93: Als Klein Hehlen mächtig wuchs

Klein Hehlen, vorne rechts die schule, hinten die tangente, die es nur als trasse gibt (das gebiet dahinter mit dem westmarkt gibt es noch nicht) Foto: Stadtarchiv Celle

Bis 1958 waren Klein Hehlen und Boye noch weit entfernt voneinander. Durch den Bau des Musikerviertels rückten die beiden Orte ein erstes Stück aneinander. Später folgte die Bebauung westlich des Wilhelm-Heinichen-Rings. So schloss sich die Lücke vollends. Die Siedler der ersten Stunde erinnern sich gern an früher.

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KLEIN HEHLEN. Mehr als sein halbes Leben hat sich hier abgespielt. Wolfgang Schmidt (Jahrgang 1929) lebt mit seiner zwei Jahre älteren Frau Ursula seit November 1960 in einem Reihen-Mittelhaus an der Calvinstraße. Er ist aber nicht nur irgendein Bewohner dieser innerhalb kürzester Zeit Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre hochgezogenen Wohnsiedlung, sondern er war maßgeblich daran beteiligt, dass sie gebaut wurde. Als Bauleiter für 72 Reihenhäuser, die der Architekt Richard Schneider geplant hat, war er zuständig für die Koordination der drei Maurerfirmen Zähle, Freiling sowie Welge und Bergen. Er selbst ließ sich als Extra für das eigene Reihenmittelhaus eine Außentreppe für den Keller bauen. Bei der Bauabnahme wurde die Treppe einfach mit Sand zugeschüttet, denn eigentlich hätte er diesen Einstieg nicht vornehmen lassen dürfen.

Mit seinem bescheidenen monatlichen Lohn von 350 Mark und mit Hilfe von Fördermitteln schaffte er es, sich ein etwa 46.900 Deutsche Mark teures Eigenheim zu leisten. Später kaufte er für die Tochter das linke Endhaus dazu. Er lebt hier gerne: „Ein Einzelhaus zu beziehen, ist mir nicht in den Sinn gekommen.“

Die Außenwände sind mit 30 Zentimeter starkem Bimsstein gedämmt, der ursprünglich außen mit gelbem Sand versehen war. Einen Anstrich darauf anbringen zu wollen sei „großer Unsinn“. Alle Reihenhäuser waren mit einer Warmluft-Zentralheizung versehen, mit der man über die verkachelte offene Feuerstelle im Wohnzimmer das Haus bis unters Dach heizen konnte. Da brauchte man indes viel Holz, das man auf den kleinen Grundstücken auch lagern musste. Also entschied sich Schmidt relativ schnell für den Einbau einer Ölheizung. Das war bequemer.

Für Richard Schneider baute er auch die Geschäftshäuser des kleinen Zentrums an der Zugbrückenstraße und zwei Hotels am Ende der Straße „An der Beeke“. Vier Jahre dauerte die Zusammenarbeit. Die gleiche Zeit arbeitete er anschließend für das Baugeschäft Ernst Rabe in Sülze und für den Burgdorfer Architekten Triskiel, ehe er bis 1981 als Geschäftsführer ein Handwerksmeister-Team in Hermannsburg anleitete. Anschließend war er noch für die Südheide Wohnungsbaugenossenschaft tätig.

Helmut Barth (Jahrgang 1941) hat 1959 und 1960 einen Teil seiner Malerlehre in dem Klein Hehlener Baugebiet zugebracht. Hier hat er an der Brahmsstraße zahlreiche Wände von Häusern tapeziert, die der Architekt Wockenfuss konzipiert hatte. „An der Berlinstraße gab es ein Geschäft, bei dem wir uns etwas zum Trinken besorgt haben. Für die Flaschen gab es dort Eisbehälter“, weiß Barth. Später hat er 21 Jahre lang die Firma „Teppich-Traum“ in Westercelle geführt.

Angelika Schwill, geborene Herzberger (Jahrgang 1952), erinnert sich an den Umzug von der alten Klein Hehlener Schule zur neuen im April 1961: „Das war eine Riesengruppe, die mit Laternen da hinmarschiert ist.“ Ganz fasziniert waren die Kinder, dass die Fenster durch Zwischenräume geöffnet werden konnten. Sie hatte dort „sehr nette, tolle Lehrer“. Die inspirierten sie, ihren Berufswunsch, selbst Lehrerin zu werden, auch umzusetzen. Als sie nach Garßen umgezogen war, besuchte sie die Realschule und anschließend das Wirtschaftsgymnasium. „1978 habe ich in meiner alten Schule ein sechswöchiges Praktikum gemacht. Das war ganz spannend. Es war alles plötzlich viel kleiner als ich es in Erinnerung hatte“, sagt Angelika Schwill.

Seit 1980 lebt sie mit ihrem Mann an der Schubertstraße. Auch er, ihre drei Geschwister und ihr Sohn besuchten die Schule. Ihr Lehrer Geißler, der sie sehr gefördert habe, „hat ganz tolle Sachen mit uns gemacht“: Wenn die Eltern von Kindern anderer Klassen dem Lehrer sagten „Die anderen Kinder können schon alle lesen“, dann entgegnete der Pädagoge, der mit seiner Klasse viel spielte: „Das lernen die alles noch.“ Und genauso kam es, wie das Beispiel von Angelika Schwill zeigt.

