114: Vom Sackhandel mitten in der Stadt

Dieter Schmidt (links) als städtischer Überwacher des ruhenden Verkehrs und Kontaktbeamter Dietmar Wosgin („Cop 1“) Anfang der 1980er Jahre an der Ecke der Zöllnerstraße mit der Piltzergasse. Das Haus ganz rechts war die Fleischerei Matthies (Heute „Blume 2000“). Zwei Häuser weiter war bis Mitte der 60er Jahre „Wendlandt & Zucker“ angesiedelt. Die heutigen Aufnahmen zeigen die Fassaden an der Zöllnerstraße (links) und an der Mauernstraße (dritter und vierter Giebel von links). Foto: Sammlung Dieter Schmidt, Joachim Gries (2)

ALTSTADT. Das alte Foto, das wir am Samstag veröffentlicht haben, zeigte das Innenleben eines alten Speichers, der bis mindestens in die 1960er Jahre zwischen Mauern- und Zöllnerstraße stand. Die meisten der Zeitzeugen, die sich in dieser Woche bei der CZ gemeldet hatten, haben erkannt, dass es sich dabei um den Speicher des Landwaren- und Landmaschinengeschäfts Wendlandt & Zucker handelte.

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Wie hat sich doch die Celler Altstadt verändert: Noch vor 50 Jahren fuhren Bauern mit ihren Treckern über die Mauernstraße einen alten Speicher an, wo sie ihre Wagen mit Landwaren beladen ließen. Die Ausfahrt vom Landhandel Wendlandt & Zucker ging zur Zöllnerstraße raus. Hier flutete noch bis in die 80er Jahre hinein der Verkehr die Altstadt-Gasse.

Lore Gawron (Jahrgang 1939) und Hänschen Röling (Jahrgang 1940) irrten sich bei der Zuordnung. Gawron meinte, dass es eine Innenaufnahme der Firma CC Lauenstein und Söhne am Markt/Kanzleistraße sei, in der ihr Vater Ernst Bödecker gearbeitet hat. Röling glaubte, die Verkaufsstelle der Rathsmühle an der Mühlenstraße erkannt zu haben. Es gab also mehrere solcher Geschäfte in der Celler Innenstadt, die mit Sackwaren handelten.

Karl-Heinz Renke (Jahrgang 1930) hat sich mit „99-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ auf dem Foto erkannt. Er hat von 1944 bis 1953 bei Wendlandt & Zucker gearbeitet. Nach der Lehre war er Angestellter und zum Schluss Reisender, dem vorwiegend die Betreuung der Kunden im Flotwedel übertragen worden war: „Die Bauern waren damals ziemlich klamm und ich musste auch die Gelder eintreiben“, sagte Renke. Der ältere Mann links im Bild war der damalige Lagermeister Kopmann. Die beiden Männer standen neben einer kleinen Bucht mit einem Stehpult.

Hier hat sich auch der Sohn des damaligen Geschäftsführers Claus Jacobs, Jan Jacobs (Jahrgang 1943), in den Ferien so manche Mark verdient. „Hier fand der Einzelhandel statt. Die Leute gaben ihren Auftrag im Büro vorne an der Mauernstraße ab, bezahlten die Ware und kamen mit dem Auftragszettel zu diesem Tresen, wo sie zum Beispiel fünf Kilogramm Hühnerfutter abholten. Die Landwirte gelangten mit ihren Fahrzeugen von der Mauernstraße durch eine Einfahrt an eine Rampe, wo die Anhänger beladen wurden. Das Firmengelände verließen die Gespanne durch die Ausfahrt, die an der Zöllnerstraße lag.

Der 1914 geborene und aus Itzehoe stammende Claus Jacobs war während des Krieges als Luftwaffen-Offizier tätig. Die Firma wurde zunächst von dessen Schwiegervater Heinz Zucker betrieben, der auch im Tennisverein CTV engagiert war, aber schon früh starb, als Jan Jacobs noch ein kleines Kind war.

Die Firma hatte auch eine Betriebsstätte am Hafen, wo sich der Schüler beim Entladen von Waggons verdingte. An der Lüneburger Straße hatte sein Vater ein ganz interessantes Projekt: Dort betrieb er in Altenhagen eine Shell-Tankstelle. Hier war schon damals die Ostumgehung geplant und deshalb rechnete sich Claus Jacobs gute Verdienstmöglichkeiten an dieser Stelle aus. Doch während an der Einzelhandelstheke im ersten Obergeschoss des Speichers zwischen Zöllner- und Mauernstraße reger Betrieb herrschte, weil in den 1950er Jahren viele Menschen Hühner hielten, lehrte uns die Geschichte, dass die Ostumgehung noch heute nicht Gestalt angenommen hat.

Der Winser Hans-Hermann Lindhorst (1944) hat von Herbst 1961 bis 1964 hier seine Lehre als Landhandelskaufmann absolviert. Er meint, dass die Firma zwischen Ende 1965 und Mitte 1966 geschlossen worden ist. Jacobs soll schon ein Grundstück in Altencelle gekauft haben (wo lange Zeit Wohnwagen Stumpf seinen Sitz hatte). Als einer der Prokuristen einen schweren Autounfall hatte, soll das Geschäft aber vollends zum Erliegen gekommen sein, meint Lindhorst. Er erinnert sich an Landwirte aus Hambühren und Dasselsbruch, die den Landhandel regelmäßig mit Treckern und Anhängern aufsuchten, um dort einzukaufen. Renke meint, dass sich eine Landhandelsfirma mitten in der Stadt nicht mehr rentiert habe und weil die Genossenschaften immer mehr im Kommen waren, sei der Betrieb aufgegeben worden.

