34: Aus Celler Fabrik auf Hamburgs Hafenkräne

Ein ganz tolles Bild (links unten im Bild das Stellwerk) müsste noch stehen, das Gebäude vorne ganz rechts steht noch (rechts daneben ist die Brauereie Betz), das längliche Fabrikgebäude ist die Kart-Bahn, hinten ist die Windmühlenstraße zu sehen, davor der Holzhof Foto: Stadtarchiv Celle

Für solch eine große Fabrik mitten in der Stadt hat heute niemand mehr Verwendung. So verwundert es, dass die riesigen Hallen der einstigen „Celler Eisenbau Engelking KG“ heute noch stehen, wenn sie auch heute ganz anders genutzt werden. Viele Celler erinnern sich an lange zurückliegende Produktionstage dort.

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CELLE. Die alte Luftaufnahme aus den 1950er-Jahren, die wir am vergangenen Sonnabend gezeigt haben, kann man gut an dem Stellwerks-Gebäude unten links, dem Wohnhaus, das heute neben der Brauerei Betz steht, und den mächtigen Fabrikhallen festmachen, die heute einen mehr als ebenso großen Teil zu ihrer Rechten haben. Heute ist in diesen Fabrikhallen unter anderem Celles Kartbahn und die „Zollagentur“ beheimatet. Im hinteren Teil des Areals sind heute die Firmen Itag und Bauma Wulff angesiedelt.

Eine Cellerin, die am Großen Plan lebt, aber nicht möchte, dass sie namentlich genannt wird, hat bis 1950 in der Celler Schuhfabrik von Ernst Peetz gearbeitet. Obwohl sie in der Lohnbuchhaltung tätig war, weiß sie heute nicht mehr, wie viele Menschen dort beschäftigt waren. Der Betrieb hinter der großen Fabrikhalle war in vier Gebäudeteilen aufgegliedert. In dem halbrunden kleinen Eingangsgebäude war die Verwaltung untergebracht. Im linken Gebäudeteil waren die Zuschneiderei und das Lager, im mittleren die Näherei und die Fertigung und im rechten die Auslieferung.

Die Firma betrieb ein Schuhgeschäft an der Poststraße. „In dem Gebäude, in dem heute die Optik beheimatet ist. Früher waren an dieser Stelle immer Schuhgeschäfte, vor Ernst Peetz das Geschäft Salomon, in dem ich als Kind schon meine Schuhe bekam. In der Schuhfabrik waren die Führungskräfte aus Dahn in der Pfalz, die die jeweiligen Abteilungen leiteten. „Nachher ist die Firma pleite gegangen“, sagt die Cellerin.

Mitte der 50er-Jahre nähte Gisela Brandes (Jahrgang 1938) in diesem Gebäude bei der Firma Cammann Wildleder-Imitat-Jacken und Uniformen für Postbedienstete. Diese Firma wurde später von Brinkmann übernommen, der seinen Firmensitz wenige hundert Meter weiter zwischen Stellwerk und Wilhelm-Heinichen-Ring verlegte. „Hier waren wir später 150 Näherinnen und noch viele Lehrlinge“, berichtet Gisela Brandes. In dem Gebäude, auf dem lange Zeit der Schriftzug „LORD“ prangte, ist heute ein Innenausstatter-Unternehmen beheimatet.

Seinen Vater Georg hat Carl Bögershausen (Jahrgang 1947) nicht kennen gelernt, denn er starb in seinem Geburtsjahr. Ganz oben am linken Bildrand des alten Bildes lag der Betrieb „Georg Bögershausen Eisen Röhren und Stahl“, wie der heutige Winser berichtet. Nach dem Tode seines Vaters hat Mutter Hedwig Bögershausen das Geschäft fortgeführt. Da die seinerzeit bekannte Motorrad- und Rallye-Fahrerin 1960 verstarb, weiß Bögershausen ansonsten wenig über seine Mutter und das Geschäft. Er hofft, dass sich „alte Celler“ bei ihm melden und ihm einiges erzählen können. Seine Mutter habe ihm jedenfalls davon berichtet wie sie und andere Frauen während des Krieges aus nahe gelegenen Baracken in Wäschekörben Kohle gestohlen haben und die Wachmannschaft scharf geschossen hat.

