65: Hier wurde kräftig gesponnen

Zwischen Wasserturm und der OHE-Bahnanlage liegt der Gewerbepark der Spinnhütte Celle, in dem über 60 Jahre lang Seidenprodukte hergestellt worden sind. Die Gebäude sind modernisiert worden und beherbergen heute unter anderem zehn Firmen. Foto: Thomas Brandt Heide-Copter

In Celle werden schon lange keine Seidenerzeugnisse mehr produziert, aber das Gelände der einstigen Spinnhütte ist heute ein florierender Gewerbepark. Ein Zeitzeuge hat selbst beobachtet, wie das einstige Grünland ab 1923 bebaut worden ist. Der Schornstein von einst steht heute noch.

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CELLE. Otto Taxweiler ist mit seinen 95 Jahren noch ziemlich munter. Von der Spinnhütte, deren Gelände wir am vergangenen Sonnabend auf einem Bild aus den 1950er-Jahren gezeigt hatten, weiß er aber nicht viel, wohl aber von der Nutzung des Areals in der Zeit davor, den 1920er-Jahren. Otto Taxweilers Vater war nämlich seinerzeit der Wärter des im Jahre 1900 errichteten Wasserturms. Sein gleichnamiger Vater kam 1916 als Versehrter des Ersten Weltkriegs von Ostpreußen zurück nach Hause. Am 6. September 1918 wurde der kleine Otto in der Dienstwohnung geboren. Und die lag damals in der ersten Etage des Wasserturms.

Von dort aus beobachtete der Junge, wie die von Gärtnern und Kleingärtnern genutzten Felder zwischen Turm und Harburger Heerstraße bebaut worden sind: „Plötzlich wuchs aus dem Gelände ein Schornstein. Das muss so 1923 gewesen sein. Der steht noch heute dort. Dann kam ein Bahngleis hinzu und es entstanden zwei Schmelzöfen für Glas. Dort wurden Hunderte von Flaschen geblasen. Das ging aber nur drei bis vier Jahre so“, erinnert sich Taxweiler, der bis 1928 im Wasserturm lebte.

„Dann hat man einen anderen Flaschenverschluss erfunden und die Produktion wurde hier eingestellt. Bevor die Spinnhütte auf das Gelände ging, lag es einige Zeit lang brach“, weiß Taxweiler. Die Gründung der Spinnhütte Celle an dieser Stelle ist für den 10. Mai 1932 verbürgt. 1996 endete die Seidenproduktion in Celle.

Heinz Hansel (Jahrgang 1936), als Fußballikone von aller Welt nur „Opa-Hansel“ genannt, hat 45 Jahre lang in der Spinnhütte gearbeitet. Als er ab 1951 dort das Handwerk der Seidenweberei erlernte, hatte jeder Weber nur einen Webstuhl zu bedienen. Das steigerte sich im Verlaufe der nächsten 30 Jahre, in denen die technische Entwicklung dazu führte, dass ein Mitarbeiter für bis zu zwölf Maschinen zuständig war. In den letzten zehn Jahren seiner Spinnhüttenzugehörigkeit war Hansel dort als Lagermeister tätig.

Natürlich kommt die einstige Sportskanone auch gleich auf seine Lieblingssportart zu sprechen: „Ein Jahr lang hatten wir auch eine gute Betriebsfußball-Mannschaft. Ich weiß noch, dass ich in einem Spiel neun Tore geschossen habe. Wir haben einen richtigen Verein gegründet, aber es war schwierig, das mit den Schichten zu vereinbaren“, erzählt Hansel. Gearbeitet wurde nämlich in einer Schicht, die von 6 bis 14 Uhr dauerte und einer Spätschicht, die von 14 bis 22 Uhr reichte.

