128: Als fast ganz Celle ein großes Lazarett war

Eine Celler DRK-Sanitätskolonne (DRK) übt 1935 die Versorgung von Verletzten. Foto: Stadtarchiv Celle

Zahlreiche große Gebäude in Celle wurden während des Zweiten Weltkriegs als Hilfslazarette genutzt. Die Residenzstadt blieb weitgehend unzerstört, und so wurden in den letzten Kriegsjahren immer mehr Verwundete hierher verlegt. Rund um das St.-Josef-Stift entstand quasi eine regelrechte „Lazarett-Stadt“.

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CELLE. Offenbar war der gesamte Bereich rund um das St.-Josef-Stift während der letzten Kriegsmonate dem Krankenhaus zugeordnet. In der Mitte des historischen Bildes, das wir am vergangenen Samstag gezeigt hatten, erkannte der Eicklinger Walter Wiedenrodt (Jahrgang 1939) den damaligen Chefarzt des Krankenhauses, Dr. Felix Petermöller. Der Mediziner saß in Luftwaffen-Uniform inmitten von Offizierskollegen neben dem zum Hilfslazarett umfunktionierten Park-Hotel „Sandkrug“.

Außerdem hat Elisabeth Klima (Jahrgang 1929) vom späteren Hautarzt Dr. Günter Wilkening in den 1950er Jahren erfahren, dass er damals Assistenzarzt am St.-Josef-Stift war und er beinahe täglich in die Baracken auf dem benachbarten Gelände der Katholischen Schule geschickt wurde, um dort liegende Verwundete zu behandeln. „Die nur aushilfsweise errichteten Bretterbaracken standen noch Jahrzehnte später – darüber haben wir immer Witze gemacht. Das weiß ich noch ganz genau“, sagt die ehemalige Lehrerin der Katholischen Schule:

Der gleichnamige Vater des Eicklingers Walter Wiedenrodt (Jahrgang 1910) wurde von Dr. Felix Petermöller (1885 bis 1964) erfolgreich nach einem glatten Beindurchschuss behandelt und in den letzten Kriegstagen zurück an die Front geschickt. Der Agraringenieur kam in Gefangenschaft und kehrte erst Ende 1949 ins Flotwedel zurück.

Den Vater und seinen Duz-Freund, der in seiner Freizeit den Arztkittel gegen die Jäger-Tracht wechselte, begleitete schon der Zehnjährige ins Eicklinger Revier, das der Mediziner viele Jahre lang gepachtet hatte. „Ich bin den ganzen Morgen mit einem Hasen im Rucksack durch den Wald gelaufen, weil das meine Passion war“, sagt er heute: „Für mich war das ein ganz toller, seriöser Mann, der immer sehr senkrecht saß.“ Petermöller war bis 1953 Chefarzt des St.-Josef-Stifts, praktizierte aber noch bis zu seinem Tod in seiner „umfangreichen Privatpraxis“, wie es im Nachruf hieß. Aus einer Arztfamilie stammend (sein Vater war Kreisarzt in Meppen), wurde er als Militärarzt 1917 nach Celle versetzt. Nach Kriegsende bewarb er sich als Chefarzt und wurde genommen. Der Erweiterungsbau der Jahre 1928 bis 1930 ist weitestgehend sein Werk. Doch auch dieses große Krankenhaus reichte damals nicht aus, um die vielen im Krieg Verwundeten aufzunehmen.

Willi Krenz (Jahrgang 1933) hat seinen Vater Otto (Jahrgang 1908) auf dem alten Bild erkannt, und zwar ist es der im Bett liegende Mann ganz rechts. „Das muss 1943 gewesen sein. Es ist gut zu erkennen, dass sein linker Fuß verletzt ist. Durch eine Handgranate verlor er den halben Fuß. Später wurde sogar der Oberschenkel amputiert.“ Im Osten verwundet, kam Otto Krenz ins Lazarett im „Sandkrug“. Nach dem Krieg arbeitete er bei der Erdölfirma Elwerath in Nienhagen. Seine beiden Söhne mussten ihn im Winter noch vor Schulbeginn mit einem Schlitten von Großmoor nach Nienhagen ziehen. Bis zu seinem frühen Tod 1968 litt er immer wieder an Phantomschmerzen im Bein.

