132: Als die Geschäftswelt in Celles Heesegebiet florierte

Martha und Otto Dongowski in ihrem ersten Geschäft an der Bredenstraße 10 (oben links und rechts). Rechts sind die Schaufenster des Geschäfts an der Bredenstraße 15 (oben die Seite an der Breden-, unten die Seite an der Caroline-Mathilde-Straße) sowie ein Teil des Verkaufsraums, in dem Martha Dongowski während einer Inventur zu sehen ist. Auf dem Foto links ist Heike Pippel, geborene Unverricht, als Dreijährige Mitte der 1950er Jahre vor ihrem Elternhaus an der Bredenstraße 19 zu sehen. Die Inschrift unterhalb der Hausnummer ist damals schon schwer zu entziffern gewesen. Foto: Sammlung Horst Dongowski

Die Heese war bis in die späten 1960er Jahre hinein ein Celler Stadtviertel, in dem es zahlreiche Geschäfte und Betriebe gab. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. An der Bredenstraße spielte sich eine regelrechte Erfolgsgeschichte ab.

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HEESE. Einige Straßen im Celler Heesegebiet haben die Besonderheit, dass sie ab einer Kreuzung einen anderen Namen tragen. Heute wollen wir uns der Bredenstraße widmen. Dieser Straßenzug heißt nur von der Straße „Neustadt“ bis zur Caroline-Mathilde-Straße so. Nicht nur an der Kreuzung mit der „Heese“ gab es an dieser Straße bis vor 50 Jahren zahlreiche Geschäfte.

Elfriede Bührke (Jahrgang 1924) hat von Geburt an in dem Haus an der Bredenstraße 14 gelebt. „Neben uns wohnte Tischlermeister Bierschwale und auf der anderen Seite war ein Obstgarten. Wir haben dort Äpfel abgepflückt, was wir eigentlich nicht durften.“ In der Mitte der Bredenstraße gab es einen kleinen Kaufmannsladen, in dem auch Milch verkauft wurde, an der Ecke zur „Heese“ einen größeren Lebensmittel- und Fischladen, der zwei große Schaufenster hatte. Auf der anderen Straßenseite hatte Schlachter Meyer sein Geschäft und Otto Dongowskis Vorgänger an der Bredenstraße 10 war Otto Levermann. Heute ist hier „Bärbels Haarmode“ in renovierten Räumen untergebracht. „Es gab ganz wenige Autos damals. Aber der Talamini-Eisverkäufer kam auch in unsere Straße, auf der wir mit Brummkreisel und Reifen gespielt haben“, erinnert sich die 90-Jährige

Das Geschäft, von dessen Eingangsbereich wir am vergangenen Samstag ein Foto veröffentlicht hatten, hat zunächst Otto Levermann (Jahrgang 1888) als Tabak- und Schreibwarenladen geführt, wie sein Stiefsohn Sigo Levermann (Jahrgang 1938) weiß. Der Witwer hatte Sigos Mutter, Dorothea Mowinkel (Jahrgang 1919), geheiratet, was wegen des Altersunterschieds von 30 Jahren „ein kleiner Skandal damals war“.

Das Geschäft lief schlecht, nachdem Bertha Löslein genau gegenüber der Neustädter Schule einen Laden eröffnet hatte, in dem die Schüler einkauften und Otto Levermann hat in dem alten Laden nichts erneuert. „Zum Schluss hat er bei der Standortverwaltung Wietzenbruch gearbeitet und meine Mutter, die Tutti genannt wurde, hat den Laden solange geführt, bis Konkurs angemeldet werden musste.“

Sigo Levermann erinnert sich noch an die Nachkriegszeit, als in viel stärkerem Maße Flüchtlinge aufgenommen werden mussten als heute. „1946 habe ich mein Kinderzimmer abgeben müssen und eine alte Dame kam da rein. Als 1947 mein Bruder geboren wurde, haben wir es wieder zurückgekriegt.“ Bis Ende 1951 haben Levermanns das Geschäft geführt.

