Dorfstraße in Ahnsbeck um 1939 Foto: Sammlung: Matthias Blazek

Der Einmarsch von Truppen der deutschen Wehrmacht in Polen am Morgen des 1. September 1939 gilt als Beginn des Zweiten Weltkrieges. Das deutsche Volk, das seinem „Führer“ Adolf Hitler seit 1933 das Vertrauen geschenkt hatte, wurde von demselben in sein Verderben gestürzt. Mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 war der Krieg vorbei. Das Deutsche Reich wurde in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Großstädte Köln, Hamburg, Hannover, Dresden und Berlin waren stark verwüstet, und Deutschland und die Welt hatten 36 Millionen Menschenleben zu beklagen.

Die Vernichtung von Vorräten, die Vernichtung von Fabriken und die bevorzugte Ausstattung der Bombengeschädigten brachten weitere Verknappung besonders bei Kleidung, Schuhwaren und anderen Gebrauchsartikeln. Spinnstoffsammlungen wurden durchgeführt.

Ständig hatten die Ahnsbecker Einquartierung. Inzwischen überwogen schlechte Nachrichten von den verschiedenen Kriegsschauplätzen. Die Tieffliegergefahr wurde größer. Lokomotiven wurden beschossen, auch auf kleinen Nebenbahnen. Es erfolgten Angriffe auf die Bahnhöfe Flettmar und Wienhausen. Manche Fahrschüler, die Celler Schulen besuchten, gaben die Schule aus Sicherheitsgründen auf und kehrten an die hiesige Schule zurück.

Auch die Ausrufung des Volkssturmes (16- bis 60-Jährige) und der Hinweis auf Wunderwaffen konnte keine Siegesstimmung mehr bringen.

Amerikaner marschieren in Ahnsbeck ein

Von Helmerkamp kommend, marschierten die Amerikaner am Morgen des 13. April 1945 (9 Uhr) in Ahnsbeck ein. Nun erst setzten für die Einwohner Ahnsbecks die eigentlichen Kriegserlebnisse ein. Jetzt erst geriet Ahnsbeck unter Beschuss, allerdings durch die Deutschen: Soldaten der SS bekämpften die Amerikaner und trafen wohl auch den einen oder anderen Panzer. Landwirt Heinrich Lühr, von August 1945 bis September 1946 Bürgermeister von Ahnsbeck und Mitglied des Celler Kreistages von Januar bis Oktober 1946 (SPD), schrieb Folgendes bereits am 23. Januar 1947 nieder:

„(…) Als die Engländer immer näher rückten, begann der Zuzug von Celle nach Ahnsbeck, weil die Menschen sich hier völlig sicher glaubten. Ich hatte hier 31 Menschen auf dem Fußboden schlafen, wo die Betten nicht mehr reichten. Unter andern auch die Großkinder von dem alten Gasdirektor Müller aus Celle, die waren aus Meißen gekommen. Sie waren mit ihrer Erzieherin da, die prima Englisch konnte.

Die Besatzung kam aus der Richtung von Nordburg. Bis sie zu uns gelangten, gab es eine Verzögerung, weil die schweren Panzer auf den moorigen ‘Dreckwiesen’ nicht weiterkonnten. Sie kamen da man schlecht weiter, und wir hörten die ganze Nacht das fürchterliche Wirtschaften der Motoren. Unsere Truppenverbände zogen sich hinter Ahnsbeck zurück, welche aber – es waren SS-Verbände – hielten sich noch auf der Allerheide. Im Dorf waren keine mehr. Am Freitag, dem 13. April, sind die Amerikaner über Nordburg durch die Müsse und Helmerkamp hier eingerückt. Es waren keine Kämpfe, da hier in Ahnsbeck ja keine Truppen mehr waren. (…)“13