Ilse Paul (Jahrgang 1938) erhielt von ihrem Großvater Theodor Krüger eine schicke runde Umhängetasche mit kleinem farbigem Bindfaden-Muster in der Mitte. Ihr Opa berichtete ihr, dass verletzte Soldaten diese Tasche im Sandkrug angefertigt hatten. Vor ihrem geistigen Auge hat sie auch noch die kleinen, verzierten Metallbettchen, die an der Hehlentorschule bis zum damaligen Friedhof aneinandergereiht waren. Diese müssen zum im August 1943 dort eingerichteten Hilfslazarett für die Patienten des ausgebombten Kinderkrankenhauses Hamburg-Rothenburgsort gehört haben.

Die Schilderungen des Escheders Heinrich Greife (Jahrgang 1927) vervollständigen das Bild. Er wurde nämlich aus dem Hilfslazarett in der Hamburger Sachsenwaldschule ins alte Ernestinum verlegt, das als Hilfslazarett genutzt wurde. Dass dort auch Verwundete versorgt wurden, berichteten mehrere Zeitzeugen. Auch von anderen Schulen ist das bekannt.

Greife wurde am 2. Februar 1945 auf einem Verbandsplatz bei Frankfurt (Oder) von einem Sanitäter erstbehandelt. Dieser vereiste seinen Rücken und zog ihm sieben Splitter einer Handgranate aus dem Fleisch. Er hatte außerdem einen „Wadenbeinschussbruch“ des linken Beines und hat seitdem einen Granatsplitter in der rechten Schulter, der dieser Tage im Allgemeinen Krankenhaus entfernt werden sollte, weil er zu „wandern“ begann. Durch den rechten Unterarm schlug ein Schuss, ohne einen Knochen zu treffen. Greife: „Nach acht Wochen konnte ich meine Kameraden im Lazarett schon wieder auf dem Akkordeon unterhalten.“

Durch Verbindungen zum Generalfeldmarschall August von Mackensen (1849 bis 1945), der seinen Lebensabend in Burghorn verbrachte, und zu dessen Adjutant Oberst Hans-Henning von Gersdorff (1886 bis 1965), der im Escheder Edeka-Markt von Greifes einkaufte, wurde der Matrose Greife von Hamburg nach Celle verlegt. Zwei Leichtverwundete begleiteten ihn auf die beschwerliche Bahnfahrt.

Von Mitte März und bis zum Kriegsende blieb Greife im Hilfslazarett im Ernestinum. Er erinnert sich noch an einen Kameraden, den Unteroffizier Rudolf Wessel (1914 bis 1985), der mit dem Ritterkreuz hochdekoriert war. Mit ihm kehrte Greife während seiner Lazarettzeit auch im Café Wellhausen an der Westcellertorstraße ein. Dort seien sie in den letzten Kriegswochen „noch gut mit Kaffee und Kuchen bedient worden.“

Bereits im Jahr 1939 wurde im St.-Josef-Stift ein Reservelazarett mit 50 Betten eingerichtet, wenig später wurden 50 Betten in der benachbarten, aufgelösten Katholischen Grundschule belegt. Im März 1940 kam die Turnhalle des Ernestinums mit 50 Betten als weitere Lazarettabteilung hinzu. 1941 beschlagnahmte die Wehrmacht das Kinderhaus mit 75 Betten. 1940 wurden zunächst zwei Baracken und im Folgejahr eine weitere auf dem Stiftsgrundstück gebaut.

Ihr ganzes Leben lang belastet Elke Müller (Jahrgang 1942), dass sie ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hat. Ihre Mutter, die 93-jährig vor vier Jahren verstarb, war als Hilfskrankenschwester am St.-Josef-Stift tätig. Dort lernte sie den Erzeuger ihrer ersten Tochter kennen. Dieser sagte sie aber, dass sie adoptiert worden sei. Als Elke Müller ihre Mutter vor zehn Jahren nach ihrem Vater befragte, knallte diese ihr ein Foto des Mannes auf den Tisch und zeigte ihr die mehrfach geänderte Geburtsurkunde, auf der zunächst eingetragen war, dass der Vater „unbekannt“ sei.

