76: Im Krieg Brände gelöscht

Zeitzeuge der Feuerwehr-Hauptwache Foto: Alex Sorokin

Die alte Celler Hauptwache soll demnächst einem Neubau weichen. 1929 gebaut, war die Hauptwache ab 1938 auch Heimat für Jugendliche der reichsweit ersten Hitlerjugend-Feuerwehr. Einer der letzten Zeitzeugen dieser Organisation berichtet, warum er nach dem Krieg nie wieder eine Uniform trug.

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ALTSTADT. Die alte Celler Hauptwache kennt Karl Wilkens schon seit 1942. Der 1927 geborene Celler trat zu diesem Zeitpunkt in die HJ-Jugendfeuerwehr ein. Im Frühjahr 1945 brachte er es sogar zu einem für Jugendliche ungewohnten Führungsposten. Bei Kriegsende hat er sich geschworen, nie wieder eine Uniform anzuziehen – zu schlimm waren seine traumatischen Erlebnisse bei Löscheinsätzen in Hannover. 69 Jahre lang hat er sich an sein Versprechen gehalten, trat gleich im Frühsommer 45 aus der Celler Feuerwehr, Hauptwache, aus und zog sich nie wieder einen Uniformrock an.

Doch seine Erinnerungen an die Jugendzeit bei den Blauröcken hat er aufbewahrt. In einem Fotoalbum, das er sich in den 1940er Jahren aus Aktendeckeln und Pappe hergestellt hatte, sind die Stationen seines Lebens festgehalten. Löschübungen in der Celler Innenstadt sind dort zu sehen und eine kleine Feier im Kameradenkreis auf dem Hof der Hauptwache: „Brandwache Pfingsten 1942“ hat er fein säuberlich darunter geschrieben. Einige Jugendliche tragen Butterkuchen durch ein Spalier von Jugendfeuerwehrleuten hindurch. Eine Szene, die – mitten im Krieg – zeigt, dass die jungen Männer natürlich zwischendurch auch fröhlich waren. Viele von ihnen werden noch eingezogen worden sein und ihr Leben für eine wahnwitzige Idee gelassen haben.

Karl Wilkens hatte Glück. Ganz bewusst hatte er sich gegen den Dienst in der „normalen“ Hitlerjugend und für den in der, wie er meint „unpolitischen“ HJ-Jugendfeuerwehr entschieden. Er hatte einen väterlichen Berater, der ihn warnte, sich mit der NSDAP einzulassen. Daran hielt sich der 86-Jährige, der seit 60 Jahren in ein- und derselben Wohnung in Neuenhäusen lebt und in zwei Monaten mit seiner Frau die Eiserne Hochzeit feiern wird. Und dann hatte er noch Glück, dass sein Vater zwei bis drei Wochen vor Kriegsende den Einberufungsbescheid seines Sohnes vernichtete, ohne dass dieser das mitbekam.

Die HJ-Jugendfeuerwehren waren der Hauptwache, der Westerceller Wache und der Landesfeuerwehrschule zugeordnet. „Wir mussten uns bei jedem Voralarm und bei jedem Alarm melden. Wir waren dann beim Landgestüt, im Schloss, beim heutigen Landessozialgericht und bei der Oberrealschule am Heiligen Kreuz stationiert und untergebracht. Die Fahrzeuge wurden auf diese Standorte verteilt und von dort rückten wir aus“, erzählt Wilkens. Darüber hinaus mussten die Jugendlichen alle 14 Tage donnerstags zu Übungen antreten.

Er selbst leitete zum Schluss jüngere Jugendfeuerwehrleute an. Bei einem Unterricht im HJ-Heim am Hafen schaute unangekündigt ein „Oberbannführer“, ein „hohes Tier“, wie Wilkens meint, beim Unterricht zu. „Ich weiß noch: Die Motoren waren gerade dran“, sagt er und blättert in seinem DIN-A 4-Heft, das er damals anfertigte, um sich selbst auf die Unterrichtseinheiten vorzubereiten. Äußerst akkurat hat der Auszubildende zum Technischen Zeichner, der in späteren Jahren in der Straßenbauverwaltung des Landkreises Celle eingesetzt war, Schlauchverbindungen, Hydranten und Motoren gezeichnet. Als Ergebnis dieses Unterrichtsbesuchs wurde der junge Mann damals befördert.

Nach dem Bombenangriff auf Celle am 8. April 1945 wollte der 17-Jährige mit dem Fahrrad in Richtung des Treffpunkts der HJ-Jugendfeuerwehr fahren, drehte aber von der Fuhrberger Straße aus kommend vor der Bahn-Unterführung am damaligen Celler Hauptbahnhof um, was ihm vielleicht das Leben rettete. Der Tunnel bekam etwas später einen Bombentreffer und stürzte ein.

Wilkens radelte ins Neustädter Holz. Er erlebte mit, wie bei dem Bombenangriff geflohene KZ-Häftlinge durch den heimischen Garten wankten. Ein Nachbar, ein Soldat auf Heimaturlaub, habe einen verwundeten KZ-Häftling mit einem Verband verarztet, sein Vater habe den Geschundenen einen Eimer Wasser hingestellt, der von Uniformierten, welche die kurzzeitig sich in Freiheit Wähnenden zusammentrieben, umgestoßen wurde. „Ich selbst habe nicht gesehen, dass jemand KZler umgebracht hat, aber am nächsten Tag habe ich einen Pferdewagen gesehen, der gestapelte Leichen von KZlern zum Waldfriedhof gefahren hat“, berichtet der alte Mann.

Als noch schlimmer hat er die schweren Bombenangriffe vom September 1943 auf Hannover erlebt, bei denen er als junger Feuerwehrmann beim Bergen, Retten und Löschen half. Er hat drei Berichte von diesen Einsätzen der HJ-Feuerwehrschar aufgehoben. Auf vergilbten Seiten haben er und zwei seiner einstigen Kameraden Sätze geschrieben wie diese: „Einige Leute müssen nach Celle gebracht werden, da sie einsatzunfähig geworden sind. Vor allem die Augen sind bös mitgenommen und brennen wie Feuer. Doch die anderen stehen noch den ganzen Tag im Kampf gegen Hitze und Rauch. In einer Nebenstraße ertönten plötzlich unter einem halb zusammengefallenen Haus Hilferufe. Mit fieberhafter Hast werden die Schuttmassen von dem verschütteten Kellerfenster beseitigt und die eisernen Roste mit der Axt losgeschlagen. Schnell lässt sich einer von uns durch den schmalen Spalt in den Keller. Es gelang ihm, zusammen mit dem Gruppenführer, eine Frau aus dem Keller zu bergen. Sie hatte 12 Stunden in dem Keller verbracht, dessen Decke schon in einer Ecke zu glühen begann. Aus einem Nebenraum konnte noch ein Knabe geborgen werden, der leider schon in der Hitze erstickt war.“

Und in einem anderen Bericht heißt es: „Die großen, meist sechsstöckigen Häuser stehen von oben bis unten in hellen Flammen. Die Hitze ist furchtbar. (...) Wir sind im Zentrum der Stadt regelrecht vom Feuer eingeschlossen. Immer wieder fährt unser Schaumwagen durch den Feuerring und bringt Menschen in Sicherheit. Kaum ist ein Gebäude abgelöscht, geht es zum nächsten. Das Flammenmeer nimmt kein Ende und manchmal will einem fast der Mut sinken.“ Verständlich, dass Karl Wilkens so etwas nie wieder erleben wollte und den Rock an den Nagel hängte.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 13:18 Uhr
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