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137: Erinnerungen an das Celler Kinderhospital: Wo der Arzt ins Zimmer watschelte

Blick in einen Krankensaal des Kinderhospitals 1945. Gerhard Barth (Mitte) wurde für zwei Tage ins Mädchenzimmer verlegt, da Jungen eingeliefert worden, die sich beim Spielen mit Handgranaten verletzt hatten. Foto: Sammlung Gerhard Barth

1907 wurde in Celle das Kinderhospital erbaut, das in der CZ vom vergangenen Samstag abgebildet war. Viele Celler haben ihre ganz persönlichen Erinnerungen an das Krankenhaus. Die Zeitzeugen berichten unter anderem von eingesammelter Schokolade, einem Eingriff mit einem Brieföffner und einem watschelnden Arzt.

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CELLE. Jeden Tag kommen die Engländer im Juli 1945 ins Kinderhospital, um sich nach dem Gesundheitszustand von Annemarie Breithaupt (Jahrgang 1937) zu erkundigen. Sie bringen zur Aufmunterung „herrliche – für die Kinder unbekannte – Geschenke mit: Schokolade, Apfelsinen, Bananen und andere Raritäten“. Doch die Sachen werden von der Stationsschwester immer sofort weggeschlossen. „Natürlich hatten auch die Krankenschwestern – genau wie wir Kinder – Entzugserscheinungen nach solchen Dingen“, erzählt Annemarie Breithaupt, die nach einem Unfall ins Kinderhospital eingeliefert worden war. „Ich war bei Verwandten an der Harburger Straße zu Besuch. Beim Spielen auf der Straße lief ich vor einen großen Militär-Lkw der britischen Besatzung – ich trug etliche Knochenbrüche und Prellungen davon.“ Drei englische Soldaten brachten sie mit ihrem Fahrzeug sofort ins Kinderkrankenhaus. „Dort wurde ich in einem Zimmer mit zwölf weiteren Kindern versorgt“, erzählt die heute 78-Jährige, „die Engländer kamen zwei Wochen lang jeden Tag in die Klinik, um nach mir zu sehen.“

Klaus-Peter Pokowietz (1944) lag als Sechsjähriger mit einer schweren Mittelohrentzündung im Kinderhospital. Wenige Tage nach seiner Einschulung bekam er Kopf- und Ohrenschmerzen. „Meine Mutter und ich suchten den Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Lindner an der Mühlenstraße auf“, erzählt der heute 71-Jährige, er sah in mein Ohr und sprach sehr ernst und eindringlich auf meine Mutter ein, dass wir auf direktem Weg ins Kinderhospital gehen sollten.“ Zu Fuß machten sich die beiden auf den Weg über die Allerbrücke – ein Provisorium aus Bohlen – ins Kinderhospital. „Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ich auf dem OP-Tisch mit Lederriemen befestigt wurde, um mich herum vermummte Ärzte und Schwestern. Während sie sprachen, wurde mir ein rundes mit weißem Stoff bespanntes Drahtgestell auf das Gesicht gesetzt, eine unangenehm riechende Flüssigkeit daraufgeträufelt, jemand fragte, ob ich schon zählen könne“, erinnert sich der Zeitzeuge, der daraufhin zu zählen begann.

Nach der Operation wachte Klaus-Peter Pokowietz in einem großen Raum mit hohen Fenstern auf. „Eines Tages kündigte die Oberschwester Arztbesuch an, die Bettdecken wurden gerichtet. Eine Weile später schritt sie gemessenen Schrittes wieder herein, vor sich her trug sie eine Schüssel und ein weißes Tuch über den Arm, hinter ihr in der Hocke im weißen Kittel kam watschelnd wie eine Ente der Arzt, wir Kinder schauten gebannt“, erzählt der Celler, „er watschelte bis zum Fenster und erhob sich sehr langsam aus seiner Hockstellung, wurde größer und größer … und schaute durch das Oberlicht des sehr hohen Fensters. Wir Kinder staunten mit offenem Mund – so einen großen Menschen hatten wir noch nicht gesehen. So nahm er uns die Angst vor seinen Untersuchungen.“

Gertrud Thunert (1921) erinnert sich noch genau an die Geburt ihres Sohnes Edgar im Jahre 1942. „Bei unserem beliebten Hausarzt und Geburtshelfer Dr. Jessen sollte ich entbinden. Bei meiner Aufnahme wurden mir die vielen bunten Stubenwagen gezeigt, von denen ich mir einen aussuchen sollte. Sofort stürzte ich mich auf einen rosafarbenen“, erzählt die 94-Jährige, „aber statt der von mir erhofften Tochter kam nun ein Junge auf die Welt. Die nette Hebamme schlug mir vor, den Stubenwagen in einen blauen zu tauschen, aber nein, ich blieb bei dem rosafarbenen, und unser Edgar wurde so manches Mal mitleidig angelächelt ...”

