142: Mit dem Boot zum Bahnhof

Das Wasser stand im Jahr 1946 in der Bahnhofstraße, in den Triftanlagen bis hin zur Jägerstraße. Foto: Sammlung Lothar Födisch

Celler erinnern sich an überschwemmte Straßen, fliegende Fische und Eishockey mit Milchdosen.

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CELLE. Bei Bedarf spielte Rudolf Peterson (Jahrgang 1931) im Februar 1946 gerne den Fährmann zum Kleinbahnhof. „Ich wohnte damals an der Biermannstraße in einem einzelnen Haus mit fünf Wohnungen, das unserer Familie gehörte. Im Februar 1946 bewohnten 30 Personen das Haus“, erinnert sich der Zeitzeuge, „als das große Hochwasser kam, wurde das Haus vom Wasser umspült mit einer Wassertiefe von 40 bis 50 Zentimetern.“ Rechtzeitig hatte der damals 14-Jährige sein Holzpaddelboot klar gemacht. „Ein Untermieter brauchte unbedingt einen kleinen Koffer mit wichtigen Dingen vom Bremer Weg“, erzählt Rudolf Peterson, „bis zur Hafenstraße konnte man mit dem Boot fahren, dann war Schluss. Als der Herr zurückkam, hatte er den besagten Koffer bei sich. Beim Haus angekommen, stieg ich als Erster aus dem Boot und wollte ihm helfen und den Koffer abnehmen, was er aber nicht wollte.“ Schließlich kam es, wie es kommen musste: „Er drehte sich im Boot um, um auszusteigen, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel rückwärts in die kalten Fluten. Nur die Arme mit dem Koffer schauten für einen Moment aus dem Wasser“, sagt Peterson, „amüsantes Gelächter kam aus den Fenstern, denn man hatte während des Hochwassers genügend Zeit und kaum Abwechslung.“

Peterson kennt noch eine weitere Anekdote zum Thema „Hochwasser“. „Wenn die Biermannstraße in Höhe des ehemaligen Sportplatzes (jetzt Parkplatz) überschwemmt wurde, kam es immer wieder zu lustigen Situationen, denn die Biermannstraße hatte an dieser Stelle ein Senke“, erzählt der Celler, „manch ein Autofahrer unterschätzte die Gefahr und blieb im Wasser stecken. Auch mutige Radfahrer versuchten durchzukommen, indem sie sich zu guter Letzt am Drahtzaun der OHE entlanghangelten. Bis es nicht mehr weiterging und sie absteigen mussten oder auch der Länge nach hinfielen.“ So sei es auch einmal einem Bäckerlehrling ergangen. Die Kiepe voller frischer Brötchen fiel um und die Backwaren schwammen alle im Wasser umher.

„Man sollte aber nicht vergessen, dass das große Hochwasser im Februar 1946 der Stadt Celle auch etwas Gutes brachte“, ergänzt Rudolf Peterson, „im Herbst 1946 wollten die Engländer als Besatzer in den Triftanlagen in Höhe der Fuhsestraße vor dem Schäferbrunnen ihre NAAFI errichten. Grober Kies war schon angefahren, der in vielen Haufen auf der Grünfläche lagerte. Sie sollten einmal als Fundament herhalten. Wegen des gewaltigen Hochwassers stand die Triftanlage komplett unter Wasser und die Engländer ließen dieses Projekt fallen und bauten später ihre NAAFI am Neumarkt.“

An das so genannte Jahrhunderthochwasser erinnert sich auch noch Lothar Födisch (Jahrgang 1941). „Durch die Bahnhofstraße konnte man mit einem Paddelboot fahren – das war eine Sensation“, erzählt der Celler. Hermann Timme (Jahrgang 1928) war zu der Zeit Lehrling bei der Celler Eisenbahn. „Einen Tag haben wir frei bekommen, da das Wasser bis in die Werkstatt stand“, erinnert sich der Zeitzeuge, der gewaltigen Respekt vor Hochwasser hat. „Als ich Konfirmand war, war durch die Wietze in Wietzendorf alles überschwemmt. Wir sind mit zwei Mann auf eine Eisscholle gesprungen, hatten aber Pech, dass unsere Scholle an einem Zaunpfahl einer Weide hängenblieb.“ Als die Scholle immer weiter runtergezogen wurde, kam schließlich ein Bauer zu Hilfe und rettete die beiden aus ihrer misslichen Lage.

In Gefahr war auch Karl-Heinz Hensel (Jahrgang 1935). „Die Aller war zugefroren und wir sind Schlittschuh gelaufen“, erzählt er, „im Radio haben wir dann gehört, dass die Hochwasserwelle Wienhausen erreicht hat. Wir sind dann auf das Dach der Bootsstation Mühle an der Fritzenwiese geklettert, um nach dem Wasser zu sehen. Die Pfosten, die in die Aller ragten, waren eingefroren. Plötzlich hob sich das Teil durch die Wassermassen, wir wären fast verunglückt, konnten aber gerade noch auf dem Rücken auf die Straße rutschen.“

