125: Wegen Celler Umgehung war hier Schluss

Von rechts unten zur Lüneburger Heerstraße (Bundesstraße 191) führt die neu gepflasterte Nöldekestraße, an der noch immer die Siedlungshäuser aus den 1930er Jahren stehen. Oben rechts ist das Gelände der Pflanzenhandlung Lochte zu erkennen. Auf der anderen Seite der Lüneburger Heerstraße ist das Landmaschinengeschäft „Agravis Technik Heide-Altmark“ beheimatet. Foto: Thomas Brandt Heide-Copter

Wo die Nöldekestraße in die Lüneburger Heerstraße mündet, endet Celles Stadtgebiet. Hinter dieser Straße soll seit 80 Jahren die Ostumgehung der einstigen Herzogstadt entstehen. Deshalb dürfen hier keine Häuser gebaut werden.

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HEHLENTOR. Als Hermann Timme (Jahrgang 1928), Celles „zaubernder Lokomotivführer“, das alte Luftbild in der CZ sah, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht haben, ging ihm das Herz auf. Denn hier ist er groß geworden. Das Doppelhaus, in dessen Mauern er heranwuchs, ist zwar nicht mehr auf dem Bild, aber es lag knapp neben dem rechten Bildrand, direkt an der Lüneburger Heerstraße – denn das ist der Bereich, der dort aus wenigen Dutzend Metern Höhe aus einem Flugzeug von einem Fotografen festgehalten worden ist. Die linke Haushälfte gehörte einem Herrn Beck, dem Besitzer des Textilgeschäfts von „Ohlendorf & Wedel“ am Großen Plan. „Mein Onkel hat ihm den Garten gemacht. Der Herr Beck kam mir immer vor wie der liebe Gott. Im Vorfeld der Tankstelle rechts im Bild hatte mein Onkel einen Vorgarten.“

Drei Dinge sind es, die dem Heranwachsenden besonders in Erinnerung sind: Zum Ersten weiß er noch wie heute, wie sein Freund und er den Kriminalpolizisten Wilhelm Stöcks beobachteten, wie er meist in seinem grünen Lodenmantel mittags und abends nach Hause radelte. Die Jungs machten sich dann immer gegenseitig darauf aufmerksam, wie sich der Lodenmantel an einer Stelle ausbeulte, wenn der Polizeibeamte in die Pedale trat, an der Stelle nämlich, an dem er seine Dienstwaffe trug. Das beeindruckte die Jungs ganz ungemein und dieser kindliche Eindruck wirkt bis heute im 87-Jährigen nach.

Zum Zweiten erinnert sich Timme an eine Episode, die er mit seinem Kumpel aus der Motorrad-Hitlerjugend erlebte. In dieser HJ-Vereinigung waren neben Timme auch Günter Müller (Lüneburger Straße), Georg Müller (Nöldekestraße) und diesem schräg gegenüber Peter Bierschwale aktiv. „Eines Tages sagte mir mein gleichaltriger Kamerad: dass er noch ein altes Motorrad seines Vaters in der Hundehütte stehen hat.“

Die beiden Jugendlichen schoben die alte „Zschopau“ aus der Hundehütte und versuchten, sie in Gang zu bekommen. „Ich kam mir mit meinen 16 Jahren ganz schön schlau vor, aber ich hatte nicht das nötige Wissen, um das Motorrad anzuschmeißen“, sagt Timme. Mehrere Male wiederholten die Jungs ihre „Wiederbelebungsversuche“ der alten Maschine. Aber immer wieder umsonst und vergebens. Dann geschah es: Bei einem der Startversuche auf der Nöldekestraße sprang das Zweirad plötzlich an und zog Peter Bierschwale mit sich. „Er konnte sich wohl nicht mehr losmachen.“ Er musste neben dem Motorrad herlaufen, das mit ihm im Schlepptau die Nöldekestraße hinauf auf die Lüneburger Heerstraße zusteuerte. Glück hatte der Jugendliche, dass es zu der Zeit so gut wie gar keinen Verkehr auf der damaligen Reichsstraße 191 gab. Also überquerte die ratternde Maschine die Fahrbahn. Sie kam mit ihrer unfreiwilligen menschlichen Fracht erst in einem Graben auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstraße zum Stehen oder besser zum Liegen. „Wir haben die wieder in die Hundehütte geschoben und nie wieder einen Versuch unternommen, sie zu starten.“

In dem kleinen Nest Zschopau im Erzgebirge lag 1928 übrigens die größte Motorradfabrik der Welt, damals unter dem Namen DKW. 1932 schlossen sich die vier großen deutschen Autounternehmen Horch, DKW, Wanderer und Audi zur „Auto-Union“ zusammen. Aus dieser Zeit und durch diesen Zusammenschluss entstand das noch heute gültige Logo von Audi. Timme hat sich nach der Wende dort übrigens das Werk angeschaut.

