110: Wo die Celler einst baden gingen

Die alte Postkarte zeigt das Fuhsebad mit den „Celler Badehallen“. Karl Bärwald leitete sie bis 1918. Seit 1896 gab es an dieser Stelle eine Badeanstalt. Foto: Sammlung Arnold Linke

Als die Stadtwerke Celle Ende der 1950er Jahre das Badgelände an der Fuhse übernahmen, befand es sich in einem maroden Zustand. Bei einer Begehung entstand die Idee für den Bau eines Hallenbades. Von Badefreuden in der Zeit davor berichten hier alte Celler.

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CELLE. Hänschen Röling (Jahrgang 1940) hat Bademeister Günther Nicklas auf dem alten Foto erkannt, das ihn bei einer Unterwassermassage mit einem jungen Mann zeigt. Das große, geflieste Becken war in dem Haus Sägemühlenstraße 24 untergebracht, in dem Nicklas auch wohnte. „Ich durfte durch Dr. Hörstmann auch in den Genuss kommen, von Bademeister Nicklas behandelt zu werden. Das wurde mir dreimal genehmigt und war für mich ein Wohlgefühl“, sagt Röling.

Er muss damals so etwas wie Glasknochen gehabt haben, denn innerhalb einer kurzen Zeitspanne zog er sich vier Bein- und Armbrüche zu. „Dr. Helmuth Hörstmann hat mir geholfen, er war ein prima Arzt und zudem war er immer für das Bad da“, so Röling. Er kennt noch die alten Häuser, unter anderem ein Vierständerhaus, wie er meint, die abgerissen wurden, um Platz für das neue Hallenbad zu schaffen.

In dem Bau, in dem die Bademeister wohnten, waren neben den medizinischen Badewannen auch eine finnische Dampfsauna, eine Heißluftsauna und in einem etwa 50 Quadratmeter großen Raum Wannenbäder, die in parzellierten Bereichen aufgestellt waren. „Früher als Kind hat meine Mutter mich und meinen Freund freitags zu Bademeister Nicklas zum Warmbaden geschickt“, berichtet Günter Salewski (Jahrgang 1939): „Wir mussten immer draußen warten, weil eine Menge Leute da war, die riefen uns dann beim Namen auf, weil die uns bald kannten. Wir bekamen einen Eierwecker in die Hand, der auf eine halbe Stunde eingestellt wurde. In der Zeit mussten wir uns ausziehen und ins Bad legen. Das war immer schön da. Wenn es klingelte, mussten wir die Badewanne verlassen.“

Im Sommer verwendete Salewski das Badegeld auf andere Art: „Wir hatten ja kein Geld früher. Wir sind dann immer in die Fuhse gesprungen, haben uns dort gewaschen und haben das Geld an der Sägemühlenstraße beim Bolschenwagen in Sahnebonbons investiert.“

Erich Kregel (Jahrgang 1932) und seine Frau Lilli Kregel (Jahrgang 1934) waren aus Schlesien beziehungsweise Ostpreußen nach Celle geflohen. Kregel und seine beiden Brüder Hans und Kurt arbeiteten in der Badeanstalt. „Für uns Mädels gab es nichts Schöneres, als nach der Schule direkt zur Badeanstalt zu gehen. Wir haben uns dann mit drei Mädels eine Flasche Sprudel geteilt. Dort haben wir auch unsere Männer kennengelernt. Mit meinem Mann bin ich jetzt seit 61 Jahren zusammen“, sagt Lilli Kregel. Das Ehepaar lebt heute in der Pfalz. Der junge Mann in der Wanne hieß Rudi Klindt und wurde „Tunte“ genannt. Er war meist dafür zuständig, die Sägespäne in einen Ofen zu schippen, mit dem das Wasser geheizt wurde. Lastwagenweise wurden Späne von Sägewerken herangekarrt. Kregels waren bis 1953 in der Badeanstalt tätig.

