131: Wo Zäune selbst hergestellt wurden

In der Drahtzaunfabrik „Louis Hentschel, Inhaber Otto Jacob“ wurden an der Biermannstraße bis vor kurzem Zäune auch selbst hergestellt – hier an einer großen Maschine, an der die Maschendrahtzäune geflochten wurden. Firmeninhaber Christian Jacob leitet die Firma in dritter Generation seit 1995. Ganz links der Firmenslogan aus den 1960er Jahren. Foto: Sammlung Antiquariat Cellensia, Sammlung Jochen Odewald

„Louis Hentschel“ liest man noch an vielen Zäunen überall in Celle und drum herum. In der gleichnamigen Drahtzaunfabrik wurden seit 1910 Metallzäune hergestellt. Mit der Produktion an der Biermannstraße ist seit kurzem Schluss. Jetzt stellt die Firma nur noch fabrikmäßig anderswo gefertigte Zäune am Ort ihrer Bestimmung auf.

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CELLE. Wo sich heute Männer auf zwei Etagen mit schicken Klamotten eindecken, gab es jahrzehntelang im Erdgeschoss ein typisches Eisenwarengeschäft von „Louis Hentschel“. Im Obergeschoss waren seit 1928 Büro und Wohnung des Inhaberehepaars Otto senior und Lina Jacob untergebracht, im Dachgeschoss gab es ein Lager. Die Drahtzaunfabrik „Louis Hentschel“ befindet sich seit vielen Jahrzehnten an der Biermannstraße, wo indes nicht mehr produziert wird.

Die Anfänge der Firma sind heute vom Staub der Geschichte überdeckt. Seniorchef Otto Jacob junior (Jahrgang 1930) weiß, dass die Firma „Louis Hentschel“ 1866 in Hannover gegründet worden ist. 1910 wurde der Hauptsitz nach Celle verlegt. Vor fünf Jahren feierte man hier Jubiläum. Sein gleichnamiger Vater führte zusammen mit seiner Frau Lina die Geschäfte an der Westcellertorstraße 1 im heutigen Herrenbekleidungsgeschäft von Dettmer & Müller. Das Geschäft ging auch damals schon bis zum Südwall durch. Am Südwall selbst befand sich die Zaunfabrik in drangvoller Enge. Weil auch irgendwann die Nachbarn nicht mehr durch den Fabriklärm belästigt werden sollten, verlegte die Firma 1937 die Fabrik an die heutige Biermannstraße.

Dort leitet jetzt Christian Jacob das Unternehmen. An den Maschinen zur Zaunherstellung wurde in all den Jahrzehnten so gut wie nichts verändert. Das bestätigt auch Rudolf Peterson (Jahrgang 1931), der an der Biermannstraße aufwuchs und die Fabrik von Kindesbeinen auf kennt.

Peterson kannte auch den langjährigen Meister Erwin Busch genauso wie Lina Jacob, die an der Drehkasse im Ladengeschäft saß. Er selbst arbeitete nach seiner Lehre bei Hostmann & Steinberg und kurzer Arbeitslosigkeit in der Drahtzaunfabrik. Hermann Timme (Jahrgang 1928) beschreibt den Seniorchef, als „kräftigen, großen Mann mit welligem Haar, der majestätisch seine an einem Bindfaden um den Hals hängende Brille aufsetzte und den Bezugsschein studierte, den wir Lehrlinge ihm aushändigten“.

An der Biermannstraße stellte Lokführer Timme Wagen zu. Das Gleis führte vom Bahnhof Celle-Nord (dem heutigen OHE-Geschäftssitz) schräg über die Straße zunächst zur Drahtzaunfabrik, dann zum Schrotthändler Tischbein (später Biskubek) und schließlich zum Großhändler Bertram, der Haushaltsgegenstände vertrieb. Mit Knippstangen konnten die Wagen auf einen Meter genau rangiert werden, erinnert sich Peterson.

Der Winser Dieter Pohland (Jahrgang 1939) begann 1955 in dieser Fabrik seine Lehre zum Bauschlosser. Er arbeitete noch bis 1963 dort. „Zu meiner Zeit waren wir ständig acht Schlosser in der Fabrik und zehn Monteure draußen, die die Zäune aufstellten. Es gab auch ein paar Nadler, die den Draht geflochten haben.“ Einen der beiden Männer auf dem alten Foto, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten, identifizierte Pohland als Egon Kocel. Den Mann auf der linken Seite des Bildes hat er auch erkannt. Nur dessen Namen weiß er nicht mehr. Er muss von 1951 bis 1954 dort in die Lehre gegangen und soll ausgewandert sein.

