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136: Als Briten eine V1 nach Celle brachten

70 Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern: Am heutigen Neumarkt in Celle lag eine V 1. Foto: Alex Sorokin / Sammlung Erhard Pausch

Eine deutsche Vergeltungswaffe, die im Sommer 1945 mitten in der Celler Innenstadt lag, hat nicht nur Zeitzeugen, sondern auch Historiker und weitere Leser dazu bewogen, sich mit dem Foto aus der CZ vom 10. Oktober zu beschäftigen. Englische Soldaten hatten die besondere Version der V 1 anscheinend als Kriegsbeute nach Celle gebracht.

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CELLE. Sommer 1945: Klaus Greve (Jahrgang 1931) läuft mit seinen Schulkameraden über den Meckerplatz in Celle (heute Neumarkt). Dort entdecken sie eine V 1. Interessiert betrachten sie den Marschflugkörper aus dem Zweiten Weltkrieg. Enttäuschung macht sich breit. Die „Wunderwaffe“ hat in der Realität eine viel geringere Größe als in der Vorstellung des jungen Cellers.

„Das Foto hätte ich auch machen können, wenn ich damals einen Fotoapparat gehabt hätte, denn denselben Blick hatte ich auch“, erzählt der Zeitzeuge mit Blick auf das Bild aus der CZ vom 10. Oktober, „bei dem abgebildeten Marschflugkörper handelte es sich um die einsitzige Variante der V 1 genannten Fi 103, ein ,cruise missile‘, das die Briten im Sommer 1945 auf der als Parkplatz genutzten Fläche zwischen dem ehemaligen Hauptgebäude der damaligen Kreissparkasse und der im Hintergrund erkennbaren Straße ,Weißer Wall‘ für einige Tag als Kriegsbeute ausgestellt hatten.“

Der Platz sei am Anfang frei zugänglich gewesen. „Die weißen Zaunpfeiler deuten eigentlich auf einen Zaun hin, der aber noch nicht gespannt war“, erklärt der heutige Winser, „die im Hintergrund erkennbaren Gebäude gehörten zu den an der heutigen Fußgängergasse gelegenen Bauten am Weißen Wall. Insgesamt waren nach meiner Erinnerung drei bis vier Flugkörper – es waren keine Raketen – auf Montageböcken, teils mit Rollen, ausgestellt, die man in aller Ruhe besichtigen konnte.“ Man hätte sich sogar hineinsetzen können, denn die Hauben hätten sich öffnen lassen.

„Ich glaube, keiner könnte zu dem Bild eine bessere Auskunft geben als ich“, sagt Erhard Pausch (1924), der das Foto zur Verfügung gestellt hatte, „dieses Bild wurde von einem Engländer gemacht und zum Entwickeln zur Firma Markgraf gebracht, wo es von Frau Klingelhöfer, geborene Bendig-sen, bearbeitet wurde. Von dort habe ich später einen Abzug bekommen.“

Dieser zeige eine „V 1“, die im Sommer 1945 in einem Pferch aus Holzpfählen und Moniereisen – extra durch die Engländer dafür gebaut – vor dem Haus am Weißen Wall 6 lag. „Dort sind meine Eltern 1930 in die Paterrewohnung eingezogen. Heute befindet sich dort die Bierakademie“, sagt der Zeitzeuge. Auf der linken Seite sei außerdem die Rückseite des Gasthauses Funke „Kanzleischänke“ an der Kanzleistraße zu erkennen.

Auch Benno Pausch (1925), der Bruder von Erhard Pausch und Sohn des damaligen Malermeisters Georg Pausch, erkannte das Haus seiner Eltern im Hintergrund. „Die V 1 lag vor unserer Haustür am Neumarkt“, bestätigt der 90-Jährige.

Michael Klages (1958) fiel ein Bild von der in Celle liegenden V 1 während seiner Recherchen zu der Geschichte der Fliegerei in Celle im Jahr 2001 in die Hand. „Bei einem Besuch des Celler Stadtarchivs zeigte mir Mijndert Bertram ein solches Bild und fragte, ob ich damit etwas anfangen könne.“ Das konnte der zugezogene Celler nicht, erinnerte sich jetzt aber an das außergewöhnliche Foto.

„Bei der abgebildeten V 1 handelt es sich um die bemannte ,Reichenberg‘. Es war kurz vor Kriegsende geplant, mit solchen bemannten V 1 ,Kamikaze‘-ähnlich Angriffe auf ausgesuchte Punktziele auszuführen“, berichtet der Historiker, „die bemannte V 1 kam aber nie über die Erprobungsphase hinaus.“ Diese spezielle Version der V 1 sei seinerzeit in Neu-Tramm in der Nähe von Lüchow-Dannenberg hergestellt worden. „Meine Vermutung ist, dass die V 1 als Beutegut der britischen Truppen aus Neu Tramm in die Celler Innenstadt kam – sie wurde anscheinend zum Weitertransport zur Auswertung nach England in Celle ,zwischengelagert‘.“ Auf anderen Fotos habe er außerdem gesehen, dass in diesem Areal mehrere V 1 gelegen hätten.

