116: Als Celler noch mit Kohle heizten

Die 1902 gegründete Kohlenhandlung der Gebrüder Gerken, Breite Straße 11, lieferte Kohlen für Industrie und Hausbrand. Sie war in den 1950er Jahren eine der größten Celler Kohlenhandlungen. Foto: Repros: Alex Sorokin (5)

Man mag es fast nicht glauben, aber auch heute noch gibt es in Celle einige wenige, die mit Kohle heizen. Bis Mitte der 1970er Jahre war das noch ganz anders: Celler Zeitzeugen erinnern sich an die beschwerliche Arbeit der Kohlenmänner, aber auch an vergnügliche Anekdoten.

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CELLE. Elke Vogel (Jahrgang 1944) staunte nicht schlecht und war auch ein bisschen verwirrt, als sie am vergangenen Samstag ein Foto ihres Vaters in der CZ sah. Als sie sich von dem „freudigen Schreck“ erholt hatte, griff sie zum Telefonhörer und rief in der Redaktion an. Das Foto ist nämlich über 60 Jahre alt, und plötzlich lachte sie ihr Vater breit aus der Zeitung an. „Wenn man diesen kleinen, schmächtigen Mann sieht, kann man sich gar nicht vorstellen, mit welch einer Leichtigkeit er sich die zentnerschweren Säcke auf den Rücken lud“, sagt Elke Vogel.

Der abgebildete Kohlenmann, Artur Pfahl (1911 bis 1975), war auch der Vater von Sigrid König (Jahrgang 1946). Nach dem Tod der Besitzerin Elisabeth Jaaks-Müncheberg übernahm er deren Kohlenhandlung und seine Tochter Sigrid leitete das Büro. „Es war eine sehr schöne Zeit“, sagt sie. Pfahl war Berliner und spielte einst bei Tasmania auch Fußball. Und weil er diesen Verein geliebt hat, bekam er jedes Jahr zum Geburtstag blau-weiße Astern von seinen Kindern geschenkt. Außerdem hatte er noch ein schönes Hobby, und zwar Skat. Einmal pro Woche wurde gespielt. Er übernahm die Kohlenhandlung entweder 1965 oder 1966. „Wir hatten auch immer einen Arbeiter, der Vati unterstützte. Mein Vater war bei allen sehr beliebt und hatte immer gute Laune, trotz der Knüppelarbeit. Am schlimmsten waren Briketts, weil sie so auf den Rücken drückten. Später haben wir auch noch mit Öl gehandelt. Die Kohle wurde entweder vom Güterbahnhof durch uns abgeholt oder aber per Spedition angeliefert. Leider musste Vati etwa 1973 die Kohlenhandlung wegen Krankheit aufgeben. Er verstarb dann zwei Jahre später viel zu früh“, erzählt seine Tochter.

Auch Hänschen Röling (Jahrgang 1940) kannte Pfahl. Röling hat als Kind am Güterbahnhof Kohlen „englisch eingekauft“, wie er sagt, also gestohlen. „Ich durfte immer aufpassen, dass kein Bahnbeamter kam. Es ging fast immer gut“, sagt Röling. Jochen Barth (Jahrgang 1948) musste als Kind die Briketts im Kohlenkeller stapeln, was „keine saubere Angelegenheit“ war. „Wir sind auch bei jeder passenden Gelegenheit zum Güterbahnhof, um dort von der Rampe und den Gleisen den beim Entladen angefallenen Kohlengrus einzusammeln, den wir als Ergänzung zum Brikett oder zur Eierkohle als Heizmaterial nutzten“, so Barth.

Walter Soltendieck (Jahrgang 1940) musste als Kind „hin und wieder mit dem Fahrrad einen Sack herholen“, entweder von der Kohlenhandlung Paasch oder von der Firma Marwede. „Wir waren nicht so begütert. Mein Vater ist im Krieg geblieben und meine Mutter hat nur ein paar Mark Rente gekriegt“, sagt Soltendieck. Vom Holzhof der Firma Lucas hat er auch Schwartenholz geholt, das zu Hause kleingehackt und zum Anheizen verwendet wurde.

Das Heizen mit Eierkohlen war aber nicht ungefährlich, berichtet Rudolf Peterson (Jahrgang 1931). Diese wurde für die Dampfloks verwendet und sorgte in den heimischen kleinen Öfen für eine so große Hitze, dass es schon gefährlich werden konnte.

Bärbel Hahn (Jahrgang 1934) lebt von Geburt an in ihrem Elternhaus im Heesegebiet. „Wir haben unsere Kohle von Oehlmann bezogen. Das Eckhaus der Kohlenhandlung an der Straße Altenhäusen steht sogar noch“, sagt sie. Wenn die Kohlenlieferung kam, wurden Haus- und Kellertür geöffnet, und nach dem Ausschütten der Säcke war erst einmal Großreinemachen im ganzes Treppenhaus angesagt, so sehr staubte es.

