115: Alte Celler Gemäuer identifiziert

1911 und 1912 von Fritz Gerloff gebautes Geschäftshaus (rechts) und ältere Villa (1970 abgerissen) rechts. Foto: Sammlung Ingo Vormann

Ein Haus steht seit über 100 Jahren nicht mehr und eines ist vor 45 Jahren abgerissen worden, und dennoch haben einige Celler die Ecke erkannt, die wir auf einem uralten Foto präsentiert hatten. An dieser Ecke steht seit 103 Jahren das für Fritz Gerloff errichtete Geschäftshaus, in dessen Erdgeschoss heute der Schuhladen Lohse beheimatet ist.

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CELLE. „Das war sehr knifflig“, sagt Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947). Der Celle-Kenner hat aber die Ecke trotzdem erkannt, die auf dem alten Foto abgebildet ist, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten – und das, obwohl das Alter der Fotografie falsch angegeben war. Das Bild ist nämlich nicht 1915 geschossen worden, wie Udo Gerloff, der Enkel des Erbauers Fritz Gerloff, meinte, sondern zwischen 1906 und 1911.

Bartz hat die auf dem Bild links hinten stehende Villa noch selbst betreten. Mitte der 1960er Jahre suchte er mit einer Bekannten die dortige Verkaufsstelle des Wirtschaftsvereins auf. „Hier konnten Mitglieder dieses Vereins Lebensmittel günstiger erhalten. Später war dieser Wirtschaftsverein für Beschäftigte im Öffentlichen Dienst am Weißen Wall untergebracht und anschließend in der ehemaligen Schirmfabrik an der Erichsgasse“, erinnert sich Bartz. Joachim Gries (Jahrgang 1955) erinnert sich an Besuche dort: „Das war wie in heutigen Discountern, so etwas wie ein Vorläufer von Aldi, Lidl und Co.“, sagt er. Daneben gab es noch den Sozialverein, der Fahrten für seine Mitglieder organisierte.

Die hintere Villa an der Westcellertorstraße beherbergte zudem die Praxis des Internisten Dohnicht, der auch bei den Johannitern als Arzt engagiert gewesen ist. Dieses 1901 gebaute Haus ist 1970 abgerissen worden. In dem Nachfolgebau lebt Ingo Vormann, dem wir zwei interessante Ansichten verdanken, die dem Buch „Celle, die alte Herzogstadt“ (1927) entnommen sind: „Besonders schön ist der Druck, auf dem die beiden schönen Häuser Seit‘ an Seit‘ vereint stehen“, meint Vormann.

In dem 1911 abgerissenen Haus an der Westcellertorstraße 11 war das Geschäft „Tapisserie, Manufaktur und Weißwaren“ von L. Heydorn untergebracht. Außerdem hatte dort der Fotograf Otto Tessel (1887 bis 1955) sein Atelier. Mit seiner Familie lebte der in Hannoversch Münden Geborene an der Guizettistraße. „Dort sind wohl auch die vier Kinder der Familie geboren: Irmgard ist Ärztin gewesen, Otto, mein Vater, Kupferschmied, Anneliese Sprechstundenhilfe, und Heinz ist in Stalingrad gefallen“, sagt Enkel Heinz Tessel (Jahrgang 1947). An der Westcellertorstraße sollen die Lichtverhältnisse und die Stromversorgung problematisch gewesen sein. Die Familie siedelte an die Zöllnerstraße 19 um, wo auch das neue Atelier eingerichtet wurde. 1949 war hier auch die Ärztin und Geburtshelferin Dr. Irmgard Tessel im Adressbuch verzeichnet.

Anneliese Hübner, geborene Schiffmann (Jahrgang 1942), hat noch einige Jahre lang miterlebt, wie ihre Schwiegereltern den Installations- und Heizungsbaubetrieb von Ewald Hübner in dem noch bestehenden Haus hinter der Toreinfahrt führten und dort auch wohnten. 1970 siedelte der Betrieb an die Albert-Köhler-Straße um.

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) hat erkannt, dass die Gitter ganz links im Bild den Eingang zum Schlosspark markieren. Ähnlich ist der Zaun noch heute am Schlossplatz anzufinden. Die Villa im Hintergrund hat Heitmann an die Fassade der ehemaligen Landeszentralbank an der Bahnhofstraße erinnert, doch dann hat er die Straßenbahnschienen und die Oberleitung der Elektrischen erkannt und damit auch die Örtlichkeit.

Er weiß noch, dass in den weiteren Gebäuden in Richtung Innenstadt, die noch heute bestehen, Gummi Werner, das Café Lynen und das Geschäft „Umlandt“ beheimatet waren. Im Café Lynen hatte man nach Kriegsende in ganz kleinem Stil das Warenhaus Karstadt wieder aufleben lassen. Das eigentliche Kaufhaus war offenbar von den Briten beansprucht worden, meint Heitmann. In dem „Umlandt“-Laden hat er einmal als Tischler einen Auftrag erledigt.

Udo Gerloff (Jahrgang 1949) weiß, dass seine Großeltern in dem stattlichen Geschäftshaus zunächst auch gelebt haben, bis sie sich nach dem Ersten Weltkrieg trennten. Die Mutter ging in ihre Heimat Peine zurück, der Vater öffnete ein Geschäft an der Zöllnerstraße, wo noch heute Bettwaren verkauft werden, wenn auch unter dem Namen Gebers.

Sein 1913 geborener Vater Günther erzählte ihm öfter, dass er sich als Kind ein Boot gebaut habe, mit dem er auf dem Magnusgraben herumgefahren sei. „Das war sein Reich dort, als er ein Junge war“, sagt Gerloff.

Auch Postkartensammler Arnold Linke (Jahrgang 1930) hat die Ecke erkannt, weiß aber nicht, was aus dem Geschäft Heydorn geworden ist. Er hat in über 100 Jahre alten Adressbüchern lediglich einen Arbeiter dieses Namens in der Neustadt gefunden.

In der Örtlichkeit hat sich Hans-Dieter Graetsch (Jahrgang 1942) zwar geirrt – wir wollen seine Eindruck hier aber dennoch wiedergeben: „Es handelt sich um das Haus, welches im Übergang Blumlage/Im Kreise stand. Als ein im St.-Georg-Garten aufgewachsener Celler Bürger habe ich dieses Haus sehr gut in Erinnerung. Um das Jahr 1950 war in diesem Haus der Fahrradhändler Ullner, von dem ich mein erstes Fahrrad als neunjähriger Bub‘ bekam. Damals habe ich mich sehr, sehr darüber gefreut“, meinte Graetsch.

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) war überfordert mit diesem uralten Foto und auch die weit über 90-Jährigen, die er befragte, konnten ihm nicht weiterhelfen. So machte er sich auf zum Antiquariat Cellensia, wo man in solchen Fragen gute Antworten erhält. Als er erfuhr, dass es sich um den Eingang zur Westcellertorstraße handelte, fiel bei Röling der Groschen und zugleich fiel ihm wieder ein, dass hier „jahrelang der Klempner Hübner war, und hinterher waren hier Arztpraxen“. Und damit hat „das lebende Celler Geschichtsbuch“ auch wieder recht.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.07.2015 um 12:32 Uhr
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