121: In Sachen Wasser unterwegs

Frühstück von Mitarbeitern der Firma Hüdig, Altencelle, 1959 während der Arbeit beim Rohrverlegen in den Weinbergen von Bad Kreuznach Foto: Sammlung Günter Salewski

Hüdig ist in großen Teilen der Welt ein Begriff für Bewässerungstechnik, denn der Schriftzug der Altenceller Firma prangt seit Jahrzehnten auf den riesigen Trommeln, auf denen die Bewässerungsschläuche aufgerollt sind, mit deren Hilfe Äcker mit dem kostbaren Nass versorgt werden. 1957 wagte die Firma in Altencelle den Neustart.

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ALTENCELLE. Maschinen und Vorrichtungen der Firma Hüdig aus Celle bewässern vorwiegend landwirtschaftliche Flächen in der ganzen Welt. Seit 1957 hat die 1902 von Gustav Hüdig in Berlin gegründete Firma ihren Sitz an der Braunschweiger Straße in Celle. Heute liegen die einstigen sechs Wohnhäuser der Inhaberfamilie und der Angestellten sowie die Werkshallen an der Heinrich-Hüdig-Straße. Am vergangenen Samstag veröffentlichten wir ein Luftbild, das dieses Gelände in den späten 1950er Jahren zeigt.

Heinrich Hüdig (1901 bis 1973) entwickelte ab 1923 mit seinem Bruder Gustav zusammen Regner- und Regensysteme. Über Quakenbrück kam Heinrich Hüdig mit einigen Mitarbeitern, die auch Ende der 1970er Jahre noch in Celle bei ihm arbeiteten, nach Altencelle. Ende der 1950er Jahre führte der dynamische Wiederaufbau Deutschlands dazu, dass ein zweiter Produktionsbereich angegliedert wurde: die Grundwasserabsenkung. 1967 gründete Hüdig seine erste ausländische Firma. Seitdem ist das Unternehmen international tätig.

Heinz-Ulf Hüdig (1938 bis 1978) trat in eben diesem Jahr in die Firma ein und führte sie sechs Jahre mit seinem Vater Heinrich zusammen. Bereits im Alter von 40 Jahren starb der Mann, der mehrere Sprachen beherrschte, an den Folgen eines Herzinfarkts. Ein Jahr zuvor beteiligte sich Hüdig an der amerikanischen Firma Complete Machinery & Equipment in New York mit 50 Prozent. Diese war die älteste Firma auf dem Gebiet der Absenktechnik im Spülfilterverfahren.

Anfang Februar 1985 wurde die Mehrheit der Firma an Thomas Stankiewicz und an die Firma Celler Brunnenbau verkauft. Stankiewicz schied 2006 aus dem Unternehmen aus und die Anteile wurden an den heutigen Mehrheitsgesellschafter Celler Brunnenbau Holding übertragen. „Durch eine kontinuierliche positive Geschäftsentwicklung hat sich das Unternehmen als Marktführer in den beiden Geschäftsbereichen Grundwasserabsenkung und Beregnungstechnik erfolgreich etabliert“, sagt Hüdig-Geschäftsführer Hans-Günther Clauß.

Das Foto dürfte im Frühjahr 1958 entstanden sein, meint Jörg Borgerding (Jahrgang 1957). Die „repräsentative Toreinfahrt“ zu dem Gelände ist ihm noch gut in Erinnerung. „Auf deren Mauern saß ich oft mit Rainer, Günter und Wilfried, den etwa gleichaltrigen Freunden aus der Nachbarschaft der heutigen Heinrich-Hüdig-Straße. Wir zählten Autos, was in den frühen 1960er Jahren ein langwieriges Spiel war – Staus, wie sie heute dort auf der B 214 täglich zu sehen sind, gab es damals nicht.“

Heinrich Hüdig, Gründer und Chef der Beregnungsfirma, wohnte in der größeren „Villa“ links auf dem Foto. Auf der großen, von Hüdigs Schwiegervater immer ordentlich gepflegten Rasenfläche, befinden sich heute eine Autowerkstatt und ein Wohnwagenverleih. In den anderen fünf Häusern wohnten die Familien, deren Väter in der Firma Hüdig arbeiteten. Die Werkssirene (von Montag bis Freitag 9 Uhr Frühstück, 12.30 Uhr Mittag und 16 Uhr Feierabend; samstags tutete es nur zweimal) war noch weiter entfernt zu hören. Einige Jahre später arbeiteten auch die Heranwachsenden in den Sommerferien „bei Hüdig“ und verdienten sich ein anständiges Taschengeld mit dem Wickeln von Schläuchen und mit „Zink putzen“.

Die Jungs kannten keine Kindergärten und keine Spielplätze – „unser Spielplatz war der zum Hüdig-Areal gehörende Kiefernwald hinter den Häusern“. Dessen Bäume verlockten zum Klettern. In einem dort heute noch vorhandenen Bombentrichter war es in den Sommern angenehm kühl, und niemand hinderte sie am über- und unterirdischen Buden-Bau im Wald. „Und in den schneereichen Wintern unserer frühen Kindheit erschienen uns die moderaten Senken des Waldes wie halsbrecherische Pisten, todesmutig bezwangen wir sie mit unseren Schlitten“, erzählt Borgerding.

