123: Vor 50 Jahren kam Telefunken nach Celle (mit Video)

Foto: Sammlung Helmut Kopp

Am 22. Juni 1965 entschied der Telefunken-Vorstand, dass in Celle ein neues Werk gebaut werden sollte. Radios und Fernseher „made in Celle“ gab es aber nur bis Ende 1997. Die gigantische Fabrik war nicht mehr zeitgemäß. Heute erinnert nur noch der Straßenname an die industrielle Vergangenheit im nördlichen Celle.

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CELLE. Man kann es fast nicht glauben, dass diese drei Männer vor 50 Jahren schon federführend dabei waren, als in Celle die Telefunken-Fabrik für Fernsehgeräte gebaut wurde. Im Wohnzimmer des ersten Celler Telefunken-Direktors Helmut Kopp (93) entführt Carl-Ludwig Will (76) dank seines fotografischen Gedächtnisses in die Zeit, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Er war es, der als junger Ingenieur eine Fabrik am Reißbrett entwarf und bis 1982 leitend in diesem Celler Werk arbeitete. Komplettiert wird das Trio von Helmut Heffter (Jahrgang 1944), der als Monteur schon im Klein Hehlener Schützenheim die Frauen anleitete, die darauf vorbereitet wurden, in der neuen Fabrik Fernseher herzustellen.

Es ist ein Blick zurück ohne Nostalgie. Die Männer sind Techniker. Sie wissen, dass das einst hochmoderne Werk schon bald nicht mehr geeignet war, bei der rasanten Entwicklung mitzuhalten. Es ist aber auch ein Blick zurück in Zeiten, in denen zwar am Band produziert wurde, das Drumherum aber viel Platz für Menschliches ließ.

Helmut Kopp war Chef eines Konstruktionsbüros, kümmerte sich um Verfahrensentwicklung, als er dazu auserkoren wurde, Werkleiter der neu zu bauenden Celler Fabrik zu werden. Will kam als junger Absolvent der Ingenieurhochschule in Kopps Vorzimmer, wo er von seiner älteren Sekretärin namens Luise bemuttert wurde. Das gab den Ausschlag für Celle.

Mit 21 Jahren fing Helmut Heffert im Oktober 1965 als Vorarbeiter im Klein Hehlener Schützenhaus an, wo die ersten Frauen arbeiteten, bis man in der Fabrik produzieren konnte. „Die haben mich in den ersten Tagen hochleben lassen, weil ich der einzige junge Mann da war. Nach sechs Wochen haben sie sich aber daran gewöhnt und dann war das eine gute Zusammenarbeit“, erzählt Heffert.

Die Fabrik war erst fertig, als ein 20-Meter-Hochlager zwischen den beiden Fabrikationsstätten der Fabrik ihr späteres Antlitz verlieh. „Auf der einen Seite war die Schwarzweiß-Fertigung, auf der anderen die für Farbfernseher, die sehr schnell auf drei Viertel der Gesamtproduktion anwuchs“, sagt Will.

Betriebssport wurde bei Telefunken großgeschrieben. Zeitweise gab es vier Fußballmannschaften gleichzeitig. Jeden Dienstag war die Celler Schwimmhalle für die Frauen gemietet. Auch Tischtennis stand hoch im Kurs. Reisen führten nach Malmö, Paris und in die Niederlande, wo andere Werke besichtigt wurden. „Die Betriebsangehörigen haben eine Mark pro Monat in diese Betriebskasse eingezahlt. Bei einer Fahrt, zu der es wenige Anmeldungen gegeben hatte, konnten wir jedem 200 Mark Taschengeld mitgeben“, erinnert sich Will. 15 Jahre lang gab es jeden Freitag vor Rosenmontag eine große Feier im „Celler Tor“ in Groß Hehlen, wo Will seine Mitarbeiter bei ungewöhnlichen, kräftezehrenden Einsätzen öfter bewirten ließ.

Das Leitungsteam kam aus allen möglichen Richtungen: Die elf Abteilungsleiter, die zehn Ingenieure und der Direktor kamen von außerhalb, nur der Kaufmann war Celler. Zu Hochzeiten des Werks wurden 15 VW-Busse angeschafft, die von Mitarbeitern gefahren wurden, die ihre Kollegen „einsammelten“. Ein Personalchef hatte 50 gut ausgebildete Frauen aus Istanbul engagiert, die zunächst in der Villa im abgelegenen Schelploh untergebracht waren. „Als sie von ihren Landsmännern belagert wurden, die auf den Baustellen der Umgebung arbeiteten, machten sich die Frauen schnell selbstständig und suchten sich andere Unterkünfte. Viele von ihnen sind heute noch hier“, weiß Will.

Um 1975 herum gab es einen großen Umbruch. Die Geräte, deren Röhren nur eine begrenzte Lebensdauer hatten, wurden von Transistor-Apparaten abgelöst. „Da die Transistoren der ersten Geräte zu 15 Prozent in den ersten 24 Stunden ausfielen, haben wir damals den 24-Stunden-Test bei 35 Grad eingeführt, ehe die Geräte ausgeliefert wurden“, so Will. 1975 bauten 2700 Mitarbeiter jeden Tag 1300 Fernseher, im Jahr 1992 benötigten nur 700 Leute genauso lange, um die zweieinhalbfache Menge zu produzieren. „Im Jahr 1981 kamen schon die ersten Entlassungslisten“, sagt Will. Es war ein langsames Sterben. Ende 1997 war das Celler Werk Geschichte.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 29.06.2015 um 16:47 Uhr
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