Celler NS-Opfer identifiziert

Cover "Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig." Foto: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft

Einen Beitrag zur Versöhnung hat Carola S. Rudnick geleistet: Die Historikerin gab ausländischen Patienten der Heil-und Pflegeanstalt Lüneburg ihren Namen wieder. Man ließ die Zwangsarbeiter und Kleinkinder mit psychischen Problemen oder Behinderungen während der NS-Zeit auf Menschen verachtende Weise sterben. Darüber informiert nun ein Buch.

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CELLE. Sie wurden von einem erbarmungslosen Regime aus ihrer Heimat entführt und in Deutschland getötet. Zwangsarbeiter, die auch im Landkreis Celle während der NS-Zeit ihren Dienst leisteten, kamen, als sie psychisch labil oder dement wurden, in die Heil- und Pflegeanstalt in Lüneburg, wo das Personal sie verhungern ließ, nicht ausreichend mit Medikamenten versorgte oder aktiv tötete.

Die Historikerin Carola S. Rudnick hat diesen Opfern jetzt ihre Namen zurückgegeben. Die promovierte Geschichtswissenschaftlerin hat bislang unbekannte Akten ausfindig gemacht und zusammen mit jungen Menschen, die ihre Ausbildung an der Schule für Pflegeberufe und der Krankenpflegeschule Lüneburg absolvieren, ausgewertet. Herausgekommen ist ein Buch, das unter dem viel sagenden Zitat „Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig.“ veröffentlicht worden ist.

Einer der jüngsten Toten unter den nach Lüneburg eingewiesenen Zwangsarbeitern in Lüneburg war der erst 17-jährige Pole Thaddäus Cebula, der in Unterlüß im Werk der Rheinmetall-Borsig AG eingesetzt war. Er war dort in Lager III untergebracht udn wurde vom Unterlüßer Betriebsarzt Dr. Hartung nach Lüneburg eingeweisen. Er soll angeblich „hochgradig schwachsinnig und in der Lagergemeinschaft wegen Unsauberkeit nicht tragbar“ gewesen sein, schrieb Hartung. Er kam am 20. Januar 1945 in Lüneburg in Häftlingskleidung an, wo er kurz vor Kriegsende, am 23. April 1945, starb. Er war schon abgemagert in der Heil- und Pflegeanstalt eingetroffen. Hinweise auf lebensrettende Maßnahmen wie Sonderernährung oder dergleichen finden sich in der Krankenakte nicht.

Ebenfalls der Unterlüßer Betriebsarzt Hartung war es, der die am 12. September 1910 in der Ukraine geborene Katharina Kunka nach Lüneburg einwies. Sioe war zunächst am 4. Oktober 1944 ins Celelr St-Josef-Stift überweisen worden, wo ein Tumor am Fuß behandelt wurde. Als sie von dort ins Lager für Ostarbeiter nach Unterlüß zurückgekehrt war, soll sie sich sonderbar verhalten haben, aß und sprach nicht mehr und lief nachts umher. Nun wies Dr. Hartung sie nach Lüneburg ein. Dort kam sie verängstigt an. Im September 1945 entwickelte sie erste Anzeichen einer Tbc. Ende des Jahres wurde vermerkt, dass sei Tbc-frei sei. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich aber wieder und trotz Ernährung durch eine Sonde verfiel sie immer mehr. Sie starb am 17. Juli 1947.

Pawel Iwanoff kam 28-jährig bereits 1923 als Insasse eines russischen Heimkehrer-Lagers in Scheuen als Patient in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Er ehemalige russische Soldat und Weltkriegsteilnehmer hatte Wahrnehmungsstörungen. Man diagnostizierte eine Schizophrenie. Der starke Raucher war auch in Lüneburg ein fleißiger Arbeiter in einer Feldkolonne. Im Februar 1944 erkrankte er aber an Tbc, innerhalb von zwei Monaten verlor er elf Kilogramm an Gewicht. Er starb am 20. Januar 1945 in der Anstalt, in der er fast 22 Jahre lang lebte.

Maria Pozarenko wurde 1919 in Russland geboren. Sie war in Offensen als Landarbeiterin in Zwangsarbeit beshcäftigt. In Celle wurde sie in Polizeigewahrsam genommen und amtsärztlich begutachtet. Der Amtsarzt kam zu dem Eregbnis, dass sie unter „Jugendirrsein“ leide. Er wies sie sofort in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg ein. In einem verwahrlosten Zustand kam sie dort an. Sie verweigerte dort die Nahrungsaufnahme und behielt auch kein Getränk bei sich. Viel zu spät setzte man eine Sonde zur Zwangsernährung ein. Einen Tag später, nur zwei Wochen nachdem sie eingeliefert worden war, starb sie.

Der Weg des Kleinkindes Elisabeth van Molen (geboren am 22. Mai 1943 in Groningen)führte auch durch Celle. Ein Transport holländischer Heimkinder kam über Celle nach Lüneburg in die dortige Wilhelm-Raabe-Schule. Weil das Kind viel schrie und ständig betreut werden musste, wurde es, als „idiotisch“ beschrieben, in die Lüneburger „Kinderfachabteilung“ eingewiesen, in der behinderte Kinder wie auch der Celler Eckhart Willumeit gezielt getötet worden sind. Elisabeth wurde nur noch ein einziges Mal ärztlich untersucht, einen Tag später, am 19. Oktober 1944, war sie tot. Carola Rudnick geht davon aus, dass die Kleine ermordet worden ist.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 20.10.2015 um 18:16 Uhr
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