Harald Wilga (Jahrgang 1952) kennt die Ecke noch unbebaut, weil er in einem Siedlungshaus am Straßenzug „An der Beeke“ aufwuchs. Mit dem Bau dieser Siedlung war nach seinen Angaben 1950 begonnen worden. Bis zur 3. Klasse besuchte er noch die alte Klein Hehlener Schule, die sich dort befand, wo heute die Jugendherberge untergebracht ist. Das kleine Kiefernwäldchen seiner Kindheit gibt es heute noch. Die Bäume sind wie er 60 Jahre älter geworden. In der dann Anfang der 60er-Jahre angelegten Parklandschaft gab es einen Parkwächter, der fast wie ein Förster ganz in Grün gekleidet war und jeden von den Rasenflächen verjagte. Diese Funktion füllte der Mann aber nur in der Anfangszeit der Anlage aus.

„Für uns Kinder war es wunderbar, zunächst in der weiten Heidelandschaft zu spielen und als die Häuser gebaut wurden, war es sehr beliebt, durch die Baustellen zu stromern. Das war ganz lustig“, sagt Wilga.

Rolf W. Luedecke (Jahrgang 1954) sollte 1960 in die Hehlentorschule eingeschult werden. Dort sagte man seinen Eltern, dass der Weingarten zu Klein Hehlen gehört. Also startete er seine Schullaufbahn an der Petersburgstraße. „1960 war dort noch ein roter Backsteinbau, recht düster und mit alter Schulausstattung. Ein Jahr später, nach den Ferien, hatte ich wohl etwas nicht mitbekommen. In der Schule angelangt, erfuhr ich, dass an diesem Tag die neue Schule an der Berlinstraße eingeweiht wird. Als meine Töchter in die Schule kamen, gehörte der Weingarten zum Hehlentor“, sagt Luedecke.

Angela Seehafer, geborene Brockmann (Jahrgang 1954) zog mit ihrer Familie in ein Haus am Lutherweg ein und wurde 1961 in der neuen Schule eingeschult. „Mein Vater pflegte zu sagen: ,Du brauchst ja nur aus dem Bett zu fallen‘“, sagt Seehafer. Einer ihrer Nachbarn war der Rektor der Schule, Hans Raap. Wenn man mal krank war oder nach der Konfirmation der Schwester dem Unterricht fernbleiben wollte, musste man nur einen kurzen Weg zurücklegen, um abzusagen.

Die Kinder gingen gerne zur Aller, wo sie mehrfach die
Beeke aufstauten. Das gefiel einem Bauer gar nicht, der die Kleinen mehrfach „jagte“. Fast bis nach Boye reichte das „Erforschungsgebiet“ der Kinder. Angela Seehafer erinnert sich auch noch, dass beim Bau von Reihenhäusern kurzfristig riesige Sandberge entstanden, auf denen sie mit kleinen Puppen spielte.

Hannelore Fudeus (Jahrgang 1953) lebte seit 1960 an der Berlinstraße. Sie besuchte die neue Schule ab ihrer zweiten Klasse. Die Turnhalle wurde erst 1961 gebaut. „In dem Wald am oberen Bildrand haben wir im Herbst Pilze gesammelt und sind im Winter von den Hügeln Schlitten gefahren bis zur späteren Bebauung“, sagt Fudeus. In der zweiten Hälfte der 60er-Jahre wurde das Stück Wiese zwischen Beeke, der Straße „An der Beeke“ und der Schubertstraße im Winter einige Male zum Schlittschuhlaufen geflutet – zu diesem Zweck war der „wasserwirtschaftliche Eingriff“ offenbar erlaubt.

Lothar Weinrich (Jahrgang 1953) ist als Kind mit seiner Familie Anfang der 60er-Jahre vom Weingarten an den Melanchthonweg in die neue Siedlung umgezogen. Dort wohnt er mit einigen Unterbrechungen noch heute. Er erinnert sich noch gut an die Flächen, die zum Schulsport genutzt worden sind. Er hat auch auf dem alten Bild die Trasse des später angelegten Wilhelm-Heinichen-Rings erkannt.

Susanne Meißner (Jahrgang 1950) konnte in Hausschuhen in den Unterricht gehen, denn sie war die Tochter von Albert Schubert (Jahrgang 1913), der von Anbeginn bis Mitte der 70er-Jahre Hausmeister an der Schule war. „Der Job war ein Glücksfall für meinen Vater. Vorher war er Handelsvertreter für Grabsteine und es ging uns nicht so gut“, sagt die heutige Winserin, die bis 1974 in der Schule wohnte. Vorher lebte die Familie im „Prinzenpalais“, in dem lange das Deutsche Stickmustermuseum untergebracht war. „Da hatten wir im Winter Eisblumen an den Fenstern und Wänden. Da waren wir ganz begeistert von der tollen Wohnung, die einen Innenhof hatte und in der Nähe der Turnhalle lag.“

Sie hatte den Eindruck, als sei ihr Vater der heimliche Chef der Schule gewesen. „Er war ziemlich resolut und sogar die Lehrer haben vor ihm gekuscht.“ Als Schülerin half sie beim Milchverkauf in der großen Pause mit. Das machte sie gern, aber das Großreinemachen in den großen Ferien war ihr ein Graus. Noch als junge Frau half sie abends dabei, die Turnhalle zu säubern, während sie tagsüber im Telefunkenwerk arbeitete.

Siegfried Schulz (Jahrgang 1942) wohnt seit 1974 in der Ecke. Er hat mit dafür gesorgt, dass der Lärmschutzwall zur Tangente hin aufgeschüttet wurde. Der Ortsteil sei „verlärmt“, dennoch empfindet der ehemalige Soldat ihn als „gewachsen“ und hat durchaus eine positive Einstellung zu seinem Viertel. Ein Kuriosum hat er an der Tangente ausgemacht: Hier steht mitten in Celle ein Ortsausgangsschild.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 12:34 Uhr
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