122: Als es in Celle noch keine Computer gab

Die Büromaschinen-Werkstatt von Heinz-Kurt Schmidt Werkstatt 1946 Kirchstraße 33 Foto: Sammlung Jürgen Schmidt-Jacoby

Heinz-Kurt Schmidt war fast 40 Jahre lang der „Papst“ der Celler Büromaschinen-Innung, auch wenn er als Freimaurer mit dieser Bezeichnung nicht einverstanden gewesen wäre. Seine Lehrlinge von einst zeichnen ein überaus positives Bild von diesem Mann.

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CELLE. Bereits kurz nach Kriegsende eröffnete ein besonderer Mann an der Kirchstraße 33 in Celle sein Geschäft für Büromaschinen. Heinz-Kurt Schmidt wurde am 5. Januar 1918 in Hannover geboren und starb am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1987 in Celle. Über 40 Jahre lang bestimmte er als Fachgruppenleiter die Geschicke der Büromaschinenmechaniker-Innung. Über ein Vierteljahrhundert lang war er Obermeister dieser Innung und lehrte das Handwerk in Lüneburg. Auf dem alten Foto, das wir am vergangenen Samstag veröffentlichten, erkannten ihn viele seiner einstigen Weggefährten.

„Geht die Maschine nicht mehr Schritt für Schritt, gehen Sie zu Heinz-Kurt Schmidt!“, lautete der erste Werbespruch, erinnert sich sein Sohn Jürgen Schmidt-Jacoby (Jahrgang 1941).

Klaus Bosan (Jahrgang 1937) ist als Flüchtling nach dem Krieg in Celle gelandet. Von 1952 bis 1955 ging er bei Heinz-Kurt Schmidt in die Lehre. Nach kurzer Gesellenzeit dort wechselte er zu Olympia nach Hannover, wo er als Mechaniker mit den ersten elektrischen Schreibmaschinen vertraut wurde, ehe er nach Stuttgart ging, wo man auf die Produktion der ersten Kugelkopfschreibmaschinen setzte. Zuletzt hatte er in der Studentenstadt Tübingen einen kleinen Schreibmaschinenladen.

An seine Celler Zeit erinnert er sich, dass er samstags öfter nach Feierabend die Fahrräder des Chefs putzen musste. Er transportierte Schreibmaschinen im Aufsatz eines Fahrrades, der am Lenker angebracht war. Einmal startete Schmidt mit seiner Frau den Dreizylinder-DKW, um Grace Kelly in Monaco zu sehen, weiß Bosan noch. Auch im Ruhestand lässt ihm das Büromaschinen-Handwerk keine Ruhe. So repariert er Maschinen in einem Altenpflegeheim: „So können die alten Damen trotz zittriger Hand im Einfinger-Suchsystem die Korrespondenz mit ihren Freundinnen aufrechterhalten.“

Barbara Markwardt (Jahrgang 1936) erinnert sich noch gut an ihre ersten Schritte beim Erlernen des Schreibmaschinen-Schreibens: „Mit einem ,Taktgeber‘ sagte meine private Lehrerin Frau Rekittke an: A S D F leer, J K L Ö leer, und mit drei weiteren ,Lehrlingen‘ schlugen wir mit den entsprechenden Fingern der linken und rechten Hand auf die Tasten. Nach einigen Tagen meldete sich ein ,Muskelkater‘, denn die Tasten mussten etwa einen halben Zentimeter herunterbefördert werden.“

Manfred Preis (Jahrgang 1940) hat von 1956 bis 1959 in der spartanischen Werkstatt von Schmidt gelernt. Er fühlte sich ganz gut dort aufgehoben, auch wenn er manchmal den Bordstein fegen musste. Schmidt sei nicht der Lehrmeister in dem Sinne gewesen, sondern die Kollegen hätten ihn quasi angelernt: „Wir hatten unsere Freiheiten und es war ein gutes Auskommen miteinander.“

Wilfried Meyer (Jahrgang 1937) kann viele der Maschinen namentlich benennen, die auf dem alten Foto am vergangenen Samstag zu sehen waren: Die Schreibmaschine, die Schmidt reparierte, war eine Siemag 2T, im Schaufenster standen eine Siemag Meisterin, eine Adler Spezial und verschiedene Olympia-Additionsmaschinen.

Hergen Sandl (Jahrgang 1943) weiß, dass Schmidt in den 1970er Jahren zum Freundeskreis des Baumeisters Hans Waack, des Gärtnermeisters Carl Augustin, des Malermeisters Georg Lüchau, des Klempnermeisters Georg Wedemeyer senior und des Heizungs- und Lüftungsbauers Georg Sandl gehörte, die allesamt im sogenannten „Ziegenwinkel“ in Neuenhäusen wohnten. Hergen Sandl kaufte seinen ersten Taschenrechner bei Schmidt, weiß aber: „Leider konnte die Firma nicht mit der elektronischen Entwicklung Schritt halten, so dass sein Geschäft eines Tages geschlossen werden musste.“

Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) wunderte sich, dass Anfang der 1960er Jahre die Büromaschinenmechaniker gemeinsam mit den Autoschlossern und den Zweiradmechanikern die Schulbank drückten. „Im ersten Lehrjahr haben wir alle die Stahlgewinnung durchgenommen“, weiß Bartz noch, der selbst zum Kfz-Mechaniker ausgebildet wurde.