Otto Dongowski kam aus russischer Kriegsgefangenschaft „wie ein mit Haut überzogenes Skelett“ zurück nach Celle, erinnert sich sein Sohn Horst Dongowski (Jahrgang 1939). Nach einem Jahr Erholung gründeten er und seine Frau 1949 ein Geschäft an der Riemannstraße 34, von dem aus sie in die Dörfer fuhren und Zeitschriftenkunden warben. „Sie haben von den Verlagen die Zeitschriften bekommen und in der Wohnung gestapelt, ehe sie jene an die Ortsagenten weitergegeben haben“, sagt der promovierte Chemiker, der heute noch in der Formation „Traditional Jazzparaders“ die Posaune spielt.

„Meine Mutter war aus der Branche und wollte gerne einen Laden haben.“ Als Levermanns aufgaben, übernahm das Ehepaar dessen Räume in dem Haus, das Lina Kribbe gehörte. Indes waren sie nur von 1952 bis 1959 in diesem etwa 30 Quadratmeter großen Verkaufsraum. Jedenfalls schätzt Lothar Födisch (Jahrgang 1941) die Größe so ein. Er ist an der Bredenstraße 13a geboren und aufgewachsen.

Dongowskis bauten an der Straßenkreuzung mit der Caroline-Mathilde-Straße ein großes Wohn- und Geschäftshaus. Vorher war das der Lagerplatz des Zimmermanns Bierschwale, auf dem der Schauspieler Otto Hanstein seine Wagen abgestellt hatte. Hanstein war mindestens von 1949 bis 1963 an der Breden-straße 14 gemeldet. Dort waren 1949 auch der Artist Henry Hohenstein sowie die Schauspieler Louis Reimschüssel und Anni Schwendtner beheimatet sowie Karoline Hanstein und Jetta Hohenstein, derer Erwerb mit „Kurz- und Spielwaren“ angegeben wurde. Sie waren also offenbar allesamt Schausteller, die mit ihren Wagen über Land fuhren. Födisch meint, dass sie „bayrische Musik“ gespielt hätten.

Hier an der Bredenstraße 15 bauten Otto und Martha Dongowski einen großen Laden auf, „zu dem Leute aus ganz Celle gekommen sind“, wie ihr Sohn meint. Neben Schulbüchern, Zeitschriften und Tabakwaren, die schon im alten Geschäft verkauft wurden, kamen Geschenkartikel (unter anderem auch japanische Ware) und in großem Stil Spielwaren hinzu. „Meine Eltern waren außerordentlich tüchtig und arbeitsam, die haben wirklich etwas aufgebaut. Später hatten sie eine Filiale am Heeseplatz und einen Kiosk an der Birkenstraße. Mein Vater gehörte auch zu den Pionieren des Bertelsmann-Leserings, aus dem der Weltkonzern entstanden ist. Wir haben auch aktiv in der Gewerbegemeinschaft ,Heesering‘ mitgearbeitet. 1972 wurde der Laden verpachtet“, erzählt Horst Dongowski. An gleicher Stelle lief der Betrieb unter den neuen Pächtern weiter, später wurden hier Büromaschinen und zu einem anderen Zeitpunkt auch Schuhe verkauft; gegenüber gab es seit den 1960ern eine Drogerie und die Heideklause.

Hans Neumann (Jahrgang 1933) ist mit seiner Familie 1946 in das Haus an der Bredenstraße 10 eingezogen. Sein Vater war vorher „Ölmuckel“ in Wietze und ab Anfang 1939 im Sägewerk Eversen angestellt. „Wir wohnten im letzten Haus Richtung Feuerschützenbostel.“ Der Vater fiel im Krieg, seine Witwe kam mit ihren Kindern („Ich war der Älteste.“) nach Celle in die Wohnung über Levermanns Laden an der Bredenstraße 10. Das erste halbe Jahr musste die Familie mit verbretterten Fenstern zubringen. „Der Halbbruder meines Vaters hat uns dann von den Briten Fensterscheiben besorgt und eingesetzt“, sagt Neumann, der schon in frühester Jugend „so hin- und hergeschoben wurde“. Mit 13 Jahren begann er dann 1947 seine Lehre in der Bäckerei Rönitz.