In der Nacht vom 13. April auf den 14. April zog sich die amerikanische Besatzung aus Ahnsbeck zurück. Am anderen Morgen kamen sie wieder. Sie hatten wohl gefürchtet, dass in der Nacht das Dorf doch noch von der SS überfallen würde. An diesem Tage entwickelte sich ein Gefecht zwischen SS-Panzereinheiten und den Amerikanern auf der Allerheide. Da das Dorf Ahnsbeck von den Amerikanern besetzt war, schlugen sich die deutschen Truppen zwischen Beedenbostel und Ahnsbeck durch. Verschiedene Häuser wurden nach der Erinnerung von Heinrich Lühr hier bei dem Gefecht beschädigt. Ein Kind sei schwer verletzt worden. Die Amerikaner hätten es ins Lazarett nach Bückeburg gebracht, wo es wiederhergestellt worden sei. Eine Flüchtlingsfrau sei im Dorf erschossen worden, ein Amerikaner sei gefallen. Ein deutscher Panzer sei zwischen Ahnsbeck und Jarnsen explodiert, dabei seien zwei deutsche Soldaten zu Tode gekommen, und mehrere seien durch Verbrennungen schwer verwundet worden. Am 14. April abends rückten die Amerikaner mit sämtlichen Wagen ab und nahmen sämtliche Ausländer mit.14

Erlebnisse des 14. April 1945 verewigte Olga Bamberg am 21. April 1945 in ihrem Tagebuch:15

„Gewesen ist es am 14. April mittags in Ahnsbeck, wo wir so hart getroffen wurden und unseren lieben Jürgen die Kugel traf. (...) Ich war mit Opa zusammen am Donnerstag fortgegangen, um den Einmarsch nicht in Celle, sondern zu Hause abzuwarten, weil ich glaubte, auf dem Lande liefe alles ruhiger ab.

Am Freitag zogen die Amerikaner dann ein, und wir mußten unser eigenes Haus räumen und gingen mit noch zwei Familien zu unserem Nachbar über die Straße. Die Nacht schliefen wir im Keller und am anderen Morgen bereiteten wir unser Mittagessen vor, als plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Schießen losging.

Verirrter Granatsplitter trifft Jungen

Ich rief gleich Jürgen, faßte ihn an der Hand und lief ungefähr drei Schritte über den Hofgang (...) in die Waschküche, die Treppe dort hinunter in den Keller. Als wir unten waren, warf Jürgen, der furchtbar schrie, sich aufs Bett, und da sah ich das große Unglück – Jürgens Kleidung war auf der rechten Schulterseite durchlöchert und das Blut strömte hinaus.“ Während der plötzlichen Schießerei hatte ein verirrter Granatsplitter den Jungen getroffen. „Ich riß ihm schreiend seine Kleidung vom Körper, schrie um Hilfe und trug meinen Jungen nach oben in die Waschküche, wo es heller war und legte ihn auf einen Tisch, in eine Decke gehüllt.

Opa lief los und wollte Hilfe herbeiholen, aber da hat man ihn zurückgejagt, bis ein paar Polen vorbeikamen und losliefen und mit vier Sanitätern zurückkamen. Diese legten Jürgen einen Notverband an, streuten Pulver in die Wunden und gaben meinem Süßen eine Spritze. Wir alle aber glaubten, unser Jürgen würde in den nächsten fünf Minuten sterben, und als der Junge dann noch lebte, war ich fast am Ende meiner Kraft. ‚Mami’, sagte der gute Junge, ‚weine nicht’. Ach, was weiß ich nicht noch alles. Dann kam ein Sanitätswagen und holte uns fort – wohin, wußten wir nicht.“

Was nun folgte, war eine längere Irrfahrt über die Dörfer, bis man in Nienhagen anlangte. „Dort stand an der rechten Straßenseite ein großes massives Gebäude mit einer riesengroßen Rotkreuzfahne. Nun meinten die Sanitäter, hier sei ein Hospital, luden uns aus und fuhren sofort wieder weg. Ach, was nun – es war nur eine widerliche Schwester dort, die ein Herz aus Eisen hatte und der nichts leid tat. „Ja“, sagte sie, „hier können sie nicht bleiben und müssen fort“. Aber selbst rührte sie sich nicht, ging nur einmal zum Bürgermeister, um eine Fahrgelegenheit zu besorgen. Aber nichts glückte, bis es mir zu unheimlich wurde und ich selbst loslief. Aber leider denkt der Mensch in erster Linie nur an sich selbst, und ich konnte nicht einen einzigen Bauern dazu bewegen uns nach Celle zu fahren.