Einige Jahre lang lud eine große Sandkuhle, die sich mit Grundwasser gefüllt hatte, (dort, wo jetzt das Altenceller Osterfeuer abgebrannt wird) sommers zum Baden und im Winter zum Schliddern ein – wie auch die Aller, die Allerteiche und ein toter Allerarm in der Nähe.

Gern fuhren die Jungs beim Bauern Lübs auf dem Traktor mit, wenn der sein Feld bestellte. Heute stehen dort weitere Wohnhäuser – und große Teile des Ackerlandes wurden zu Schrottplätzen.

Die Bahnstrecke Celle–Gifhorn kreuzte in Nähe der Werkshallen die Bundesstraße. Mehrmals täglich verkehrte darauf der Schienenbus und gelegentlich auch eine Dampflok. Noch heute sieht man den Schienenstrang, der an der B 214 endet.

Wolfgang Demuth (Jahrgang 1946) arbeitete von Mitte der 1960er Jahre bis 1984 bei Hüdig. Er war als Operator sowohl im Celler Werk als auch viel im Ausland tätig. „Der Senior war ein richtiger alter Berliner, ein ganz feiner Mensch, mit dem man Gaudi haben konnte“, sagt Demuth. Hüdig habe während seiner Betriebszugehörigkeit schnelle Rohrverbindungen für die irakische Armee geliefert. Er selbst war acht Wochen lang quasi in Diensten der Armee von Saddam Hussein, weil er dort „die Leute im Umgang mit dem Gerät geschult hat“.

Außerdem arbeitete er einige Jahre lang in Saudi-Arabien, wo Hüdig „als Erster angefangen hat, landwirtschaftliche Flächen zu bewässern“. Heute erkenne man bei google earth im Internet an grünen Kreisen im grauen oder braunen Wüstensand, wo bewässert werde. „Wir haben dort auch für einen Scheich gearbeitet, der 2000 Kühe hatte und zehn Millionen Hühner“, so Demuth.

Günter Kempe (Jahrgang 1955) wohnt schon fast sein ganzes Leben in einem der Hüdig-Häuser. Sein Vater hat für die Firma gearbeitet und die Familien haben die Immobilien zum Teil an die Kinder weitergegeben. „Die B 214 stört relativ wenig, da sie durch die neuen Betriebsgebäude abgedeckt ist und somit kaum Lärm durchdringt. Die angesiedelten Betriebe arbeiten nur am Tage – so ist es nach Feierabend relativ ruhig“, sagt Kempe, der wegen der Nähe der Stadt und weil es hier „noch recht gemütlich“ ist, gerne dort lebt.

Erwin Kriegel (Jahrgang 1944) ist im hintersten der Hüdig-Wohnhäuser aufgewachsen. Sein Vater war Maler bei der Firma, er selbst erlernte ab 1959 dort den Beruf des Maschinenschlossers. Nach seiner Übernahme arbeitete er auch noch einige Zeit „auf Montage“. Dann lernte er seine Frau kennen, die in der Papierfabrik Drewsen in Lachendorf beschäftigt war. „Und so kam ich in das dynamische Leistungszentrum der Südheide und bin hier hängen geblieben“, sagt der heutige Bürgermeister der Gemeinde Lachendorf.

Günter Salewski (Jahrgang 1939) hat nach seiner Lehre zum Betriebsschlosser bei der Firma Berkefeld im Jahr 1959 bei Hüdig als Schweißer und Monteur angefangen. Die Häuser hat der Chef für sein Stammpersonal bauen lassen, das er aus Quakenbrück mit nach Celle nahm, im zweiten Haus lebte die Familie des Büroleiters Horst Schinke, im dritten Haus die des Werkmeisters Heinz Jortzig. Im heißen Sommer 1959 haben ihnen die Celler Landwirte die gefertigten Teile förmlich aus den Händen gerissen. Er war auch viel auf Montage in deutschen Weinanbaugebieten, aber auch in Österreich und der Schweiz. Für Salewski war Heinrich Hüdig „der beste Chef, den ich je hatte“. Er sei jeden Morgen in die Werkhalle gekommen und habe jeden Mitarbeiter „mit ein paar netten Worten begrüßt“.

Andreas Babel

Andreas 00 Babel Autor: Andreas 00 Babel, am 15.06.2015 um 13:17 Uhr
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Größte Beregnungsmaschine der Welt

Die Altenceller Firma Hüdig hat mit dem neuen Iromat V die derzeit größte Beregnungsmaschine in dieser Konzeption auf den Markt gebracht. Mit einer Trommelaufnahmekapazität bis 880 Meter rundet die Beregnungsmaschine das Lieferprogramm nach oben hin ab. Die von den Typen Iromat I bis IV bekannte Konstruktionsphilosophie wurde auf den Iromat V übertragen. Bei entsprechend vorhandenen Schlaglängen kann mit nur einer Maschine eine Fläche mit dem kühlen Nass versorgt werden, für die zuvor zwei Beregnungsmaschinen erforderlich waren. Das Gerät verfügt über ein Tandemfahrgestell mit Druckluftbremse.
Es bietet dem Schlepperfahrer einen hohen Fahrkomfort bei Straßenfahrten und im Ge-
lände. Das neue Modell ist auch besonders gut zu rangieren.

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