127: Wo in Celle Ware noch gemustert wurde

So sahen das Schokoladenlager der Firma Trüller vor der Stadtbibliothek und das daneben liegende Blumengeschäft in der ersten Hälfte der 1970er Jahre aus. Bis Anfang der 1950er Jahre hatte das Trüllerhäuschen orientalisch anmutende Fenster. Foto: Sammlung Wulf Haack, Haesler-Archiv

Der Arno-Schmidt-Platz vor der Stadtbibliothek bietet heute teilweise keinen schönen Anblick. Dort, wo einst das Musterlager (oder Schokoladenlager) der Firma Trüller und das Blumenhaus Voigt standen, gähnt heute ein städteplanerisches unansehnliches Loch. Doch einst war hier viel los, wie Zeitzeugen berichten.

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ALTSTADT. Hanna Cornehl (Jahrgang 1930) ist eine der wenigen, die sich noch an einen Vorkriegs-Einkauf im Schokoladenlager von Trüller an der Ecke der Westcellertorstraße zum Südwall erinnern. „Ich hatte einen kleinen Bruder, der 1936 geboren worden ist. Mit meiner Mutter und dem Kinderwagen sind wir von unserer Wohnung an der Schuhstraße in den Französischen Garten gegangen. Auf dem Hinweg hat meine Mutter in diesem Schokoladenlager von Trüller mir für 35 Pfennig – meine ich – Waffelbruch gekauft. Das war zwar billig, aber für uns war es trotzdem etwas Besonderes“, erzählt Hanna Cornehl.

Ebenfalls 1937 oder 1938, also noch vor dem Zweiten Weltkrieg, holte sich die junge Schülerin auf dem Rückweg von der Badeanstalt in der Fuhse an dem Kiosk, der damals neben dem vom Architekten Otto Haesler entworfenen Haus stand, für 10 Pfennig eine Buttermilch. „Ich kannte das gar nicht, wollte aber einmal probieren, wie das schmeckt. Ich habe mir ein Glas geholt, war aber sehr enttäuscht und habe nicht mehr als drei Schluck getrunken. Noch heute mag ich keine Buttermilch“, sagt Hanna Cornehl.

Das Haesler-Haus ist immer wieder nicht zu seinem Vorteil umgebaut worden. Schon bald nach dem Krieg verschwanden die künstlerisch wertvollen Fenster und wurden durch einen Arkadengang ersetzt. „Leider war ich nie in dem Haus, aber ich bin fast täglich von 1950 bis 1954 durch die Arkaden gegangen“, erinnert sich Waltraut Warnecke (Jahrgang 1934). Es hat sie auch sehr gefreut, auf einer in der CZ abgedruckten Postkarte das Café Wellhausen entdeckt zu haben: „Es war ein sehr schönes Café. Ich habe mich dort oft mit Freunden getroffen. In dem Blumenladen habe ich später auch Blumen gekauft.“

Mario-Alexander Voigt (Jahrgang 1939) hat die Anfänge des elterlichen Blumenhauses neben dem Trüller-Schokoladenlager miterlebt. „Meine Eltern Erich und Aenne Voigt haben das Geschäft am 4. Oktober 1949 eröffnet und lange Jahre betrieben. Der erste Umsatz, es waren fünf Mark, ist jahrelang in einem Umschlag zusammen mit Fotos und Dokumenten aufbewahrt worden“, sagt Voigt.

Sein Vater war Sachse und kam nach dem Krieg nach Celle. Weil er als Gartenarchitekt für die Stadt Celle planerisch tätig war, diese ihn aber nicht entlohnen konnte, machte er per Handschlag einen Vertrag mit der Verwaltung über dieses Grundstück neben dem Trüller-Schokoladenlager. Dieser Vertrag wurde Jahr um Jahr verlängert, bis das Schokoladenlager 1975 abgerissen wurde und Mario-Alexander Voigt den Laden zusammen mit seiner Frau, die er im Geschäft kennengelernt hatte, übernahm und endlich ein schriftlicher Vertrag vorlag. Doch auch dieser musste Jahr für Jahr verlängert werden.

Oben im Haeslerbau wohnte und arbeitete der Rechtsanwalt Robert Lomberg mit seiner Frau. Voigt hat ihn als „sehr ruhigen, aber bestimmten Mann“ in Erinnerung. Auch mit den übrigen Gewerbetreibenden von den Cafés Lynen und Wellhausen, des Bekleidungshauses Corves im ehemaligen Marstall und des Ausstattungsgeschäfts Dettmer & Müller sei es eine „gute nachbarschaftliche Gemeinschaft“ gewesen, erinnert sich der Florist-Meister.

Bis ins Jahr 2000 betrieben er und seine Frau den Laden, ehe sie ihn an die Eltern des ältesten Auszubildenden weitergaben, der das Geschäft schließlich im Jahr 2009 schließen musste. Für die Beseitigung des Bauschutts musste der Grundstückspächter sorgen.

Das Haesler-Haus musste 1975 abgerissen werden, weil die unter dem Gebäude gezogenen Querträger über den Stadtgraben durchgerostet waren. „Man hatte eine ganze Zeit lang das Haus mit Baumstämmen abgestützt, weil es in sich zusammensank. Gleich nach dem Abriss des Hauses hat man die Brücke über den Stadtgraben erneuert“, sagt Voigt. Die Platane, die an der Westcellertorstraße stand, sei damals auch nicht zu retten gewesen. Sie sei innerlich total verfault und hohl gewesen. Das habe man von außen nicht erkennen können, doch nachdem der Baum gefällt worden war, sah man, dass er wirklich ein großes Sicherheitsrisiko für die Straße war.