Als Kind hat sie an der Bahnstrecke Celle–Hannover nach dem Krieg auch Kohlen geklaut. „Ich war so zehn oder elf Jahre alt. Meine Mutter kletterte oben rauf auf einen Waggon mit Eierkohlen und warf sie runter. Ich sammelte sie ein. Einmal wurde meine Mutter auch erwischt. Bei Eis und Schnee hatte ein Bahnpolizist die Tapsen im Schnee entdeckt und bis zu unserem Haus an der Deneckestraße zurückverfolgt. Durch den Schnee waren die Augen des Mannes aber so geblendet, dass er im dunklen Kohlenkeller die gestohlenen Eierkohlen nicht sehen konnte“, weiß sie noch wie heute: „So ist noch einmal alles gut ausgegangen.“

Margarete Eckert (Jahrgang 1923) weiß, dass die Steinkohle für den heimischen Küchenofen vor dem Krieg aus dem Gebiet der späteren DDR kam. „Damit war dann später Schluss“, sagt sie. Den Koks ließen die Kohlenmänner über eine Rutsche in den Keller gleiten, wo sie „diese dann zur Seite räumte“. Im Krieg beschäftigte die Kohlenhändlerin Oehlmann Russen, denen sie kräftiges Essen gab, weswegen sie Schwierigkeiten mit den NS-Behörden bekam. Doch sie war couragiert und sagte nur: „Wer schwer arbeitet, braucht gutes Essen für die Kraft“, erinnert sich Margarete Eckert.

Heinemann Gahlau (Jahrgang 1942) zog 1968 aus Neuenhäusen nach Altenhagen, wo ihn Walter Schröder bis 1974 mit Anthrazitkohle per Pferd und Wagen versorgte. Als der Preis auf 30 DM pro Zentner anstieg, wechselte Gahlau 1975 zu Erdgas.

Hans-Günter Bloetz (Jahrgang 1938) hat als Holz- und Brennstoffhändler mit vielen Kohlenhändlern zusammengearbeitet. „Ich habe aber meist mit Abbruchholz geheizt“, sagt der Mann, der etwa 150 Häuser in Celle abgerissen hat.

Peter Kammann (Jahrgang 1961) und sein Zwillingsbruder Jörg hatten Mitte der 1960er Jahre die Kohlenmänner der Firma Marwede einmal dabei beobachtet, wie sie bei der Anlieferung auf den Kohleberg im Keller Wasser gelassen hatten. Das konnten die Lütten natürlich auch und eines Tages erwischte sie die Mutter beim Pinkeln im Kohlekeller. Auf ihre Frage, was sie denn da machen, sagten die Knirpse: „Wir spielen Kohlenmänner.“ Anfang der 1970er Jahre dackelten die Jungs mit einem alten, klapprigen Handwagen los, um Kohlen zu holen. Der war regelmäßig so beladen, dass die Seitenwände des Wagens sich so nach außen verbogen, dass sie an den Rädern schleiften.

Carsten Steuerwaldt (Jahrgang 1945) besitzt zwei Kohlenkarten, abgestempelt am 24. Februar 1949 vom Kohlenhändler Otto Voiges, Landgestütstraße 10, Ruf 2226. „Ich nehme an, dass die Kohle in der Nachkriegszeit rationiert war. Ich musste auch mit dem Bollerwagen hin, um welche zu holen“, sagt Steuerwaldt.

Gerhard Bönisch (Jahrgang 1948) lebte von Geburt an und bis 1975 in der Altstädter Schule, wo sein Opa bis 1955 und anschließend sein Vater Hausmeister waren. Die Schule und die beiden Baracken wurden mit Hilfe zweier großer, mit Kohle und Koks befeuerter Heizkessel geheizt. An einem Weihnachtsfest hatte einer der drei weiteren Kessel ein Leck, das provisorisch mit Senfmehl gestopft wurde, das in Verbindung mit dem Wasser aufquoll. So blieb es auch in der Dienstwohnung warm. Für die Plackerei stand ein Arbeiter zur Verfügung, der im Nachbarhaus Lodders wohnte. „Ein Gutes hatte die Kohleheizung aber auch: Im Winter – die gab es damals noch – haben wir nach Schneefall auf dem Kohleberg eine kleine Rodelbahn gehabt und mussten nicht immer zum Schlossberg“, sagt Bönisch.

Der Großvater von Ursula Bahr (Jahrgang 1948), Fritz Borgfeld, war auch Kohlenmann. Er fuhr das Kohlenauto und kassierte nach der Lieferung. „Wenn ich meinen Opa in der Stadt traf, bekam ich aus seiner großen Geldbörse mit einem Beutel dran immer 50 Pfennig, von denen ich mir meist eine Tüte Bonbons besorgte.“ Ab und zu durfte sie mit zum Hafen Hannover-Linden fahren, um dort Kohlen abzuholen. „Das war eine Knochenarbeit, weil alles in den Keller getragen werden musste“, meint Ursula Bahr noch.

Fast zum Schluss soll ein weiterer Kohlenmann zu Ehren kommen: Die Rede ist von Heinz Marwede (1934 bis 2011), dem Vater von Martina Ball. Er war in Eversen und Umgebung als „Köhlen-Hein“ bekannt, war ein typischer und allseits sehr beliebter Kohlenmann. Die von seinem Vater Otto in Eversen gegründete Kohlenhandlung existierte von 1926 bis 1995.

Wenn früher die Waggons mit den Kohlen (vorwiegend aus Frechen) am Bahnhof Eversen entladen werden mussten, unterstützte ihn seine Frau Ursula. Die Kohlen wurden dann vom Waggon geschaufelt und in Zentnersäcken ausgeliefert oder mit Hilfe des Förderbandes lose auf den Anhänger zunächst zur Waage und dann zum Kunden transportiert.

Helmut Meier beliefert als Kohlenhändler auch mit 73 Jahren heute noch einige Kunden mit Kohle: „Das teilt sich in die wenigen hauptsächlichen Heizer, die ich schon seit Jahrzehnten versorge, und Hobbyheizer, die neben der Zentralheizung noch einen Kohleofen haben, weil sie das Ofenfeuer als so angenehm empfinden.“

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 10:49 Uhr
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