Harald Wilga (Jahrgang 1952) hat bei Schmidt gelernt. Dieser hat bei seiner Freisprechung in Lüneburg eine Rede gehalten, bei dem ihm die Tränen herunterliefen: „Heinz-Kurt Schmidt war ein sehr gefühlvoller, feiner Mensch. Er war ein kleiner, drahtiger Mann, der top in Ordnung war. Ich kann nur Gutes berichten.“ Wenn Maschinen in der Werkstatt generalüberholt wurden, erhielten die Lehrlinge 5 Mark Provision pro Gerät. Die Maschinen wurden zerlegt und kamen in ein Tauchbad. Da kam man in guten Monaten auf bis zu 40 Mark extra.

Eckard Link (Jahrgang 1948) ist mit der Hardware groß geworden. Er hat bei der Firma Abenhausen gearbeitet, die 1950 ihren großen Büromaschinen-Betrieb an der Westcellertorstraße eröffnete. Mitte der 60er Jahre begann er dort. Blockunterricht hatte er in Lüneburg, wo er Schmidt als Lehrer kennen lernte. „Fachlich war er in Ordnung“, sagt Link. 1974 wurde er Büromaschinenmechanikermeister.

Auch Uwe Jacoby (Jahrgang 1951) hat bei Abenhausen gelernt. 1968 betrug die Lehrbeihilfe im ersten Lehrjahr 85 Mark. „Im Ohr habe ich noch die Anschlaggeräusche einer Typenhebel-Schreibmaschine oder das Rattern einer Rechenmaschine, bevor das Ergebnis auf dem Rechenstreifen ausgedruckt wird.“

Michael Abenhausen (Jahrgang 1943) hat die Lehre als Büromaschinenmechaniker in der Firma seines Vaters Fritz Abenhausen und seines Bruders Hans-Karl Abenhausen im Betrieb an der Westcellertorstraße 14 ab dem Jahr 1962 absolviert. In den ersten Jahren hat dort als Büromaschinen-Mechaniker gearbeitet und ist dann später in den Vertrieb gegangen. 35 Jahre hat Abenhausen für die Firma gearbeitet. Er weiß, dass der Tischler Peter Mitterhofer 1867 die erste Schreibmaschine entwickelt hat. Die erste fabrikmäßige Schreibmaschine war eine Remington.

Hartmut Baden (Jahrgang 1961) erlernte von 1978 bis 1981 das Handwerk bei Schmidt. Es war eine Zeit des Übergangs von den mechanischen und elektromechanischen Maschinen hin zur elektronischen Technik. „Wir haben viele Wartungsdienste gemacht. Dazu fuhren wir zu zweit oder zu dritt zu den Kunden-Unternehmen im Stadtgebiet und in der Region, bekamen dort einen Raum zugewiesen und haben die Maschinen bei den einzelnen Mitarbeitern abgeholt und in diesem Raum zerlegt, gereinigt, geschmiert und überprüft. Die Maschinen waren teils sehr schwer, das war ein ziemliches Krafttraining damals. Als ich 1985 die Meisterprüfung ablegte, gehörte ich zu einem der letzten Jahrgänge, die noch die Berufsbezeichnung ,Büromaschinenmechaniker‘ trugen“, erzählt Baden.

Mario Paul (Jahrgang 1966) hat 1981 seine Lehre als Büromaschinenmechaniker bei Bürotechnik Köneke am Lüneburger Berg begonnen. „Durch meinen Altmeister Albert Köneke bin ich zu der Restauration von alten Maschinen gekommen. Es war eine sehr hochwertige Arbeit, diese wieder lauffähig zu machen. Es hat sehr viel Spaß gemacht“, sagt Paul

Thomas Stöckel-Menzel (Jahrgang 1964) hat Anfang der 1980er Jahre seine Ausbildung bei Schmidt absolviert: „Er war der beste Chef, den ich je hatte, der nie gemeckert hat, sondern sehr positiv war. Ich erinnere mich sehr gern an ihn.“ Noch vor 30 Jahren erhielten die Azubis ihr Lehrgeld bar in einem Umschlag ausgehändigt, auf den Pfennig genau abgerechnet.

Hartmut Bosse (Jahrgang 1965) hat von 1981 bis 1985 in dem Schmidt‘schen Betrieb gelernt. Heute ist er immer noch Techniker. Seinen Lehrherrn bezeichnet er als „sehr markant“, wobei er sich besonders an seinen Siegelring erinnert, den er offenbar als Freimaurer-Erkennungszeichen trug. Als langjähriger Obermeister der Innung wurde er 1978 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. „Er hat ja quasi die Innung erst geschaffen“, weiß Bosse, der auch bei der Beerdigung seines hochverehrten Lehrmeisters war.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 15.06.2015 um 13:20 Uhr
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