109: Vom Hutklau auf dem Celler Landgestüt

Die vier Schimmel zogen die Kutsche während einer der Hengstparaden des Jahres 1928. Die Zaungäste auf dem Foto rechts hatten in der Nachkriegszeit offenbar keine Karten für die Vorstellungen auf dem Gelände des Landgestüts bekommen. Foto: Sammlung Elke von Waaden, Repro: Benjamin Westhoff; Brigitte-Carola Röhrssen (CZ-Archiv)

Das Celler Landgestüt hat in seiner 280-jährigen Geschichte schon viel erlebt. Prominente wie Max Schmeling, Josef Neckermann und der Schah von Persien besuchten es. Zeitzeugen berichten von Lausbubenstreichen, ungewöhnlichen Vorführungen und auch aus schlimmer Zeit.

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CELLE. Ihren Großvater Fritz Dröscher hat Anita Baron (Jahrgang 1948) auf dem alten Foto erkannt, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten. Sie meint, dass er bereits 1928 mit der Freiheitsdressur begonnen hat. Die Hengste auf dem Bild waren „Domfalk“, „Franke“ (auf dem Tisch) und „Westerwald“ (der Steiger), weiß Jürgen Winter (Jahrgang 1929), der seit 1946 auf dem Landgestüt gearbeitet hat. Er weiß, dass die britischen Besatzungstruppen nur kurz auf dem Gelände waren, ehe es als Zwischenstation für Menschen aus Konzentrationslagern genutzt wurde. Winter weiß, dass Anfang der 1950er Jahre zwei Filme auf dem Landgestüt gedreht wurden: „Eine Liebesgeschichte“ und „Meines Vaters Pferde“.

Es gibt noch einige Zeitzeugen, die das Landgestüt aus der Vorkriegszeit kennen: Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921) war dabei, als sein Onkel, der Milchhändler Walter Kruse, im Jahr 1934 oder 1935 Erfrischungen bei den Hengstparaden verkauft hat: „Wir haben ihm mit mehreren Mann geholfen. Es war herrliches Wetter und die Tribünen waren proppenvoll. Ich habe auch oft gesehen, wie die Pferdewagen durch Celle fuhren und manchmal sind bei diesen Übungsfahrten die Viecher durchgegangen, dann war aber ,Holland in Not!‘“

Margarete Eckert (Jahrgang 1923) war 1936 oder 1937 dabei, als Schüler zur Generalprobe für die Hengstparaden eingeladen waren. Die Pferde sollten sich an das Publikum gewöhnen. „damals wurden in der Landwirtschaft und auch zum Beispiel bei den Spediteuren und für Langholzwagen starke Pferde gebraucht. So erinnere ich mich, dass Erntewagen und Leiterwagen mit kräftigen Pferden vorgeführt wurden. Donnerstags waren meist Landwirte die Besucher. Auch für das Gewerbe wurden für die Kastenwagen der Bäcker und Schlachter zugkräftige Pferde benötigt.“

Auch Margarete Eckert erinnert sich daran, dass vier- bis sechsspännige Wagen oder Kutschen über die Jägerstraße und die Fuhsestraße fuhren, um die Pferde an den Verkehr zu gewöhnen. „Früher konnten auch noch Pferdeschlitten durch Celle fahren“, ergänzt die 91-Jährige.

Siegfried Meinicke (Jahrgang 1928) hat 1938 oder 1939 eine Vorführung des Landgestüts auf dem Saarfeld miterlebt. Erst in diesen Tagen kam er mit seiner Frau Gerda Meinicke (Jahrgang 1929) darüber ins Gespräch, dass auch sie diese Darbietungen als Schülerin mitverfolgt hat. „Wir haben nie darüber gesprochen“, sagt der Garßener, der damals im dritten oder vierten Schuljahr war. „Es sind zwei Sachen, die mir als Junge aufgefallen waren: Die hatten Geschütze aufgefahren und die bespannte Artillerie hat dann abgeprotzt und geschossen. Das war natürlich was. Und dann gab es eine Truppe russischer Kosaken, die Reitervorführungen gezeigt haben, bei denen die unter dem Pferd durchkrochen.“

Hermann Timme (Jahrgang 1928) weist darauf hin, dass man in den 1950er Jahren gut daran tat, wenn man sich die Karten für die Hengstparaden früh vorbestellte, denn manchmal waren die Vorführungen schon ein Jahr vorher ausgebucht. Eines Tages hatte er aber doch Karten bekommen und zwar für seinen Opa aus Wietzendorf. Viel von der Parade hat Timme aber nicht mitbekommen, denn er holte seinen Großvater und den aus Königsberg geflüchteten Postbeamten „Onkel Emil“ vom Bahnhof ab und auf der Fahrt zum Gestüt blieb sein Fiat 500 liegen. „Ich sehe noch, wie sich der hünenhafte Kerl in mein Auto gequetscht hat und dann blieb ich genau vor der Celleschen Zeitung stehen. Die beiden gingen dann zu Fuß weiter und ich mit dem Reservekanister zu Auto-Meyer, der auf dem Großen Plan eine Shell-Tankstelle hatte.“

Otto Brase (Jahrgang 1934) war ein- oder zweimal bei einer Hengstparade. Eindrücklich ist ihm im Gedächtnis geblieben, dass bei der Freiheitsdressur ein Heidschnuckenbock auf dem Hengst stand, der am Boden lag. „Das kam beim Publikum gut an.“ Auch die „Köttelfegerbälle“ des Landgestüts in der Union waren beliebt. „Da kam ein Haufen Mädels vom Lande hin“, weiß er noch und der Schalk blitzt aus seinen Augen, während er das sagt. „Da waren oft die Bauern vertreten, wo die Gestütler im Sommer auf Station waren“, sagt Hänschen Röling (Jahrgang 1940).

