«King» Hecking statt Abschiedsheld Klopp

Wolfsburgs Coach Dieter Hecking war am Pokalabend der «King». Foto: Lukas Schulze Foto: Lukas Schulze

Berlin (dpa) - Der für eine rauschende Abschiedsparty vorbereitete Borsigplatz blieb leer. Statt Jürgen Klopp präsentierte Dieter Hecking den jubelenden Fans den begehrten DFB-Pokal - und versetzte 300 km entfernt von der Dortmunder Kultstädte Wolfsburg in einen bisher nicht gekannten Siegerrausch.

«Ich bin wahnsinnig stolz darauf», sagte VfL-Coach Hecking nach dem 3:1-Finalsieg seines VfL über den BVB: «Es war eine herausragende Saison. Das kann einen Schub geben.» Nah an der Tränen-Grenze ergänzte der 50-Jährige: «Es fühlt sich total bekloppt an.»

Heckings Gefühlsausbruch nach seinem ersten Titel als Fußball-Lehrer war nicht als Spitze für seinen enttäuschten Kollegen Klopp gedacht. Aber er skizzierte die Stimmung nach dem 72. nationalen Cup-Finale treffend. Ex-Meister Borussia hat nach 319 Vollgas-Pflichtspielen in mehr als sieben Jahren nicht nur Kulttrainer Klopp verloren, sondern auch die Position als Fußball-Macht Nummer zwei im Weltmeisterland Deutschland. «Es wird nicht einfach für den BVB, in der kommenden Saison ganz oben mitzuspielen. Wolfsburg kann vom Potenzial her die zweite Kraft hinter Bayern werden», sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Hecking legte im Moment seines bislang größten Triumphes, der seinem Club die Rekord-Pokalprämie von 3,5 Millionen Euro beschert, sogar seine sonstige Bescheidenheit ab. Nach dem verdienten Sieg zog er eine Baseballkappe mit der Aufschrift «King» auf. «Meine beiden Söhne liefen heute mit der Mütze herum. Der eine hat dann gesagt, wenn Du den Pokal holst, dann setzt Du bitte diese Mütze auf», erzählte Hecking: «Und ein Vater kann seinem Sohn nichts ausschlagen. Deswegen sitze ich hier mit der Mütze. Aber sie passt.»

Noch während der Pressekonferenz begann für «King» Hecking und seine Pokalhelden die lange Party, die bis in den späten Sonntag hinein andauern sollte. Die Kappe wurde von einer Bierdusche der VfL-Stars Naldo und Vieirinha von Heckings Kopf gespült. Im Berliner Szeneclub «Schindler & Klatt» an der Spree erlebte die Feier für die Final-Torschützen Luiz Gustavo (22. Minute), Kevin De Bruyne (33.) und Bas Dost (38.) sowie alle anderen Wolfsburger ihren ersten Höhepunkt. Am Sonntag ging es mit einem Sonderzug zurück in die VW-Stadt, wo alles für einen Auto-Corso gerichtet war.

«Wir haben jetzt zweieinhalb Jahre mit Klaus Allofs und mir an der Spitze Herausragendes geleistet», befand Hecking, der kurz vor der Pokalübergabe seine Tränen nicht mehr hatte zurückhalten können. «Die Jungs, die Stadt, der Verein - alle sind stolz», sagte Naldo. Mit seinem von BVB-Torwart Mitch Langerek unglücklich abgelenkten Hammer-Freistoß hatte der Brasilianer die Final-Wende eingeleitet. Denn nach der frühen Führung von Pierre-Emerick Aubameyang (5.) hatten die Dortmunder noch alle Trümpfe in ihrer Hand.

Der BVB nutze sie nicht. «Man hat mir gesagt, dass es zu kitschig gewesen wäre, wenn wir zum Abschied des Trainerteams den Pokal gewonnen hätte, zu sehr American Style», bemerkte Klopp beim Dortmunder Pokal-Bankett in der Verlierer-Nacht. Statt vom LKW auf dem Borsigplatz formulierte im stylischen Berliner «Kraftwerk» seine Abschiedsgedanken: «Ich danke Euch für das Verständnis. Es ist nicht wichtig, wie man jemand findet, wenn er ankommt, sondern wenn er geht. Egal, wo ich hin gehe, ich werde euch nie vergessen.»

