95: Vom Leben rund um den Friedhof

stadtfriedhof und links vorne das prinzenpalais Foto: Stadtarchiv Celle

Der Celler Stadtfriedhof hatte bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wenige Nachbarn. Diejenigen, die dort in der Nähe wohnten, erinnern sich an Salutschüsse bei Trauerzeremonien genauso wie an ausgelassene Kletterpartien in den Baumwipfeln auf dem Gottesacker.

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HEHLENTOR. Im Juni 1951 wurde der Grundstein zu einem ganz besonderen Haus gelegt. Zusammen mit dem Celler Ratsmitglied Dr. Else Wex (Jahrgang 1884) arbeitete Brigitte Feldhaus (Jahrgang 1918) in dem an der Schilden-straße 22 neu erbauten Heim für Mädchen. Von 1953 bis 1959 war dort eine städtische Berufsschule, eine Fachschule für Kinderpflegerinnen und Haushaltsgehilfinnen untergebracht.

„Wir hatten für 60 Schülerinnen zwei Duschen und zwei Badewannen. Frau Dr. Wex meinte: ,Da kommt kein warmes Wasser rein‘“, erzählt Brigitte Feldhaus. Die verdiente Sozialdemokratin wollte die Minderjährigen offenbar abhärten.

Ende der 50er Jahre wurde das zweistöckige Haus von der Lebenshilfe gekauft. Noch heute ist hier ein Wohnheim der Lebenshilfe untergebracht. „Ich bin wiederholt dort gewesen. Das Haus ist sehr gepflegt: Da bin ich sehr glücklich drüber“, sagt die 96-Jährige. Die aus Breslau Stammende hatte ab 1943 eine Schule für Kindergärtnerinnen in Danzig geleitet. Im März 1945 floh sie über die Ostsee nach Dänemark, wo sie bis zum 8. Mai 1947 in Gefangenschaft war. Bevor sie nach Celle kam, leitete sie ein Heim in der Nähe von Braunschweig. Noch heute trifft sie sich regelmäßig mit den Schülerinnen, die 1953 als erste ihre Ausbildung hier begonnen hatten.

Wie seine Westentasche kennt Ulf Hanking (Jahrgang 1939) die Ecke östlich des Stadtfriedhofs. Er lebte seine ersten 30 Lebensjahre in dem 1936 erbauten Elternhaus an der Nöldekestraße, die heute noch die letzte Straße in Richtung Altenhagen ist. Zunächst war es eine reine Wohnsiedlung, bis Böttchers ein Milchgeschäft aufmachten und sich der Steinmetz Hans-Jörg Rieke hier mit seinem Geschäft niederließ. „Der hatte ganz tolle Ideen. Noch heute findet man ziemlich große Grabsteine auf dem Stadtfriedhof, die er gestaltet hat, indem er Kreuze hineingeschlagen hat.

Als bedeutende Grabstelle hebt Hanking die von Generalfeldmarschall August von Mackensen (1849 bis 1945) hervor, für den ein „bombastisches“ Grabmal angelegt worden sei. Die Beisetzung von CZ-Verleger Ernst Pfingsten im Jahre 1966 ist Hanking in besonderer Erinnerung geblieben. An eine andere Beerdigung an einem
31. Dezember erinnert er sich auch noch: „Ich sollte meinen Vater dort vertreten. Ich kannte den Verstorbenen nicht, es muss ein bedeutender Celler Handwerksmeister gewesen sein. Dabei ging der Obermeister einer Innung zum Sarg, verneigte sich und las eine Rede aus seinem Zylinder ab. Das war aber völlig abstrus, denn er las den Text in völlig falschem Rhythmus vor, so abgehackt, das wir uns in den hinteren Reihen der Kapelle vor Lachen kaum bändigen konnten.“

Auf dem Stadtfriedhof gab es in der Nähe des Ehrenmals eine Klingel. Dort konnte bimmeln, wer sich fachlichen Rat vom Friedhofsgärtner einholen wollte. Abends wurde hier geläutet, wenn die drei Eingänge zu dem Areal abgeschlossen wurden, erinnert sich Hanking.

Für Almut Peest, geborene Grotefend (Jahrgang 1956), ist der Stadtfriedhof ein ganz wichtiger Ort in ihrer Heimatstadt. Heute lebt sie in Hannover und besucht die Gräber ihrer Eltern und ihrer Großeltern, die sich in der Nordwestecke des Areals und damit in der Nähe ihrer einstigen Wohnorte, zunächst an der Lüneburger Heerstraße und dann an der Albert-Schweitzer-Straße, befinden. „Es fällt mir auf, dass die Lüneburger Heerstraße so laut ist, dass von ,Friedhofsruhe‘ keine Rede mehr sein kann, dass viele Grabstellen frei wurden und nur noch Rasen oder Büsche statt Blumen zu sehen sind – aber nicht nur deshalb macht mich ein Besuch auf dem Friedhof inzwischen meist traurig“, sagt Almut Peest.

