Celler gedenken der Opfer am Volkstrauertag

Das Grab von Siegfried Heinse (rechts vorne) auf dem Gelände der Kriegsgräberstätte in Ysselsteyn. Auf dem 30 Hektar großen Gelände haben 31.598 Kriegstote ihre letzte Ruhe gefunden. Hier ruhen nahezu alle im Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden gefallenen Deutschen. Foto: Siegfried-Werner Heinse

Eine beinahe 90-jährige Tradition hat der Volkstrauertag in Deutschland.In unserem durch die beiden Weltkriege so sehr belasteten Land gedenken die Menschen heute aller Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft. Die Generation der Kriegskinder verbindet mit diesem Tag ganz besondere Erinnerungen: Siegfried-Werner Heinse steht exemplarisch für diese Generation. Seinen Vornamen trägt der Westerceller als Erinnerung an seinen 1944 gefallenen Vater und seinen 1943 ebenfalls getöteten Onkel.

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CELLE. Siegfried-Werner Heinse kennt man auf Celles Fußballplätzen als stets vergnügten Mann, der meist einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Wenn sich aber der Volkstrauertag nähert, dann wandern die Gedanken des 70-Jährigen weit zurück. Dann wird der Westerceller ganz ruhig und bisweilen auch unendlich traurig. Er wird am Sonntag wieder dabei sein, wenn vor dem Ehrenmal am Neuen Rathaus der Toten gedacht wird. Siegfried-Werner Heinse wird dann an seinen Vater Siegfried (1915 bis 1944) und seinen Onkel Werner (1920 bis 1943) denken. Beide starben als junge Offiziere im Zweiten Weltkrieg.

Siegfried-Werner Heinse hat Vater und Onkel nie kennengelernt, hat sie aber immer vermisst. 1973 hat er das Grab seines Vaters in den Niederlanden zum ersten Mal besucht. Er ruht dort auf der Kriegsgräberstätte in Ysselsteyn. Sein Sohn fotografierte die vielen Kreuze, bewahrt die Fotos bis heute auf wie einen Schatz.

Gute Menschen

Das Grab des Onkels hat er zusammen mit seiner Frau 1999 gesucht und gefunden. 3000 Menschen waren bei der Einweihung eines riesigen Soldatenfriedhofs in der Nähe von Wolgograd zugegen. Die Stimme des Westercellers bricht, wenn er davon erzählt, wie die russische Reiseleiterin in Tränen ausbrach, als sie eine elfköpfige Gruppe auf einer 250 Kilometer langen Busfahrt zur Kriegsgräberstätte in Rossoschka begleitete. „Sie weinte am Mikrophon, als sie sagte, dass ihr Vater immer davon berichtet hat, dass die deutschen schlechte Menschen seien. Doch wenn sie sehe, dass sich Deutsche auf eine 3000 Kilometer lange Fahrt machen, um die Gräber von Menschen zu besuchen, die sie nie kennengelernt haben, dann können diese Menschen nicht schlecht sein“, erzählt Heinse.

Beide Söhne tot

Da die junge Frau sich Deutsch durch Lektüre beigebracht hatte, schenkte ihr Heinse seine alte Konfirmandenbibel, die er auf die weite Reise nach Russland mitgenommen hatte.

Seine Mutter war Nachrichtenhelferin im Krieg und kannte ihren späteren Verlobten nur vom Telefon. Die beiden verliebten sich. Posthum wurden die beiden vermählt. Nach Werner verlor Siegfried-Werner Heinses Großmutter Charlotte mit Siegfried auch ihren zweiten Sohn. „Meine Oma war nie wieder glücklich.“ Ein klein wenig tröstete es die Frau aus Suhl in Thüringen, dass mit dem 1945 geborenen Siegfried-Werner Heinse ihr einziger Enkel geboren wurde. Dass er die Vornamen der beiden Gefallenen trägt, konnte diesen ungeheuren Verlust natürlich nicht ausgleichen.

Siegfried Heinses Einheitsführer, Oberleutnant Rudolf Schulze, berichtete in einem Brief an dessen Mutter, dass ihr Sohn „bei der Abwehr amerikanischer Tiefflieger bei Valkenburg“ ums Leben kam. Er hatte sich „die Herzen aller Kameraden im Fluge erobert“, schrieb sein Vorgesetzter an Charlotte Heinse.

Nicht nur die Mutter und die Witwe trauerten um Siegfried Heinse, sondern natürlich auch sein Sohn. Er hat eine Foto-Montage aus drei verschiedenen Aufnahmen anfertigen lassen. Sie zeigt „die Familie, die es nie gab“, links die Mutter, rechts den Vater, in der Mitte den kleinen Sohn. Eine Szene im Schnee, die traurig stimmt.

Gelungene Feiern

Anfang dieses Jahres war Heinse wieder einmal im Geburtsort seines Vaters. Er übergab dem Stadtarchiv Suhl Dokumente und Fotos der beiden Brüder. Archivleiterin Andrea Walther bedankte sich bei ihm für diese Schenkung, die die Mitarbeiter in die Lage versetzt, auch künftig als „Gedächtnis unserer Stadt“ wirken zu können.

Die Feier zum Volkstrauertag am Celler Neuen Rathaus empfindet Heinse heute als gelungen. Dass junge Menschen sich mit einzelnen Schicksalen auseinandersetzen, gibt dem Rentner Hoffnung. Die meisten Menschen seien heute „zum Glück“ bereit, sich um andere zu kümmern. „Mensch, wir haben seit 70 Jahren Frieden hier und das mit der Integration der Flüchtlinge schaffen wir auch“, sagt Heinse.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 11.11.2015 um 17:41 Uhr
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