In 16 Minuten hatte zuvor der Vize-Meister VfL seine neuen Qualitäten präsentiert. Die Verantwortlichen um Allofs («Das ist eine große Genugtuung») werden alles dafür tun, dass anders als nach dem Meisterschaftsgewinn 2009 der VfL dauerhaft Bayern-Jäger Nummer eins ist und den Rekordmeister sogar gefährden kann. «Jetzt müssen wir wieder draufsatteln und noch kompakter werden, vielleicht noch ein bisschen Qualität dazuholen», betonte «Macher» Allofs.

Als vorrangige Aufgabe aber dürfte sich der Manager mit seinem Star De Bruyne beschäftigen, der als Bundesliga-Torscorer Nummer eins auf der Wunschliste vieler europäischer Topclubs ganz oben steht - trotz seines Vertrages beim VfL bis 2019. «Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt», wehrte der 23 Jahre junge Belgier im Jubel alle Fragen nach seiner Zukunft ab. Mit einer möglichen Gehaltsaufstockung könnte die VW-Filiale VfL ihrem Superstar die Entscheidung erleichtern.

De Bruyne selbst, den in Berlin auch eine tiefe Fleischwunde an der Innenseite des rechten Fußgelenks nicht stoppen konnte, dachte wie all seine Kollegen vor, während und nach dem Finale immer wieder an den im Januar bei einem Autounfall verstorbenen Junior Malanda. «Junior war ein kleiner Bruder. Er bleibt immer bei mir», sagte De Bruyne. Trainer Hecking hatte in der Halbzeitpause nochmals an den ehemaligen Mitspieler erinnert: «Ich habe gesagt, wenn uns die Kraft ausgeht, haben wir noch einen zwölften Mann, der hilft uns heute. Und er hat uns geholfen.»

Jens Mende, Carsten Lappe und Heinz Büse Autor: Jens Mende, Carsten Lappe und Heinz Büse, am 31.05.2015 um 13:06 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Last-Minute-Rettung für Regionalliga-Reform

Frankfurt/Main (dpa) - Eine Blamage gerade noch abgewendet, aber die erhoffte Dauerlösung vertagt: Nach stundenlangen Diskussionen haben die Fußball-Funktionäre aus den 21 Landesverbänden ein Scheitern der geplanten Regionalliga-Reform verhindert. ...mehr

Mannsbilder, Fräuleins und Hausgeister in der Congress Union

Sie ist geschwätzig, verleumderisch, respektlos, am Ende eine Außenseiterin – und der Star des Sonntagabends in der Congress Union. Eine Hausgemeinschaft – man könnte sie auch Hausfeindschaft nennen – steht im Mittelpunkt des Lustspiels von Jens Exler. Das Bühnenbild kommt mit einer Kulisse… ...mehr

Sandsäcke als Terror-Sperren auf Celler Weihnachtsmarkt

Unter anderem mit tonnenschweren Sandsäcken will die Stadt Celle Besucher des Weihnachtsmarktes, der morgen um 17 Uhr eröffnet wird, vor terroristischen Angriffen schützen. ...mehr

Steffen Henssler lebt nach dem «Nutze den Tag»-Motto

Hamburg (dpa) - Der TV-Koch Steffen Henssler (45) hat durch den frühen Tod seiner Mutter gezeigt bekommen, wie schnell das Leben vorbei sein kann. ...mehr

G36-Nachfolge: Sig Sauer zieht sich aus Ausschreibung zurück

Berlin/Eckernförde (dpa) - Der Waffenhersteller Sig Sauer sieht sich bei der Ausschreibung für einen Nachfolger des Sturmgewehrs G36 benachteiligt und zieht sich aus dem Vergabeverfahren zurück. Das teilte das Unternehmen der Deutschen Presse-Agentur mit. ...mehr