„Anfangs haben die uns förmlich die Tücher und Schals aus dem Webstuhl rausgeholt, so groß war der Bedarf wenige Jahre nach dem Krieg. Als die Nachfrage nach Seide immer geringer wurde, haben wir Kunststofffolien produziert, die wir in die ganze Welt geliefert haben. Als das dann mit den Computern losging, war auch die Folie für Schreibmaschinenbänder weg“, sagt Hansel.

Heute noch schaut der 78-Jährige hin und wieder gerne auf dem Spinnhütten-Gelände nach dem Rechten. Zehn Firmen sind heute dort beheimatet, sagt Angelika Nowotsch, Geschäftsführerin der Spinnhütte AG, welche die Immobilien verwaltet. Und dann denkt Hansel wieder gerne an die Zeit zurück, als er hier sechs Jahre nach dem Krieg zu lernen anfing. Im Feuerlöschteich badete er, aus der firmeneigenen Küche wurde auch er verpflegt und dann gab es noch die sportlichen Angebote, die neben dem Fußballplatz an der Kampstraße dort auch bis in die 1940er-Jahre hinein eine Kegelbahn für die Beschäftigten bereithielten, die nach 1945 allerdings zunächst Flüchtlingen als Notunterkunft zur Verfügung gestellt wurde und heute von einem Hundesportverein genutzt werden.

Renate Obes (Jahrgang 1938) lebt heute in Hildesheim. Ihre bereits 1985 verstorbene Schwester Frauke Obes (Jahrgang 1940) hat in den großen Ferien der Jahre 1956 und 1957 in der Spinnhütte gearbeitet. Die Familie lebte damals an der Bomannstraße. Es waren nur wenige Minuten Fußweg zur Arbeitsstelle. „Meine Schwester hat Seidentücher gerollt und als Lohn durfte sie sich zumindest bei einer der beiden Beschäftigungszeiten anstelle eines Lohnes ein teures Seidentüchlein aussuchen und behalten“, erzählt Renate Obes. Ihre Schwester ist später Ärztin geworden und hat unter anderem am Krebsforschungszentrum Heidelberg gearbeitet.

Renate Obes wurde Sozialarbeiterin. Sie schwelgt heute gerne wieder in Kindheitserinnerungen. Sie weiß noch, wie sie von einem Nachbarn, der in der Wohnung eine kleine Seidenraupenzucht betrieb, einige dieser Tiere erhalten hat. „Ich bin dann immer zur Maulbeerallee gegangen und habe dort fleißig Blätter geholt und damit die Seidenraupen gefüttert. Meine Mutter hat sich immer Sorgen gemacht, dass die Raupen die Gardinen hochkrabbeln. Bei unserem Nachbarn sind sie als Schmetterlinge durch die Wohnung geflogen. Als sich meine Raupen verpuppt hatten, habe ich die Kokons zur Spinnhütte gebracht“, sagt Renate Obes.

Sylvia Falkenhagen (Jahrgang 1955) hat als 15-jährige Schülerin im Sommer 1970 für vier Wochen zusammen mit einer Freundin in der Spinnhütte gearbeitet. Die Jugendlichen halfen bei den Inventurvorbereitungen und zählten Seidentücher – immer zehn Stück wurden auf einer Pappe mit Gummiband befestigt. „Außerdem übertrug man mir noch einen Teil der Warenannahme, worüber ich sehr stolz war“, sagt Sylvia Falkenhagen.

Als besonders großzügig hat sie es empfunden, dass sie fehlerhafte Ware – und das waren zum Teil große Stoffstücke – für sich behalten durfte. „Meine Mutter hat dann daraus für sich und für mich jeweils ein Seidenkleid von einer Schneiderin nähen lassen.“

In der einstündigen Pause durften die Schülerinnen auch im hauseigenen Swimmingpool (dem einstigen Feuerlöschteich) baden. „Es war ein schöner warmer Sommer, leider für uns diesmal mit Arbeiten verbunden, aber auch mit kurzen Badeeinlagen.“

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 14:09 Uhr
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