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139: Häuser an Kanzleistraße in Celle mussten Anbau weichen

Kanzleistraße in den 1920er Jahren Foto: Christopher Menge

Die Häuserreihe, nach der in der CZ vom vergangenen Samstag gefragt wurde, steht an der Kanzleistraße. Allerdings hat sie sich im Vergleich zum alten Foto verändert. Um 1930 baute das Oberlandesgericht an – vier Häuser mussten weichen. Die Häuser, in denen die ehemalige Gerichtsklause und die Druckerei Romberger angesiedelt waren, stehen dagegen heute noch.

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CELLE. Wer durch die Kanzleistraße geht, sieht am Haus mit der Nummer 5 noch heute das Schild „Druckerei Romberger“. Sie existiert aber nicht mehr. „Ich wurde in dem Haus geboren“, erzählt Günter Romberger (Jahrgang 1931), „meine Großeltern hatten es 1920 von einem Herrn Großgebauer erworben, der dort schon eine Druckerei und eine Papierwarenabteilung betrieb.“ Bis 1966 betrieben zunächst Günter Rombergers Großvater Otto und ab 1946 sein Vater Karl und sein Onkel Willy die Druckerei. „Dann haben wir sie an Gerhard Starke vermietet und 1978 schließlich an ihn verkauft“, sagt der heutige Lachendorfer, der bis 1948 an der Kanzleistraße wohnte.

Die Nachbarhäuser – links von Romberger – , die einst die Nummern 1 bis 4 trugen, gibt es heute nicht mehr. „Die müssen um 1930 abgerissen worden sein“, sagt Günter Romberger, der eine alte Zeichnung und einen Vertrag gefunden hat. In diesem, der das Datum 19. Juni 1931 trägt, erhielt Otto Romberger vom Stadtbauamt die Auflage, wie die Grenze zwischen dem Grundstück des Oberlandesgerichtes und der Kanzleistraße 5 auszusehen habe. Ein Blick in das „Celle-Lexikon“ von Reinhard W. L. E. Möller bestätigt Rombergers Vermutungen. 1928 und 1931 wurde am Oberlandesgericht, das 1711 als Oberappellationsgericht durch König Georg I. gegründet und 1840 neu errichtet worden war, angebaut.

Der Nachbar von Günter Romberger war Jürgen Firl (1935), der bis 1959 in dem Haus an der Kanzleistraße 6 lebte. „Mein Großvater Louis Meyn hat die Gerichtsklause betrieben“, erzählt der Zeitzeuge, „nach seinem Tod im Jahr 1960 haben meine Mutter Gertrud Firl und meine Tante Lieschen Meyn die Gaststätte übernommen.“ Es habe sich um ein bürgerliches Lokal gehandelt, in dem viele Vereine, die Altstädter Schützen, die Feuerwehr und Handwerker verkehrt hätten. „Heute ist dort das Kanzlei-Café angesiedelt“, sagt Jürgen Firl, der sich auch noch an den anderen Nachbarn erinnert, „dort war die Kornbrennerei Schultze“.

Louis Meyn hatte die Gaststätte, die zuvor den Namen „Zur weißen Taube“ trug, von Reinhold Funke gepachtet. Dessen Enkeltochter Margarete Schriefer-Rohde (1943) hat eine Postkarte, deren Motiv zur gleichen Zeit – Anfang der 1920er Jahre – entstanden sein muss wie das Bild aus der CZ vom vergangenen Samstag. „Darauf ist meine Mutter Elisabeth Funke zu sehen – sie guckt aus dem Fenster“, erzählt die Cellerin, die einen CZ-Bericht aus den 1950er Jahren gefunden hat. In diesem wird über das 25-jährige Bestehen der „Celler Möbelhallen“ von Reinhold Funke berichtet. In dem Haus an der Kanzleistraße 6 war nämlich nicht nur die Gerichtsklause angesiedelt, sondern auch ein großes Möbellager. Der damalige CZ-Herausgeber und Chefredakteur Ernst Pfingsten schrieb damals: „Nach dem ersten Weltkriege begann er (Reinhold Funke) mit großen Auktionen im ,Kronprinzen‘ an der Mauernstraße und erwarb bald im folgenden Jahr die Leffiersche Gastwirtschaft ,Zur weißen Taube‘ mit dem Ausspann, dessen Pferdeställe sich bis zum ,Weißen Wall‘ hinziehen. Die Stallungen, die für eine große Zahl von Pferden berechnet waren, boten nun Raum für Auktionen und das Ausstellen von Möbeln. Die Gastwirtschaft, in der hauptsächlich Bauern aus Lachendorf, Beedenbostel, Hohne und Ummern verkehrten, blühte unter Reinhold Funkes Oberleitung weiter und erhielt den Namen ,Gerichtsklause‘.“