Zwischen dem Schokoladenlager und dem Blumenhaus gab es einst einen kleinen Anbau, der von der Firma Trüller genutzt worden ist. Die dort eingelassenen drei schmalen Fenster stammten von dem Haesler-Haus selbst, in das man im Erdgeschoss an der Südwall-Seite breitere Fenster eingezogen hatte. „Als das Musterlager abgerissen worden war, sah das Blumenhaus ganz hässlich aus, wenn man aus der Stadt kam. Also durften wir einen Anbau an den Blumenkiosk machen, um ihn zu verschönern“, so Voigt.

Besonders gern erinnert sich Voigt an die beiden „eigenartigen“ Tierfiguren aus Stein, die den Zaun des Haesler-Hauses neben einem Eingang zum Grundstück vom Südwall her, schmückten. Jedes Mal, wenn er morgens zum Laden ging, erfreuten die beiden putzigen Geschöpfe den Floristen und regten seine Phantasie an. „Ich habe mich immer gefragt, wo die abgeblieben sind. Das wäre ganz toll, wenn man die noch einmal sehen könnte.“ Dafür, dass Haesler-Experte Wulf Haack zwei Zaunelemente sicherstellen konnte, sorgte Voigt selbst, der die Elemente nach dem Abriss des Hauses einlagern ließ.

Die beiden Tierfiguren aus Stein, die einst die Zaunpfeiler am Südwall zierten, eine buckelnde Katze und ein Huhn, sind Eigentum der Stadt und befinden sich in Obhut der Haesler-Stiftung im Waschhaus. „Dort harren die Figuren der Dinge, die da kommen. Seit vielen Jahren gibt es viele Planungen, sie im näheren Umfeld des ursprünglichen Standorts aufzustellen“, sagt Haack.

Hans-Hagen Nolte (Jahrgang 1944) lebte mit seiner Familie von 1948 bis 1951 im Erdgeschoss des „Trüllerhäuschens“, wie er das Schokoladenlager nannte. Hier hatte sich nämlich Noltes Großvater, der einstige Verleger der Goslarschen Zeitung und Inhaber einer Spielkartenfabrik, Friedrich Adolf Lattmann, mit über 70 Jahren eine neue Existenz aufgebaut, nachdem er 1943 in Hannover ausgebombt war und als Geschäftsführer des Nordwestdeutschen Zeitungsverleger-Verbandes noch bis 1945 für diesen Verband in Celle arbeitete.

Lattmann schuf eine „Zweitwohnung“ mit zwei winzigen Zimmern hinter dem rechten Schaufenster. Dafür ließ er kurz entschlossen eine Pappwand vor dem rechten orientalisch anmutenden Fenster errichten. So konnte auch noch seine ebenfalls ausgebombte Tochter Dagmar Dekena mit ihren drei Söhnen bei ihm unterkommen. 1948 fand sie eine Wohnung am Jakobiweg in Wietzenbruch. Nun zog Familie Nolte in den Verschlag hinter der Pappwand ein.

Lattmann (1872 bis 1953) zog hier im Erdgeschoss des Trüllerhäuschens einen Sondervertrieb von Stempeln und Schildern und ein Büro für Schreibarbeiten und Übersetzungen in 14 Fremdsprachen auf. „Grundlage seines Geschäfts war eine Mercedes-Schreibmaschine, die ihm als Geschäftsführer des Zeitungsverleger-Verbandes leihweise zur Verfügung gestellt worden war“, sagt Nolte: „Unmittelbar nach dem Krieg war die Nachfrage nach Übersetzungen, Stempeln und Schildern groß. Viele Flüchtlinge, aber auch Überlebende des KZs Bergen-Belsen benötigten neue Papiere. Außerdem mussten etliche ,Hakenkreuz-Stempel und Schilder‘ dringend ausgetauscht werden. Als die Zeiten sich normalisierten, ging auch das Geschäft von Lattmann spürbar zurück.“

Am Magnusgraben gab es nach Kriegsende einen regen Schwarzhandel. Den beobachtete Nolte als Junge häufig. Es gab jede Menge Razzien und Festnahmen. Zwei Fälle werden in Familienkreisen immer wieder kolportiert: Zum einen standen nach einer Razzia zwei Flaschen Alkohol im Flur. Der war damals einiges wert, aber die Hausbewohner rührten ihn nicht an, zum einen aus der Sorge, dass derjenige, der ihn hier abgestellt hatte, sie des Diebstahls bezichtigen würde, und zum anderen, weil es sich um reinen Alkohol handeln könnte, der ungenießbar wäre. Beim zweiten überlieferten Fall soll ein Goldklumpen in jenem vom Südwall erreichbaren Flur gelegen haben. Aber auch den ließen die Hausbewohner unangetastet – aus Angst vor Racheaktionen des Schwarzmarkt-Händlers.

1952 begann Ingrid Otte-Papst (Jahrgang 1938) als eine von vier Trüller-Beschäftigten im Musterlager. Bis 1960 war sie dort tätig. Geschäftskunden bemusterten und bestellten hier die Ware wie Schokolade, Pralinen, Gebäck und Geschenkpackungen. Auch „gehobenes Publikum“ kaufte hier für den Privatgebrauch ein, erinnert sich die Frau, die seit 35 Jahren in Kanada lebt: „Wir hatten dort früher schon Sitzgelegenheiten für die ältere Kundschaft, das war damals schon fortschrittlich.“

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 17.07.2015 um 21:32 Uhr
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