41: Celler Biergarten bietet Weitblick

Diesen Ausweis (Foto links) benötigte die Großmutter von Horst Kuhlendahl, um das Spinnhütten-Gelände zu betreten, auf dem sie wohnte. Horst Kuhlendahls Großvater Heinrich und seine Frau Luise posieren 1936 mit ihren Familienangehörigen auf der Dachterrasse des Saalanbaus der ehemaligen Gaststätte Berggarten, in dem die Familie bis 1945 das Obergeschoss bewohnte. Das Haus (Foto darüber aus dem Jahr 1954) wurde für den Bau eines großen Wohnblocks abgerissen. Foto: Sammlung Horst Kuhlendahl

Einst schmückte Celles Anhöhe an der Lüneburger Straße eine Gaststätte namens „Berggarten“. Hier gab es einen Theatersaal, der 800 Gäste fasste. In den 1920er-Jahren folgten auf dem Areal Fabrikationsstätten der Spinnhütte. Heute wohnt und richtet man hier.

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HEHLENTOR. „Bei gutem Wetter konnte man von der Terrasse auf dem Saalgebäude der Gaststätte ,Berggarten‘ bis zum Brocken sehen“, sagt Rolf Kuhlendahl (Jahrgang 1939). Sein Großvater lebte bis 1945 im Obergeschoss des Hauses, das 1820 als Ausflugslokal an der angeblich höchsten Stelle des damaligen Celler Stadtgebietes erbaut worden war.

An die Gaststätte wurde 1849 zunächst provisorisch, dann 1906 das Saalgebäude des „Sommertheaters“ angebaut, von dessen Dachterrasse ein herrlicher Weitblick möglich war. Zunächst hieß das Areal nach dem Gründer „Buschens Berggarten“. 1829 gab Busch das Lokal an einen Gastronom Schulze weiter, so dass auch der Name in „Schulzens Garten“ geändert wurde. Vor 1855 hieß die Gaststätte dann „Pickarts Garten“. Zuvor waren schon Generationen von Cellern zu den Open-Air-Veranstaltungen auf die Höhen des Hehlentorgebiets hinausgepilgert.

Ab 1906 hatten sie aber einen Theaterraum mit 730 Sitz- und 60 Stehplätzen zur Verfügung. Da das Schlosstheater wegen Baufälligkeit in den Jahren 1889 bis 1935 gesperrt war, war neben der späteren „Union“ nur dieser Saal im Berggarten als Spielstätte für Operetten, Schwänke und Opern geeignet. Zur Glanzzeit des Hauses im Jahr 1908 waren hier 72 Mitarbeiter beschäftigt. Im Ersten Weltkrieg kam der Betrieb zum Erliegen und wurde vollends während der Inflationszeit im Jahre 1923 eingestellt, ehe das Gelände von der Spinnhütte, der „Celler Knopffabrik“ und der „Celler Straßenbahn“ (CSC) genutzt.

Auf dem Luftbild aus der ersten Hälfte der 1950er-Jahre, das wir am vergangenen Sonnabend abgedruckt hatten, ist das Gebäude-Ensemble neben der Färberei der Spinnhütte und vor dem Depot der CSC gut zu erkennen. Von den einstigen Spinnhütten-Gebäuden sind heute nur noch das große Verwaltungsgebäude, in dem heute dass Landessozialgericht untergebracht ist, eine kleine Garage auf dem Hof und das ehemalige Direktorenhaus an der Georg-Wilhelm-Straße zu sehen. Auf dem Gelände sind massige Hochhäuser errichtet worden, in denen sich Wohnungen befinden. Eine Wohnanlage steht heute auch dort, wo Anfang der 1950er-Jahre die Gärtnerei Ophoff ihr mit Gewächshäusern bestandenes Areal an der Lüneburger Straße hatte.

23 Jahre lang hat Rolf Schaper (Jahrgang 1940) für die Mitteldeutschen Spinnhütten AG gearbeitet. Der Celler hat natürlich seinen ehemaligen Arbeitsplatz auf dem Luftbild aus den 1950er-Jahren wiedererkannt.

Hinter der alten Weberei befand sich die Druckerei, in der Schaper von 1957 bis 1960 seine Ausbildung machte. Anschließend arbeitete er bis 1979 noch weiter in der Spinnhütte, davon die meiste Zeit am anderen Standort an der Vorwerksgasse (heute „Am Wasserturm“). Die Fabrikationsstätten zwischen Lüneburger Straße und Georg-Wilhelm-Straße wurden aufgegeben. Die Nachfolgebauten dort zu errichten, sei mit Problemen belastet gewesen, da die Fundamente im dortigen Schwemmsand „abgesoffen“ sind.

Schaper, der an der Münzstraße ganz in der Nähe wohnte („Ich musste nur zweimal lang hinfallen, dann war ich bei der Arbeit“), wechselte 1979 zur Firma Hostmann-Steinberg, wo er Buchdrucker wurde. „Da musste ich mit 18-jährigen Jungs die Schulbank drücken und zwei Jahre lang mich wieder mit Algebra vertraut machen, das war gar nicht so einfach“, sagt Schaper.

