106: Die Nordsee liegt mitten in Celle

Während frischer Fisch ausgeladen wird, herrscht reger Andrang im Geschäft. Foto: Sammlung Anke Knye (3)

Die Celler lieben offenbar Fisch. Während sich eine bekannte Fastfood-Kette in der Celler Altstadt nicht halten konnte, behauptet sich die „Nordsee“-Filiale an der Zöllnerstraße, Ecke Markt hier schon seit vielen Jahrzehnten. Zeitzeugen berichten von präparierten „Seekühen“ und hüpfenden Aalen. Seit 50 Jahren ist der Celler Peter Pfüger im Fischhandel aktiv, heute allerdings mobil.

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ALTSTADT. Schon seit mindestens 78 Jahren liegt die Nordsee mitten in Celles Altstadt und zwar an der Ecke der Zöllnerstraße zum Markt. Das beweisen Fotos, die Anke Knye (Jahrgang 1943) in ihrem Besitz hat. Ihr Onkel Karl Pflüger war bis Anfang der 1950er Jahre der Geschäftsführer der Celler Filiale dieser Fischverkaufs-Kette. Anschließend machte er sich mit dem Fisch- und Feinkostgeschäft Pflüger am Großen Plan selbstständig. Dort hat sich Andreas Ziesemer (Jahrgang 1959) als Schulbub die Nase an einem großen Hummer-Becken platt gedrückt, wie er selbst sagt. Diese Tiere haben ihn in den 1960er Jahren fasziniert, „weil ich solche Tiere nicht kannte“.

Anke Knye erinnert sich, dass jedes Jahr zum 1. April etwas Witziges im Schaufenster zu sehen war, im Jahr 1951 war dort eine angebliche Seekuh ausgestellt, erinnert sie sich. Sie hat gehört, dass das Geschäft während des Krieges einmal an anderer Stelle in Celle untergekommen war, weiß aber nicht wo. Sie ist im Haushalt ihres Onkels groß geworden. Und was kam beim Fischhändler auf den Tisch? Nicht jeden Tag Fisch jedenfalls, aber immerhin einmal pro Woche, erinnert sie sich.

Bis 1971 führte Karl Pflüger dieses Geschäft am Großen Plan. Sein Neffe Peter Pflüger (Jahrgang 1945) ist bis 1982 am Großen Plan in seine Fußstapfen getreten, seit 33 Jahren betreibt er das Gewerbe aber mobil. Mittwochs und samstags steht er mit seinem Verkaufswagen auf dem Celler Wochenmarkt, donnerstags in Wittingen und freitags auf dem Westmarkt in Klein Hehlen. „Ich bin seit 1965 im Fischhandel tätig, jetzt betreibe ich das aber nur noch als Hobby. Mittwochs und freitags fahren ich und mein Schwiegersohn im Wechsel nachts um 2.30 Uhr zum Hamburger Fischmarkt, wo das Filet frisch geschnitten wird. Ich esse viel Fisch. Ich sage immer: ,Wenn Sie hundert Jahre Fisch essen, werden sie alt!‘“, scherzt Pflüger. Viele seiner Kunden kommen ebenfalls seit Jahrzehnten zu ihm. „Manche kenne ich noch vom Großen Plan her“, sagt der Fischverkäufer.

Den weitesten Blick zurück wirft Elisabeth Strese (Jahrgang 1920). Sie weiß noch, dass neben der Gastwirtschaft „Zum Groben Otto“ an der Bahnhofstraße ein Fischhändler Hoffmann „ganz früher“ ein Geschäft geführt hat. Das war sogar für ihre Tochter Monika Schmidt (Jahrgang 1942) neu, die von 1956 bis 1959 in der „Nordsee“ gelernt hat. Sie hat drei „Nordsee“-Mitarbeiter auf dem alten Foto erkannt, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten: „Das waren mein Chef Richter, Herr Münzer und Horst Renner.“ Nach ihrer Lehrzeit hatte sie die Nase voll vom Fisch, denn die Leute im Bus rümpften oft die Nase, da sie natürlich nach den Meerestieren roch. „Ich war immer froh, wenn es Frühling wurde und ich mit dem Rad fahren konnte“, sagt sie.

So war sie auch froh, als sie nach der Lehre in einem Lebensmittelgeschäft anfangen konnte. Doch die Eltern hatten einen „ambulanten Fischhandel“, den sie 1965 zusammen mit ihrem bereits verstorbenen Mann Robert übernahm. Nach 35 Jahren hat ihn Sohn Axel übernommen, der das Geschäft Fisch und Feinkost Schmidt in Großmoor nunmehr betreibt. Er steht samstags auf dem Heesemarkt in Celle. Die Ware kommt heute wie früher überwiegend aus Bremerhaven, teilweise auch aus Hamburg.

Marga Böber (Jahrgang 1934) hat sich von der „Nordsee“-Filiale in Hannover 1953 nach Celle versetzen lassen, wo sie bis 1955 gearbeitet hat. Auch sie hat Richter auf dem alten Bild erkannt, der ab 1950 in Hannover ihr Chef war und später dann eben auch in Celle. Früher hätten alle Mitarbeiter in Gummistiefeln und in langen, bis auf die Erde reichenden Kitteln gearbeitet. „Das kann man gar nicht mit heute vergleichen.“ Vor 60 Jahren mussten die von der Brauerei Schilling angelieferten Eisstangen zerkleinert im Schaufenster verteilt werden, um darauf den frischen Fisch zu drapieren.

„Ich habe selbst Heringe in Gelee gemacht. Ich habe auch alle Schaufenster dekoriert. Der Fisch kam damals meist aus dem Hafen Hannover, da gab es ein großes Lager“, erinnert sich Marga Böber. Noch heute isst sie sehr gerne Fisch. Die Fischbrötchen, die sie sich bei der „Nordsee“ holt, schmecken ihr gut.

Werner Maaß (Jahrgang 1933) hat kurz nach der Hochzeit mit seiner Frau Marion, geborene Lilje (Jahrgang 1943) den dringenden Wunsch verspürt, einen gebratenen Aal zu essen. „Ich komme aus Schleswig-Holstein und an der Stör, einem Nebenfluss der Elbe, hatten wir viele Fischer bei uns hinterm Deich. Meine Eltern hatten Landwirtschaft und wir kriegten im Austausch von den Fischern dünnen Aal für einen kleinen Preis.“ Nach Celle kam er, weil er als Bäckermeister eine Anstellung im Heesegebiet gefunden hatte. Erst mit 35 heiratete er eine gebürtige Altenhägerin und gründete einen gemeinsamen Hausstand.

Zurück zum Aal: „Ich ging in die Nordsee und durfte mir aus dem Aquarium einen aussuchen. Ich entschied mich für ein kräftiges Exemplar. Ein junger Verkäufer holte ihn mit Kescher und Hand heraus, doch der Fisch entglitt ihm und schlängelte sich an den Kunden vorbei, so dass es ein großes Gejohle und Geschrei gab“, erzählt Maaß. Als der Fisch eingefangen worden war, wurde er getötet, abgezogen und gekürzt. In der Pfanne lebten die Stücke wieder auf. „Die sprangen dann umher, so als ob sie lebten. Meine Frau hat sich so erschrocken, dass es bei uns nie wieder gebratenen Aal gegeben hat.“ Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 12:04 Uhr
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