Da hörte ich Panzer kommen und warf mich denen (...) entgegen auf die Straße, und sie hielten an. Aber dieser Amerikaner verstand nichts von dem was ich meinte. Da kam ein leichter amerikanischer Personenwagen aus derselben Richtung und diesen Menschen habe ich dann weinend bekniet, mit mir zusammen ins Haus zu gehen und sich mein todkrankes Kind anzusehen.“ Die Amerikaner brachten den Jungen zu Doktor Koch nach Wathlingen. Als der Arzt die Schwere der Verletzung erkannte, sagte er, dass er dem Kind nicht helfen könne und es in ein richtiges Hospital überführt werden müsse. Im Mindener Hospital bekam der Junge eine Bluttransfusion, doch die Odyssee war noch nicht zu Ende. „Dann kamen zwei Neger rein, luden uns in einen richtigen Sanitätswagen und fuhren dann wieder mit uns fort. So landeten wir dann in Bückeburg. Sofort wurde von Jürgen eine Röntgenaufnahme gemacht und er noch in derselben Nacht bis halb eins operiert. (...)

Als sie mir dann meinen Jungen brachten, lag er noch im Rausch. Sie schoben unsere beiden Betten zusammen, und wir mußten mit schwerverwundeten Soldaten in einem Saal schlafen. Alle zwei Stunden bekam Jürgen eine Spritze, und wie hat mein armes Kind geschrien. (...) ich habe immer mitgeweint.“ Ärzte und Sanitäter waren ausgesprochen nett zu Mutter und Sohn. „Wir bekamen dieselbe Kost und Pflege wie die Amerikaner, und immer wurde ich gefragt, ob ich noch was möge.“

Nach drei Tagen war der Junge über den Berg und wurde erst in ein Krankenhaus in Bethel und dann in das Celler Kinderhospital verlegt. „Ich bin fast am Ende meiner Kraft wenn ich an all dieses Elend denke“, schrieb Olga Bamberg. „Jedenfalls habe ich furchtbare Tage mit durchgemacht, und hoffentlich hilft uns nun der liebe Gott und macht meinen kleinen Jürgen wieder ganz gesund.“

Soweit das Tagebuch. Jürgen Bamberg wurde wieder gesund. Später zog er nach Celle. Seine Mutter starb im Januar des Jahres 1995.

Viele Familien müssen ihre Häuser räumen

Allerdings mussten viele Familien ihre Häuser räumen. Das Haus der Familie Hanke, Beedenbosteler Straße 2, wurde komplett geräumt. Die Familie musste das Haus verlassen, und in den Fens­tern wachten amerikanische Machine-guns. In die Küche kam zuerst das Feldlazarett, dann die Feldküche. Hankes Kinder wurden bei Bärmanns untergebracht.

Heuers mussten ebenfalls alle raus, packten alles Gut auf einen Leiterwagen und fuhren zur Feldmark Wormke Sesse unweit des alten Helmerkämper Weges. Dort hatten sie dann kurz übernachtet; eine andere Möglichkeit hatte sich ihnen nicht geboten. Im Gepäck: Schlachtewerk, Räucherwaren und Betten. Günter Heuer erinnerte sich:

„Wir gehörten mit zu den ersten Familien, die das ganze Haus sofort räumen mussten. So blieb uns nur ganz wenig Zeit, um das Nötigste zu packen. Das Vieh durfte in den Ställen bleiben. Unter strenger Bewachung konnten wir die Ställe betreten, das Vieh versorgen und die Kühe melken.

Plötzlich kam ein Militärfahrzeug auf unseren Hof, als wir beim Räumen waren. Meine Mutter wurde von zwei amerikanischen Soldaten mit M.P. bedroht und an die Wand gestellt. Sie wurde verdächtigt, SS-Soldaten auf dem Heuboden versteckt zu haben. Der Dolmetscher gab ihr dieses mit sehr harten Worten zu verstehen. Mein Großvater und ich standen wie erstarrt daneben.