Er erinnert sich noch, dass gegenüber der von-Bernstorffeschen-Villa an der Georg-Wilhelm-Straße Wellblechgaragen für Fahrzeuge der britischen Streitkräfte errichtet worden seien. Und eines weiß er auch noch: „60/70 Zentimeter neben dem Haupteingang kann man noch eine Mauer erkennen, dahinter ging es zum Luftschutzkeller runter. Da war ich öfter mit meiner Mutter drin.“ Tatsächlich ist an dieser Stelle noch ein Mauerrest zu sehen, von dem der im Juni in den Ruhestand verabschiedete LSG-Geschäftsleiter Wolfgang Maurer gehört hat, dass es ein Splitterschutz gewesen sei. Das bestätigt der heutige Wachtmeister und ehemalige LSG-Hausmeister Uwe Blazek (Jahrgang 1958). Er weiß, dass der Eingang zum Luftschutzkeller an der Giebelseite des Gebäudes an der Lüneburger Straße lag. Im Keller selbst sind noch schwere Eisentüren und Eisenplatten vor den Fenstern sowie einige Vorrichtungen wie Nottoiletten und Be- und Entlüftungsklappen zu sehen. Sogar die Lichtschalter stammen noch aus dem Baujahr 1938. „So weit ich recherchiert habe, war dieser Luftschutzkeller für 100 Personen, Betriebsangehörige der Spinnhütte, aber auch für Bewohner aus der Nachbarschaft, ausgelegt“, sagt Maurer.

Horst Kuhlendahl lebte von 1953 bis 1969 auf dem ehemaligen Spinnhütten-Gelände an der Georg-Wilhelm-Straße. Er kommt aus einer Spinnhütten-Familie, schon sein Großvater Heinrich hat dort in führender Position gearbeitet und mit seiner Familie bis 1945 auch gelebt, ehe die britische Besatzungsmacht das Gelände für ihre Zwecke beschlagnahmte. „Während des Krieges waren dort Kriegsgefangene, die dort Fallschirme ,gebaut‘ haben. Da sie gut gearbeitet haben, gab es gutes Essen, hat mir meine Mutter gesagt“, weiß Hänschen Röling (Jahrgang 1940).

Färbermeister Heinrich Kuhlendahl war während der 1940er-Jahre unter dem Betriebsdirektor Emmo Freiherr von Grote Färbereileiter. Auch vier seiner Söhne waren zum Teil in führenden Positionen in verschiedenen Werken der „Mitteldeutschen Spinnhütte GmbH“ tätig.

Heinrich Kuhlendahl wohnte mit seiner Familie von 1935 an und bis Kriegsende im Obergeschoss der ehemaligen Gaststätte „Berggarten“. Sein Sohn Alexander, der erst im vergangenen Jahr im Alter von 101 Jahren starb, zog 1953 mit dem Vater, der 1963 starb, wieder in dieses Haus, nachdem die Briten das Gelände geräumt hatten. Bis 1970 bewohnte die Familie eine der unteren Wohnungen der einstigen Gaststätte „Berggarten“.

Die Georg-Wilhelm-Straße sei erst 1954 wieder für den Verkehr freigegeben worden, sagt Kuhlendahl. Vorher sorgte ein dicke Mauer über der Fahrbahn dafür, dass sie eine Sackgasse wurde. Weil die Straße später Einbahnstraße wurde, hätten die Fahrzeuge, die zwischen den beiden Firmensitzen der Spinnhütte hin- und herfahren mussten, große Umwege in Kauf nehmen müssen. Rolf Kuhlendahl meint, dass das ein Grund dafür gewesen sei, dass die Spinnhütte sich ab 1970 auf das Gelände am Wasserturm konzentriert hat. Dass die großen Platanen, die einst an der Georg-Wilhelm-Straße standen, gefällt worden sind, bezeichnet Kuhlendahl als „Schande“.

An eines erinnert sich der 74-Jährige noch gerne: Mit seinem Motorroller Vespa übte er Ende der 1950er-Jahre heimlich auf einem großen Betonparkplatz auf dem Spinnhüttengelände. Das wusste offenbar der Betreiber einer Fahrschule. Und als dieser einmal in der Bredouille war und keinen Motorroller für eine Fahrprüfung zur Verfügung hatte, bat er den noch führerscheinlose Rolf Kuhlendahl nicht sein Gefährt für die Prüfung zur Verfügung stellen konnte. „Wie er denn dahin kommen solle?“, habe er scheinheilig gefragt. Darauf der Fahrlehrer: Er wisse doch wohl, wie das gehe, er habe doch schon genügend geübt und den Führerschein bekomme er dann auch ohne weitere Fahrstunden. Ja, früher, war so etwas wohl möglich... Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 14:36 Uhr
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