Von Herbst 1953 bis Herbst 1956 hat Sylvia Neelen, geborene Brendecke (Jahrgang 1936), als zweiter Lehrling in Dongowskis Laden gearbeitet. Es schloss sich eine kurze Zeit als Verkäuferin an. Die Geschäftsleute betrieben auch eine Leihbücherei. „Als der Versandhandel mit Büchern (Bertelsmann-Lesering) und Zeitschriften umfangreicher wurde, verlagerten Dongows-kis das Büro in eine auf dem Hof stehende Baracke, in der auch schon Malermeister Schulze seine Werkstatt und sein Lager hatte. Wir hatten überwiegend Stammkunden, viele, die in der Umgebung des Geschäftes wohnten, und Schulkinder. Der Großteil unserer Kunden war sehr nett und freundlich und wir hatten viel Spaß mit einigen“, erzählt Sylvia Neelen, die noch weiß, dass die Bild-Zeitung damals 10 Pfennig kostete.

An die mittlere untere Glasscheibe der Ladentür erinnert sich die 78-Jährige noch mit Grausen, da sie eines Tages auf den vereisten Stufen vor dieser Tür ausrutschte und mit dem Arm durch die Scheibe sauste. Sie erlitt Schnittverletzungen. „Die Scheibe war zwar kaputt, aber mein Arm heilte“, sagt sie dazu lakonisch.

An das spätere, größere Dongowski-Geschäft erinnert sich Heinrich Schultz (Jahrgang 1953) gerne. Hier wurde er vom „Virus“ Modellbau und Modellbahn infiziert. Als Fachverkäufer ist ihm ein Mann namens Klawitter in Erinnerung, den man später in selber Funktion in anderen Celler Spielzeugläden traf. Seine Leidenschaft für den Plastikmodellbau hat sich Schultz bis heute bewahrt.

Auch Lilli Maurischat-Lange (Jahrgang 1950) und ihre Freundin Rosemarie Engels, geborene Wanningen (Jahrgang 1951), erinnern sich an die beiden Dongowski-Läden und all das, was sie dort einkauften. „Da es eine große Kreuzung mit vielen Geschäften war, passierten dort auch Unfälle. Einmal lief meine Freundin Rosi auf dem Schulweg diagonal vom Friseur Kahl zu Dongowski. Das sah ein Lehrer und hat sie heftig ermahnt. Ja, diese und noch viel mehr Gedanken und Erinnerungen sind uns bei dem Foto gekommen. Es gab so viele Geschäfte an der Bredenstraße; Friseur Kahl, Textilwaren Hampel, Obst-Gemüse Schrader, Fischladen, Lebensmittel, Wäscherei und Tischler“, sagt Lilli Maurischat-Lange.

Heike Pippel und ihre Mutter Gisela Unverricht, geborene Krumnauer (Jahrgang 1930), lebten an der Bredenstraße 19, wo die kleine Heike am 26. Mai 1952 im 2. Stock als Hausgeburt das Licht der Welt erblickte. Das Haus gehörte einer Frau Spangenberg, die in einem Zimmer des Erdgeschosses einen kleinen Gemüseladen betrieb. Heike Pippels Großvater Albert Krumnauer führte bis zu seinem Tod 1947 eine Schuhmacherwerkstatt, die seine Witwe mit Hilfe eines angestellten Schuhmachers weiterführte. Gisela Unverrichts Mann Hermann kam 1946 aus britischer Gefangenschaft heim und arbeitete in beiden Tischlereien an der Bredenstraße. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit dort“, sagt Heike Pippel.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 04.09.2015 um 15:44 Uhr
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