Der Celler Heimatforscher Hendrik Altmann hat die gleiche Vermutung wie Klages. „Möglicherweise wurde die Reichenberg aus Neu Tramm nach Celle geholt. In der dortigen Luftmunitionsanstalt hatten die Briten und US-Streitkräfte eine Vielzahl dieser Flugkörper beschlagnahmt“, sagt Altmann, „sicherlich wurde die Reichenberg nur in Celle ausgestellt und später ins Ausland transportiert – das war in den letzten Kriegstagen gang und gäbe.“

Im Landkreis Celle seien keine Vergeltungswaffen militärisch eingesetzt worden. „Wie ich für mein Buch ,Die letzten Kriegstage‘ recherchiert habe, gelangte zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine V-Waffen-Einheit aus dem Westerwald auch in den Landkreis Celle. Diese Einheiten rüsteten sich in unserer Gegend ab und zerstörten die restlichen V 2-Raketen“, sagt der Historiker, „die Alliierten waren zu Kriegsende ziemlich hinter deutscher Rüstungstechnik her. Zusammen mit deutschen Ingenieuren forschten sie bereits auf deutschem Boden an der weiteren Verwendbarkeit der V-Waffen. Noch vor Kriegsende wurden V-Raketen unter alliierter Forschung in die Nordsee verschossen. Das klingt nach Verschwörungstheorie – lässt sich aber anhand historischer Quellen belegen. Auch im Landkreis Celle wurden Teile von V-Waffen gefunden – ich vermute dennoch, dass die gezeigte Reichenberg nicht dazugehörte.“

Hermann Timme (1928) hat die Marschflugkörper im Sommer 1945 ebenfalls auf dem Neumarkt gesehen. „Die V 1 hat da eine ganze Zeit gelegen und dann kam auch noch eine V 2 dazu“, erinnert sich der Zeitzeuge, wie er um die Vergeltungswaffen herumlief. Später hatte er in einem Museum in London sogar die Möglichkeit, eine V 2 im Schnitt zu sehen.

Rudolf Peterson (1931) erinnert sich daran, dass die V 1 auf dem damaligen Meckerplatz später von einem Stacheldrahtzaun umschlossen war. „Man konnte nicht dran“, sagt der Rentner, „die Stadt war voller Briten, die sich die Waffen angucken sollten.“ Die Kanzel weise darauf hin, dass es sich um eine Testrakete handelte.

Johann Schuhmacher (1926) kam erst 1948 nach Celle und konnte die V 1 somit nicht live am Neumarkt betrachten. Er hatte aus Feldpostbriefen seiner Mutter vom „Eifelschreck“ erfahren. Als er als Fallschirmjäger später in den Niederlanden im Einsatz war, seien V 1 über seinen Kopf hinweggeflogen. „Sie sind dann im Wald runtergekommen – ohne zu explodieren.“ Wie auch Arnold Linke (1930) weiß der 89-Jährige, dass die V 1 von Hanna Reitsch, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Fliegerinnen Deutschlands, getestet wurde.

Neben Zeitzeugen und Historikern meldeten sich auch viele CZ-Leser, weil sie etwas zur V 1 sagen konnten. So recherchierte der 14-jährige Silas Hummler im Internet und stellte fest, dass es keine (gewöhnliche) V 1 sei, weil diese nicht bemannt war. Heinz-Dieter Oehl machte die Pilotenkanzel stutzig und daher guckte auch er im Internet. „Von dieser Version wurden nur 175 Stück hergestellt“, sagt Oehl. CZ-Fotograf Benjamin Westhoff ergänzt: „Die Maschinen waren für bemannte Flüge gedacht, der Pilot sollte kurz vor dem Ziel abspringen. Das Projekt wurde aber 1944 eingestellt, da es kaum Piloten gab, die lebensmüde genug waren, das zu versuchen.“

Christopher Otto wies darauf hin, dass es sich bei der Maschine auf dem Bild nicht um eine V 1, sondern um eine V 4 – eine bemannte Version der V 1 – handele. „Der Ursprung ist die Flugbombe V 1 mit einem Pulsrohr- oder auch Staustrahltriebwerk, die als Marschflugkörper Fieseler Fi 103 gegen Bodenziele eingesetzt wurde. Es wurde von einer Katapultrampe abgeschossen und über voreingestellte Kurskreisel ins Ziel gelenkt.“, sagt Peter-Max Müller, „das abgebildete Gerät ist aber ein Umbau mit Pilotenkanzel. Sie sollte als Kamikazewaffe eingesetzt werden, kam aber auf Grund von Einwänden des Führungspersonals nicht zum Einsatz.“

Heute ist nicht nur Lothar Harder froh, dass es am Weißen Wall keine Vergeltungswaffen mehr gibt, sondern Rohe Rouladen.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 16.10.2015 um 21:07 Uhr
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