Von Generalproben für die Kinder der Celler Schulen zu Beginn der 1950er Jahre berichtet auch Helga Gebhardt (Jahrgang 1936), die 1947 nach Celle kam: „Ich fand das nicht so toll. Es war ungemütlich, kaum Sitzplätze, keine Überdachung dort, wo wir hingeschickt wurden, und den Vorführungen konnte ich auch nichts abgewinnen. Das änderte sich, als ich am Ende meiner Schulzeit noch einmal mit der Klasse an einer Generalprobe teilnehmen durfte. Wir hatten gute Sitzplätze, und ich konnte auf einmal erkennen und auch ein wenig einordnen, was uns da geboten wurde. Das Älterwerden hatte sich positiv ausgewirkt!“

Ursula Schäfer (Jahrgang 1938) hat nach dem Dressursieg 1968 in Mexiko Olympiasieger Josef Neckermann auf dem Landgestüt kennengelernt. Sie hat viele Jahre lang für den General Horst Niemack in Groß Hehlen alles Mögliche über die Reiterei aufgeschrieben. Der Mann, der die Große Dressurquadrille schuf und als Equipechef die deutschen Dressurreiter zu vier Olympischen Spielen führte, korrespondierte sogar mit Prinz Philip, weiß Ursula Schäfer.

Röling berichtet von der „lebendigen Gestütskantine“ von Martha Busse: Oben im Haus wohnten die Gestütsanwärter, die ständig in der Großküche saßen, wo eine tolle Stimmung herrschte. „Meyer 13“ hieß so, weil er bei den Hengstparaden diese Anzahl von Pferden vor einer Postkutsche lenkte. Als besonderen Gast der Paraden erinnert sich Röling an den Schah von Persien. An Besuche des griechischen und des britischen Königshauses erinnert sich Elke von Waaden (Jahrgang 1945) . Ihr Vater Heinrich Joritz bildete von 1915 bis 1965 Pferde des Landgestüts aus. „Ich habe im großen Stallgebäude laufen gelernt“, sagt sie.

Ein Blick aus der elterlichen Wohnung an der Hornbostel-straße genügte Karsten Steuerwald (Jahrgang 1945) und er konnte in die Wohnung seines Opas Otto Steuerwald schauen. So verständigten sich die beiden oft durch Blickkontakt, wenn sie zum Gestüt gehen wollten, was oft geschah, weil der Opa dort arbeitete. Die beiden hatten das Privileg, durch eine ansonsten verschlossene Eisentür von der Straße „Alte Grenze“ auf das Areal gelangen zu können.

Günter Salewski (Jahrgang 1939) ist Ende März 1945 in Celle angekommen und hat seine weitere Kindheit rund um das Landgestüt und auch auf dem Gelände verbracht, wo die Jungs-Clique „geduldet“ wurde, wie er sagt. Bis 1959 lebte er an der Grabenseestraße. Der Weg an der Fuhse war für die Knaben der „Schlangenweg“, dort an ihrem „Affenbaum“ hatten sie Stricke als „Lianen“ befestigt. In dem Flüsschen badeten sie auch.

Während der Hengstparaden trieben sich die Jungs unter den Tribünen herum. „Dann haben wir von dort die Hüte weggenommen, sind unter der Tribüne hervorgekrochen, haben die Hüte in die Höhe gehoben und gerufen: ,Wem gehört der Hut?‘ und dann haben wir öfter mal ein Trinkgeld bekommen. Von den Paraden haben wir nichts gesehen“, sagt Salewski. Nachdem die Zuschauer das Gelände verlassen hatten, haben die Jungs die liegen gelassenen Programmhefte eingesammelt und für die Hälfte des regulären Preises bei der nächsten Parade an den Mann gebracht.

Auch an Boxkämpfe in der Reithalle des Landgestüts erinnert sich Salewski. „Hier hat der VfK Celle richtige Staffelkämpfe ausgetragen, bevor Kämpfe in der Union über die Bühne gingen. Wir Kinder haben geholfen, Stühle in der Halle aufzustellen und hatten dafür freien Eintritt.“ Werner Conrad (Jahrgang 1934) hat dabei sogar Max Schmeling live erlebt. Ob der Schwergewichtsweltmeister seinen Kampf gewann, weiß er nicht mehr.

Den Bombenangriff auf Celle hat Conrad im Luftschutzkeller des Landgestüts überlebt. Erst am Morgen des 8. April 1945 war er mit seiner Familie aus Georgienburg bei Insterburg in Celle angekommen. „Oben auf der Treppe, die zum Keller hinunterführte, stand ein Wachsoldat mit Gewehr. Wozu der da stand, das verstehe ich bis heute nicht“, sagt Conrad. Die Briten hätten das Gestüt zunächst für eine Kaserne gehalten und die Beschäftigten auf dem Paradeplatz antreten lassen. Der Irrtum klärte sich erst bei einem Marsch in Richtung Heidekaserne auf.

Und auch die Menschen, „oft Juden“, wie Conrad meint, die im Landgestüt nach der Befreiung aus dem KZ in einem Durchgangslager kurzzeitig lebten, hat er mit jugendlicher Neugierde betrachtet. Von weitem haben die Kinder sie beobachtet, wie sie in den Boxen des Grabenseestalls schliefen, wie sie nackt in der Fuhse badeten und wie mitten auf dem Paradeplatz ein Graben gezogen wurde, über den ein „Donnerbalken“ angebracht wurde, auf dem die Befreiten ihre Notdurft verrichten mussten. Zunächst mussten sie das ohne jeden Sichtschutz tun, bevor dann „etwas davorgemacht wurde“, wie sich Conrad erinnert. Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 09.07.2015 um 13:51 Uhr
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