Das dritte Erlebnis aus dieser Ecke verbindet Timme mit dem Eckhaus an der Nöldekestraße zur Lüneburger Heerstraße. In dem „Drei-Mädel-Haus“ der Familie Meier war er als Kind zu Besuch. Friedhilde Meier arbeitete beim „Bäckerei-Einkauf“ im Büro. Sie hatte von dort Puderzucker mit nach Hause gebracht. Doch dieser Puderzucker hatte einen Makel: Er war feucht geworden und somit knochenhart. Das wusste Timme aber nicht, merkte das aber, als er gierig hineingebissen hatte: Er brach sich nämlich einen Schneidezahn bei dieser Kostprobe ab.

Friedhilde Epp, geborene Meier, war die Mutter von Kurt Epp (Jahrgang 1948). Er selbst hat 21 Jahre lang an der Nöldekestraße gelebt, sein jüngerer Bruder hat das Elternhaus des Vaters (Nöldekestraße Nummer 16) nach dem Tod der Eltern übernommen. Das Elternhaus der Mutter hat später ein Friseur Sue übernommen, der sein Geschäft in der Innenstadt hatte.

Nostalgische Gefühle kommen bei Kurt Epp nicht auf, wenn er seinen Bruder besucht. Von den alten Bewohnern lebe niemand mehr hier, früher hätten viele Kinder hier gewohnt und überall gespielt. Die Siedlungshäuser sind alle in den 1930er Jahren gebaut worden, unten drei Räume, oben zwei, es gab zwei bis drei Varianten bei diesen Häusern, aber im Grunde sind sie alle gleich aufgebaut. Auf den etwa 1000 Quadratmeter großen Grundstücken gab es eine Waschküche und einen Stall. Hier hielten Epps ein Schwein und Gänse. Im Garten hinter dem Haus wurde alles Mögliche zur Grundversorgung der Familie angebaut. Was hier nicht wuchs, züchteten Epps im Kleingarten, der in Richtung Altenhagen lag und wohin er als Kind oft mitgenommen wurde.

Der Uelzener Werner Freund (Jahrgang 1934) hat 40 Jahre seines Berufslebens den Cellern gewidmet, wie er sagt. 1949 begann er seine Lehre bei bei der Firma Anders in Uelzen. 1958 machte er seinen Kfz-Mechaniker-Meister. Im selben Jahr kaufte die Firma die dort schon stehende Halle. in der er fortan tätig war, zuletzt ab 1970 als Filialleiter. Von 1960 bis 1999 wohnte er auch in Celle, ist jetzt im Ruhestand aber wieder in seine alte Heimat zurückgekehrt. Die Halle ist später um das Doppelte nach hinten verlängert worden. Auf der linken Seite ist um 1960 herum weiteres Gelände als Gebrauchtwagenplatz hinzugekommen, als der Betrieb auf Pkw umgestellt worden ist.

Hans-Peter Hollmann (Jahrgang 1941) hat von 1956 bis 1959 seine Ausbildung als Landmaschinen-Mechaniker bei der Firma Wendtland & Zucker absolviert. Der Hauptsitz dieser Firma lag seinerzeit zwischen Mauern- und Zöllnerstraße in der Celler Altstadt. Als sich Hollmanns Ausbildung dem Ende entgegenneigte, hat Frido Anders aus Uelzen den Betrieb übernommen. „Neben Goggomobilen wurden überwiegend Unimogs gewartet und repariert“, sagt Hollmann.

Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) weist darauf hin, dass die Nöldekestraße seit ihrer Errichtung in den 1930er Jahren immer noch die letzte Celler Straße vor Altenhagen ist. Der Grund ist heute wie einst derselbe: Man hält diesen Bereich für die Trasse der Celler Ortsumgehung frei. „Die Häuser haben sich ja wenig verändert. Auch die Bushaltestelle, die ich damals öfter angesteuert habe, ist noch an derselben Stelle“, sagt Bartz. Hier hielten die Busse der Linien 5 und 9. Auf der Linie 5 war Busfahrer Gerhard Ulrich unterwegs, der damals Bartz‘ Nachbar an der damaligen Ernst-Meyer-Allee (heute Ludwig-Hölty-Straße) war. Mitte der 1960er Jahre stellte die Linie 9 etwas Besonderes dar: Während ansonsten alle Linien über die Stechbahn führten, steuerten die Busse der Garßener Linie den Celler Hauptbahnhof an, ohne durch die Altstadt zu fahren.

Bevor Frido Anders Ende der 1950er Jahre das Areal übernahm, hatte Erich Poschmann die Aral-Tankstelle im vorderen Bereich. Im hinteren Bereich lag die Kohlenhandlung von Walter Pauli. Frido Anders hatte zunächst eine Unimog-Vertretung, weiß Bartz. Die Mercedes-Benz-Pkw kamen später hinzu. Mürdter führt diese Sparte in Altencelle an der B 214 weiter. Verwunderung löste bei Bartz die Litfaßsäule aus, die in der Nähe der Bushaltestelle zu sehen war, denn hier befand man sich ja im Randbereich der einstigen Residenzstadt und nicht im Herzen der Metropole Berlin, wo 100 dieser Werbeträger im Jahr 1855 aufgestellt worden sind.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 09.07.2015 um 13:45 Uhr
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