134: Zeitschriftenverkauf neben Schmiede in Celler Altstadt

Die Zeiten ändern sich – das Geschäft bleibt (von links oben, nach rechts unten): Die etwa 12-jährige Martha Frohms steht Ende der 1920er Jahre mit ihrem Vater und dem jüngstem Bruder Bernhard vor ihrem Geburtshaus. Auf dem nächsten Bild trägt das Geschäft bereits die Firmenbezeichnung „August Frohms – Zeitschriften Buchhandlung“. Viel später entstand das Postkartenfoto. Das Geschäft wurde zu der Zeit in der Nachfolge von Heinrich Frohms geführt. Kopfsteinpflaster und die Straßenbahnschienen sind bereits nicht mehr vorhanden. Vor 27 Jahren kaufte schließlich der heutige Inhaber Wolfgang Pukarra das Geschäft. Foto: Sammlung Horst Dongowski

Seit 27 Jahren führt Wolfgang Pukarra das „Lotto-Eck“ an der Ecke Am Heiligen Kreuz / Neue Straße. Das Geschäft hat eine lange Tradition. Bis in die 1960er Jahre gab es in direkter Nachbarschaft noch eine Schmiede, in der Pferde beschlagen wurden. Diese ist inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden – den Eckladen gibt es noch heute.

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ALTSTADT. In seiner Kindheit war Horst Dongowski (Jahrgang 1939) immer wieder im Zeitschriftenladen an der Ecke Am Heiligen Kreuz / Neue Straße. Schließlich arbeitete seine Mutter Martha Dongowski, geborene Frohms, dort im Geschäft ihres Vaters August. „Ursprünglich war es ein Werbender Buch- und Zeitschriftenhandel“, erzählt der Zeitzeuge, der der CZ das Bild vom vergangenen Samstag zur Verfügung gestellt hatte, „die Zeitschriften wurden beim Verlag bestellt, ins Geschäft geliefert, dort sortiert und dann zu den jeweiligen Ortsagenten gebracht.“ In den Anfangszeiten seien die Zeitungen sogar mit der Straßenbahn geliefert worden, später mussten sie von der Post abgeholt werden.

Ein sogenannter Ortsagent war Günter Teubert (1927), der Ende der 1930er Jahre die Zeitschriften in Adelheidsdorf und Großmoor verteilte. „Meine Mutter holte damals die Illustrierten aus dem Geschäft in der Altstadt ab“, sagt Günter Teubert, „erst hat mein Bruder Hans-Werner die Zeitungen ausgetragen – dann habe ich übernommen.“

„Meine Mutter hat die Zeitschriften auch im Geschäft verkauft“, sagt Horst Dongowski, „an der Laufecke gab es viel Kundenverkehr, daher kam die Idee, Tabakwaren dazuzunehmen.“ Sabine Seifert (1950) erinnert sich daran, dass auch im Geschäft geraucht wurde. „Außerdem standen vor dem Geschäft immer Männer, die sich unterhielten“, sagt die Zeitzeugin, deren Eltern den Friseursalon Wyrembek auf der gegenüberliegenden Seite an der Neuen Straße betrieben (heute „Café Wichtig“). „Ich durfte in dem Geschäft öfter den Lottoschein abgeben“, sagt Sabine Seifert, der aber noch etwas anderes in guter Erinnerung geblieben ist. „Ich rieche noch den Duft von Pferden und Feuer“, sagt sie, „der Schmied war ein dunkelhaariger Mann – ich habe das Gesicht noch vor Augen.“ Mitten in der Innenstadt gab es damals nämlich noch eine Schmiede. „Die muss da gewesen sein, wo heute das mexikanische Restaurant ist“, sagt Horst Dongowski, „man kann es sich vorstellen wie ein Bauernhaus ohne Wand – es war alles offen. Zu sehen war ein großer Amboss.“ Sabine Seifert durfte sogar mal reinkommen und zusehen, wie der Schmied die Pferde beschlug.

Hanna Comehl (1930) hätte Schmied Schmidt auch gerne mal aus der Nähe bei der Arbeit zugesehen, doch „wir durften nicht rein“, erzählt die Cellerin, die von 1936 bis 1942 im Albrecht-Thaer-Geburtshaus an der Schuhstraße gewohnt hat. „Nachmittags ist der Schmied immer mit zwei furchtbar dicken Schafen Richtung Pfennigbrücke gezogen“, erzählt Hanna Comehl.

Der Schmied, den Sabine Seifert beschreibt, ist allerdings nicht der „Schmied Schmidt“, sondern vermutlich Hans-Martin Kroitsch. „Mein Mann hat die Schmiede 1952 von dem älteren Herren Schmidt übernommen“, sagt Rosemarie Kroitsch (1929), „er wollte nicht verkaufen und daher hat mein Mann die Schmiede bis 1962 weitergeführt. Er musste dafür keine Miete bezahlen.“ Zu der Zeit seien die Bauern aus Altencelle und vom Markt gekommen, um die Pferde vom Schmiedemeister beschlagen zu lassen. „Hans-Martin ist aber auch zu den Höfen gefahren“, so seine Frau, die sich daran erinnert, dass ihr Mann auch „eiserne Zäune“ herstellte. „Er hatte gut zu tun“, so die Zeitzeugin, „Herr Schmidt ist dann gestorben und die Schmiede wurde von den Erben verkauft. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, dass die Pferde mitten in der Stadt beschlagen wurden.“ Ihr Mann sei ein Schmied aus Leidenschaft gewesen, der nach dem Umzug nach Ovelgönne noch hobbymäßig Ponys beschlug.

Als Otto Dongowski, der Vater von Horst Dongowski, aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkam, gründeten er und seine Frau 1949 ein Geschäft an der Riemannstraße 34, von dem aus sie in die Dörfer fuhren und Zeitschriftenkunden warben. Später bauten Otto und Martha Dongowski an der Bredenstraße 15 einen großen Laden auf. Das Geschäft an der Ecke Am Heiligen Kreuz / Neue Straße übernahm der Onkel von Horst Dongowski, Heinrich Frohms, der den Laden später an seinen Sohn, – ebenfalls Heinrich – weitergab.

Inzwischen gehört das „Lotto-Eck“ seit 27 Jahren Wolfgang Pukarra (1942). „Ich habe es 1988 zunächst für ein halbes Jahr von einem indischen Mann, der es von Frohms gekauft haben muss, gemietet und dann gekauft, da sich meine Frau Jutta, die in einem Lotto-Geschäft in Wathlingen gearbeitet hat, selbstständig machen wollte“, erzählt der heutige Inhaber. Seit dem Tod seiner Frau vor elf Jahren führt er das Geschäft. Und die Geschichte des Geschäftes Frohms lebt weiter – auch wenn der Name des Gründers heute nicht mehr am Geschäft steht.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 18.09.2015 um 18:34 Uhr
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