Die meisten der Anrufer erinnern sich an die große Firma Engelking. Nachdem Vater August Engelking 1953 und später auch dessen Frau „bei Unfällen oder dergleichen“ umgekommen seien, lebten auch die beiden Kinder heute nicht mehr, weiß Erich Pelz (Jahrgang 1933) zu berichten. Er hat von 1955 bis 1984 bei Engelking in der Produktion gearbeitet und anschließend bei der Firma Itag am selben Arbeitsplatz bis Juni 1993. Die Akkord-Arbeit habe „ihm nicht geschadet“. Hans-Jürgen Göddertz (Jahrgang 1942) hat von 1958 bis 1961 bei Engelking gearbeitet und dort „gut verdient“. Nach seiner Erinnerung malochte die Spätschicht bis 2 Uhr nachts. Dann waren einige Stunden Ruhe, ehe die Frühschicht ihren Dienst antrat. Erich Krüger (Jahrgang 1928) aus Hambühren hat von 1955 bis 1987 dort „geknüppelt“, wie er sagt. Es sei „immerfort stressig“ dort gewesen. Als der Betrieb aufgelöst worden ist, habe man ihm und seinen Kollegen gesagt: „Morgen braucht ihr nicht mehr wiederzukommen. Er habe auch keine Abfindung erhalten. Da er schwerbehindert war, hat er mit 58 Jahren keine andere Arbeitsstelle gefunden.

Horst Zerzau (Jahrgang 1930) war Meister. Ihm unterstand die End- und die Fertigmontage. Eine Kanzel wurde in sechs Stunden aus Einzelteilen zusammengesetzt. „Die gibt es heute noch im Hamburger Hafen. Dorthin haben wir massenhaft die Kanzeln für die Kräne geliefert“, sagt Zerzau. In den Hallen 1 bis 3 und den Zwischenhallen produzierte die Firma Engelking. Die Halle 4 war einer Werkzeug-Firma vorbehalten und die große, quer dahinter liegende Halle 5, die heute von der Getränke-Firma „trinkgut“ ausgefüllt wird, war die Versandhalle der Firma Engelking.

Günther Bente (Jahrgang 1935) hat von 1958 bis 1985 für Engelking und nach siebenwöchiger Pause weiter neun Jahre für „Metall-Türen und -Tore Celle“ (MTC) gearbeitet. Die meiste Zeit davon hat er in Halle 2 und 3 damit verbracht, Türen für Züge der Deutschen Bundesbahn zu montieren.

Barbara Reimer (Jahrgang 1937) hat mit ihrer Familie von 1946 bis 1952 in dem großen Wohnhaus gegenüber der Fabrik gelebt. „Es gab kein Wasser und keine Toilette im Haus, aber der große Erdwall, über den die Tangente heute über die Gleise führt, war damals schon aufgeschüttet“, sagt Reimer.

Hugo Dobritzsch (Jahrgang 1942) berichtet davon, dass man die Gleise dort über drei hintereinander liegende beschrankte Übergänge passieren musste. „Wenn man mal dazwischen gefangen war, konnte das schon mal zehn Minuten dauern. Und unser Meister Schuckies ließ uns dann einmal um die Hallen laufen und wir mussten immer unseren Hut ziehen, wenn wir an seinem Büro in dem flachen Gebäude vorne links vorbeikamen und ihn grüßen“, erzählt Dobritzsch: „Mir hat das nicht geschadet, dass ich Druck verspürte. So wurde ich zum besten Lehrling Niedersachsens.“

Die Erlebnisse von Franz Hälbig (1924 bis 1979) trägt sein Sohn Karsten weiter. Sein Vater hasste die „unmenschliche Schinderei“ des Akkords, der Mitte der 1960er-Jahre aufkam. Das klassische Bauprogramm der Firma habe aus der Produktion von Meisterhäusern bestanden, kleinen Kabinen, welche die Meister vom Lärm der Halle abschotteten, und von Krankanzeln. Mitte der 60er- und Mitte der 70er-Jahre muss die Auftragslage der Firma schlecht gewesen sein, weiß Hälbig. Im November 1972 riss ein Orkan die gesamte Dachabdeckung von Halle 1 herunter.

Heinz Pape (Jahrgang 1926) hat Ostern 1940 seine Lehre bei Engelking begonnen, damals noch an der Ecke der Windmühlenstraße mit der Hannoverschen Heerstraße. Von dort wurde der Firmensitz an den Waldweg verlegt. Die Halle 1 sei von einem ihm unbekannten Standort dort hin versetzt worden. Pape weiß, dass Engelking während des Krieges auch Rüstungsbetrieb für die Wehrmacht war, in dem auch Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Ein Holländer, der so für die Firma arbeiten musste, habe nach Kriegsende für den Firmenchef positiv ausgesagt. Dieser Holländer habe später in der Firmenleitung gewirkt. Die Halle 1 stand 1947 bereits, weiß Pape. Er erinnert sich noch daran, dass er eine vier Meter hohe und sechs Meter breite Stahltür gefertigt hat, die mindestens bis in die 1980er-Jahre hinein den Zugang zu einer Halle am Waterlooplatz in Hannover ermöglichte.

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 07.05.2015 um 15:25 Uhr
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