Meine Mutter erklärte: „Wir haben keine Soldaten auf dem Boden versteckt. Sehen Sie selber nach, gehen Sie auf den Boden!“ Mit den Worten „Schießt doch, schießt doch“ beendete Sie das Gespräch am Ende ihrer Kraft. – Sie war sehr verbittert, denn mein Vater und mein Bruder waren ja gerade an der Ostfront gefallen. Der Dolmetscher sprach dann noch kurz mit meinem Großvater; danach wendete der Fahrer das Fahrzeug, und die Soldaten fuhren vom Hof. Diese furchtbare Begebenheit werde ich nie vergessen.“

Gerda Olfermann hat die letzten Tage des Krieges auch 57 Jahre später noch sehr lebendig vor Augen: „Am 8. April 1945 wurde Celle bombardiert, und Ahnsbeck bekam noch 11 Personen (Ausgebombte) zu den schon mit Flüchtlingen aus Ostdeutschland überbelegten Häusern und Höfen. Am 12. April war aus Richtung Nordburg ein Rumoren zu hören, und wir wussten: Jetzt kommt der Amerikaner. Am 13. April, morgens um 9 Uhr, an meiner Omas Geburtstag, kamen sie aus Richtung Helmerkamp, zuerst mit Panzern, dann mit LKW, angerollt. Plötzlich hielten sie an. Wir standen alle auf dem Hof und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Wir haben unseren Schlachtetisch aufgestellt, und Stühle haben sie sich aus dem RAD-Lager geholt. Dort wurde ohnehin geplündert.

Auch drei Wachleute aus Polen haben bei uns im Schafstall gelegen. Der eine Wachmann hatte noch seine Militäruniform an, die haben ihm die amerikanischen Soldaten, mit einigen Schimpfworten begleitet, ausgezogen und auf unserem Zaunpfahl zerrissen. Sonst haben sie uns nichts getan, wollten nur unsere Eier und warmes Wasser zum Rasieren. Meine Mutter und unsere Nachbarin hatten auch weiße Laken zum Zeichen des Ergebens aus dem Fenster gehängt. Meine Oma hat das heilige Neue Testament aufgeschlagen auf den Tisch gelegt und sagte: ‚Die Amerikaner haben noch einen Glauben, darum tun sie uns nichts.’ So war es auch. Sie sagten ‚Gut, gut’, aber ein Soldatenbild haben sie zerrissen.

Am 20. April 1945 bekam meine Oma eine Lungenentzündung. Es durfte niemand das Dorf verlassen, und es war in Beedenbostel auch nur ein pensionierter Flüchtlingsarzt vorhanden. Mein Vater holte selbigen mit dem Kuhgespann, wozu er eine Genehmigung von dem amerikanischen Kommandanten einholen musste. Dr. Hannes besaß aber keinerlei Medikamente. Die Beedenbosteler Gemeindeschwester war zu Kur und kam erst am 24. April mit einer Spritze. Aber es war zu spät: Meine Oma verstarb.

Die Familie Gerwin kam dann doch noch im Dorf unter. Die Familie Kirsch blieb noch bis zum Herbst, zumal durch den Tod meiner Oma bei uns ein Zimmer frei geworden war.

In der Gemeinderatssitzung vom 11. August 1945 wurde über die Beschäftigung von Flüchtlingen debattiert. Bürgermeister Heinrich Lühr wies darauf hin, dass zur nächsten Markenausgabe eine Arbeitsbescheinigung durch den Arbeitgeber vorgelegt werden sollte und dass auch eine angemessene Bezahlung der Arbeit erfolgen müsste.16

Von Herbst 1945 bis Mitte 1947 war dann die Internierung, das heißt, die Ansbecker Männer wurden zur „Umerziehung“ in Lagern der Alliierten untergebracht. Matthias Blazek

13 Zitiert nach: Schulze, Rainer (Hrsg.), Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945-1949 (Band 8 der Biographischen Quellen zur deutschen Geschichte nach 1945), München 1990, S. 206 ff.

14 Ebenda.

15 Abgedruckt in der Celleschen Zeitung vom 18. April 1995 in der Serie „Augenzeugenberichte: Das Kreisgebiet“.

16 Samtgemeindearchiv Lachendorf Fach 1/2.

Autor: , am 29.05.2015 um 10:46 Uhr
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