Säure ausgetreten: Großeinsatz im Winser Gewerbegebiet

Im Winser Gewerbegebiet Taube Bünte hat es gestern einen Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr gegeben. Auf dem Gelände einer niederländischen Firma wurden Gefahrgut-Fässer untersucht, nachdem eine Flüssigkeit ausgetreten war. Was sich in den Fässern genau befand, blieb zunächst unklar. ...mehr

Wildseminar in Altenhagen: Stilsicher vom Aperitif zum Dessert

Mit einem festlich beleuchteten Parcours voller Laub, verheißungsvoll raschelnd, werden die Gäste durch die herbstlich geschmückten Flure der Albrecht-Thaer-Schule (BBS III) vor die Tür zum Lehrrestaurant geleitet. Noch muss man sich ein wenig gedulden – der geheimnisvolle aber köstliche Aperitif… ...mehr

Samuel Koch gibt Hoffnung auf Heilung nicht auf

Bad Vilbel (dpa) - Der querschnittgelähmte Schauspieler Samuel Koch hofft weiter auf Heilung. Er denke zwar nicht den ganzen Tag daran, aber im Unterbewusstsein «als Grundrauschen schwingt ein leises Hoffen mit», sagte er am Sonntag in Hitradio FFH. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
14.12.2017

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Nach Abstimmungs-Schlappe: May fährt geschwächt nach Brüssel

London (dpa) - Die britische Premierministerin Theresa May reist an diesem Donnerstag mit einer schweren…   ...mehr

«Sechster Frühling» von Bayern-Keeper Starke

Berlin (dpa) - Der FC Bayern setzt sich ab, der 1. FC Köln fällt immer hoffnungsloser zurück und…   ...mehr

Dahlmeier hofft auf erstes Podest - Herrmann will nachlegen

Le Grand-Bornand (dpa) - Für Laura Dahlmeier war Le Grand-Bornand bisher einer der «allerbesten Weltcups» überhaupt.   ...mehr

Von Alexandra Palace bis Zahlen: Das ABC zur Darts-WM

London (dpa) - An diesem Donnerstag beginnt die Darts-WM 2018 im  «Ally Pally» in London. 19 Tage…   ...mehr

Griechische Gewerkschaften rufen zum Streik auf

Athen (dpa) - Aus Protest gegen die harte Sparpolitik rufen Gewerkschaften in Griechenland heute zu…   ...mehr

Union drückt aufs Tempo und will rasche GroKo-Sondierungen

Berlin (dpa) - Nach dem Scheitern von Jamaika hat sich die Union bei einem ersten Spitzentreffen mit…   ...mehr

Schalke baut gegen Augsburg Serie aus

Gelsenkirchen (dpa) - Der FC Schalke 04 ist wieder Bayern-Verfolger Nummer eins in der Fußball-Bundesliga.   ...mehr

Leverkusen setzt Serie fort - Rückschlag für Werder

Leverkusen (dpa) - Bayer Leverkusen hat seine beeindruckende Serie fortgesetzt und einen Champions-League-Platz…   ...mehr

Neuer Trainer Stöger: «Erfreulich für BVB und mich»

Mainz (dpa) - Borussia Dortmunds Manager Michael Zorc konnte nach dem 2:0 beim FSV Mainz 05 mit seinem…   ...mehr

Bundestag hebt Immunität von zwei AfD-Abgeordneten auf

Berlin (dpa) - Der Bundestag hat den Weg für Ermittlungen gegen zwei Abgeordnete der AfD freigemacht.…   ...mehr
SPOT(T) »

Das Problem

Mein Handy klingelt. Auf dem Display leuchtet in großen Buchstaben „Oma… ...mehr

Ostpaket

Ich kann meine ostdeutsche Herkunft nicht verleugnen. Zwar hört man mir den… ...mehr

Mogler

hjvöoxw – diese Buchstaben habe ich beim letzten Scrabble-Abend gezogen.… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG