117: Eine untergegangene Welt

Nicht nur weil der Westerceller Dichter Oskar Ansull hier groß wurde, ist die Ecke Eichhorststraße/Vogelberg eine ganz besondere. Der Schriftsteller, aber auch andere Zeitzeugen berichten hier von einer „untergegangenen Welt“, einer dörflichen Idylle am Rande einer Baufirma, die vom Wahnsinn des nationalsozialistischen Regimes nicht unerheblich profitierte.

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WESTERCELLE. Zunächst einmal räumen wir dem heute in Berlin lebenden Autor Oskar Ansull Platz ein, um seine Erinnerungen beim Betrachten des alten Luftbildes zu schildern, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten:

Das Foto zeigt einen Blick auf einen Teil des süd-östlichen Westercelles um 1950, ein Drittel bebaut, zwei Drittel Äcker, Felder, Wiesen, als es noch ein eigenständiges Dorf war. Ganz vorn verläuft die Eichhorststraße, vom Vogelberg aus quer nach links und endet noch in Wiesen und Weiden, bei der Schlosserei Linde (hier nicht zu sehen), links am Ende der Straße. Gegenüber, auf der rechten Seite, die Baracke, in der Flüchtlinge untergekommen waren und heute ein Wohnblock steht. Ganz vorn, in dem hellen Anbau der Baracke, wohnte der alte Maler Gare, dem wir oft ins Fenster seiner Wohn- und Schlafkammer sahen, wo er unter zerwühltem Federbett seine Räusche ausschlief. In der Baracke wohnten viele Kinder, vor allem Mädchen und eines hieß Roswita.

Parallel zur Eichhorststraße, hinterm Kartoffelacker des ehemaligen Ortsbürgermeisters Gerhard Kamm entlang, verlief der Schienenstrang von Celle über Westercelle, Altencelle-Burg, Wienhausen, Bockelskamp, Langlingen usw. bis nach Gifhorn, auf dem mehrmals täglich ein roter Triebwagen hin und her fuhr. Wir liefen oft mitten im Spielen fort an die Gleise, wenn das eintönig helle Bimmeln der Schranke am Vogelberg das Kommen eines Zuges ankündigte und winkten. Wir legten auch kleine Kiesel auf die Schienen und erhofften uns platterdings Steinmünzen zu finden, nachdem der Zug darübergedröhnt war.

Hinter der Bahn dann das Gelände der Baufirma Thiele-Marahrens, wo auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg viele Menschen Arbeit fanden. Heute haben dort unter anderem die Fleischerei Zimmermann und ein Oldtimerbastler ihre Hallen. Oben im Bild verläuft, von links nach rechts hoch, die Bennebostler Straße, an der Badeanstalt – Freibad Westercelle – und dem Sportplatz des VfL Westercelle vorbei und ganz oben darüber lässt sich der Verlauf der Fuhse ahnen.

Alles noch wenig bebautes Erinnerungsgelände meiner Kindheit, so zwischen 1956 und 1964, voller Geschichten, die sich hauptsächlich an der Kreuzung Eichhorststraße/Vogelberg an der Eisenbahnstrecke abspielten. Da stehen zwei Häuser, im ersten mit dem großen Garten zum Vogelberg hin, wohnten wir bei Ella Möcker, eine geborene Füllberg, daneben im Haus von Stöckmanns, eine der ältesten Familien Westercelles, wohnte mein zeitweiliger Spielfreund Henning. Diese Zeit habe ich in den Erzählgedichten „Sieben Gedichte über Oma Möcker und mich“ auf Platt- und Hochdeutsch festgehalten. Auch einige meiner Gedichte und Prosatexte, etwa aus „Papierstreifen“, haben hier ihren Ursprung.

Es muss ein sehr frühes Foto sein, denn das Toilettenhäuschen am Garten, ein Plumpsklo, auf das wir alle gehen mussten, wenn wir mussten, auch wenn es schon dunkel war, es ist hier noch nicht zu sehen und auch die kleine Garage eines Nachbarn, die aus Holz gezimmert zum Bahndamm stand, steht noch nicht da. Aber es ist der Anbau hinter dem großen Haus zu erkennen, wo zuerst Füllbergs und dann wir wohnten. Auch der lange Schuppen ist zu erkennen, wo Brennholz und Kohlen lagerten. Die Pumpe mit dem großen schweren Pumpenschwengel, links am Vordereingang, wird hier von Sträuchern verhüllt. Von dort holten wir viele Jahre unser Wasser, bis eine Wasserleitung, auch draußen verlegt, das tägliche Tagwerk erleichterte. Im Garten erkenne ich die herrlichen alten Birnen- und Apfelbäume, deren Früchte den Winter über im Keller dufteten. Der Garten ist inzwischen statt mit Gemüse und Früchten mit einem Haus bebaut, die Bäume sind längst gefällt.

Ach ja, in dem hier auf dem Foto letzten Haus in der Eichhorststraße, auf der rechten Seite, wohnte der Mann, der die HÖR ZU brachte, die Rundfunkzeitung, auf die ich sehnsüchtig jeden Freitag wartete, dass Papa mir die nächste Folge der Mecki-Bilder-Geschichten vorliest. Ganz vorn in der Mitte ist angeschnitten das Haus eines Mannes zu erkennen, in dessen Garten, wenn wir auf der Straße Ball spielten, oft die Bälle flogen und die er uns boshaft erst einen Tag später wieder herausgab.

