37: Wo der weiße Sport zuhause ist

Die neun Tennisplätze der CTV grenzen an die Dammaschwiesen an. Hier liegt auch das Herrenhaus, das der Celler Agrarwissenschaftler Albrecht Thaer im Jahr 1786 kaufte und das seitdem eine wechselvolle Geschichte hat (rechts im Bild). Oben links im Bild sind die Wohnbauten auf dem ehemaligen Gelände der Filterfabrik Berkefeld und der Wohnpark an der Wittinger Straße zu sehen. Foto: Thomas Brandt Heide-Copter:

Seit 102 Jahren fliegen die Tennisbälle am Rande der Dammaschwiesen hin und her. Seit 1911 ist hier die Celler Tennisvereinigung beheimatet. Noch länger ist die Geschichte des Herrenhauses an Thaers Garten.

HEHLENTOR. Seit 85 Jahren kennt Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921) den Bereich rund um Celles Dammaschwiesen wie seine Westentasche. „Thaers Garten war damals in den 20er-Jahren eingezäunt und nicht öffentlich zugänglich“, sagt der 92-Jährige. Er erinnert sich, dass in einem Haus neben dem Herrenhaus der Kaufmann Gackenholz lebte. Mit einem seiner Söhne war er damals befreundet. Außerdem gab es dort die Schleifmittelfirma Kirsten. „Im Haupthaus war ich auch ein paar Mal. Da gab es eine große Treppe. Der Architekt Schneider hatte dort sein Büro. Später ging er an den Kreuzgarten. Ab der Machtübernahme war der NSDAP-Sturmbann und die SS-Standarte dort untergebracht“, weiß Ohlms.

Tatsächlich nutzten SS-Einheiten das repräsentative Gebäude ab Mitte 1933 für ihre Zwecke. Im Zweiten Weltkrieg war das Haus schließlich zu einem Reservelazarett umfunktioniert worden. Nach dem Krieg wurde es zu Wohnzwecken genutzt. Nach einer gründlichen Renovierung dient das Haus heute der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten als Wirkungs- und Koordinierungsstätte.

Das Haus stammt wohl aus dem Jahr 1786. Der Celler Agrarwissenschaftler Albrecht Thaer hatte das Gelände in diesem Jahr vom Celler Brauer Heinrich Reimers erworben und baute dort ein Mustergut auf. Thaer verließ Celle indes im Jahre 1805. Im selben Jahr wurde in dem Herrenhaus die Kaffeewirtschaft des Ökonoms Backhaus eingerichtet. Von 1838 bis 1880 wurde der Betrieb erheblich ausgeweitet und als Wirtschaft mit Bierausschank und Tanzsaal betrieben. 1927 versuchte der Frankfurter Kaufmann Goy, das Parkgelände in 48 Baugrundstücke aufteilen zu lassen. Das hat die Stadt Celle damals durch den Ankauf des Geländes verhindert. Heute ist Thaers Garten eine weitläufige grüne Oase, die gerne von Spaziergängern frequentiert wird.

Zurück zu Wilhelm Ohlms: „Tennis habe ich nie gespielt. Aber bei den Tennisplätzen habe ich als Schüler öfter gerne zugeschaut. Zu meiner Zeit gab es nur zwei Hauptfelder, die postalisch damals an der Lachtehäuser Straße lagen“, erinnert sich Ohlms.

Die Erinnerungen des hochbetagten heutigen Lüneburgers bestätigt der Archivar der Celler Tennisvereinigung (CTV), die hier seit 1911 ihr Gelände hat. Wolfgang Rauch (Jahrgang 1946) ist der Sohn des langjährigen CTV-Vorsitzenden Dr. Walter Rauch, der die Geschicke des Vereins von 1948 bis 1964 leitete. Wolfgang Rauch ist seit 56 Jahren CTV-Mitglied. Die ersten Bälle wurden in Celle auf einem Tennisplatz am Berggarten an der Lüneburger Straße schon 1898 geschlagen. Seit Vereinsgründung vor 102 Jahren ist die CTV indes an der Lachtehäuser Straße (heute: „Im güldenen Winkel 6“) ansässig.

Auf den beiden ersten Plätzen, deren Zählung von der Straße aus in Richtung Heilpflanzengarten verläuft, konnte man wie auf den Dammaschwiesen im Winter Eislaufen. Rauch erinnert sich an manche Schlittschuhpartie auf den eigens für diesen Zweck überfluteten Plätzen. Die Plätze 5 und 6, die auf dem am Sonnabend in der CZ gezeigten Luftbild ganz vorne zu sehen waren, sind 1951/1952 angelegt worden. Nach und nach wuchs die 16.000 Quadratmeter große Vereinsanlage auf nun neun Plätze, die 1968 gebaute Einfeld-Halle und das neue Clubhaus daneben an.

Liselotte Warneke feierte just an dem Tag, an dem sie die alte Luftaufnahme in der CZ überraschte, ihren 90. Geburtstag. Sie ist das älteste noch aktive CTV-Mitglied. „Es ist eine Gottesgeschenk, man muss aber auch etwas dafür tun“, sagt die Frau, die 48 Jahre lang Turnierspielerin war. Die in Kiel Aufgewachsene kommt aus einer Tennisfamilie, die Schwiegermutter war in der Rangliste vertreten, ihr Mann spielte Tennis und ihr Enkel setzt die Familientradition im Stuttgarter Traditionsklub Weissenhof fort.

Liselotte Warneke lebte mit ihrem Mann zunächst von 1954 bis 1958 in Celle, als er Richter am Oberlandesgericht war, und nun seit 1962 ununterbrochen in der einstigen Residenzstadt. Sie gehörte zwölf Jahre lang dem CTV-Vorstand unter dem einstigen Celler Oberbürgermeister Herbert Severin („der konnte die Arbeit gut delegieren“) an. Ende der 1970er-Jahre hatte sie „schlimme Knie-Probleme“. Sie ließ sich Wasser aus den Knien ziehen und spielte fortan stets mit besonderen Gummi-Verbänden. „Die Folge davon ist, dass ich bis vor zwei Jahren noch bei den Supersenioren mitgespielt habe und das ohne diese Verbände und auch ohne Schmerzen“, freut sich die Tennis-Veteranin.

„Ich kann noch rennen. Das ist das Wichtigste beim Tennis. Dieser Sport ist eigentlich ungesund, aber er ist gut für die Bewegung, nahezu 80 Prozent macht das Laufen aus. Sie können noch so gut spielen, wenn Sie nicht mehr laufen können, ist es vorbei“, sagt sie. Immer mittwochs, wenn sich ihre ehemalige Supersenioren-Mannschaft trifft, spielt Liselotte Warneke gegen die Wand. Dabei variiert sie ihre Schlagstärke je nach Belieben. „Die Wand ist ein starker Gegner“, sagt sie.

„Wenn ich mal angeben möchte, dann führe ich an, dass ich mal den Landesmeistertitel in der Halle geholt habe. Da war ich schon Ende 50/Anfang 60. Ich habe mich aber so sehr verausgabt, dass ich hinterher den Tenniskoffer nicht mehr in den Kofferraum meines Autos packen konnte“, sagt Warneke.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 14:58 Uhr
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