Eine andere Zeitzeugin erinnert sich auch noch an Dr. Jessen. „Ein Freund hatte ein Furunkel – da hat Dr. Jessen einen Brieföffner von seinem Schreibtisch geholt und es entfernt – es hat geholfen“, erzählt die Seniorin, die sich außerdem noch an die Hauswirtschafterin Alma Tietje erinnert, die 1945 für das Essen verantwortlich war. „Wenn ein Lkw mit Bohnen kam, mussten diese sofort verarbeitet werden – egal, ob Tag oder Nacht war“, erzählt die Frau, die sich auch noch an eine Oberschwester erinnert, die abends um 22 Uhr immer alle Lichter im Krankenhaus ausgemacht habe, um zu sparen.

Martha Reimker (1931) war von 1951 bis 1954 als Hausangestellte im Kinderhospital beschäftigt. „Es stand an der Schlepegrellstraße 1–7 – ungefähr da, wo jetzt der Behelfs-Haupteingang zum AKH ist, nur weiter an der Straße.“, erzählt die Zeitzeugin, „gegenüber ist heute der Parkplatz, denn das Allgemeine Krankenhaus wurde dort nicht wieder aufgebaut.“

„Als meine Mutter verstarb – ich war erst 20 Jahre – konnte ich dank meiner Schwester Gerda da anfangen zu arbeiten“, erzählt Martha Reimker, „wir Hausmädchen hatten unsere Zimmer oben unterm Dach – auf dem Bild im Erker beziehungsweise rechts davon.“

Drei Mädchen seien in einem Zimmer gewesen. „Jede hatte ein Bett, einen Stuhl und eine Waschschüssel. Wasser gab es auf dem Flur bei Schwester Margarete“, erzählt die ehemalige Hausangestellte, „meine erste Arbeit war in der Plättstube an der großen Mangel und anschließend hatten wir die Wäsche zu legen.“

Später kam die Cellerin in die Baracke K 1. „Zu zweit mussten wir die interne Kinderstation sauber halten – damals noch alles Holzdielen –, Fenster und Türen putzen und das Essen für die kleinen Patienten und für die Schwestern aus der großen Zentralküche abholen sowie später alles abwaschen“, erinnert sich die 84-Jährige, „unsere Arbeitszeit war von morgens, 7 Uhr, bis abends, 7 Uhr, mit zwei Freistunden, alle 14 Tage ein Wochenende frei und einen halben freien Mittwoch. Der Arbeitslohn von 78 Deutschen Mark im Monat war sehr niedrig.“

Als Krankengymnastin arbeitete Ilse Kniep (1923) von 1946 bis 48 im Allgemeinen Krankenhaus und vertretungsweise im Kinderhospital. „Das Krankenhaus stand auf der Allerseite, da, wo heute der Parkplatz ist“, erinnert sich die Zeitzeugin, „Einzel- oder Zweibettzimmer gab es nicht.“

Martha Zabel, die Tante von Edda Kühn (1939), arbeitete von 1947 bis 64 in der Verwaltung des Kinderhospitals. „Ich bin bei ihr groß geworden und habe daher das Geschehen miterlebt“, sagt die Wienhäuserin, „am Siemensplatz haben sich unsere Wege getrennt, ich bin weiter zur Hehlentorschule gelaufen, sie zur Arbeit.“

„Das Kinderhospital war ungefähr 50 Meter hinter der Rauhen Gasse, die Straße wurde durch den Neubau geschlossen“, sagt Hänschen Röling (1940), „falls jemand mit kleinen Kindern unter vier Jahren auf Station wollte, wurden die Kinder abgewiesen – sie durften die Station nicht betreten.“ Besuchszeit sei nur von 14 bis 17 Uhr gewesen. „Dr. Jessen hatte eine eigene Station im Haus, er war sehr beliebt als Arzt“, so Röling.

Auch Eckhardt Hino (1943) weiß, wo das Kinderhospital gestanden hat. Schließlich lag er mit drei oder vier Jahren mit einem Leistenbruch in dem Krankenhaus. „Mein Fenster ging zur Rauhen Gasse“, sagt der Zeitzeuge, der sich noch daran erinnert, dass einmal der Grießbrei auf seiner Decke landete.