Im nordöstlichen Teil gibt es noch einige Gräber aus der Gründungszeit mit Grabsteinen, die noch spätes Jugendstil-Design haben. In der Nähe des Gebäudes der Friedhofsverwaltung liegt direkt am Weg eines der ältesten noch erhaltenen Gräber, das seit 30 Jahren von Karsten Hälbig (Jahrgang 1958) gepflegt wird. Es ist die Grabstelle des Celler Fotografen und Panoramabesitzers Otto Wolff und seiner Frau Johanna. Wolff starb am 24. April 1920 am Brandplatz im Alter von 40 Jahren, seine Frau erst 50 Jahre später mit 89 Jahren. Das Grabmal trägt die Berufsbezeichnung und eine figürlich herausgearbeitete Malerpalette mit Pinseln, die Wolff nicht nur als Fotografen, sondern auch als Kunstmaler ausweisen.

In dem kleinen Haus an der Ecke des Prinzengartens zur Lüneburger Heerstraße lebte die Familie von Albert Stratmann, der zunächst eine Wohnung im Prinzenpalais hatte. 1930 kaufte er das Eckhaus, das als Stallungen und als Wohnraum für das Dienstpersonal diente und baute es für seine Familie um. Albert Stratmanns Frau lebte in diesem Haus bis zu ihrem Tod 1980. Sie erzählte ihrer Enkelin Petra Witten (Jahrgang 1965) oft von den Jahren, als es an dem Unfallschwerpunkt häufig „krachte“. Vom Telefon ihrer Großeltern wurden oftmals Polizei und Krankenwagen zum Unfallort gerufen. Um diese Ecke zu entschärfen und weil das Haus baufällig war, wurde es in den 1980er Jahren abgerissen. Die Großmutter lebte im Erdgeschoss, das lediglich über einen Ölofen im Wohnzimmer beheizt wurde. Genauso funktionierte es in der Wohnung oben, in der Petra Witten mit ihren beiden Schwestern und ihren Eltern lebte.

Die Familie von Susanne Meißner (Jahrgang 1950) lebte im Prinzenpalais. Sie erinnert sich an eine Baronin oder Gräfin von Hammerstein und eine Frau von Harling, die im selben Flügel des kleinen Palais‘ lebten. „In dem schönen Park konnten wir Kinder toll spielen. In der Rautenkranz-Siedlung wurde ein Spielplatz gebaut, den wir eigentlich nicht benutzen durften. Wir kletterten aber trotzdem über den Zaun und wurden meist vom Hausmeister verscheucht“, erinnert sie sich. Dennoch sei es „eine tolle Zeit dort“ gewesen.

In dem Vier-Parteien-Wohnhaus neben dem Prinzenpalais lebten neben der Familie des promovierten Offiziers Gerhard Westerburg zwei Richter und der Direktor der Spinnhütte. Ingrid Brenne (Jahrgang 1929) lebte von 1937 bis 1963 in diesem Haus. Sie erinnert sich an die Beerdigung des Grafen von Kielmansegg, der während des Dritten Reichs auf dem benachbarten Stadtfriedhof beigesetzt wurde. Wie bei Offizieren damals üblich, wurde die Zeremonie von drei Salutschüssen begleitet. „Das höre ich noch heute“, sagt die Cellerin.

Der Graf lebte im südlichen Teil des Palais‘, der Forstmeister von Harling im nördlichen Teil“, meint Brenne. Hoch rechnete sie dem Grafen an, dass er während der NS-Zeit niemals mit „Heil Hitler“, sondern nur mit „Heil“ grüßte. In das von Hermann von Rautenkranz zu Beginn der 1930er Jahre errichtete Vier-Familienhaus waren die Eltern von Ingrid Brenne 1937 eingezogen. Ihr Vater war Offizier bei der Nebeltruppe und wurde nach Celle versetzt. „Als er hörte, dass er nach Celle kommt, sagte er: ,Das ist schön, denn Celle ist die sonnenreichste Stadt Deutschlands‘“, meint die 85-Jährige. Als einziges Haus hatte es eine „Vorfahrtstraße“ direkt vor der Tür, auf der die Hausbesitzer ihre Automobile vorfahren lassen konnten. Die alten Eichen an der Straße „Prinzengarten“ sind leider auch nur noch Geschichte.

Auf dem damals so genannten „Heldenfriedhof“ lagen in der Mitte Gefallene des Ersten Weltkriegs, dann kam eine dichte Rhododendren-Hecke, die das Areal abtrennte, auf dem an die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs gedacht wurde, erinnert sich Ingrid Brenne.

Friedhöfe haben für Petra Witten nichts Schreckliches an sich. „Wir haben als Kinder den Stadtfriedhof als Spielplatz genutzt. Auf den Bäumen konnte man super klettern. Das war für mich selbstverständlich, dass ich dort spielte“, sagt die 49-Jährige.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 12:27 Uhr
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