Sein gesamtes Arbeitsleben hat Wilfried Strampe (Jahrgang 47) aus Vorwerk dort verbracht, der Anfang der 1960er Jahre als letzter Schlosser-Lehrling in die Firmengeschichte einging. 51 Jahre lang arbeitete er für „Louis Hentschel“, die letzten Jahre als einziger Schlosser in der Fabrik. „Ich habe früher immer im Scherz gesagt: Wenn ich in Rente gehe, mache ich den Museumswärter hier.“ Er habe „leider nach jahrelanger Suche nach einem Schlosser diesen Bereich geschlossen“, sagte Christian Jacob. Strampe und seine Kollegen luden früher das gesamte Material per Hand ab, später erleichterte ein neuer Kran diese Arbeit.

In all den Jahren ist es ihm nie langweilig bei der Arbeit geworden, weil er auch Kontakt zu Kunden hatte, die sich bei ihm mal ein Rohr oder ein paar Meter Geflecht herausholten. Außerdem wurde nach Aufgabe des Geschäfts an der Westcellertorstraße das Büro an die Biermannstraße verlegt.

In der Altstadt beschäftigte Otto Jacob gleichzeitig fünf ausgebildete Verkäufer, die allesamt „in ihrem Metier bewandert waren“. Er musste aber mit ansehen, dass sich die Kunden zwar sehr ausführlich beraten ließen, die Geräte dann aber bei der Konkurrenz kauften.

Als dann auch noch die großen Märkte auf der grünen Wiese aufmachten und er mit seinen Preisen beispielsweise für eine handgeschmiedete Zange (12,50 Mark) gegen den Discounterpreis von 8,50 DM bei der Massenware nicht mehr mithalten konnte, schloss er Anfang der 1980er Jahre das „typische Eisenwarengeschäft“, als das es Jochen Odewald (Jahrgang 1947) bezeichnet, der sich dort ab 1961 zum Einzelhandelskaufmann ausbilden ließ. Wie er zu diesem Job gekommen ist? Eigentlich wollte er bei der Sparkasse an der Trift anfangen. „Das hat aber nicht geklappt, wohl auch wegen meiner Schulbildung.“ Da setzte er sich bei seinem Vater hinten aufs Motorrad und die beiden fuhren durch die Stadt – auf der Suche nach einem anderen Ausbildungsbetrieb. „Dann standen wir auf einmal vor Hentschel und sind einfach reingegangen. Es hat keine zwei Minuten gedauert und schon war ich eingestellt.“ Mit dem Seniorchef besuchte er die Messe „Spoga“ in Köln, wo sie Gartenmöbel einkauften.

Vor etwa 45 Jahren hatte Otto Jacob junior den Betrieb nach dem Tod seines Vaters übernommen. „Ich habe in unserer Firma gelernt, bin auf Tour gegangen und habe Zäune verkauft. Wir waren früher viel für die Erdölindustrie tätig, denn die Ölsonden mussten laut Bergamt eingezäunt werden. Außerdem haben wir für die großen Firmen wie Hostmann & Steinberg und Drewsen gearbeitet. Meist wurden die Geschäfte per Handschlag besiegelt – wie das früher eben so war: Alles hat prima funktioniert.“

Elfriede Mönnich (Jahrgang 1936) hat in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre Otto und Lina Jacob den Haushalt an der Westcellertorstraße geführt. „Ich bin bei meinen Großeltern in Walle aufgewachsen. Für mich hätten die Jacobs wie Vater und Mutter sein können, das waren geduldige Leute“, sagt Elfriede Mönnich, die von Lina Jacobs viel gelernt habe – wie man mit Menschen umgeht und auch im Bereich Haushalt und Kochen. Sie hat dann ihren Mann Günther in die Firma gebracht, den sie 1958 geheiratet hat. Der vor zwölf Jahren Verstorbene war seinerzeit Monteur bei einem Heizungsbauer in Hannover und wurde schließlich Monteur bei „Louis Hentschel“. Er stellte 17 Jahre lang Zäune auf.

Auch Heiner Hentschel (Jahrgang 1948) lebt heute in der Gemeinde Winsen. Er ist auf dem Fabrikgelände an der Biermannstraße groß geworden. Sein gleichnamiger Vater war ein Bruder von Lina Jacob, einer gebürtigen Hentschel. Bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte er hier neben dem einstigen MTV-Sportplatz und dem Stall der Celler Pferdefreunde. Er erinnert sich noch, dass zwei Häuser an der Biermannstraße standen, die von den Familien Landsmann und Lapusch bewohnt waren. Über die Aller gab es neben der Bahnbrücke lediglich eine Fußgängerbrücke.

Und Hänschen Röling (Jahrgang 1940) hat noch ganz besondere Informationen über Otto Jacob senior: „Neben seinem Laden war ein Pelzgeschäft Kahlert. Kahlert und Jacob gingen gerne ins Café Kalenbach, das gegenüber der heutigen Drogerie Rossmann lag. Die beiden Nachbarn haben dort gerne Kaffee mit braunem Inhalt, der 38 Prozent hatte, getrunken.“ Das Ladengeschäft bezeichnet er als „Kleinod“, in dem man Nägel grammweise kaufen und bei eigener klammer Kasse auch anschreiben und später bezahlen konnte.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 26.11.2015 um 12:58 Uhr
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