Nach dieser Offenlegung sprach die Mutter nicht mehr mit ihrer Tochter, bis sie 2011 für immer die Augen schloss. „Ich kann meine Mutter nicht verstehen. Ich hätte es ihr doch nicht nachgetragen, wenn sie mir schon bald erzählt hätte, woher sie meinen Vater kannte. Ich wollte doch nur wissen, wo meine Wurzeln sind. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass er mit Nachnamen Ludwig hieß und dass er schon 1951 gestorben ist“, sagt die Frau, die heute mit den Fakten klarkommt.

Auf dem Gruppenbild hat Karin Garve (Jahrgang 1947) ihre Mutter Ilse Saworra, geborene Schubert (Jahrgang 1919), erkannt. Sie hatte damals im „Sandkrug“ bei der Besitzerfamilie Schütte gearbeitet. „In welchem Arbeitsverhältnis sie stand, weiß ich nicht“, sagt Karin Garve: „Gern hat sie immer von der Betreuung der vier Kinder der Familie erzählt, mit der sie nach Kriegsende zunächst in den heutigen ,Fürstenhof‘ (,Villa Adelebsen‘ sagte sie) und dann an die Spörckenstraße gezogen ist.“ Im „Sandkrug” hat ihre Mutter nach dem Ende des Krieges auch Karin Garves Vater kennengelernt, den sie dann 1946 heiratete. Auch die Mitglieder der Familie Schütte kann sie noch identifizieren: „Muttchen” Schütte und eine weitere Frau aus der Schütte-Familie sind an ihrer Zivilkleidung ganz links auf dem Foto zu erkennen. Die Kinder sitzen vorn.

Der Großvater von Jürgen Firl (Jahrgang 1935), Louis Meyn, war der Betreiber des Celler Schützenhauses an der Mühlenmasch 1. Dieses städtische Schützenhaus wurde zu einem „richtigen kleinen Krankenhaus“ umfunktioniert. Als Kind wurde er mit einer Mittelohrentzündung von einem der dortigen Militärärzte versorgt. Der Spruch „Ein deutscher Junge schreit hier nicht so rum“ ist ihm noch in Erinnerung. Außerdem weiß er, dass die Verwundeten bei Fliegeralarm in den Luftschutzkeller unter den benachbarten Silos gingen.

Nach dem Krieg wurden hier aus dem KZ Bergen-Belsen Befreite versorgt, von denen viele Geschwächte auch starben, wie der Junge mitbekommen hat: „Ich sehe noch die elenden Gestalten, wie sie ins Schützenhaus getragen wurden und diejenigen, die noch gehen konnten, geführt wurden. So etwas vergisst man nicht.“

Otto Brase (Jahrgang 1934) weiß, dass sein Vater ab März 1945 in diesem Hilfslazarett versorgt wurde, in dem später das Residenz-Theater untergebracht war und das 1966 abgerissen wurde. Sein Vater hatte bei Kämpfen gegen griechische Partisanen Splitter in der Schulter abbekommen.

1999 haben die Mitglieder der Bautruppe des Schützenhauses Klein Hehlen einen Stein ausgegraben, auf dem die Jahreszahl 1943 eingemeißelt ist. „Den Stein hat sicher ein Soldat (Zivilberuf Steinmetz) des Werferregiments, der im alten Schützenhauslazarett gesund gepflegt wurde, in seiner Zeit der Genesung hergestellt“, sagt Carl-Ludwig Will (Jahrgang 1939): „Die Soldaten waren im Schützenhaus Klein Hehlen, damals Ecke Klein Hehlener Straße/Zugbrückenstraße, untergebracht.“ Die Küche lag im Vordergebäude des Schießstandes und wurde 1945 von den Briten gesprengt – die Trümmer sind übrigens noch nicht weggeräumt.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 26.11.2015 um 12:49 Uhr
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