Genschers Rede brachte die Erlösung

Botschaftsflüchtling Andreas Jasch Foto: Peter Müller

Im 22. Teil unserer Serie zum Mauerfall erzählt Andreas Jasch aus Eschede vom legendären Abend des 30. September 1989. Als Hans-Dietrich Genscher die Ausreisegenehmigung für die Flüchtlinge in der Prager Botschaft verkündete, stand er in der jubelnden Menge und fühlte eine Last von sich herabfallen. In diesem Moment wusste er: Seine gefährliche Flucht war nicht umsonst.

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ESCHEDE. „Ich hatte keinen Plan mehr“, erinnert sich Andreas Jasch aus Eschede an seinen Aufenthalt in der Prager Botschaft. 29 Jahre war er damals alt und hatte gerade eine mehrtätige Flucht hinter sich. Über die offene Grenze in Ungarn hatte er „rübermachen“ wollen, war jedoch verhaftet worden. Nun stand er vor der Dusche an: „Das ist es, was wir damals so gemacht haben“, berichtet er lächelnd, „wir standen an.“ Doch an diesem Abend, es war der 30. September 1989, gab er seinen Platz in der Schlange auf, als sich plötzlich wie ein Lauffeuer eine Nachricht unter den Flüchtlingen verbreitete: „Genscher kommt.“ Wenige Augenblicke später fand er sich in der jubelnden Menge wieder. Es war um 18.58 Uhr, als Olaf Jasch erfuhr, dass er von nun an keinen Plan mehr brauchen würde. „Ich hatte nicht einmal meine Eltern informiert“, erinnert sich Jasch heute. Das tat ihm leid, aber da seine Familie seit der Ausreise seines Bruders unter Beobachtung stand, konnte er niemandem mehr vertrauen. Am 22. September gegen Mittag war der Moment gekommen: Jasch und seine Freundin machten sich am Vormittag auf den Weg zur tschechoslowakischen Grenze. Von dort aus wollten sie weiter nach Ungarn, wo seit einigen Tagen der Weg nach Österreich frei war. „Es war gar nicht so sehr das Gefühl des Gefangenseins“, denkt Jasch heute über seine Beweggründe. Dem bodenständigen Thüringer kam es nie auf die fehlende Reisefreiheit an: „Aber in der DDR gab es nichts“, berichtet er, „das kann man sich heute nicht mehr vorstellen: Es gab wirklich nichts.“ Der 29-Jährige war unzufrieden. Er wollte weg. In der Tschechoslowakei fuhren sie einen Umweg und glaubten, unauffällig zu bleiben. Ein Trugschluss. Als das Paar am Abend des 24. September den Wagen an einem Feldrand abstellte, begann das Unglück: Der Tag war sonnig gewesen, jetzt wurde es langsam diesig. Mit ihren Taschen machten sie sich zu Fuß auf den Weg zur Grenze. Andreas Jasch und seine Freundin waren kaum 20 Schritte von ihrem Wagen entfernt, da wurden sie von der tschechoslowakischen Polizei verhaftet. „Jetzt war alles umsonst“, ging Jasch damals durch den Kopf. Doch auch die Tschechen hatten keine große Lust, sich mit der Flut deutscher Flüchtlinge all zu lange aufzuhalten. Man teilte ihnen mit, dass sie unerwünscht seien und das Land zu verlassen hätten. Gegen 23 Uhr machten sie sich also auf den Weg – nach Prag. „Es gab keinen Weg zurück nach Deutschland“, stellt Jasch klar, „nicht für mich.“ Am nächsten Vormittag erreichten sie Prag. „Niemand wollte uns helfen, die Botschaft zu finden“, erinnert sich Jasch. Endlich standen sie an einer Straßenbahnhaltestelle. Eine jüngere Frau wurde auf das Paar aufmerksam, zupfte ihn sanft am Arm und ging dann zu einem Fahrplan. „Sie sagte kein Wort,“ berichtet Jasch, „tippte nur auf drei Haltestellen.“ Die junge Frau verschwand in der Menschenmenge, aber Jasch kannte nun den Weg. Auf einer Wiese nahe der Botschaft sahen sie weitere Flüchtlinge: „Die stiegen aus einem Fahrzeug aus“, erzählt Jasch, „und dann rannten sie plötzlich los.“ Die beiden liefen hinterher, wenige Augenblicke später standen sie hinter der Botschaft. Sofort kamen ihnen Menschen entgegen, die helfen wollten. Und nur fünf Tage später kam Hans-Dietrich Genscher. Am 2. Oktober 1989 kam Andreas Jasch in Eschede an. ●Ihre Geschichte: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Sind Sie selbst aus der DDR geflohen? Welches emotionale Erlebnis verbinden Sie mit dem Mauerfall? Wir freuen uns auf Ihre Geschichte. Sie erreichen uns per E-Mail redaktion@cellesche-zeitung.de, per Fax (05141) 990112 oder per Post an Cellesche Zeitung Stichwort „Mauerfall“ Bahnhofstraße1-3 29221 Celle.
Isabell Prophet Autor: Isabell Prophet, am 13.06.2010 um 11:10 Uhr
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