Die Eichhorststraße war noch ungepflastert und nach Sommergewittern war es eine Lust, in den großen Regenseen barfuß herumzuspringen und sich ans Holz der noch sonnenwarmen Telegraphenmasten zu schmiegen, um das da viel stärkere Summen der Drähte zu hören. Wir glaubten da Botschaften abzulauschen, die oben durch die Kabel in die Ferne strömten. Es ist eine untergegangene Welt, die aus diesem Foto für mich wieder sichtbar wird.

Tanja Zeitzmann (Jahrgang 1973) hat die Ecke natürlich erkannt, auch wenn sie weit nach dem Entstehen des Fotos geboren wurde. Ein Jahr vor ihrer Geburt errichteten ihre Eltern das Kaminstudio Zeitzmann auf den Grundmauern eines abgerissenen Hauses, direkt vor dem Bahnübergang. In dem Haus daneben lebte Zeitzmanns Oma Irma. 1982/83 wurde auch dieses Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der direkt an das 1972 erbaute Haus angrenzt.

Wiltrud Schumann (Jahrgang 1948) hat das frühere staatliche Veterinäramt am Vogelberg erkannt. „In den 50er Jahren bin ich häufig mit meinen Eltern und später als Schülerin der Mittelschule Westercelle per Fahrrad von Nienhagen aus über den Klosterbusch und Bennebostel nach Celle gefahren. Die Bennebosteler Straße war von Obstbäumen gesäumt. Während der Obstbaumblüte und der Erntezeit im Spätsommer machte es besonders Spaß hier entlang zu fahren.“ Das Freibad Westercelle mit dem „hellblauen“ Wasser und dem Sprungturm war damals für die junge Nienhägerin eine Sensation.

Heinz Schrader (Jahrgang 1939) gehörte zu den zwei Klassen der Kreismittelschule Westercelle, die 1957 als erste entlassen wurden. „Zum Sportunterricht mussten wir des öfteren zur Bennebostler Straße gehen, um dann in Richtung des Stadions längere Abschnitte zu laufen“, sagt Schrader.

Horst Schiffmann (Jahrgang 1937) absolvierte bis Ende der 1950er Jahre seine Lehre bei dem damals etwa 350 Mitarbeiter großen Unternehmen Thiele-Marahrens. Firmeninhaber Helmut Thiele hat sehr viel für die Gemeinde Westercelle, speziell für den örtlichen Sportverein, getan. An der Straße „Vogelberg“ habe er Baracken für die Flüchtlinge gebaut, die bei ihm gearbeitet haben.

Der Westerceller Peter Raabe (Jahrgang 1949) hat hinter dem Gelände der Firma Thiele-Marahrens Loren erkannt, mit denen der Unternehmer auch das Freibad Westercelle erbauen ließ. Die Apfelbäume entlang der Bennebosteler Straße hat er mit seinen Spielgefährten damals immer „reichlich geplündert“. Bis 1954 hätten auf der Aschenbahn des VfL-Sportplatzes Rennen mit schweren Motorrädern stattgefunden, die er auch mitverfolgt hat. Um die Zuschauer zu schützen, ist die Schlackebahn mit einer besonders festen Umrandung versehen worden. Entlang der Bahnlinie standen kleinen Eichen, auf denen die Jungs herumkletterten. Auch auf dem Lagerplatz der Baufirma spielten sie öfter. „Der Platzwart Stahlkopf drückte meistens ein Auge zu“, sagt Raabe. Auf einem Grundstück an der Eichhorststraße hat die Clique einmal Säcke mit Groschen aus den 1930er Jahren gefunden. „Die haben wir in Kaugummiautomaten gesteckt und das hat auch funktioniert.“

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) hat über 40 Jahre lang für die Deutsche Bahn gearbeitet. Er hat das Foto erkannt, weil die DB-Strecke Celle–Gifhorn die einzige eingleisige Strecke mit Schranken war. „Ich habe lange gerätselt“, sagt er. Entlang dieser Strecke gab es einen kleinen Bahnhof an der Bundesstraße 3 in Westercelle (gegenüber der Autofirma Marhenke) und auch in Altencelle-Burg. „Ich sehe noch den Beamten auf dem Westerceller Bahnhof am Bock stehen, wie er die Kurbel bedient, mit der die Schranken über die Hannoversche Heerstraße und die Eichhorststraße hoch- und runtergelassen wurden.“

In den Baracken an der Eichhorststraße waren während des Krieges Gefangene untergebracht, die jeden Morgen vom Gemeindearbeiter Stepp abgeholt und am Abend wieder zurückgebracht wurden. „Wir hatten Angst vor ihm, weil er die Gefangenen immer Gewehr über zu den Landwirten auf die Felder begleitete“, berichtet die Westercellerin Margret Wehrs (Jahrgang 1934). Sie lebt seit Geburt am Nadelberg, hat aber das Elternhaus ihrer Mutter an der Eichhorststraße erkannt. Ihre Großmutter war Ella Möcker, von allen nur „Oma Möcker“ genannt. „Das war mein zweites Zuhause. Ich war oft bei Oma.“ Bevor die Siedlung am Vogelberg gebaut wurde, lag dort ein kleiner Truppenübungsplatz. „Wir sagten Wildwest dazu. Die Soldaten übten dort Krieg und hoben Schützengräben aus. Auf dem Weg dahin ist einer der Soldaten vor dem Grundstück von Oma Möcker umgefallen. Da hat sie den Unteroffizier, der für die Gruppe zuständig war, zurechtgewiesen. Anschließend musste sie sich vier Wochen lang jeden Tag auf der Wache melden, aber es ist ihr nichts passiert.“

Andreas Babel

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.05.2015 um 10:03 Uhr
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