Seine Hauptaufmerksamkeit habe er aber dem An- und Verkauf alter Möbel zugewandt. „Meine Mutter hat in dem Möbellager mitgeholfen und ich bin immer nach der Schule hingegangen“, erzählt Margarete Schriefer-Rohde, „nach dem Zweiten Weltkrieg hat mein Großvater Chaiselongues zusammengehämmert, da Schlafmöglichkeiten fehlten. Ich habe noch heute eine dicke Rolle Nessel zu Hause.“ Diesen einfachen, nicht gebleichten Baumwollstoff habe ihr Großvater für die „Feldbetten“ benutzt. Über eine steile Treppe sei man zur Möbelhalle gekommen. „Von dieser konnte man bei der Druckerei Romberger reingucken und die großen Maschinen sehen“, erzählt die Zeitzeugin, „das Gebäude des Oberlandesgerichtes war von Engländern besetzt, die uns Kaugummis und Nussschokolade geschenkt haben.“ Gegenüber sei wie heute noch ein Fahrradgeschäft gewesen. Daneben habe es zudem eine in die Straße eingelassene Waage für Lkw und Anhänger gegeben. „Der Brunnen, der auf dem Bild zu sehen ist, war aber nicht mehr da“, sagt Margarete Schriefer-Rohde.

Sie beschreibt ihren Großvater – einen gelernten Fleischer – als rührigen Mann. Ernst Pfingsten schrieb, dass gerade zu dem Geschäft mit den alten Möbeln „Verständnis, Stilgefühl und gewissermaßen Fingerspitzengefühl“ gehöre, „denn in einer Stadt wie Celle, in der manches alte Stück in den Handel kommt, gilt es die Spreu vom Weizen zu unterscheiden und die guten, alten Möbel der Biedermeierzeit und vergangener Jahrhunderte pfleglich zu behandeln und nach Möglichkeit in Häusern unterzubringen, in denen sie entsprechend ihrem Werte zu Ehren kommen. Reinhold Funke hat das immer verstanden.“

An der Ecke des heute noch stehenden Gebäudes des Oberlandesgerichts hat Elke Courcy (1953) die Häuserreihe an der Kanzleistraße genauso erkannt wie Erhard Pausch (1924). „In dem Haus an der Kanzleistraße 5 konnte man unten Lehrbücher und Hefte für die Schule kaufen, dahinter gab es einen langen Weg, der bis zu den Räumen der Druckerei durchging“, erzählt Erhard Pausch, „dahinter gab es einen kleinen Garten, der zur Hälfte Romberger und zur anderen Hälfte zu unserem Haus am Weißen Wall 6 gehörte.“ Im Nachbarhaus an der Kanzleistraße 6 habe es neben der Gaststätte auch einen Tischler und den Polierer Duvenkropp gegeben. „Wir haben in der Kanzleistraße viel Fußball gespielt – damals war da so gut wie kein Verkehr.“ Den Brunnen habe aber auch er nicht mehr gekannt.

Auch Hänschen Röling (1940) hat die Häuserreihe an der Kanzleistraße erkannt. Er erinnert sich unter anderem an die Druckerei, die Gerichtsklause und den Ausspann sowie an die Brennerei an dem Platz der heutigen Marktpassage.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 22.12.2015 um 13:58 Uhr
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