen nachempfinden und auf die Bühne bringen? Lisa und Joshua ergänzen sich beim Antworten: Während der Dialoge, deren Texte sich ja auf autobiografische Tagebuchaufzeichnungen stützen, rutsche man wie von selbst in die Rolle hinein, man fühle sich förmlich in die Rolle hineingezogen. Und die Emotionen, die sich beim Lesen und Übernehmen der Texte auf der Bühne einstellen, werden denen des „Originals“ immer ähnlicher. Man spüre die Wellen der Verzweiflung, könne das Nichtbegreifen förmlich nachempfinden und leide buchstäblich mit.

Und wie ist es, quasi sich selbst und seinen Kindheitserinnerungen auf der Bühne wieder zu begegnen? „Wie Science-Fiction“, sagt Jovan Rajs, den der Augenblick, als er seine Eltern zum letzten Mal sah, auch heute noch nicht los lässt, „wie ein unwirklich scheinender Traum.“

Rolf-Dieter Diehl Autor: Rolf-Dieter Diehl, am 24.04.2015 um 16:38 Uhr
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