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) erinnert sich auch noch an das „unheimliche Hochwasser“ im Jahr 1946. „Fischer und Angler sind am Bahnhof mit dem Boot langgefahren“, erzählt der Celler, „wir haben damals an der Jägerstraße gewohnt – bis dahin stand das Wasser.“ 1952 habe es außerdem einen extrem kalten Winter mit Temperaturen bis minus 30 Grad gegeben. „Auf der Aller konnte man mit Schlittschuhen bis nach Wienhausen laufen“, sagt Röling, „Milchdosen waren unsere Pucks und Stöcker unsere Schläger. Wir waren glücklich.“

Ruth Gerke (Jahrgang 1937) hat zwischen Fischer- und Burgstraße auch gerne Eishockey mit einem Stein und einem „krummen Stock“ gespielt, wenn das Gebiet zugefroren war. Für sie war das Hochwasser 1946 etwas ganz Besonderes. „Ich habe das erste Mal einen großen See gesehen“, sagt die Zeitzeugin, die damals am Hugoweg lebte, „der Keller stand bis zur Decke unter Wasser. Die Kartoffeln waren hin. Nur das Eingemachte konnte man hinterher noch nutzen, allerdings wusste man nicht, was drin war, da das Wasser die Schilder abgespült hatte.“ Die Kinder hätten bei dem vielen Wasser aber einen „Heidenspaß“ gehabt. „Wir haben ein mit Carbid gefülltes Glas ins Wasser geworfen – kurze Zeit später sind dann die Fische durch die Luft geflogen.“

Die Großmutter von Karl Heinz Heitmann (Jahrgang 1936), bei der er aufwuchs, hatte den Jahnplatz auf der heutigen Liegewiese des Celler Freibades zu verwalten. „Wir hatten jedes Jahr Hochwasser“, erzählt der Zeitzeuge, „wenn das Wasser im Garten hochkam, haben wir Kinder uns gefreut.“ Während die Kleinen freudestrahlend nach draußen liefen, um auf dem Hof oder im Garten Boot zu fahren, begannen die Erwachsenen, die Möbel hochzustellen. „Zwei Stunden später stand die Wohnung unter Wasser“, erzählt Heitmann, „wir brauchten jedes Jahr einen neuen Fußboden, da das Holz nach oben quoll.“ Ein Büroraum im inzwischen abgerissenen Ordnungsamt an der Hannoverschen Straße diente übergangsweise als Wohnung.

Außerdem sei die Hannoversche Straße zwischen Schwedenbrücke und Kaserne überschwemmt gewesen. „Die Westerceller Bauern sind dann mit ihren Wagen ins Wasser gefahren, da die Holzräder im Laufe des Jahres ausgetrocknet waren“, erzählt Heitmann, „die Leute gingen dann oben durch den Pferdewagen und über die Lücken wurden ein paar Bretter gelegt – ansonsten wären die Westerceller gar nicht in die Stadt gekommen.“

Während des Jahrhunderthochwassers 1946 brachte der Vater von Bärbel Prier (Jahrgang 1943) die Leute mit Pferd und Wagen von Klein Hehlen nach Celle, da von der Zugbrückenstraße bis hin zum Bremer Weg und Bahnhof alles überschwemmt war.

Frida Frey (Jahrgang 1943), die in der Nähe der alten Masch geboren wurde, erzählt, dass es bis in die 1980er Jahre hinein immer wieder Hochwasser gegeben habe, die recht bedenklich waren. „Das letzte davon reichte bis zu 10 Zentimeter unter den Rand des Allerdamms – ein weiterer Anstieg und der Herzog-Ernst-Ring wäre überflutet gewesen.“ In den Jahren bis Mitte der 1950er Jahre drückten die Hochwasser den Grundwasserspiegel immens hoch. „In unserem Haus war der Keller ausgeräumt, in den Regalen standen nur die leeren Einkochgläser. Wenn das Grundwasser, das durch alle Fundamentsfugen drückte, bis zur vierten Kellerstufe stand, konnte der Vater eine Abdeckung in der Wand öffnen. So konnte das Wasser in die Kanalisation abfließen und stieg nicht mehr höher.“

Für Frida Frey waren die Sommerhochwasser am schönsten. „Bevor ich endlich schwimmen lernen konnte, erlaubten die überfluteten Allerwiesen ein gefahrloses Geplantsche. Es war warm, das Wasser nicht zu tief, eine riesige Badeanstalt direkt vor der Tür“, erzählt die Cellerin, „die Kinder kamen aus der Masch, der Jänickestraße, der Mestwartstraße und aus der Sankt-Annen-Straße. Aber nach einigen Tagen, falls das Wasser stehen blieb, fingen die Wiesen an zu verfaulen. Mäuse und Regenwürmer trieben in der nun dunklen Brühe – es machte keinen Spaß mehr.“

Winterhochwasser bedeutete, dass die überfluteten Wiesen einfroren. „Dann hatten wir eine Eisbahn bis nach Altencelle“, erinnert sich Frida Frey, „noch heute spüre ich ein tiefes Gefühl der Freiheit, wenn die Erinnerung hervorgeholt wird. So habe ich Schlittschuhlaufen gelernt, im Winter auf Roseliebs Wiese. Sicher ragten an einigen Ecken die Halme und Samenstände der Riedgräser aus dem Eis, aber mit mehr Erfahrung im Laufen waren es keine Hindernisse.“

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 22.04.2016 um 19:09 Uhr
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