Der Vater von Horst Schiffmann (Jahrgang 1937), war von März 1950 bis Juni 1965 Leiter der Buchhaltung und einer der beiden Prokuristen. Schiffmann erinnert sich an die drei Mitarbeiterinnen seines gleichnamigen Vaters: Die Fräuleins Kamm, Kurt und Schnabel arbeiteten in der Buchhaltung. Direkt neben der Schlachterei Matthies an der Ecke zur Piltzergasse lag die Ausfahrt von Wendlandt & Zucker, weiß Schiffmann. Aus dem Innenleben der Firma berichtet er: „Was da an Mäusen und Ratten herumlief, das war sagenhaft.“

Bernd-Jürgen Schlepphorst (Jahrgang 1939) hat bis 1962 in der Altstadt gelebt und hat auch den alten Speicher gekannt. Er hat gesehen, wie damals Fuhrwerke per Hand entladen wurden. An der Piltzergasse hat sich eine Werkstatt der Firma befunden, in der Landmaschinen ausgestellt waren und auch repariert wurden. „Von der Rathsmühle her kamen Pferdefuhrwerke mit Getreide und Kartoffeln in die Mauernstraße. Das war natürlich interessant für uns Jugendliche.“ Da sein Onkel bei Wendlandt & Zucker arbeitete, durfte Schlepphorst auch schon mal mit einer Sackkarre Getreidesäcke im Speicher hin- und herbewegen.

Henning Müller (Jahrgang 1931) lebt auf seinem Hof mitten in Grebshorn, den er 1991 an „junge Leute“ übergab. Im letzten Kriegsjahr ist er jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule nach Celle gefahren. Er besuchte damals das Gymnasium Ernestinum. Er weiß, dass Verwandte von ihm schon Anfang der 1920er Jahre große Mähmaschinen für Wiesenflächen hinter dem Wagen bis zur Landmaschinen-Werkstatt in die Celler Altstadt transportiert haben. Schon vor dem Krieg entsandte die Firma Vertreter bis ins entlegene Grebshorn, die Bestellungen aufnahmen. Die Ware wurde dann geliefert.

Hanna Kroke (Jahrgang 1934) ist als Jugendliche oft mit dem Fahrrad vom mütterlichen Hof in Stedden zu Wendlandt & Zucker gefahren, um Geld abzuholen, was sie ihrer Mutter für Kartoffeln oder Getreide brachte, die diese lieferte. „Die waren meistens froh, wenn die Leute das Geld abgeholt haben“, meint Hanna Kroke. Dabei hat sie auch in den alten Speicher geschaut, denn: „Als Kind ist man ja neugierig.“ Ihr Großvater habe ihr immer gesagt: „Man kann alles begucken, aber nichts anfassen oder gar mitnehmen. Man darf mit den Augen stehlen. Das, was du gesehen hast, kann dir keiner mehr wegnehmen.“

Der ehemalige Kreislandwirt Georg Rahlfs (Jahrgang 1941) ist als Kind mit seinem Großvater mit Pferd und Wagen von Adelheidsdorf zu Wendlandt & Zucker gefahren. Eine Tour hat etwa eineinhalb bis zwei Stunden gedauert. „Der halbe Tag war hin“, sagt Rahlfs. Oft wurden derartige Fahrten aber mit anderen Erledigungen verbunden. So suchte der Großvater die Fleischerei Matthies und den Fleischeinkäufer Kasimir Kalina auf. Wenn der Einspänner durch die Hehlentorstraße fuhr, „dann ging da gar nicht mehr“, erinnert sich Rahlfs, der auch noch Zeiger-Ampeln kennt, bei denen der Zeiger die Rot- und die Grün-Phase verdeutlichte. Er weiß, dass solch eine Ampel an der Ecke Schuhstraße mit der Hehlentorstraße in etwa vier Metern Höhe hing.

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) ist an der Mauernstraße aufgewachsen. Schon damals war der Firmensitz solch ein Doppelhaus, wie es die Fassade des heutigen H & M-Modehauses nachempfindet. „Ich habe schon so oft gedacht: Diese Häuser würde man heute nicht mehr abreißen. Das glatt geputzte Bürogebäude an der Mauernstraße war nicht so schön, aber die anderen Fachwerkgebäude waren sicher erhaltenswert“, sagt Heitmann. An den Giebeln des Fachwerkspeichers befanden sich Kräne, mit denen Wagen be- und entladen wurden.

In der Mauernstraße hat Heitmann viele Pferdefuhrwerke gesehen, die von Bauern aus dem Flotwedel gelenkt wurden, die sich Düngemittel und Saatgut abholten. An der Mauernstraße gab es die Ausspann-Wirtschaft Homann und am Kleinen Plan Peters, die im hinteren Bereich jeweils Pferdeställe hatten. „Die Pferde bekamen Haferbeutel um den Hals gehängt und dann standen die hinten drin.“ Durch die „Zwischen“, die schmalen Räume zwischen den Altstadthäusern, gelangten die Jungs auf alle Höfe: „Wir durften uns nur nicht erwischen lassen.“

Wendlandt & Zucker hatte auch eine Filiale an der Mühlenstraße. Dort in dem Eckhaus direkt hinter der Allerbrücke, wo nach dem Krieg die Briten ihr NAAFI-Einkaufszentrum bauten, hat die Großmutter von Heitmann einen Handwagen aus Naturholz erstanden. „Meine Oma hatte den Jahnplatz am Fuhse-Freibad zu verwalten und dafür benötigte sie diesen Wagen. Wir Kinder durften damit nie spielen, denn das war damals ja ein Wertgegenstand. Nur wenn die Oma nicht da war, haben wir damit gespielt“, erzählt Heitmann.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 11:29 Uhr
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