Wie es zu dem Plan für das Celler Hallenbad kam, berichtet Otto Taxweiler (Jahrgang 1918) aus erster Hand: Er hatte 1951 bei den Celler Stadtwerken angefangen und die Schlosserei der Stadtwerke übernommen. Zunächst wurde das im Krieg zerstörte Werk an der Fuhsestraße aufgebaut. Als die Briten 1956/57 die Badeanstalt an der Fuhse räumten, bekam Brase den Auftrag, „mit einigen Leuten das verwahrloste Bad wieder funktionstüchtig zu machen“, denn das Bad war den Stadtwerken zugeschlagen worden. Als das Fuhsebad Anfang der 1960er Jahre wiedereröffnet wurde, rief der kaufmännische Direktor der Stadtwerke, Erich Brüggemann, aus: „Hier muss ein Hallenbad entstehen!“ Brase hörte das wie auch alle Umstehenden. „Da ging ein Raunen durch die Menge und es hieß gleich: ,Wer soll das bezahlen?‘“

Mit Hilfe der Celler Kaufleute rief Brüggemann eine Tombola ins Leben. Es wurden reichlich Lose verkauft und es kam ein stattlicher Betrag zusammen. „Der Hauptgewinn war ein kleines Einfamilienhaus, das noch heute irgendwo in Celle steht“, meint Taxweiler. Der Erlös aus dieser Tombola bildete den Grundstock für den Hallenbadbau.

Als Standort wurde der ehemalige Schanzplatz ausgeschaut, auf dem die Soldaten übten, sich einzugraben. Hundertjährige Eichen wurden gefällt und Häuser abgerissen. Zunächst wurde das große Becken gebaut und erst dann die Halle darüber. Auch eine Sauna entstand mit einem Außenschwimmbecken.

„Eine eigene Heizung hatte das Hallenbad nicht. Also wurde eine Warmwasserleitung vom Kesselhaus der Stadtwerke an der ehemaligen Marienstraße bis dorthin verlegt“, sagt Taxweiler. Die Wärmeversorgung mittels Heißwasser über diese 1,4 Kilometer lange Leitung erfolgte nach Angabe des Stadt-Pressesprechers Wolfgang Fischer aber nur kurzzeitig. Noch in den 1960er Jahren wurde eine eigene Heizung im Hallenbad gebaut. Mit dem 15 Kubikmeter großen Loch unter der Kreuzung der Jägerstraße mit der Hannoverschen Straße im Sommer 2013 hatte diese Leitung nichts zu tun. Das hatte Taxweiler nämlich vermutet. Grund für die Unterspülung war ein unerkannter Wasserrohrbruch.

Otto Brase (Jahrgang 1934) hat die Badeanstalt, die von der Fuhse durchflossen wurde, nie betreten. Er und seine zwei Schwestern lernten das Schwimmen einige hundert Meter flussaufwärts. „Wir kamen 1939 von Duisburg nach Celle. Mein Vater war Finanzbeamter. Und die Beamten hatten kleine Gärten direkt an der Fuhse, dort wo heute das Postdienstgebäude an der 77er Straße steht und früher Baracken standen, die von Nonnen bewohnt waren, die im St.-Josef-Stift arbeiteten“, erzählt Brase. Dort war das Wasser wunderbar klar und nicht allzu tief. Dass die Kinder in der nahen Badeanstalt Spaß hatten, hörte Brase nur am Geräuschpegel, der von dort zu vernehmen war.

Eine andere „wunderbare“ Badestelle nutzte er an der Allerinsel und zwar im nördlichen Arm, der vom Wehr kommt. Hier war das Wasser flach und ungefährlich. „Wir haben uns hier sogar kleine Sprungbretter gebaut.“

Die dritte Badestelle lag unmittelbar unterhalb des Walzen- und des Stufenwehrs. „Früher war es hier wunderbar, heute kann man dort kaum barfuß laufen, weil überall Scherben herumliegen“, sagt Brase. An einer etwa 40 bis 50 Zentimeter breiten Stelle ergoss sich ein Schwall Wasser durch das Stufenwehr herab. „Das war eine gute Rückenmassage. Es war aber sehr glitschig dort.“

Und einmal war es auf den Betonklötzen, die dort im Wasser lagen, um die Wellen zu brechen, so glitschig, dass Brase ausrutschte und sein Tornister in der Aller landete. „Das hatte mein Onkel gesehen und der hat das bei mir zu Hause erzählt. Das gab erst einmal eine ,Jagdreise‘, weil die Bücher und Hefte allesamt nass geworden waren, und ich würde sagen, dass das berechtigt war“, schildert Brase aus einer Zeit, in der die Prügelstrafe noch nicht verboten war. „Danach war es auch wieder gut“, meint Brase.

Später, als er zur landwirtschaftlichen Lehre auf einem Hof in Boye war, auf dem es nur einen Dreibock mit Seifenschale auf der Diele für die Lehrlinge gab, kamen die jungen Leute des Dorfes jeden Abend an einer kleinen ausgespülten Bucht der Aller von April bis Oktober zusammen, wo die von der Mühsal des Tages dreckig Gewordenen in die Fluten sprangen und sich dabei auch säuberten. Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 11:33 Uhr
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