An den Recherchen zum ehemaligen Kinderhospital hat sich auch der Pressesprecher der Stadt Celle, Wolfgang Fischer, beteiligt. „Ich habe einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1964 gefunden, der das Gebäude kurz vor dem Abbruch zeigt“, so Fischer, „auf einem Luftbild von 1966 ist das Gebäude, dessen Fassade von Otto Haesler stammte, nicht mehr zu sehen.“

Keine guten Erinnerungen an ihren Aufenthalt im Kinderhospital hat Waltraud Dienelt (1932). Während des Krieges war die damals Elfjährige mit einer Mittelohrentzündung ins Krankenhaus gekommen. „Bei Fliegeralarm wurden wir in den Keller getragen, in dem Betten standen und der mit Pfeilern abgestützt war“, erzählt die Nienhägerin, „nach dem Alarm wurden alle wieder nach oben gebracht – nur ich wurde vergessen und lag ganz allein im Keller.“ Sie habe geschrien und geweint, aber erst nach einer ganzen Weile habe sie jemand bemerkt und wieder nach oben gebracht. „Das war ein Horror und genauso grauenvoll wie die Narkose, bei der man eine Tüte auf den Mund gedrückt bekam“, sagt die 83-Jährige.

Wilhelm Ohlms (1921) brachte mit seinem Großvater Peter Kruse, der einen Milchhandel betrieb, in den Ferien die Milch zum Krankenhaus. „Von der Oberköchin haben wir eine große Tasse Brühe und ein belegtes Brötchen bekommen, erzählt der heutige Lüneburger, der sich auch noch an den Hausmeister Carlson erinnert, der seine Wohnung links im Garten hatte, in dem auch die Wäscherei war.

Hans Hermann Hubach (1940) fiel 1945 von einem Baum, als er Äpfel pflücken wollte. Dabei zog er sich im linken Arm einen Trümmerbruch zu. „Ich wurde von britischen Militärärzten operiert und musste ein Jahr lang in Isolation bleiben – meine Mutter durfte nur durch die Scheibe gucken.“ Das gleiche Schicksal ereilte Barbara Driftmeyer (1948), als sie 1954 mit einer Meningitis im Kinderhospital lag. „Meine Eltern durften nur durch die Scheibe gucken“, erzählt sie, die kurz vor der Entlassung auch noch Masern bekam und noch länger bleiben musste.

Mit Blaulicht wurde Rita Köhne (1943) als Vierjährige mit Diphterie eingeliefert. „Ich habe zuerst im Badezimmer gelegen, weil es kein isoliertes Zimmer gab“, erzählt die Winserin, die sich noch an einen großen Weihnachtsbaum im Krankenhaus erinnert.

Paul-Heinz Otte (1930) hat 1943 sowohl im Kinderhospital als auch im Krankenhaus gelegen. „Unser Hausarzt hat im Lazarett gearbeitet, daher war es schwer, einen Arzt zu finden“, erzählt der Zeitzeuge, „Frau Dr. Lamprecht ist dann nach Groß Hehlen gekommen und hat mich nach der Untersuchung ins Kinderhospital gebracht.“ Nach der Operation, die Dr. Helene Sonnemann durchführte, habe er mit zwölf Jungen in einem Saal gelegen. „Nach acht Tagen hat mich mein Vater mit der Kutsche abgeholt, doch in der Nacht habe ich hohes Fieber bekommen“, erzählt Paul-Heinz Otte, der mit Diphtherie ins Isolierhaus des AKHs kam. „Ein Soldat hat mir dort Schach beigebracht – die Figuren waren alles Soldaten – und später habe ich noch einen Zwangsarbeiter aus dem Sägewerk Brundiers kennengelernt, der früher Berufsmusiker war.“

In ein Mädchenzimmer wurde Gerhard Barth (1940) gelegt, als er 1945 wegen einer Kopfverletzung behandelt wurde. „Es wurden einige Jungs eingeliefert, die sich beim Spielen mit Handgranaten verletzt hatten“, erzählt der Wietzenbrucher, „daher wurde ich für zwei Tage bei den Mädchen untergebracht.“ Zuvor hatten ihn die Schwestern am Bett festgebunden, weil er nach der Operation durch Dr. Schmö abhauen wollte. „Wenn man damals nicht artig war, bekam man einen auf den Pöter“, so der Zeitzeuge.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 24.10.2015 um 07:16 Uhr
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